Das Altpapier am 21. April 2022 Kriegsberichterstattungs-Krise

Die "strukturellen Probleme in der ARD" werden von ungenannten Mitarbeitenden deutlich benannt. Zur russischen Kriegsstrategie gehört, Journalisten zu verfolgen – aus- und inländische. Außerdem: "Verzweiflung" bei einem sympathischen Streamingdienst-Pionier? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Altpapier vom 21. April 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Christian Bartels
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Jagd auf Journalisten

Wenn die in Podcasts aufgekommene Gewohnheit, sensible Hörer vor "expliziter Gewaltdarstellung" zu warnen (obwohl die Gewalt dort gattungsgemäß ja gar nicht dargestellt werden kann, sondern bloß gesprochene Worte Bilder im Kopf entstehen lassen könnten), sich auch in textschriftlichen Artikeln durchsetzt, dann könnte der "FAZ"-Artikel "Mördergarde" solch eine Warnung verdienen. Was Michael Hanfeld da anhand des "New York Times"-Beitrag "Bucha’s month of terror" knapp beschreibt, sind krasse Schilderungen übelster Gewalt, wie man sie selten liest.

Unter anderem geht es um "die Jagd auf Journalisten" als Teil der russischen Strategie. Von "Hetzjagd auf kritische Journalisten" sprechen auch die Reporter ohne Grenzen. Sie meinen damit die polizeiliche, juristische und weitere Bedrängung der kritischen russischen Journalisten, die es weiterhin gibt. Davon zeugen viele Beispiele, oft mit Links zu russischen Webseiten, aus dem Kaukasus sowie Orten in Süd-, Ost- und Westsibirien:

"Zu den Opfern der neusten Verfolgungswelle gehört beispielsweise Listock, eine kleine Zeitung mit Sitz in Gorno-Altaysk in der westsibirischen Altai-Region, die gerade zu einer Geldstrafe von 300.000 Rubel (3.300 Euro) verurteilt wurde, weil sie in Artikeln die russische Armee 'diskreditiert' hatte. Ihre Redakteurin Olga Komarowa wurde zusätzlich zu einer Geldstrafe von 100.000 Rubel (1.100 Euro) verurteilt. Dies sind keine unbedeutenden Summen für eine kleine Publikation, und weitere Geldstrafen könnten folgen. Der Eigentümer von Listock, Sergej Michailow, wurde vergangene Woche in Altai inhaftiert... Ihm drohen nun bis zu 15 Jahre Gefängnis, weil er in seiner Zeitung 'falsche Informationen' über die russische Armee in der Ukraine veröffentlicht haben soll. Listock hat von Beginn an ununterbrochen über die großangelegte russische Invasion berichtet - unter anderem in einem Interview mit Wolodymyr Selenskyj, Antikriegskolumnen und Berichten über die Kriegsverbrechen von Butscha. Dabei hat die Zeitung wiederholt das Wort 'Krieg' verwendet ..."

Probleme der ARD-Kriegsberichterstattung

Zu den Phänomenen dieses Kriegs zählt: Im Prinzip berichten alle Seiten und Reporter aus so ziemlich allen Ländern von überall – auch wenn das russische Gesetz, das die Verwendung des Wortes "Krieg" mit 15 Jahren Gefängnis zu bestrafen droht, viele ausländische Journalisten planmäßig aus dem Land trieb –  und aus allen Medienkanälen. Aus der Ukraine kommen, was natürlich Teil des Verteidigungskrieges ist, jede Menge Bewegtbilder, über Plattformen wie über klassische Medien. Im Land sind Reporter aus vielen Ländern unterwegs. Ein wichtiges Medium, "ein großer Player", der sich zwar gerne und nicht zu Unrecht seiner vielen Korrespondenten rühmt, in der Ukraine aber nicht ungeheuer stark vertreten ist: unsere ARD.

"Weshalb die ARD im Krieg so schlecht aufgestellt ist", ist Thema eines ausführlichen Artikels (€) der Osteuropa-Reporterin Gemma Pörzgen bei uebermedien.de (dessen Gründer Stefan Niggemeier just eine erst recht ausführliche ... kann man sagen: Hommage? ... jedenfalls ein großes Stück über den "Bild"-Kriegsreporter Paul Ronzheimer veröffentlichte. Was bemerkenswert ist, da Niggemeier ja zu den allerlangjährigsten Kritikern der "Bild"-Medien gehört).

Die "strukturellen Probleme in der ARD" sind Pörzgen zufolge natürlich nicht Schuld ihrer gerade heftig kritisierten, dabei ja nun in die Ukraine gereisten Reporter wie Georg Restle: "'Sie bekommen die Prügel ab, die eigentlich der WDR oder die ARD verdient hätten', sagt eine Journalistin, die den Senderverbund gut kennt" und ungenannt bleiben wollte. Bekanntlich haben ARD-Anstalten die Zuständigkeit für die weltweite Berichterstattung unter sich verteilt. Sowohl für die Ukraine wie für Russland, nämlich "für den gesamten postsowjetischen Raum ... und damit auch für etliche Konfliktregionen", ist der WDR zuständig – auch wenn dort, wie es später heißt, entsprechende "Sprach- und Landeskenntnisse" nicht gerade vertieft wurden.

"Hört man sich im WDR um, klingen einige Kollegen verärgert. Die Auslandsberichterstattung werde seit Jahren zugunsten der Regionalberichterstattung vernachlässigt, sagen sie. Öffentlich reden möchte darüber niemand. 'Das ist ein echtes Minenfeld', sagt eine ehemalige WDR-Mitarbeiterin. ... Aktuell berichten drei TV-Korrespondenten für die ARD aus der Ukraine. 'Eigentlich müssten die da mit 40 Leuten rein', sagt ein erfahrener ARD-Krisenreporter, der auch nicht genannt werden möchte. Das sei ja ein großer Krieg in Europa, in der ARD fehle aber das Gespür dafür, internationale Krisen rechtzeitig zu erkennen und sie richtig einzuschätzen ..."

Dass sie nicht oft genug kritisiert wird, zählt eher nicht zu den Problemen der ARD. Doch so scharfe und großenteils von eigenen Mitarbeitenden geäußerte, liest man selten. Pörzgen nennt auch eine bei allen strukturellen Unterschieden vergleichbare Anstalt, die es besser macht: das ZDF mit seinem "Reporterpool für Kriegs- und Kriseneinsätze", dem etwa Katrin Eigendorf angehört, die "wie schon im vergangenen Jahr, bei der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan, ... auch in der Ukraine zum prominenten Gesicht der ZDF-Berichterstattung geworden" ist. Solch ein Gesicht fehle der eigentlich ja durchaus auf Gesichter fixierten ARD. Dabei hatte sie mit ihrer früheren  Moskau-Korrespondentin Golineh Atai eines gehabt. Atai allerdings ging, nachdem sie "auf eine Stelle in der nordrhein-westfälischen Regionalberichterstattung" versetzt wurde, lieber weg, zum ZDF.

Medienpolitisch am Rande: Ein Grund mehr, die Frage neu zu stellen, ob die öffentlich-rechtliche Binnenkonkurrenz von ARD und ZDF, die in der Theorie ja Vielfalt erhöhen soll, und beide Systeme zu noch besseren Höchstleistungen anspornen, sich in der täglichen Praxis (in der beide Senderfamilien mit ziemlich ähnlichen Inhalten günstigenfalls zeitversetzt gegeneinander ansenden) noch bewährt. Falls sie es denn je tat ...

Wer übrigens gerne ein wenig zur Behebung der ARD-Krise beitragen würde, steht im anderen erwähnten uebermedien.de-Beitrag. Paul Ronzheimer grämt sich offenbar, "dass CNN und Fox News mich mehrfach in ihre Sendungen eingeladen haben – anders als öffentlich-rechtliche TV-Sender aus Deutschland."

Wo der Westen nicht als Vorbild wirkt

Nebenwirkung des russischen Angriffs: Der Westen, bei dem es sich lange Jahre um eine in Sonntagsreden und bei Staatsbesuchen verwendete Phrase handelte, wird von außen wieder zusammengeschweißt.

Dass auch im Westen nicht alles zum Besten steht, muss gerade jetzt betont werden, schon weil Medienfreiheit zu seinen großen Vorzügen gehört. Wo also wichtige Akteure des Westens offenbar zusammenarbeiten: bei möglichst abschreckender Kriminalisierung von Berichten über Kriegsverbrechen. In London erfolgte ein weiterer Schritt zur Auslieferung des Australiers Julian Assanges in die USA. Wobei Assange ja im traditionsreichen Rechtsstaat Großbritannien seit Jahren unter unwürdigen, wiederholt als "Folter" bezeichneten Umständen in Haft gehalten wird und bereits das ganze, jahrelange Verfahren Abschreckungswirkung entfaltet. Die erwähnten Reporter ohne Grenzen informieren hier über den Stand und haben eine neue Petition gegen Assanges Auslieferung initiiert.

Wo ein wichtiges NATO-Mitglied auch gerade wieder Krieg führt: in Syrien.

"'Das türkische Militär scheint seine Angriffe auf Minderheiten in Syrien zu intensivieren. Denn wegen des Krieges in der Ukraine lässt die russische Armee den türkischen Präsidenten gewähren. Zugleich ist die NATO besonders auf die Türkei angewiesen', erklärt Kamal Sido, Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). 'Bundesregierung und NATO kritisieren die andauernden völkerrechtswidrigen Angriffe auf ethnische und religiöse Minderheiten in Syrien mit keinem Wort. Sie verspielen damit in der Region jede Glaubwürdigkeit,' kommentiert der Nahostexperte ... In den vergangenen zwei Jahren wurden hunderte Menschen durch türkische Drohnenangriffe gezielt getötet oder verletzt. Neben der kurdischen Bevölkerung seien auch christliche, ezidische, alevitische und andere Minderheiten betroffen ...",

berichtet "Telepolis". Das ist kein medienjournalistisches Thema. Was eines daraus  macht: der Hinweis, dass deutsche Nachrichtenmedien beim knappen Vermelden entsprechender Meldungen irgendwo unter ferner liefen gern reflexhaft "die Sprachregelung der türkischen Regierung ... ('Terroristen')" übernehmen. "Warum ist es bei einem Angreifer Propaganda und beim anderen Angreifer legitimer Sprachgebrauch?", fragte Kerem Schamberger in einem Twitter-Thread, in dem eine Agenturen-basierte zeit.de-Meldung als Beispiel dient. Die inzwischen wieder häufiger erhobene Forderung, präzise zu formulieren und offenzulegen, welche Informationen unabhängig überprüft werden konnten und welche nicht, muss für alle der keineswegs wenigen Kriege und Konflikte gelten.

Netflix im Fahrstuhl nach unten?

"Immerhin hat sich inzwischen bei deutschen Medien weitgehend herumgesprochen, dass man ... nicht auch noch kostenlos PR machen sollte" für Elon Musk und Tesla, schrieb Annika Schneider gestern hier.

Setzt sich parallel auch die Erkenntnis durch, dass pausenloses Berichten über all die tollen neuen Serien auf Netflix, und über Pläne für neuere, noch tollere, von einem Unternehmen, das sogar ums Zeit- (und Geld-) Budget derselben Kunden rivalisiert, ebenfalls zur PR-Maximierung genutzt wurde? Auf einmal hagelt es negative Schlagzeilen. "Vor der letzten Verzweiflungstat: Netflix laufen die Kunden davon" heißt der Artikel der "Berliner Zeitung", in dessen Vorspann dann auch noch die Reizwörter "Panik" und "Tabubruch" auftauchen. Von "Verzweiflungstaten" ist auch im Kommentar im "FAZ"-Wirtschaftsressort die Rede.

Anlass sind – immer ein beliebter Berichterstattungsanlass – heftige Ausschläge des Aktienkurses sowie zwei neue Profitsteigerungs-Ansätze, die die bei wahren Fans allerdings auf Verständnis treffen. Dass Netflix nun erstens doch "ein günstigeres Abo-Modell ..., das im Gegenzug teils durch Werbespots finanziert werden wird" anbieten möchte, erläutert etwa dwdl.de. Und dass Netflix die rund "100 Millionen Trittbrettguckerinnen und Trittbrettgucker", die bislang angeblich mit Zugangsdaten von Freunden oder Verwandten all die tollen Serien schauen, zur Kasse bitten will, kann zeit.de verstehen und findet sogar wieder einen Grund für Lob ("...das erste Mal, dass Netflix konkret benennt, wie viele Menschen den Dienst nutzen könnten, ohne ein eigenes Konto angelegt zu haben.") Von "Netflix-Schmarotzern" spricht übrigens die "FAZ", von "Mitschauern" spiegel.de, das Vor- und Nachteile der angekündigten Netflix-Pläne abwägt.

Da lohnt nochmals ein Blick in den verlinkten "Berliner"-Beitrag, der einen nüchterneren Blickwinkel einnimmt:

"Was darüber möglicherweise aus dem Blickfeld gerät: Der Konzern hat gar keine Verluste geschrieben, sondern in diesem Jahr bereits Gewinne von 1,6 Milliarden Dollar zu verbuchen. Doch was den allmächtigen Anleger stört, ist der Vergleich zum ersten Vorjahresquartal, da waren es nämlich 1,7 Milliarden Dollar. Und nicht besser wird die Aussicht fürs laufende Quartal, für das Netflix mit dem Abgang von rund zwei Millionen Kunden rechnet. Gibt es Grenzen des Wachstums? Vielleicht schrumpft sich der Streaming-Markt gerade etwas zurecht."

Auch wenn die Konkurrenz durch immer mehr Streamingdienste sowie durch klar an Netflix orientierten Mediatheken gegen diese Annahme spricht: Für die Umwelt und den Energieverbrauch (der ja auch dazu beiträgt, Deutschland vom Aggressor im Krieg in der Ukraine abhängig zu machen) wäre weniger Streaming – ganz besonders von Videos – eine gute Nachricht.

Altpapierkorb ("taz"-Ausfall, Islamisten-Bühne, Inseratenkorruption,  Bürokratiewahnsinn, Rest-Strahlkraft ...)

+++ Was wäre das für eine hübsche Medien-Geschichte gewesen, in normalen Zeiten, wie es sie ... vor Corona oder wann noch mal? gab! Also über den Stromausfall, der am Mittwoch das Erscheinen der "taz" verhinderte (z.B. "SZ"). In der "Berliner" erinnert sich Harry Nutt "an die Dämmerung eines Nachmittags in den späten 1990er-Jahren", als schon mal der Strom ausfiel. Heute enthält die "vortageszeitung" gedruckt acht zusätzliche Sonderseiten. +++

+++ "Eine 1a-Cinderella-Story: vor dem Krieg geflohen, im Flüchtlingsheim aufgewachsen, zu erfolgreichen Sportlern und Laufstegmodels aufgestiegen. Alle Medien schrieben die Story der Dulatov-Brüder auf – und gaben damit Antisemiten und Islamisten unkritisch eine Bühne": Da kritisiert Jan Karon in einem Twitter-Thread "die BBC, BILD, SPIEGEL, Manager Magazin, die Deutsche Welle, Rheinische Post". +++

+++ "Österreich hat ein dauerhaftes, umfangreich verästeltes und toxisches Inseratekorruptionsproblem", schreibt der Salzburger Medienwissenschafter Josef Trappel zum bevorstehenden Zehnjährigen des misslungenen Medientransparenzgesetzes im "Standard". +++

+++ Die beiden derzeit endgültige Form annehmenden Internetgesetze der EU – Digital Markets Act und Digital Services Act – "wollen auch das Richtige", werden aber zu "Bürokratiewahnsinn" führen, wenn sie nicht nochmal weiter verändert werden, schreibt Michael Hanfeld heute in der "FAZ". +++

+++ Die auch über fortgesetzte, russland-artige Journalistenverfolgung im gerade ziemlich aus dem Fokus geratenen China berichtet. +++

+++ "Die Zeitschriftenmarken mit einer gewissen Rest-Strahlkraft werden zu TV-Formaten gemacht oder für Content-Marketing eingespannt", beschreibt Stefan Winterbauer RTLs Umgang mit seiner neuen Tochterfirma Gruner+Jahr (meedia.de).

+++ In Steffen Grimbergs vergangene Woche erschienenem "taz"-Nachruf auf den verstorbenen Medienjournalisten Rainer Braun, ist nun auch ein echtes Foto enthalten, das zeigt, warum Braun "ob seiner Bart- und Haartracht von manchen liebevoll 'Medien-Yeti'" genannt wurde.

+++ Und bevor Sie es vergessen: Am morgigen Freitag präsentieren die Initiative Nachrichtenaufklärung (derblindefleck.de) und der Deutschlandfunk wieder "Die Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2022". +++

Neues Altpapier erscheint ebenfalls wieder am Freitag.

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