Das Altpapier am 6. Dezember 2017 MEDIENKOMPETENZ, groß geschrieben

Applaus für und ein paar Fragen an den neuen Landesmedienanstalts-Direktor aus Rheinland-Pfalz. Ausländische Agenten in den USA, Russland und im Vergleich. Für eine Handvoll Dollar scheren sich amerikanische Konzerne keinen Cent um die Meinungsfreiheit in China. Frauen bei Facebook sagen: "Kein Kommentar". Sidos Sommermärchen. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teaserbild zur Medienkolumne "Das Altpapier" vom 6. Dezember 2017
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier ist wohlerzogen, daher beginnen wir mit einer Gratulation: Lieber Marc Jan Eumann: Herzlichen Glückwunsch! Alles Gute! Nur die besten Wünsche zum neuen Job als Direktor der Landesmedienanstalt in Rheinland-Pfalz (LMK) (Altpapier gestern)!

Damit sind wir nun Teil der illustren, durch Meedia bereits kompilierten Runde von Stefan Niggemeier über Jan Böhmermann bis Hajo Schumacher, die sich entschloss, sich an der folgenden Passage aus dem Interview aufzuhängen, das Isabelle Klein mit Eumann für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres geführt hat:

"Ich will Ihnen aber sagen, Frau Klein, ganz offen: Ich finde zum Stil gehört auch, dass Sie mir einfach mal gratulieren, dass ich diese Wahl gewonnen habe."

Dabei sind andere Antworten nicht weniger beachtenswert - etwa die auf die Frage, warum er selbst in NRW auf dem Landesmedienanstaltschefposten nur einen Volljuristen sehen wollte, nun selbst diese Qualifikation aber nicht mitbringt. Also rein formal zumindest, denn sprachlich erinnert folgendes Geschwurbel schon stark an eine Urteilsbegründung oder wie immer diese juristischen Wortaneinanderreihungsunfälle heißen:

"Die Landesgesetzgeber sind frei im Rahmen der rechtlichen Rahmenbedingungen, die sich ableiten von Paragraph 40 des Rundfunkstaatsvertrages, was den Aufgabenkatalog anbelangt, ihre Landesmedienanstalten zu gestalten."

Oder auch die auf die Frage nach seinem nahtlosen Übergang vom Staatssekretär in NRW (wo man die Website der Landesregierung mal aktualisieren sollte) zum Medienkontrolleur:

"Ja, selbstverständlich kann sich jeder freiwillig an Karenzzeiten halten, aber – glaub ich – die erste Voraussetzung wäre, dass sich jeder den gesetzlichen Rahmenbedingungen stellt, die in dem jeweiligen Land gelten."

Ja, selbstverständlich kann ich meine Frau schlagen oder mein Kind ehelichen. Muss ich halt nur in ein Land ziehen, das sowas erlaubt.

Die Lektüre des kompletten Interviews lohnt sich also, was nicht bedeutet, dass man, s. oben, nicht trotzdem noch ganz herzlich gratulieren kann. Außer bei Twitter gibt es die Möglichkeit auch über WhatsApp. Daniel Fiene sammelt Sprachnachrichten, um sie morgen bei Was mit Medien im Deutschlandfunk Nova abzuspielen (mehr dazu in seinem Blog).

Damit ist der Weg nun frei für den Blick auf Nebenschauplätze. Etwa, wie Eumann als einziger von der zu füllenden Vakanz erfuhr - dazu der spontane Mitbewerber Markus Kompa in seinem Blog:

"Interessant hieran ist, dass der Posten nie ausgeschrieben wurde, wie dies etwa in NRW Standard ist. Der zugelassene Kandidat, zufällig Herr Dr. Eumann, wurde später befragt, wie er zum richtigen Zeitpunkt auf die vakante Position aufmerksam gemacht worden und wie er in die Auswahl gekommen sei. So richtig präzise beantworte Eumann diese Frage nicht. Der NRW-Staatssekretär sei im Juni (nach der NRW-Wahl) in den Ruhestand gegangen und habe sich halt umgehört und sich dann bei der LMK beworben."

Darüber hinaus nicht ganz unwichtig: Warum so eine Landesmedienanstalts-Wahl überhaupt interessiert? Die Erklärung haben Jürn Kruse und Peter Weissenburger in der taz:

"Landesmedienanstalten stehen immer mal wieder als zahme Papiertiger in der Kritik, weil sie gerade die mächtigen Privatsender für Verfehlungen höchstens rügen, aber kaum je sanktionieren. Gleichzeitig gewinnen die LMA aber auch mit der Entwicklung neuer Onlinemedien an Bedeutung, da sie über den fairen Wettbewerb zwischen Anbietern wachen oder auch Strafen für nicht gekennzeichnetes Native Advertising auf Video­plattformen verhängen."

Damit bleibt nur noch zwei Fragen:

a) Was hat Eumann sich inhaltlich vorgenommen? (In den Worten von Claudia Tieschky heute auf der Medienseite der SZ:

"Der Streit um seine Wahl dürfte vor allem Eumann selbst schwächen, der zu den wenigen Politikern gehörte, die sich mit Medienpolitik wirklich auskennen. Mal sehen, wann er im Amt etwas bewegt, das beweist, dass er der richtige Mann ist.")

Eumann selbst erklärte bei @mediasres die Medienkompetenz zu seinem Schwerpunkt. Jemand, der so schön pissige Interviews im Deutschlandfunk gibt und so sympathische Tweets absetzt, ist da sicherlich der richtige Mann.

b) Wie schlimm schäumt derweil Michael Hanfeld?

Nicht übel, zeigt der Blick in die rechte Medienseitenspalte der FAZ (0,45 € bei Blendle), wo er das rheinische Grundgesetz zu zitieren und schöne Wortspiele wie

"Wenn er sagt, er sei davon überzeugt, aufgrund seiner Kompetenz vorgeschlagen worden zu sein, weniger wegen seiner politischen Positionierung, müsste er eigentlich rot werden"

zu machen weiß. Was er darüber vergisst, ist jedoch, zu gratulieren. Allerdings ist er nicht der einzige, der das versäumt.

Russland erklärt US-Medien zu ausländische Agenten

Vom etwas zu kuscheligen Landesmedienpostengeschacher in Deutschland raus in die große, weite Welt das kalten Krieges. Oder wonach klingt das für Sie, wenn die russische Politik internationalen Medien im Land auferlegt, ihre Finanzierung offenzulegen und alle Berichte mit dem Zusatz "ausländischer Agent" zu kennzeichnen?

Betroffen sind von dieser Regelung seit gestern neun US-amerikanische Medien, darunter Voice of America und Radio Free Europe/Radio Liberty, wie AFP meldet (u.a. beim Tagesspiegel) sowie, für alle des Russischen Mächtigen, auch das Justizministerium in Moskau im Original.

Bereits im November hatten die USA den Fernsehsender RT gezwungen, in ihrem Land Ähnliches zu tun. Doch die zugrunde liegende Gesetzeslage und die konkreten Folgen seien nicht vergleichbar, argumentiert zumindest Silvia Stöber für die Faktenfinder der "Tagesschau".

So müsse in den USA das Justizministerium beweisen, dass der Urheber "politische oder wirtschaftliche Vorteile durch die Beeinflussung amerikanischer Entscheidungsprozesse" anstrebe, während in Russland die Beweislast genau umgekehrt erfolge:

"Es gehe um Transparenz, erklärt Craig Holman von der Bürgerrechtsorganisation 'Public Citizen' in Washington. 'FARA (kurz für Foreign Agents Registration Act, Anm. AP) war und ist schlicht ein Offenlegungsgesetz.' Jede Person oder Organisation, die in den USA als 'ausländischer Agent' gekennzeichnet werde, könne auch weiterhin in den USA lobbyieren und die öffentliche Meinung beeinflussen."

In Russland hingegen komme die "Kennzeichnung als 'ausländischer Agent' (…) einer Stigmatisierung gleich. Denn dieser Begriff stand schon zu Sowjetzeiten für den Feind."

Die Reporter ohne Grenzen finden dennoch beide Seiten problematisch:

"Es ist äußerst bedauerlich, dass die USA diesen Schlagabtausch von wechselseitigen repressiven Maßnahmen gestartet haben. Es ist nicht die Aufgabe von Regierungen, darüber zu entscheiden, wo legitime Berichterstattung aufhört und wo Propaganda anfängt",

erklärt Vorstandssprecher Michael Rediske. Die dazugehörige Meldung schließt mit den Worten

"Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Russland auf Platz 148 von 180 Staaten, die USA stehen auf Platz 43".

Pressefreiheit versus Markterschließung im chinesischen Internet

Achtung, dies war eine Überleitung. Denn kurz vor Russland, auf Platz 176 der Liste, findet sich ein Land, das gestern hier als Ausrichtungsort einer Konferenz Erwähnung fand, die für "Harmonie und Ordnung" im Netz sorgen soll. Oder, wie man in China selbst wohl sagen würde: Für Zensur und die Wahrheit der KPCh.

Die aktuelle Lage beschreibt Tiara Haktin bei Zeit Online. Dazu gehören neben der Sperrung so ziemlich jeder ausländischen Website eine neue Regelung, die Administratoren nicht-öffentlicher Gruppenchats für deren Inhalte verantwortlich macht, was zu massiver Selbstzensur führt, sowie das zunehmende Vorgehen gegen Anbieter von VPN.

Doch außerhalb Chinas interessiert das kein Schwein. Zumindest keines, dass aus dem Markt noch ein paar Dollar ziehen möchte.

"Unternehmen wie Apple oder Facebook distanzieren sich nicht klar von der chinesischen Regierung. Im Gegenteil: CEOs wie Cook nehmen an der Konferenz in Wuzhen teil, oder lassen sich wie Mark Zuckerberg wiederholt und öffentlich über die Weisheit der chinesischen Regierung aus",

schreibt Haktin. ARD-China Korrespondent Steffen Wurzel formuliert es im Interview mit @mediasres wie folgt:

"Im Mittelpunkt der Konferenz stand entsprechend nicht die Pressefreiheit, sondern die Frage, wie man im Internet am besten Geld verdienen kann."

Somit wird in China vielleicht schon bald beantwortet, ob ein Internet noch interessiert, das nur aus Faultiervideos und Sockenshopping besteht.

Ja, sorry, die Stimmung war hier schon mal besser. Aber die Nachrichtenlage sucht man sich als Journalist ja nicht aus.

Altpapierkorb (mit schweigsamen Frauen, erfolgreichen Tweets und einem echten Desaster)

+++ Nach dem Mord an der Enthüllungsjournalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta sind nun drei Männer angeklagt (Spiegel Online).

+++ Journalisten, denen bei einem politischen Großereignis in Deutschland (Hallo, G20!) spontan die Akkreditierung entzogen wird, sollen sich laut Bundespresseamt nun darüber freuen, dass es ab kommendem Jahr immerhin einen festen Ansprechpartner vor Ort zum Beschweren darüber gibt, berichtet @mediasres.

+++ Einen Podcast über den kleinen Yussuv, der im syrischen Bürgerkrieg 29 Angehörige verloren hat, haben die Journalistenschüler der Axel-Springer-Akademie produziert. "Alyom" heißt er - also "der Tag". Gemeint ist der 4. April 2017, als Assad in Chan Scheichun auf das eigene Volk Giftgas abwerfen ließ. "Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Menschen vergast werden. ALYOM will hinhören statt wegschauen. Und zeigen, warum die barbarischen Verbrechen in Syrien uns alle etwas angehen", heißt es auf der Website.

+++ "Frauen kommentieren viel seltener unter Facebook-Posts von Medienhäusern. Das ist das Ergebnis einer ZAPP-Analyse von mehr als 700.000 Facebook-Kommentaren." (Quelle, Überraschung! Zapp.)

+++ Nur weil noch fast einen ganzen Monat 2017 ist, heißt das nicht, dass Twitter nicht schonmal die erfolgreichsten Tweets des Jahres verkünden kann. Aus internationaler Sicht hat der britische Guardian das Ergebnis dokumentiert bzw. eingebettet; deutschsprachige Aspekte ergänzt Der Standard aus Österreich.

+++ Auf wie viele Augen Youtube in Zukunft setzt, um extremistische oder gewaltverherrlichende Videos rasch von der Plattform zu bekommen, berichtet Julian Dörr in der SZ.

+++ Das Schweizer Crowdfunding-Magazin Republik startet am 18. Januar und setzt u.a. auf rotierende Jahreszeiten-Chefs (Prinzip: für jede ein anderer). Das verkündete die Redaktion selbst per Newsletter; zusammengefasst hat’s Meedia.

+++ Unser täglich Streamingdienstangebot heute: Netflix spendiert "House of Cards" eine finale sechste Staffel, allerdings ohne Kevin Spacey (Beispielmeldung: sueddeutsche.de), und bei Amazon Prime läuft im Herbst 2018 "Deutschland 1986", weshalb Sophie Krause für den Tagesspiegel schon mal mit den Autoren gesprochen hat.

+++ "Die merkwürdig willkürliche Einklinkerei ist das kleinste Problem des ,Desaster Magazin’.Es geht sogar so weit, dass ich es eigentlich kaum mehr kritisieren kann, wenn ich es beschrieben und zitiert habe, weil dann keine Fragen offen bleiben. Es ist zum Schreien." Michalis Pantelouris hatte mal wieder viel Spaß bei der Recherche für seine Übermedien-Kolumne.

+++ Bedarf, Sido als abgehängten, leicht bekifften Hellersdorfer zu sehen, der sich plötzlich mit a) neuer Freundin aus Serbien, b) deren ganzer Familie und c) einer drohenden Abschiebung auseinandersetzen muss? Dann können Sie heute Abend "Eine Braut kommt selten allein" im Ersten sehen. "Der ARD-Film ist nicht seine erste Schauspiel-Arbeit, wahrscheinlich aber seine bisher beste", meint Joachim Huber im Tagesspiegel. Auch Claudia Tieschky in der SZ ("Nach ein paar Minuten hat einen dieser RBB-Film (…) am Wickel, wegen seiner sehr coolen, nicht mal besonders ruckelfreien Direktheit") und Oliver Jungen in der FAZ (Blendle-Link) ("Es ist ernst und albern zugleich, düster und glücklich, kalt und warm, ein Sommermärchenende eben, so unverlogen, wie es nie war: Au revoir") sind recht begeistert.

+++ Und zum Schluss noch eine Frage, die ich mir mittlerweile seit dem 31. August stelle: Wofür hat Zeit Online eigentlich dieses Glashaus?

Das nächste Altpapier erscheint am Donnerstag.