Das Altpapier am 23. Juni 2022 Urviech statt Staatsmann

Warum Äußerungen Markus Söders in einem Interview mit dem Deutschlandfunk "hochgefährlich" sind. Warum wir uns beim Thema "Wokeness" in einer "seltsamen semantischen Situation" befinden. Warum eine Zusammenarbeit zwischen dem Auswärtigen Amt und einer FAZ-Tochter problematisch sein könnte. Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 23. Juni 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Ein sehr lehrreiches Interview

Interviews mit Politikerinnen und Politikern sind für das Publikum in der Regel freudlose Angelegenheiten, inhaltliche Erkenntnisgewinne sind selten, bei den Öffentlichen-Rechtlichen in Deutschland jedenfalls. In den besseren Fällen geben sie aber zumindest Aufschluss über den Politik- und Kommunikationsstil der oder des Interviewten.

Das gilt jedenfalls für ein Interview, das am Mittwochmorgen Christoph Heinemann für den Deutschlandfunk mit dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder geführt hat. Es geht um dessen Forderung, die Laufzeit der drei in der Bundesrepublik noch in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke zu verlängern.

"Man hat über Söders Politik- und Kommunikationsstil eine ganze Menge gelernt",

sagte jedenfalls später am Tag die Journalismus-Trainerin und Psycholinguistin Ulrike Schnellbach im DLF-Medienmagazin @mediasres.

Der erste Satz, den Söder sagt, lautet "Das ist die falsche Frage", und damit ist gewissermaßen der Ton gesetzt. Heinemann konfrontiert Söder mehrmals mit Fakten, die dessen Position widersprechen, und der Politiker geht dann zum Gegenangriff über, statt inhaltlich halbwegs fundiert zu antworten.

Der, sagen wir mal: unterhaltsamste Part ist im Nachhinein vielleicht der, in dem Söder versucht, den Interviewer mit der höhnischen Bemerkung, dieser nutze eine veraltete Quelle, schlecht aussehen zu lassen. Heinemann hatte einen Zeit-Online-Beitrag von März 2022 angeführt, in dem RWE-Chef Markus Krebber die Laufzeitverlängerung als unrealistisch bezeichnet hatte. Dies hat er aber in den letzten Tagen bei den hiesigen TV-Nachrichtensendern im Prinzip genauso gesagt. Das geht aus den Drukos aus einem Thread von Anne Rabe zu dem Interview hervor.

Auch nicht schlecht: Söder spricht, an Heinemann gerichtet, von einer "rein ideologisch geprägten Debatte, das höre ich auch ein bisschen bei Ihnen raus". Als ob es ideologiefreie Debatten jemals gegeben hätte.

Schnellbach beschäftigt sich in ihrer Analyse unter anderem mit folgender Passage:

"Sie scheinen mir wirklich sehr beseelt zu sein von der Philosophie, dass wir Kernkraft, unter allen Umständen verhindern wollen."

Das sagt Söder in einem pseudo-amüsierten und herablassenden Tonfall. Er finde es "schade", dass ihm, Heinemann, diese "Offenheit" fehle. Dieser wiederum kontert an dieser Stelle mit: "Dankeschön immer wieder für den persönlichen Bezug, besonders wichtig."

Dass Söder Heinemann hier "als parteilich erklärt", sei "hochgefährlich" bzw. "Wasser auf die Mühlen" jener, "die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gerne diskreditieren, am liebsten ganz abschaffen wollen". Er stütze damit "Positionen der extremen Rechten". Wobei nicht zuletzt der eben schon erwähnte pseudo-amüsierte und herablassende Tonfall an die Art erinnert, wie weiter rechts als Söder stehende Personen in Interviews gegenüber öffentlich-rechtlichen Journalisten auftreten.

Hinzu kommt ja noch, dass Söder hier einen Vorschlag präsentiert, dessen Umsetzung komplett unrealistisch ist, er also eine reine Troll-Position einnimmt, die nur einer destruktiven Diskursstörung dient. Auch darin ähnelt er den Leuten, die im politischen Spektrum weiter rechts stehen als er.

Zusammenfassen lässt sich die Erkenntnis des Interviews vielleicht so: Als Söder Kanzlerkanditaturkandidat der Union war, hat er sich gelegentlich staatsmännisch inszeniert, jetzt gibt er wieder das christsoziale Urviech. Vielleicht muss man es Söder schon hoch anrechnen, dass er Heinemann nicht als "woke" bezeichnet hat.

Zur Historie eines Kampfbegriffs

Dass "die komplette Entleerung" des Begriffs "woke" nunmehr "wohl endgültig erreicht" ist, weil ein Geschäftsmann aus dem norddeutschen Raum "eine 'woke Szene' dafür verantwortlich macht, dass er strafrechtlich wegen Maskenbetrugs verfolgt wird" - das nimmt wiederum Samira El Ouassil in ihrer Übermedien-Kolumne (€) zum Anlass, in die Historie des Begriffs einzusteigen: "Eine der frühesten dokumentierten Verwendungen des Wortes 'woke' im modernen Sinne eines sozialen oder politischen Bewusstseins", finde man bei dem Bluesmusiker Leadbelly - und, um bei der Musik zu bleiben, viele Jahrzehnte später dann beispielsweise in einem Song der Soul-Künstlerin Erykah Badu. El Ouassil schreibt:

"Gemeinhin wurde 'woke' (…) zum Ausdruck eines sozialen Bewusstseins, das Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten erkennt bzw. erkannt hat (…) Dementsprechend wurde es im Zusammenhang mit Aktivismus und Gerechtigkeitsbestrebungen angewandt, mit der Idee, Minderheiten und Marginalisierte schützen zu wollen und wachsam für soziale Entwertungen zu sein."

Dann aber entdeckten Leute den Begriff, für die die Vorstellung einer auch nur ein paar Promille gerechteren Welt die Hölle auf Erden ist. Beziehungsweise:

"Nun erfuhr der Begriff des Woken eine Bedeutungsverschiebung, herbeigeführt von den kritisierten Diskursteilnehmern, mit dem Ziel, die darin enthalte Mahnung zu entkräften und die Woken als hypersensibel oder opportunistisch zu desavouieren. Diese Verschiebung fing mit Ridikülisierung und spöttischer Nutzung des Wortes 'woke' an, bis es als gesellschaftspolitischer Kampfbegriff missbraucht werden konnte, wie etwa auch 'political correctness'."

Zur Historie letzteren Kampfbegriffs, der gerade etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint, siehe übrigens diesen hier schon öfter erwähnten "Freitag"-Text von Ex-Altpapier-Autor Matthias Dell und Marc Fabian Erdl.

Jetzt, so El Ouassil, befinden wir uns jedenfalls in

"der seltsamen semantischen Situation, in der ein Watchword aus dem afroamerikanischen Englisch, welches eine sozialpolitisches Bewusstsein umschrieb und verbunden war mit der Erfahrung des Schwarzseins in den USA, in meinungsjournalistischen Takes, bürgerlichen Redaktionsstuben und populistischen Äußerungen Verwendung findet, um ausgerechnet die Bedrohung der Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Demokratien im Allgemeinen zu ahnden."

Die Inhaltsleere des Begriffs ist das eine. Hinzuzufügen wäre noch, dass er auch als Selbstverständigung in trübtassigen Milieus zu dienen scheint. Wer "woke" sagt oder schreibt, weiß, dass er/sie damit die aus seiner Sicht richtigen Leute triggert.

Zum Ehrenkodex der Anti-Woken gehört es, es mit den Fakten nicht so genau zu nehmen, und in dieser Hinsicht sagen wir mal: besonders verdient gemacht hat sich offenbar eine bei Twitter berühmte Journalistin, die bis ungefähr gerade eben noch bei der "Bild"-Zeitung gearbeitet hat. Jedenfalls hat das Stefan Niggemeier herausgefunden, der sich in einem weiteren "Übermedien"-Artikel hinter der Paywall mit Teilen ihres Werkkorpus beschäftigt hat. Eine "Behauptung" und eine "Unterstellung", die die bei Twitter berühmte Ex-"Bild"-Frau im Zusammenhang mit dem zum funk-Kosmos gehörenden Instagram-Account "Auf Klo" ("Dein Safespace für alle Tabuthemen rund um Liebe, Sex und Mental Health") in die Welt setzte, bezeichnet Niggemeier konkret als "Lüge".

Darf eine FAZ-Tochter Regierungs-PR machen?

Dass Verlagsgruppen Wein oder Gin verkaufen, gilt mittlerweile als halbwegs normal. Dass sie mit Firmen Geld verdienen, die Content Marketing und Corporate Publishing anbieten, ebenfalls. Aber sollte eine im letzteren Feld aktive Firma, die zu einer hauptsächlich für Journalismus stehenden Verlagsgruppe gehört, für die Bundesregierung arbeiten bzw. im weiteren Sinne Regierungsinhalte verkaufen?

Diese Frage wirft ein Text der Wochenzeitung Kontext auf, der eine Seite mit dem drolligen Titel deutschland.de in den Blick nimmt. Produziert wird sie von der Fazit Communications GmbH, einer FAZ-Tochter, Auftraggeber ist das Auswärtige Amt. Um die Website "Tatsachen über Deutschland", die "sich speziell an ausländische Fachkräfte richtet", geht es zumindest am Rande auch, denn deren Inhalte stellen ebenfalls die Content-Marketing-Profis der FAZ-Tochter für das AA her.

Es ist nun nicht so, dass die Firma Fazit Communications damit hinterm Berg hält, dass man Kunden aus der Politik hat. In einer Selbstbeschreibung der Agentur heißt es:

"Wir setzen Content-­Marketing-­Lösungen für Auftraggeber aus der freien Wirtschaft um, für Bundesministerien, Verbände und auch Stiftungen, zum Beispiel für das Auswärtige Amt."

Aber wie  sieht das inhaltlich dann konkret aus? Das beschreibt Kontext-Autor Jürgen Lessat so:

"Auf den ersten Blick lässt sich das mit Berichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft, Wissen und Umwelt beladene Portal nicht von Zeitungswebsites unterscheiden. Bei genauem Hinsehen fällt jedoch auf, dass Storys und News fast nur die Regierungssicht transportieren."

Dafür, dass das Ganze handwerklich tipptopp rüberkommt, sorgen Haudegen wie Arnd Festerling. Der frühere Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau" gehört sowohl der Redaktion von deutschland.de als auch der von "Tatsachen über Deutschland" an. Das gilt auch für Carsten Hauptmeier, er ist ebenfalls kein No-Name, er arbeitete 20 Jahre für die Nachrichtenagentur AFP, unter anderem als CvD.

Dass deutschland.de "fast nur die Regierungssicht transportiert", wie Lessat schreibt, liegt einerseits in der Natur der Sache, weil im Bereich Content Marketing nie der kritisiert wird, der das Ganze bezahlt, verdient andererseits aber doch Erwähnung, weil ein Bundesministerium nicht ein Kunde wie jeder andere ist. Und was sagt das AA auf Kontext-Anfrage?

"Auf einen detaillierten Fragenkatalog gab es nur schmallippige Antworten von der Pressestelle. Demnach erhielt die Fazit Communication GmbH im Oktober 2016 nach einer europaweiten Ausschreibung – damals war der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) Außenamtschef - für sechs Jahre den Zuschlag für den Betrieb der Deutschland-Plattform. Die redaktionelle Verantwortung im Sinne des Presserechts liege vertraglich bei der Agentur."

Trotzt aller Schmallippigkeit ist das Statement aufschlussreich. Es bietet Stoff für die Kolleginnen und Kollegen bei den Branchendiensten, die nun mal nachfragen können, ob nach dem baldigen Ablauf des Vertrags Fazit weiterhin das AA zu seinen Kunden zählen darf, oder ob künftig jemand anders deutschland.de befüllen wird.

Bemerkenswert ist vor allem, dass "die redaktionelle Verantwortung im Sinne des Presserechts" bei der Agentur liegt. Sonst liegt sie bei Content-Marketing und Corporate-Publishing-Angeboten m.W. sehr oft beim Kunden und nicht beim Dienstleister. Dass die redaktionelle Verantwortung für Inhalte aus einem Bundesministerium nicht beim Bundesministerium liegt, sondern in einem Medienhaus - das ist jedenfalls eine mindestens unglückliche Konstruktion. Ich vermute mal, dass das auch die Kolleginnen und Kollegen so sehen, die für die bekannteste FAZ-Marke ungefähr täglich Bundesministerien kritisieren, aber ich steck da ja nicht drin.


Altpapierkorb (Google Maps und Tinder in Kriegszeiten, Euronews, Schirin Abu Akleh, Ferda Ataman, Jenni Zylka)

+++ Bei "Geschichte der Gegenwart" stellt Philipp Wüschner in einem Text über den "digitalen Charakter" des Krieges in der Ukraine heraus, dass "nicht nur der mediale, sondern auch der logistische Teil des Internets in der Auseinandersetzung eine Rolle" spiele: "Ukrainer:innen posten Bilder von gefangenen Soldaten auf den Google Maps-Einträgen von russischen Sehenswürdigkeiten und Touristenattraktionen, um die russische Propaganda- und Zensurpolitik zu unterminieren. Formulare für Restaurantkritiken werden für Kriegsberichtserstattung gekapert, Tinder-Profile zeigen Kriegsverbrechen und Zerstörung."

+++ Die Frage, ob der u.a. durch EU-Gelder finanzierte Sender Euronews nach einem Besitzerwechsel zu einem "PR-Kanal für die Scheichs" wird, wirft die FAZ (€) auf. "PR-Sendungen für Qatar und Saudi-Arabien" müssten jedenfalls eingestellt werden, fordert Jürg Altwegg, sonst bleibe "der EU keine andere Wahl: Sie muss die 16 Millionen Euro Subventionen umgehend streichen".

+++ Die maßgeblichen Erkenntnisse zum Tod der im Westjordanland erschossenen Journalistin Schireen Abu Akleh (Altpapier) hätten bisher nicht Ermittler und Juristen geliefert, sondern Journalisten, berichtet die "Süddeutsche": "Als gesichert kann (…) mittlerweile gelten, dass die Kugel, die in den Kopf der 51-jährigen Journalistin eindrang, von einem israelischen Soldaten abgefeuert wurde - ob nun aus Versehen oder mit Vorsatz (…) Zunächst präsentierte Abu Aklehs Arbeitgeber Al Jazeera ein Video, das belegte, dass von palästinensischen Militanten in den fraglichen Minuten nicht geschossen wurde." In den vergangenen Tagen legten die Investigativ-Teams von "Washington Post" und "New York Times" nach.

++ Wie die rechte Szene ihre Kampagne gegen die Journalistin Ferda Ataman orchestriert, die von der Bundesregierung als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes nominiert wurde, beschreibt die Extremismusexpertin Heike Kleffner in einem Interview mit der taz.

+++ Personalien vermelden wir an dieser Stelle ja nicht allzu oft, diese aber gern: Altpapier-Autorin Jenni Zylka leitet, wie unter anderem der "Tagesspiegel" berichtet, ab 1. August die Sektion Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale. Herzlichen Glückwunsch!

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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