Das Altpapier am 1. September 2022 Eine neue Dimension

Die mediale Aufmerksamkeit für die ARD-Krise verschiebt sich von Berlin nach Kiel: Beim RBB steht die Integrität einzelner infrage. Beim NDR Schleswig-Holstein aber geht es jetzt – so wird es in einer Sondersendung bei "Zapp" formuliert – um das "Tafelsilber": die Integrität des journalistischen Produkts. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 1. September 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

"Schon wieder sehr schwerwiegende Vorwürfe"

Um 13.49 Uhr verschickte die NDR-Pressestelle am Mittwoch den Hinweis auf eine "Zapp"-Sendung, auf die das NDR-Medienmagazin am Vortag bereits bei Twitter hingewiesen hatte: eine "Spezial"-Ausgabe mit der Leitfrage "Vorwürfe gegen den NDR: Wie geht es weiter?" Und die musste nach den Ankündigungen wohl noch ordentlich umgebaut werden. Denn – sagen wir’s mit einer Floskel – die Ereignisse überschlugen sich im Lauf des Mittwochs.

Am späten Nachmittag meldete "Übermedien", laut Tweet "exklusiv", dass Politikchefin Julia Stein und Chefredakteur Norbert Lorentzen darum gebeten hätten, bis zur Klärung der Vorwürfe gegen sie (Altpapier vom Mittwoch) von ihren Aufgaben beim NDR Schleswig-Holstein entbunden zu werden. Um 19.30 Uhr begann dann die Redaktion des "Schleswig-Holstein-Magazins" ihre 12.007. Ausgabe mit einer ungewöhnlichen Geste in eigener Sache: Hinter dem Moderationsduo standen 45 Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion und setzten dadurch, so war das wohl zu deuten, ein Zeichen der Geschlossenheit und der Distanz zur eigenen Leitung. Es sei "eine der schwersten" Ausgaben überhaupt gewesen, sagte der Moderator. Man habe darüber nachgedacht, "ob wir überhaupt eine Sendung produzieren wollen." Denn:

"Es sind schon wieder sehr schwerwiegende Vorwürfe gegen Führungskräfte unserer Funkhauses veröffentlicht worden. Es geht wieder darum, dass sie Berichterstattung manipuliert haben soll, und das trifft uns als unabhängige Journalisten bis ins Mark. Auch wenn es bisher nur Vorwürfe sind."

"So entsteht der Verdacht von Einflussnahme"

"Schon wieder sehr schwerwiegende Vorwürfe" – das heißt also: neue Recherchen, erneut vom "Stern". Zur bereits bekannten Kritik, es gebe im Funkhaus womöglich einen "politischen Filter in der Berichterstattung", kamen nun unter anderem Recherchen hinzu, denen zufolge es im Herbst 2020 bei einer Recherche über Missstände in Kinderheimen des Deutschen Roten Kreuzes während der 1950er Jahre "zu ungewöhnlichen Eingriffen" der Leiterin der Politikredaktion, also Julia Stein, gekommen sein soll. Stein soll die Recherchen behindert haben, so fasste es "Zapp" zusammen, und etwa gefordert haben, dass die Autoren Unterlagen an das Deutsche Rote Kreuz weitergeben. (Frei lesbare Zusammenfassungen stehen bei n-tv.de oder zeit.de.)

Bemerkenswert – und vielleicht stellt sich auch heraus, dass "brisant" hier das angemessenere Wort wäre – ist, dass die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes zur Zeit der Recherchen mit der Vorsitzenden des NDR-Landesrundfunkrats liiert gewesen ist. Ob es einen Zusammenhang mit der letztlich ausgebliebenen Berichterstattung gibt, darauf gab der NDR laut "Stern" keine Antwort. Aber, so formulierte es "Zapp"-Moderatorin Kathrin Drehkopf: "So entsteht der Verdacht von Einflussnahme."

Es gilt, das wurde am Mittwoch von Funkhausdirektor Volker Thormählen betont, die Unschuldsvermutung. Dass "einiges schief gelaufen sein muss" in Kiel, damit wird er bei "Zapp" aber auch zitiert. Dieses Zitat fiel allerdings im Rahmen einer Aussprache in größerer interner Runde am Montag, bei der es demnach noch nicht um die nun veröffentlichten neuen "Stern"-Recherchen ging.

Ebenfalls ein Thema im "Stern": Wahlkampffotos eines damals parteiunabhängigen Bürgermeisterkandidaten vor der Wahl in Timmendorfer Strand. Dieser Kandidat war Sven Partheil-Böhnke, der Ehemann von Julia Steins Stellvertreter beim NDR, Stefan Böhnke. Auf einem Wahlkampffoto bei Facebook sieht man auch Böhnke den Daumen in die Kamera recken.

Böhnke sei an der Berichterstattung über die Wahl "nicht beteiligt" gewesen, so die NDR-Pressestelle. Aber bei "Zapp" ordnete Olaf Steenfadt, einst selbst beim NDR, nun Leiter des "Media Ownership Monitor"-Projekts für "Reporter ohne Grenzen" und Leiter der Initiative "Unsere Medien", das Ganze so ein: Diese Facebook-Fotos seien innerhalb des Recherche-Gesamtpakets so etwas wie die Massagesessel im Dienstwagen der ehemaligen RBB-Intendantin: nicht illegal, aber muss das sein?

Man sei in nächster Zeit nun gewiss "damit beschäftigt, die Grenzen zwischen Journalismus und Politik neu auszuloten", sagte er. Weil es also um das Verhältnis von Journalismus und Politik geht, und damit um die Glaubwürdigkeit, hätten die Enthüllungen über den NDR im Vergleich zum RBB-Skandal eine "neue Dimension". Denn während es beim RBB letztlich um die Integrität einzelner Personen und letztlich Geld ging und geht, gehe es hier, so Steenfadt, "jetzt plötzlich um die Integrität des journalistischen Produktes, und das ist ja das Tafelsilber".

Und was ist los beim BR?

Die Neuigkeiten aus dem NDR sind Thema in den meisten Medienressorts, online zumindest – viele der gedruckten müssen zu früh am Tag fertig werden, um ganz auf dem aktuellen Stand sein zu können. Es gibt aber noch mehr Themen als den NDR und den RBB.

Die "Süddeutsche Zeitung" schaut zum Beispiel stattdessen auf die Region ihrer Kernleserschaft und kümmert sich um: den BR, den Bayerischen Rundfunk also. Und um die Fragen: "Wie viel Beitragsgeld kostete die seltsame Trennung von einem Programmdirektor? Und warum ist eine Kantine in Freimann so teuer?"

Ob das nun gleich die nächste Großbaustelle der ARD-Krise ist? So klingt es erst einmal nicht. Worum es aber etwa geht, ist: fehlende Ausgabentransparenz. Denn nach dem Antritt der vom MDR gekommenen Intendantin Katja Wildermuth trennten sich der BR und sein Programmdirektor Kultur, Reinhard Scolik, "ganze 33 Monate vor Vertragsende", was laut "SZ" einen Anspruch auf ein Einkommen von 686.400 Euro ergäbe.

"Wurde der Vertrag ausbezahlt? Einigte man sich auf eine Abfindung in einem ähnlich hohen Bereich? Der BR hat über die Kosten der Trennung im Jahr 2021 geschwiegen – und er schweigt dazu weiter, allen Transparenzbekenntnissen zum Trotz."

Man könnte diese Recherche theoretisch unter ARD-Skandal-Beifang abheften. Aber eine der Fragen, die sie aufwirft, ist, warum der BR solche Fragen, die intern ja auch schon mal jemand gestellt haben dürfte, nicht selbst offensiv aufklärt. Beim NDR und beim BR zeigen Redaktionen gerade, dass es möglich ist, kritisch und mit journalistischem Aufklärungswillen auch über das eigene Haus zu berichten. Sollte oder könnte das nicht öffentlich-rechtlicher Standard werden: eine interne Kritikkultur, die sich an journalistischen Maßstäben orientiert und für die nicht die Medienpolitik zuständig sein muss?


Altpapierkorb (Foht-Prozess, Rainer Robra, Pur-Abos, Studie zu Misstrauen, Franca Lehfeldt)

+++ Dass heute in Leipzig der Prozess wegen Betrugs, Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung gegen den ehemaligen Unterhaltungschef Udo Foht beginnt, daran erinnern noch einmal dpa/horizont.net und die "FAZ"-Medienseite.

+++ Auch in der "Zeit" geht es am Rande um Foht, wenn auch ohne namentliche Erwähnung – in einem Text, in dem es um die Kontrolle der Intendantinnen und Intendanten durch letztlich, so die "Zeit"-Darstellung, unterausgestattete Laien geht. Der MDR, bei dem diese Kolumne erscheint, taucht als positives Beispiel auf: "Als der MDR in Leipzig vor zehn Jahren von einem Korruptionsskandal erschüttert wurde und ein Mitarbeiter hohe Summen abzweigte, begannen die Beteiligten umzudenken. Im Verwaltungsrat sitzen inzwischen keine Amateure mehr, sondern die frühere Finanzministerin von Thüringen, Birgit Diezel, ein Wirtschaftsprüfer, eine BWL-Professorin und mehrere Unternehmer."

+++ Direkt darunter in der "Zeit": ein Interview mit Sach­sen-An­halts Staats­kanz­lei-Chef Rainer Robra, der darin ungefähr das sagt, was er der "FAZ" kürzlich schon mitteilte: dass er ein Reformdefizit bei den Öffentlich-rechtlichen sieht. Zentrale Aussage nun könnte diese sein: "Die Intendanten sind generell zu machtvoll. Wir brauchen in den Sendern stattdessen einen ans Aktienrecht angelehnten Vorstand, in dem die Macht verteilt ist. Der Schweizer Rundfunk hat das bereits."

+++ "Jugendliche misstrauen Medien" (taz), "Die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland misstraut einer Umfrage zufolge den Medien" (zeit.de), "Immer mehr Jugendliche stehen Medien misstrauisch gegenüber" (tagesschau.de). So war dieser Tage zu lesen. Aber es gibt Grund für Misstrauen: Bent Feiwald von den "Krautreportern" hat die Studie, auf der die Berichterstattung beruht, in einem Thread teilweise auseinandergenommen und "gravierende handwerkliche Mängel" festgestellt. Er schreibt: "Das Problem sind die Fragestellungen und vor allem die Zusammenfassungen der Ergebnisse. Ich habe mir fünf Hauptaussagen und wie sie zustande kamen mal genauer angeschaut. Und: Holy Lord." Auch Medienjournalist Stefan Fries hat die Studie kritisiert.

+++ Dass das Pur-Abo – "ein Angebot, bei dem man seinen Kunden verspricht, ihnen keine Werbemittel mehr auszuspielen und – vor allem – sie nicht mehr zu tracken und damit ihre Nutzerdaten auch keinen Drittanbietern zugänglich zu machen" – keineswegs immer "eine saubere Angelegenheit" ist, hat der "Medieninsider" anhand von Stichproben festgestellt.

+++ Franca Lehfeldt ist nicht nur die Frau von Bundesfinanzminister Christian Lindner, sondern möchte, wie sie in einem "Zeit"-Interview völlig zurecht sagt, über ihre "Leistung definiert" werden. Dass sie Journalistin ist und für den Fernsehsender "Welt" über Bundespolitik berichtet, macht die Sache mit der Trennung von Beruf und Privatem freilich etwas schwieriger. Die Frage "Kann die Ehefrau des zweiten Vizekanzlers noch als politische Journalistin arbeiten?" versucht sie, bevor sie schließlich doch noch über Transparenz spricht, auf dem ganz einfachen Weg zu beantworten: "Natürlich. Alles andere wäre geradezu ein Berufsverbot für eine Frau."

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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