Das Altpapier am 21. November 2022 Was man sich nicht alles sparen kann

Das Wochenende brachte neue, alte Meinungen über "Wetten, dass..?". Kritik an undifferenzierten Positionen zu den gesellschaftlichen Entwicklungen in Katar. Und Berichte über die Finanzlage des RBB, die nun mit dem Rasenmäher repariert werden soll – auch mit Einschnitten beim Programm. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 21. November 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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Über "Wetten, dass..?"

Sonntag. Man beginnt mit der Lektüre für die Montags-Altpapier-Kolumne, Medienressort 1, Medienressort 2, Medienressort 14. Und sieht: rotes Leopardenjackett hier, rotes Leopardenjackett da, rotes Leopardenjackett überall. Zu diesem Zeitpunkt ist nicht die Fußball-WM das Thema Nummer 1, sondern "Wetten, dass..?".

Die Liste der überregionalen Medien, die die Ausgabe der Show vom Samstagabend nicht besprochen haben, ist übersichtlich. Die "New York Times", "Le Monde Diplomatique", "Aus Politik und Zeitgeschichte" und die "Blätter für deutsche und internationale Politik" zählen in dem Fall nicht.

Aber: "Welt", "Focus", "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine", "Berliner Zeitung", "Zeit Online", "Tagesspiegel", "Bild", "Standard", "Spiegel", "Stern", "taz", "Frankfurter Rundschau", "DWDL", "Rolling Stone", n-tv.de und die Medien des Redaktionsnetzwerks Deutschland (nicht vollständige Aufzählung) beschäftigen sich – vornehmlich online, hier und da mit vier, fünf Beiträgen – sehr wohl mit Gottschalks derzeit jährlicher Rückkehr in sein Hausformat. Es ist, als wäre man in ein Zeitloch gefallen: Gottschalk zieht sich eine Klamotte an, diesmal den besagten kirschroten Leopardenfellanzug, für den er früher vielleicht doch zu stilsicher gewesen wäre. Und niemand will es verpasst haben.

Kleine Auswahl: Die "Berliner Zeitung" fasst die Reaktionen von Twitter-Usern zusammen. Im "Tagesspiegel" beschreibt Markus Ehrenberg in einer trotzdem freundlichen Rezension Thomas Gottschalks Tätigkeit als "betreutes Moderieren", womit er das seit jeher herrschende Verhältnis von Moderator Gottschalk und Ko-Moderatorin Michelle Hunziker gut analysiert. Für die "SZ" wundert sich Marlene Knobloch, dass es nicht nur langweilig, sondern gleich sooo langweilig war. Die "taz" bricht die Show aufs Lokale, äh, auf die eigene Programmatik herunter und schreibt, dass ein Klimaaktivist Wettkönig geworden sei. Und bei rnd.de findet man als Service für Detailverliebte ein Liveblog.

Die wohl thesigste These vertritt Peter Huth auf den "Welt"-Seiten, indem er aus Gottschalks selbstbesoffener Gestrigkeit, die der im Gespräch mit Veronica Ferres und ihrer Tochter unter Beweis stellte, Diskursrelevanz ableitet. Huth schreibt darüber:

"Welche Frage stellt man heute der Mutter einer 21-jährigen Tochter? Sicher nicht: ‚Und wenn die Lilly mal mit einem Kerl ankommt – hast du dann Mitspracherecht?’ Das war das, was Gottschalk tatsächlich fragte. Die Diskussion vor dem Fernseher ist programmiert."

Hier kommt die Gegenthese: Diese Diskussion findet nirgendwo statt. Wer 2022 vor dem Fernseher sitzt, um "Wetten, dass..?" zu sehen, sind heute homogene kleine Familieneinheiten, die sich in grundsätzlichen Fragen eher einig sind. Das Drei-Generationen-Fernsehen, auf das Huth hier anspielt, ist Geschichte.

Alles in allem: amüsant, in Fernsehrezensionen mal wieder mit dem Fernsehen der Nullerjahre konfrontiert worden zu sein. Amüsanter als die Show selbst. Es ist, als würde man ein Fotoalbum mit Rezensionsformaten durchblättern. Und Quoten natürlich: oberaffengeil (DWDL.de), wie wir jungen Leute zu sagen pflegen, insofern dann also wohl bis nächstes Jahr! (Wobei: t-online.de rechnet’s anders und kommt im Jahresvergleich zum Ergebnis, die Show "schmiert ab".)

Über die RBB-Finanzen

Am Samstag Medienseiten-Kernthema: die Finanzen des RBB. Die waren am Donnerstagabend der Presse und am Freitag der Belegschaft vorgestellt worden. Und verdammt und schlesinger: "Das Kosten-Niveau des rbb steht nicht im Verhältnis zur Ertragssituation und muss deutlich abgesenkt werden", zitiert Joachim Huber im "Tagesspiegel". Was – so berichten auch "Süddeutsche", "FAZ" und "DWDL" – so viel heißt wie: Es wird gespart, aber so richtig. Von 41 Millionen bis 2024 ist die Rede.

Wer hat’s verbockt? Der neuen Intendantin Katrin Vernau und dem Leiter der Hauptabteilung Finanzen des RBB, Claus Kerkhoff, zufolge war es Ex-Intendantin Patricia Schlesinger, die sich nicht an Vorgaben der KEF gehalten habe. Gegen den Rat Kerkhoffs wohl, der in mehreren Artikeln mit der Erzählung zitiert wird, er habe Schlesinger angeboten, ihn von seiner Rolle zu entbinden, falls sie ihm fachlich nicht vertraue.

Über Begegnungen von Vernau und Schlesinger erfährt man auch etwas, bei Michael Hanfeld in der "FAZ":

"In der Finanzkommission der Sender, in der die Finanz- und Verwaltungschefs sitzen, brachte Schlesinger mit dem Ansinnen, die Mehreinnahmen aus dem Rundfunkbeitrag, die laut KEF zurückgelegt werden müssen, zu verbraten, die anderen Anstalten gegen sich auf. Als Antipodin positionierte sich besonders die damalige Verwaltungschefin des WDR, Katrin Vernau – die nun Schlesingers Nachfolgerin beim RBB ist."

Die Frage ist aber, was nun beim RBB passieren wird. Vernau, laut "SZ":

"An Altersversorgung oder Gehälter, an die fetten Ruhegehälter oder Pensionskassen sowie abgeschlossene Vertragsverhältnissen könne sie nun mal nicht ran. Also gehe es ans Programm, und zwar richtig."

Auch wenn der "Rasenmäher", also zu "streichen, was gestrichen werden kann", so Vernau laut "FAZ", "eigentlich ‚eine dumme Idee‘" sei.

Über die Fußball-WM Katar

Kann man sich die WM in Katar vielleicht einfach: sparen? Klang zuletzt so, auch in der jüngsten NDR-Umfrage, die allerdings nicht repräsentativ ist, auch wenn der NDR ein bisschen so tut ("Die Umfragen von #NDRfragt sind zwar nicht repräsentativ, stehen aber für die Meinungen einer großen und wachsenden Zahl von Norddeutschen" – ah ja!).

Bevor die WM am Sonntag losging, gab es noch ein weiteres Mal Futter für die Kritiker. Am Freitag poppte die Meldung auf, es werde kein Bier bei der WM in Katar geben, jedenfalls nicht im Stadionumfeld. Da war der deutsche Weltmeisterschafts-Konsument als solcher natürlich herausgefordert. Bier "gehört zu einer WM wie die ausländischen Fans", fand zum Beispiel bild.de. Und bei focus.de wurden deutsche Fans mit der spannenden Analyse zitiert, ein Bierverbot sei ein "Schlag in den Magen".

Allein: Bierausschank gehört zwar zu den Einnahmequellen des Fußballweltverbands, aber ein Menschenrecht auf Bier gibt’s halt einfach nicht. Das behaupten natürlich auch längst nicht alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Marcus Krämer kommentiert auf den Onlineseiten des "Spiegels":

"Wer eine Weltmeisterschaft nach Katar vergibt, sollte sich über die Gepflogenheiten des Landes informieren. Alkohol gilt in dem islamisch geprägten Katar als ‚haram‘, er ist schlicht verboten."

Was nicht verboten ist: sich über die Gepflogenheiten und Regeln aufzuregen, die in anderen Gesellschaften gelten. Wenn es um Machtfragen geht, sowieso nicht. Aber bei Aspekten wie der Bierfrage muss man doch aufpassen, dass die Kritik an Katar, die sich auf einem schmalen Grat zwischen berechtigter und selbstgerechter Skandalisierung bewegt, nicht ins Kulturchauvinistische verrutscht. Und am Ende mehr über einen selbst verrät als über den Gegenstand der Kritik.

"In kaum einem anderen Land ist in den vergangenen Wochen die Haltungsfrage so intensiv gestellt und gerne auch gleich eindeutig beantwortet worden wie in Deutschland", kommentierte Katrin Weber-Klüver am Freitag bei Deutschlandfunk Kultur die deutsche WM-Debatte, die tugendgetränkt wie wohl kaum eine andere sei.

"Okay, in Frankreich, dem Land des Titelverteidigers, wird es wie bei uns in einigen Städten aus Protest gegen das Gastgeberland kein Public Viewing geben. Aber mit dem entschiedenen Mit-mir-nicht! des tugendhaften Fernsehfußballfans sind wir ziemlich weit vorn. Um nicht zu sagen, dass wir die Besten sind. Das Turnier hat noch gar nicht begonnen, aber wir sind schon mal – Haltungsweltmeister."

Das hat auch mit medialen Berichterstattungslinien zu tun. Dass das Turnier an Katar vergeben wurde, wird seit Jahren aus guten Gründen problematisiert. Es lohnt sich aber, sich genauer damit zu befassen, worin das Skandalöse eigentlich genau besteht.

Vor der Kritik muss das Verstehen kommen. Ein bisschen grauer könnte es also schon sein. Rechtzeitig zum Beginn der WM sind einige Beiträge erschienen, in denen die latente Eingleisigkeit und vor allem Ungenauigkeit im europäischen Katar-Diskurs problematisiert wird. Da ist etwa ein "Spiegel"-Interview mit dem Gewerkschafter Dietmar Schäfers, der in den vergangenen Jahren "immer wieder" in Katar gewesen sei, wie es heißt. Er sagt:

"Eine differenzierte Sicht auf das Land wäre nicht schlecht. Die Medienschelte setzt im Übrigen gerade die Reformer in dem Land unter Druck. Die Konservativen, die die WM ohnehin abgelehnt haben, bekommen dadurch wieder Oberwasser."

Lesenswert ist auch der Gastbeitrag des Dokumentarfilmers Maik Gizinski für "Übermedien", der mediale Überzeichnungen beklagt:

"Katar ist ein Land, von dem jeder gehört hat, aber das keiner wirklich kennt. Alle, die noch nie in Katar waren, müssten eigentlich ein Interesse an ausgewogener, fairer Information haben. Interessanterweise war das bei Katar von Anfang an anders."

Dass die Katar-Debatte "differenzierungsarm" sei, findet auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die "Fachleute, die die ganze Debatte als ‚Halbwissenkongress‘ empfinden, und auch viele westliche – durchaus kritische Expats im Emirat" zitiert.

"So geht unter, dass das Emirat unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit Reformen auf den Weg gebracht hat, die den Schutz der ausländischen Billiglohnarbeiter stärken. Die Führung des Landes ist ja gerade auf das Wohlwollen ihrer Partner angewiesen, hat in aller Welt – nicht zuletzt in Deutschland – Milliarden investiert. Sie hätte noch mit vielem aufzuräumen, nur ist Pauschalkritik der falsche Weg, weiteren Wandel in der Golfmonarchie zu bewirken."

Am Eindruck, dass die WM nicht nach Katar gehört, ändert das nichts. Doch gerade diese Weltmeisterschaft eröffne

"die Chance, über Probleme zu sprechen, die in Qatar wie unter dem Brennglas erscheinen: von den Machenschaften der FIFA über die Kommerzialisierung des Fußballs, das ‚Sportswashing‘ bis zur Missachtung von Menschenrechten und die Ausbeutung von Gastarbeitern. Nur hilft es nicht, sich dabei auf Qatar einzuschießen und systemische Pro­bleme auszublenden, die solche Missstände erst verursachen."


Altpapierkorb (ÖRR-Gedankenspiele, Trump bei Twitter, "Monitor")

+++ "Lassen sich ARD und ZDF zusammenlegen?", fragt Peer Schader in seiner "DWDL"-Kolumne und nimmt die vorliegenden Vorschläge auseinander. Wer vom tagesaktuellen Klein-Klein verwirrt ist, kriegt hier die großen Linien gezogen: Schader spielt das "Super-Sender-Modell" der Mittelstands-Vereinigung der Union durch, das "(ARD-)Regio-Modell" von Sachsen-Anhalts Staatskanzleichef Rainer Robra, das "Dritte-in-a-Box-Modell" von SWR-Intendant Kai Gniffke. Und ein viertes, sein eigenes: das "‚MoMa‘-Modell": "In der einen Woche sendet das Erste seine besten Reportagen, Talks, Fernsehfilme und ist zuständig für Sportübertragungen; in der nächsten übernehmen die Kolleg:innen aus Mainz."

+++ Um Twitter geht es auch wieder: Elon Musk hat nach einer Twitter-Umfrage-Clownade verfügt, den seit 2021 gesperrten Account von Donald Trump wiederherzustellen. Unter anderem "taz" und "Tagesspiegel" berichten.

+++ Joachim Huber hat vergangene Woche im ARD-Hauptprogramm das politische Magazin "Monitor" vermisst, das der Produktion "Das Netz" weichen musste, die – anders als die ausgefallene "Monitor"-Ausgabe – auch in der Mediathek steht. Huber: "Es gibt Tage im Jahr, da versteht nur die ARD, was die ARD tut. Wenn sie es versteht."

Das nächste Altpapier erscheint am Dienstag.

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