Das Altpapier am 22. April 2022 Was nun, Herr Naidoo?

Xavier Naidoo hat sich in einem drei Minuten langen Video entschuldigt. Wie geht es jetzt weiter? Der frühere ZDF-Fernsehfilmchef Hans Janke ist gestorben. Und: Tim Wolff stört, dass John Oliver keine Probleme löst. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Altpapier vom 22. April 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Ralf Heimann
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Die nächsten Mythen wuchern schon

Der Sänger Xavier Naidoo hat in dieser Woche ein drei Minuten langes Video veröffentlicht (Altpapier), in dem er sich von Verschwörungserzählungen, Extremismus, Antisemitismus und anderem Unsinn distanziert, für den er bislang in der Öffentlichkeit bekannt war. Nun stellen sich vor allem zwei Fragen: Wie glaubwürdig ist das? Und reicht so ein Video für eine Rehabilitation aus?

Wulff Rohwedder hat sich für den ARD-Faktenfinder die Mühe gemacht, zu schauen, was bei Naidoo in den vergangenen Jahren so alles schief gelaufen ist. Und das ist eine Menge. Es fängt an vor über 20 Jahren, als er in einem Musik-Express-Interview sagte, er sein ein "Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe". Später kam Reichsbürger-Geschwurbel dazu ("ist Deutschland kein echtes Land"). Für Deutschland beim European Song Contest angetreten wäre er trotzdem, wenn der NDR das nicht noch rechtzeitig verhindert hätte. Das Bundsverfassungsgericht stellte fest: Man durfte Naidoo einen Antisemiten nennen. Und vor zwei Jahren brachen dann auch die letzten Dämme. Holocaust-Leugnung, Pandemie-Geschwurbel, Naidoo war immer mit dabei. Das alles lässt sich also schwer mit vorübergehenden Aussetzern rechtfertigen.

Arno Frank hält es durchaus für möglich, dass Naidoo jetzt wieder Unsinn verbreitet. In einer Analyse für den "Spiegel" schreibt er, Naidoo wirke, "als habe er eine erfolgreiche Therapie hinter sich", fragt sich aber, warum der Sänger sich nur "zum Teil" von seinen Irrwegen distanziert. "Welcher Teil ihm weiterhin einleuchtend erscheint, das wüsste man nun gern genauer", schreibt Frank.

Das ist auch eine der offenen Fragen, die Josef Holnburger sieht, der sich als Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) in der Verschwörungsszene auskennt. Naidoos Begründung sei "in vielen Teilen vage gehalten", sagt er im Interview mit Stefan Fries für das Deutschlandunk-Medienmagazin "@mediasres".

Holnburger:

"Naidoo sagt zum Beispiel, dass er sich 'in Teilen' von diesen Gruppierungen distanziert, und erwähnt nicht, welche das wären. Er sagt auch, dass er sich von einer Sichtweise distanzieren würde und betont dann nicht, welche Sichtweise das wäre."

Erwartungsgemäß hat auch die Verschwörungsszene schon eigene Deutungen gefunden. Einige meinen entdeckt zu haben, "dass Naidoo vielleicht zu dem Statement gezwungen worden wäre", sagt Holnburger. Kaum eist sich einer von einer Verschwörung los, wuchern hier also die nächsten Mythen. Sie tragen sich weiter und verstärken sich. Das kennt man alles schon. Holnburger: "Eine Verschwörungsideologie ist ein geschlossenes Weltbild."

Diese Wendung hätte sich auch durch eine ausführlichere Erklärung Naidoos nicht vermeiden lassen. Aber Holnburger denkt schon, der Sänger hätte verhindern können, dass viele offene Fragen nun durch Mutmaßungen und Deutungen beantwortet werden.

"Man kann in diese Aussagen von Xavier Naidoo einiges hineininterpretieren, eben weil er so vage geblieben ist. Deswegen reichen diese dreieinhalb Minuten, die er abgeliefert hat, auch nicht."

Zurück aus dem Kaninchenloch

Samira El Ouassil hat für Übermedien mit Holger Klein im Podcast "Holger ruft an" über den Fall gesprochen (bitte den Anfang hören, ganz wunderbar). Sie sieht eine "allgemeine Abkehr von einem Weg, den" Naidoo"beschritten hat". Die Abkehr sei allerdings etwas vage. Und die Frage sei nicht,

"ob ich ihm das glaube, sondern was er jetzt weiterhin tun wird, um zu belegen, dass es ihm ernst ist mit seiner Läuterung, dass ihm seine Buße am Herzen liegt und dass sein sozusagen öffentlicher Canossa Gang auch wirklich ein Wahrhaftiger ist".

Es gebe viele Menschen, die sich erst entschuldigt, aber dann eine Kehrtwende gemacht haben. Später im Interview fragt Klein: "Wie kann man denn eigentlich vermeiden, dass man ihm wieder auf den Leim geht?" El Ouassil antwortet: "Das kann man nicht."

In dem Gespräch geht es um einige weitere interessante Punkte, zum Beispiel um die Frage der medialen Wirkung und Wirksamkeit von Naidoos Canossa-Gang. Wie geht die Gesellschaft mit jemandem um, der Fehler eingesteht? Und was können andere daraus lernen? El Ouassil:

"Oftmals sind Menschen in diesem Rabbit Hole, weil sie irgendwann auch das Gefühl haben, dass der Rückweg für sie verschlossen ist, weil sie jetzt zu tief drin sind in diesem Kaninchenbau. Man nennt das in der Wirtschaft Sunk Costs."

Sunk Costs beschreiben scheinbare Entscheidungsfaktoren, die für die Entscheidung gefühlt eine Rolle spielen (man hat ja schon so viel investiert), faktisch aber nicht. Ein sozialwissenschaftliches Konzept, das ein ähnliches Phänomen beschreibt, ist das der Pfadabhängigkeit. Die Abkehr wird mit der Zeit immer schwerer, Abhängigkeiten verhindern, dass man einen falschen Pfad verlässt.

In diesem Fall wird ein alternativer Pfad überhaupt erstmal sichtbar, und so

"dann haben wir die Möglichkeit, Menschen, die unentschlossen sind, verunsichert sind und das Ganze noch ein bisschen verhandeln und mit sich hadern, zurück in die Mehrheitsgesellschaft zu holen".

Wobei man vielleicht sicherheitshalber ein Wort wie "Plural" hinzufügen sollte, um nicht jene zu triggern, die unterstellen, es gehe darum, die Leute schnell wieder auf eine Linie zu bringen.

Medien haben dabei das Problem, dass sie durch die Beschäftigung mit dem Thema einen Menschen mit Aufmerksamkeit belohnen, der mithilfe dieser Aufmerksamkeit in der Vergangenheit viel Schaden angerichtet hat. Wie löst man das?

El Ouassil:

"Medien und Gesellschaft müssen den Spagat hinkriegen, in der Wirkung ihrer Abbildung und in ihrer Auseinandersetzung nicht den Fehler zu machen, ihm Aufmerksamkeit oder ihn mit Aufmerksamkeit zu adeln und ihn mit Aufmerksamkeit zu honorieren für die begangenen Fehler, sondern für das Eingestehen dieser begangenen Fehler."

Gelingt dieser Spagat, sieht Samira El Ouassil in dieser Ausstiegsgeschichte die Chance, etwas zu lernen und vielleicht in anderen Fällen gleich zu verhindern, dass etwas in dieser Weise passiert. Die unglückliche Voraussetzung dafür ist, man muss diesen Prozess öffentlich begleiten. Aber ist das nicht eigentlich Privatsache?

In diesem Fall hat auch die Radikalisierung weitgehend öffentlich stattgefunden. Und dann

"muss auch diese Entradikalisierung etwas sein, an der er die Gesellschaft teilhaben lässt, um die Glaubhaftigkeit seiner Entschuldigung nicht nur vermitteln zu können, sondern belegen zu können, performativ belegen zu können".

Samira El Ouassil sieht daher nicht nur "das Recht, sondern es gibt eine Notwendigkeit, das transparent und publik zu machen".

Investigatives und Satire

And now for something completely different. Der frühere Titanic-Chefredakteur Tim Wolff hat mit Lars Weisbrod und Martin Eimermacher für die "Zeit" über investigativen Journalismus und Satire gesprochen, und dabei geht es unter anderem um ein ganz interessantes Problem von Humor, das mit der Größe des Publikums immer größer wird. Humor setzt ein bestimmtes Maß an kongruenter Information und Wissen voraus, sonst funktioniert der Witz nicht. Und wie das enden kann, das sieht man täglich bei Twitter.

Tim Wolff hat ein Buch geschrieben – daher überhaupt das Interview –, das sich mit einem allgegenwärtigen Thema beschäftigt, dem Scheitern der Spezies Menschen, im Speziellen in Deutschland. Und dazu gehört auch die Frage, ob man es auch als Scheitern des Journalismus verstehen kann oder muss, wenn Satire-Formate die Aufklärung übernehmen und damit eine der Aufgaben des investigativen Journalismus. Wolff ist politischer Autor bei Böhmermanns "ZDF Magazin Royale", das sich sehr an dem orientiert, was John Oliver in den USA macht. Allerdings sieht Wolff hier vor allem die Grenzen dessen, was überhaupt erreicht wird.

"Was mich zum Beispiel an der Arbeit von Oliver stört: Er löst in seiner Sendung Woche für Woche konstruktiv Probleme. Und trotzdem sind alle Probleme immer noch da, seltsam. Und nie wird so ein Problem mal in den Gesamtzusammenhang eingeordnet."

So ist es auch bei Böhmermann. Nur ein Beispiel: Vor drei Jahren lief ein Beitrag über Homöopathie, der ganz eindrücklich zeigt, warum dieses Form der Scharlatanerie schlicht Mumpitz ist. Die Krankenkassen bezahlen das Zeug trotzdem immer noch. Man könnte die Liste hier meterlang fortsetzen. Aber das alles hat vielleicht auch mit dem Label zu tun, unter dem diese Formate laufen: Unterhaltung. Möglicherweise schafft eine Böhmermann-Recherche es auch deshalb nicht so leicht in seriöse Nachrichtenformate.

Möglicherweise spielt auch hier wieder der Faktor Humor eine Rolle, der den Adressatenkreis enorm einschränkt, dafür aber die Wirkung um so unberechenbarer macht. An anderer Stelle sagt Wolff:

"Charlie Hebdo hat Witze für 60.000 Franzosen gemacht, die diesen Humor schätzen, aber nur sehr bedingt für eine weltweite Öffentlichkeit."

Und ein paar Sätze später: "Kein Witz ist gut genug, um unbeschadet über all diese Grenzen zu gelangen."

Vielleicht beeinflusst das Label Unterhaltung die Erwartung auch generell in eine Richtung, die an etwas wie Galgenhumor erinnert. Menschen lachen über die Katastrophe, allerdings in der gefühlten Gewissheit, nichts ändern zu können. Führt diese Gewissheit vielleicht dazu, dass der Journalismus am Ende zu einer Pose verkümmert?

Wolff:

"Nun ja, Fernsehen ist stets Inszenierung. Und ein gewisser Stolz auf gute journalistische Arbeit verspürt man hier bei der ZEIT auch gelegentlich, vermute ich. Aber wer weiß, vielleicht verschwindet diese Form der Satire ja demnächst wieder. Die Geschichte der Komik geht zwischen Dominanz von Nonsens und aufklärerischer Satire hin und her. Unser Schutzheiliger Kurt Tucholsky stellte Satire als etwas dar, das sich selber abschaffen will – das uns so sehr aufklärt, dass alles toll wird und wir nie wieder lachen müssen."

Im Anschluss zitiert Wolff einen amerikanischen Kollegen mit dem Satz: "Die beste Satire gab es in den Zwanzigerjahren in Deutschland. Und was war das Ergebnis?"

Fiktion als Verantwortung

Nils Minkmar hat auf der SZ-Medienseite einen liebevollen Text zum Tod des "Journalisten, Fernsehfilm-Ermöglichers und Spaziergängers" Hans Janke geschrieben, den man mit der Bezeichnung Nachruf schon fast zu günstig verkaufen würden. Janke war Direktor des Adolf-Grimme-Instituts in Marl und später ZDF-Fernsehfilmschef. Er ist unter anderem der Erfinder des Formats "Fernsehfilm der Woche". Minkmar schreibt:

"Janke entsprach einem heute etwas aus der Mode gekommenen Ideal, dem des Humanisten. Er war ein Mann der klaren Haltung und des sicheren Urteiles, aber die Neugier, mehr zu erfahren, die Mannigfaltigkeit der Welt und ihrer Bewohner zu entdecken und wertzuschätzen, das machte ihn auch aus. Besonders auffällig war seine Fähigkeit, Personen, die er eben erst kennenlernte, einzuschätzen und für sich einzunehmen. Seine Theorie über die Magie der Kommunikation offenbarte er schon vor zwanzig Jahren in einem langen Interview in dieser Zeitung. Im Gegensatz zu Jürgen Habermas, der Sprache und Verständigung als Mittel zur Wahrheitsfindung begreift, drehte Janke die Sache um und sagte: ‚Man redet, weil man sich versteht, und nicht, damit man sich versteht.’"

Joachim Huber widmet Janke für den Tagesspiegel ebenfalls einen Nachruf. Er schreibt.

"Wenige Namen können genannt werden, wenn es um die herausfordernde Verbindung von Qualität und Originalität des fiktionalen Fernsehens geht. Einer dieser Namen ist Hans Janke. Er hat in den Jahren, als er Fernsehfilmchef des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz war, das Programm des Senders geprägt, seien es Serien, Reihen, Event-Mehrteiler oder Kino-Koproduktionen gewesen. Er hat das Paradox aus Unterhaltung und Anspruch miteinander versöhnt, er hat das breite Publikum nicht aus den Augen verloren, wenn es galt, gesellschaftliche Themen für das Primetime-Fernsehen fruchtbar zu machen. Fiktion hieß für ihn Verantwortung in Bild und Ton, Popularität musste sich auf Qualität reimen, anders war für ihn Fernsehen, das sich und den Zuschauer ernst nahm, nicht zu haben."


Altpapierkorb (E-Sports, Corona-Proteste, Facebook-Algorithmen, Prominenten-Stalking, Fernsehduell in Frankreich)

+++ Aaron Moser und Vincent Brügel beschäftigen sich für das NDR-Medienmagazin "Zapp" in einem 20 Minuten langen Film mit der E-Sports-Szene, die in einer deutschen Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielt, aber in anderen Ländern ein Massenphänomen ist. Einer der Gründe für die Berührungsängste ist die Rolle der Spielehersteller, die sehr viel mehr Kontrolle haben und ausüben als etwa Sportartikelhersteller im Fußball.

+++ Es gibt kaum noch Corona-Regeln, auch keine Impflicht. Doch die Bewegung, die gegen all das demonstriert hat, bleibt. Und sie ist international vernetzt. Stefan Fries hat darüber für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres" mit Uschi Jonas vom Recherchenetzwerk Correctiv darüber gesprochen, warum das weiter von Bedeutung ist. Sie sagt unter anderem, inzwischen beobachte man, dass diese Gruppen dazu übergangen sind, Desinformation im Zusammenhang mit der Ukraine zu verbreiten.

+++ Marco Bastos schreibt für medienpolitik.net darüber, wie sich die Facebook-Alogorithmen der russischen Propaganda anpassen:"Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass Facebook-Feed eine große Auswirkung auf Nachrichteninhalte hat, genau auf die Gruppe von Inhalten, die dazu beitragen können, die Kluft zwischen Propaganda und tatsächlicher Realität zu überbrücken. Tageschehen und Politik sind eher von algorithmischen Änderungen betroffen als Nachrichten rund um Lifestyle, Sport und Kunst. Die asymmetrische Macht, die soziale Plattformen in den letzten zehn Jahren auf Nachrichtenorganisationen ausgeübt haben, ist eine weitere Kraft, die die Integrität des Informationsökosystems beeinträchtigt, insbesondere im Hinblick darauf, wie vertrauenswürdige Informationen und Nachrichten online abgerufen und konsumiert werden. Leider wird sich diese Kluft im Kontext eines Zermürbungskrieges, wie wir ihn gegenwärtig in der Ukraine erleben, wahrscheinlich weiter verschärfen."

+++ Große Verlage wie Burda und Bauer finanzieren, dass Prominente wie Helene Fischer gestalkt werden. Boris Rosenkranz schreibt drüber für Übermedien (€).

+++ Emmanuel Macron hat im Fernsehduell mit Marine Le Pen darauf verzichtet, sie als Rechtsextreme zu bezeichnen. Thomas Kirchner schreibt in einem Kommentar für die SZ: "So trägt er bei zu der Normalisierung, um die sich Le Pen seit Langem bemüht."

+++ "Der eitle, laute, fiese Moderator" Cyril Hanouna ist eine der mächtigsten Stimmen in der französischen Medienlandschaft. Nils Minkmar schreibt über ihn bei Übermedien (€):"Trotz seiner immensen Eitelkeit, seinen Ressentiments und zahlreichen Marotten erweist sich Hanouna in seinen Formaten als humanistischer und republikanischer als die antiseptischen, ewig langen und kreuzlangweiligen staatlichen Politformate. Es würde umgekehrt auch den französischen Parteien, dem Parlament und der Regierung ganz gut tun, jene Diversität zu imitieren, die so viele Menschen in Frankreich an den Formaten von Hanouna schätzen."

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Neues Altpapier gibt es am Montag.

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