Das Altpapier am 9. November 2021 Politiker sind nicht dumm

Sollte man Ungeimpfte als Tyrannen bezeichnen? War die Politik nicht vorbereitet auf die aktuelle Pandemie-Entwicklung? War "Wetten, dass.." eine "zombiehafte Wiederaufführung" oder wurde dort eine Art Plan für die Zukunft des linearen Fernsehens formuliert? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 9. November 2021: Porträt Autor René Martens
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Apropos Tyrannen-Metapher

Die aktuelle Anne-Will-Sendung wirkt weiterhin nach. Das liegt an Frank Ulrich Montgomery, dem Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes, der dort Folgendes (zitiert gemäß Volksverpetzer) gesagt hat:

"Momentan erleben wir ja wirklich eine Tyrannei der Ungeimpften, die über 2/3 der Geimpften bestimmen, und uns diese ganzen Maßnahmen aufoktroyieren. Ich benutze bewusst den Begriff der Tyrannei, denn in Ländern die 97% geimpft sind, wie zum Beispiel Portugal, gibt es all diese einschränkenden Maßnahmen nicht mehr, weil man sie nicht mehr braucht."

Gerhard Matzig setzt sich in seinem Text zur Sendung heute auf der SZ-Medienseite ausführlich mit Montgomerys "bewusster" Wortwahl auseinander:

"Auf erschreckend verstörende Weise entspricht die Tyrannei einem anderen Begriff aus dem Arsenal politischer Machtausübung, der exakt in gleicher Weise fraglich ist. Es ist das Wort von der 'Corona-Diktatur', die schon lange Leute für sich in Anspruch nehmen, um ihren egozentrischen Widerstand gegen das Gemeinwohl und jede Form nachbarschaftlicher Verantwortung zu rechtfertigen. In dieser Rhetorik gehören Politiker, Virologinnen, Pfleger, Ärztinnen und Kassierer im Supermarkt, die seit zwei Jahren nichts anderes als die Maske und ein enormes Ansteckungsrisiko kennen und dazu ein bisschen Geklatsche, zu den Schergen eines Unrechtsregimes. Der kriminelle Widerstand dagegen kommt einer Sophie-Scholl-Zivilcourage gleich - bis man an einer Tankstelle einen Menschen erschießt, der auf die Pflicht zum Maskentragen hinweist."

Matzig schließt daraus:

"Angesichts der Erfahrung solcher gesellschaftlichen Zuspitzungen ist es kaum ratsam, den Erfindern der Corona-Diktatur mit gleicher Münze zu begegnen (…) Tyrannen herrschen mit Blut. Nero, Hitler, Stalin: Das sind Tyrannen in den zum Beispiel vom kanadischen Politologen Waller Newell definierten, ausdifferenzierten Tyrannis-Kategorien."

Waller Newell zu widersprechen, liegt mir fern. Denkt man das, was Matzig schreibt, konsequent weiter, bedeutete dies aber, dass man die Begriffe "Tyrannei" und "tyrannisch" grundsätzlich aus der Alltags-Metaphorik und dem journalistischen Zuspitzungs-Resevoir verbannen müsste. Worüber man grundsätzlich natürlich diskutieren kann. Aber davon mal abgesehen: Mit welcher rhetorischen "Münze" man den "Erfindern der Corona-Diktatur" auch immer begegnet - es hat keinen Einfluss auf deren Reden und Tun und ihren "kriminellen Widerstand".

Salomonisches Ergebnis

Am Montag haben wir hier bereits kurz die 64 Seiten starke Corona-Berichterstattungs-Studie "Einseitig, unkritisch, regierungsnah?" erwähnt, für die in der Zeit zwischen Januar 2020 und April 2021 die Beiträge von elf Leitmedien ausgewertet wurden. Diese Studie - und eine andere, wesentlich schmalere zu Covid-19-Sendungen von Illner, Will und Plasberg "im Zeitraum von Januar 2020 bis Juli 2021" - hat die Rudolf-Augstein-Stiftung, die sich an der Finanzierung beider Studien beteiligte, am Montag vorgestellt (siehe Tagesspiegel).

"Ein Ergebnis", so die Studienautoren Marcus Maurer, Carsten Reinemann und Simon Kruschinski, sei "sehr klar". Sie schreiben in Kapitel 6 (Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen)":

"Die untersuchten Nachrichtenmedien (waren) nicht völlig unkritisch insbesondere gegenüber den Regierungen in Bund und den Ländern waren. Denn Kritik war in den Medien sehr deutlich vorhanden, sowohl an den amtierenden Regierungen und ihren Repräsentanten als auch an den Corona- Maßnahmen. In dieser Hinsicht war die Berichterstattung folglich zugleich regierungsnah und regierungskritisch. Sie war regierungsnah, weil die Medien, ähnlich wie die Politik, überwiegend für harte Maßnahmen plädierten. Sie war zugleich aber auch regierungskritisch, weil den Medien diese Maßnahmen oft gar nicht hart genug erschienen oder zu spät kamen. Schon eher orientierten sich die Medien folglich an dem, was sie als wissenschaftlichen Konsens wahrnahmen. Dass sie dabei zunächst besonders auf einige Viro- loginnen und Virologen Bezug nahmen, die zu den weltweit angesehensten ihres Faches zählen, spricht zwar nicht für eine vielfältige Berichterstattung, erscheint, wenn es um hochspezialisierte Kompetenzfelder geht, aber durchaus rational. Allerdings hätte die Berichterstattung durchaus auch von dem ein oder anderen Experten in anderen hochspezialisierten Wissenschaftsdisziplinen profitieren können, um den medialen Blick auf die Pandemie um andere Perspektiven auf das Geschehen zu erweitern."

Naives Politikverständnis

Seit April, also dem Ende des Untersuchungszeitraums, hat sich in der Corona-Berichterstattung natürlich viel getan - was jetzt keine Kritik an der vorliegenden Studie ist; medienwissenschaftliche Studien brauchen halt Zeit und müssen und können nicht wochenaktuell sein. Was aus medienkritischer Sicht imho gerade frappant ist, ist ein naives Politikverständnis, das in der Berichterstattung über die vierte Welle zum Ausdruck kommt.

"Warum haben die Verantwortlichen in Bund und Ländern nach bald zwei Jahren Pandemie immer noch nicht gelernt, in Szenarien zu planen?" fragte gerade Christian Endt bei Zeit Online. Die Politiker hätten "die Entwicklung voraussehen und die notwendigen Maßnahmen längst vorplanen und einleiten können", heißt es in einem NDR-Info-Teaser für einen Gastkommentar des Spiegel-Redakteurs Markus Feldenkirchen). Und das Handelsblatt {€) konstatiert heute:

"Wieder eine mehr oder weniger überraschte Politik, so, als käme die herbstliche Infektionswelle aus dem Nichts."

Politiker und Politikerinnen implizit oder explizit zu unterstellen, sie wären auf die aktuelle Entwicklung nicht vorbereitet gewesen, halte ich angesichts all der Spezialisten, auf die sie in ihren Ministerien und Bundestagsbüros zurückgreifen können, für weltfremd. "Die herbstliche Infektionswelle" (Handelsblatt) kam "für die Politik" also nicht "aus dem Nichts", die Verantwortlichen haben sich vielmehr entschlossen, nicht auf ihre Verhinderung hinzuwirken, weil sie nach ihrer Szenarienplanung (um Zeit Online aufzugreifen) zu dem Schluss gekommen sind, dass das für sie so am vorteilhaftesten ist. Das kann und muss man analysieren und kritisieren - meine Aufgabe ist das nicht, ich bin Medienkritiker und kein Politikjournalist -, aber man sollte es unter den richtigen Prämissen tun.

The Return of the Living Dead

Weitere Betrachtungen der quotenerfolgreichen "Wetten, dass.. "-Wiederbelebung (Altpapier von Montag) sind erschienen. Dietrich Leder schreibt für die Medienkorrespondenz:

"ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler, der in einem strahlend blauen Anzug in der Nürnberger Messehalle in der ersten Reihe saß und mehrfach eingeblendet wurde, zeigte sich schon vor Ort vom ‚Wetten dass..?‘-Revival begeistert (…) Vielleicht wird sich Himmler – der im März 2022 beim ZDF von Thomas Bellut das Intendantenamt übernehmen wird (…) – sogar auch fragen, ob man in den Fernsehsendern das lineare Programm nicht zu vorschnell abgeschrieben hat."

Dass das lineare Fernsehen eine Zukunft hat - das leitet auch Claudia Tieschky in der SZ (€) aus der Sendung vom Samstag ab:

"‚Wetten, dass..?‘ an diesem Samstag wäre als Nostalgieparty eine extrem peinliche Angelegenheit gewesen. Das passierte nicht. Was passierte, war: exzellentes Showfernsehen - eine höchst aufwendige, aufgekratzte Sendung, die überhaupt nicht retro war, sondern die Gegenwart auf die Bühne, respektive aufs Sofa holte. Wenn man sich eine Familie vorstellt, die zusammen vor dem Fernseher sitzt, dann kommt bei Ausgleich aller Interessen und im Rahmen dessen, was im ZDF denkbar ist, wahrscheinlich die Gästemischung vom Samstagabend heraus."

Tieschkys Fazit:

"Die Rettung der Unterhaltungsshow heißt sicher nicht 'Wetten, dass..?'. Aber der Plan, den das Fernsehen braucht, könnte am Samstag formuliert worden sein: Crashen wir die Algorithmen. So ein Fernsehen wäre nicht nur ganz und gar zauberhaft. Es wäre unverzichtbar."

Ekkehard Knörer kommt in seinem "Notizen"-Blog für die Zeitschrift Cargo zunächst ausführlich auf die Geschichte der Sendung zu sprechen:

"Was man da sah und erlebte, und ich habe bestimmt neunzig Prozent aller Wetten-dass-Shows gesehen, war schon immer in kleinen Teilen charmant, in anderen Teilen zum Fremdschämen (heute sagen wir cringe) und in größeren Teilen einfach entsetzlich (…) So ging das durch die achtziger, durch die neunziger Jahre, blind, ja steinblind, sturzblind nicht nur für viele gesellschaftliche Realitäten, sondern erst recht für die eigenen Normativitäten, bis sich der Charakter der Veranstaltung durch ihr schieres Altern und Unverändertbleiben doch immer deutlicher offenbarte. Es kam dazu, was ingesamt dazukam: die sozialen Medien, in denen sich Gegenbilder zur Totalitätsfiktion der Mehrheitsgesellschaftsperformance zu formieren begannen. Für den Showmaster: das Risiko Shitstorm, weil die Scheiße, die er baut, nun thematisierbar wird, und zwar laut. Er kann das nur lesen als Spaltung, weil er, wie die Gesellschaft, aus der er stammt und kommt, konstitutiv unfähig war zur Wahrnehmung der eigenen brutalen Exklusionsmechanismen."

Knörers Fazit der Comeback-Sendung fällt daher gar nicht positiv aus, er konstatiert

"die zombiehafte Wiederaufführung als Verklärung einer im Wesentlichen schon immer furchtbaren Sache, die durch die Verklärung nur noch furchtbarer wird. Es war also sehr lehrreich, und in seiner Unbelehrbarkeit war es entsetzlich."

Interviews sind Journalismus, Gespräche sind Kunst

Ende der vergangenen Woche ist im Alter von 78 Jahren die Dokumentarfilmerin, Hochschullehrende und ehemalige DEFA-Dramaturgin Tamara Trampe gestorben. Die SZ schreibt heute in einem Nachruf:

"Tamara Trampe wollte die Menschen und ihre Gefühle verstehen, auch die von Tätern."

Als Beispiel nennt SZ-Autorin Martina Knoben dafür unter anderem den 2007 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm "Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien". Ralf Schenk erwähnt im Filmdienst auch "Projekte, an denen ihr Herz hing", die aber "auf der Strecke blieben, so ein großer, für die DEFA viel zu teurer Strindberg-Film von Ulrich Weiß". Und Matthias Dell schreibt einem Nachruf für Zeit Online:

"Tamara Trampe war eine Erzählerin, die in Geschichten gelebt hat. Sie hat die Menschen zum Reden gebracht, indem sie von sich sprach."

Wie sie Menschen zum Reden brachte - davon bekommt man einen Eindruck in einem Interview mit der Filmzeitschrift Cargo, das im März 2021 erschienen ist - kurz nachdem Trampe mit dem Ehrenpreis des Verbands der deutschen Filmkritik ausgezeichnet worden war - und das die Zeitschrift nun anlässlich ihres Todes online freigeschaltet hat. Mundgerecht für Studierende, die irgendwas mit Film oder Medien machen wollen, formuliert Trampe hier:

"Ich (habe) vielleicht eine einzige Begabung (…), die ist, dass ich Menschen öffnen kann. Weil ich keine Interviews führe, sondern Gespräche (…) Das eine ist Journalismus, das andere ist Kunst. Das darf man nicht durcheinanderbringen. Der Journalismus ist genauso wichtig wie die Kunst. Aber im Journalismus gibt es eine Frage, der man nachgeht. In der Kunst, nach dem Verständnis, das ich habe, ist man neugierig auf das, was auf einen zukommt. Ich habe nie in meinem Leben beim Drehen einen Zettel gehabt. Ich gehe vom Körper aus. Ich stelle eine Frage, und dann schaue ich, wie derjenige reagiert. Die Befragten wissen alle viel von mir, weil ich lange Kontakte habe. Sie wissen aber nicht, was ich von ihnen weiß."

Matthias Dell schließt seinen Nachruf folgendermaßen:

"Der deutsche Film verliert mit ihr eine seiner besonderen und prägenden Figuren, auch wenn er davon womöglich gar nichts weiß."


Altpapierkorb (Narrative, Nazi-Attacken auf Journalisten, Aleppo, "Gewissensprüfung")

+++ Sich über die häufige Verwendung des Begriffs "Narrativ" lustig zu machen, ist ja mittlerweile auch schon ein bisschen oll. Johannes Hillje bekommt - mit Blick auf die Berichterstattung der Gespräche der Ampelmenschen - bei Übermedien eine instruktive Begriffskritik hin: "In fast keinem Kommentar zur Regierungswerdung fehlt nunmehr der Begriff von der Erzählung. Wer etwas intellektueller klingen will, spricht vom Narrativ. Naturgemäß führt die inflationäre Verwendung eines Begriffs zu einer Verunschärfung seiner Bedeutung. Vor einiger Zeit erlitt das 'Framing' ein ähnliches Schicksal. Bei der Erzählung setzten die semantischen Dehnungsübungen natürlich auch schon viel früher ein. Im Wahlkampf hieß es, über Armin Laschet habe sich ein Narrativ etabliert, das ihn als tollpatschig und wankelmütig beschreibe. Gemeint war wohl eher ein Image. Am Tag nach der Wahl war im Handelsblatt zu lesen, die SPD habe das Narrativ von der 'Koalition der Gewinner' den vermessenen Machtansprüchen der Verlierer-CDU entgegengesetzt. Das ist nicht mehr als ein Spin (…) Kurzum: Erzählt wird vieles, narrativiert wird dabei selten."

+++ Nachdem am Samstag bei einer Demo in Leipzig Neonazis den Fotografen @pixel_roulette zu Boden gerammt und geschlagen hatten (Szenen kurz vor dem Angriff hier, Bilder der Attacke hier), griffen am Montagabend in Zwickau andere braune Schläger ein Team um den MDR-Kollegen Marcel Siepmann an.

+++ Auf Arte läuft heute Waad al-Kateabs Film "Für Sama", er basiert auf Material, das zwischen 2011 und 2016 in Aleppo entstanden ist, und der Titel bezieht sich auf die Tochter der syrischen Regisseurin. Den 2019 in Cannes als bester Dokumentarfilm ausgezeichnete Film empfiehlt Oliver Jungen in der FAZ sehr (Blendle-Link): "Zwischen die hautnahen Szenen – verwackelte Fluchten, blutende Opfer und Großaufnahmen von Sama – wurden Bilder von eigentümlicher, schrecklicher Schönheit montiert: Panoramen einer sterbenden Stadt im Bombennebel, die trotz allem eine antike Würde ausstrahlt. Waad hat sie zum Teil mit einer Drohne aufgenommen, die zwischen den Ruinen aufsteigt." Es sei ein "beeindruckender, bei allem Schrecken hoffnungsvoller Film", so Jungen weiter.

+++ Die Berliner Zeitung hat heute früh einen Text aus der Wochenendausgabe zugänglich gemacht, in dem der langjährige NDR-Mitarbeiter Stefan Buchen kritisiert, mehrere Führungskräfte des WDR hätten Nemi El-Hassan einer möglicherweise arbeitsrechtlich unzulässigen "Gewissensprüfung" unterzogen, "die am Ende weniger die Eignung Nemi El-Hassans als Moderatorin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sondern mehr die Kompetenzen der WDR-Verantwortlichen in Zweifel zieht": "In den Befragungen, so legen es die vorliegenden Gedächtnisprotokolle nahe, gingen sie (…) sehr weit (…) Ob die Geschichte von Flucht und Vertreibung der Großmutter in Palästina sowie die Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der Staatsgründung Israels ‚ein bestimmendes Thema bei Familienfeiern war und ist?‘, soll ein Programmbereichsleiter beispielsweise gefragt habe. (…) Warum sie bisher nur Beiträge über den Antisemitismus von rechts, aber keine über 'muslimischen Antisemitismus' gemacht habe, soll die Redakteurin gefragt haben. Sollte all dies stimmen, wäre das bemerkenswert. Die Ausgewogenheit, die von El-Hassan offenbar eingefordert wird, müssen andere ARD-Mitarbeiter nicht beweisen. In der ARD gibt es etwa Redakteure, die Hunderte Beiträge über die wichtige Arbeit der Polizei erstellt haben. Dass diese Redakteure je von Vorgesetzten gefragt worden wären, warum sie noch nie einen polizeikritischen Beitrag realisiert haben, ist mir nicht bekannt."

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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