Das Altpapier am 23. November 2022 Pilcher statt Pille

Die übertragenden Sender setzen bei der Kritik an der WM Zeichen – wenn auch noch nicht die stärksten. Und Journalismus ist nicht objektiv. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Das Altpapier am 23. November 2022: Porträt der Altpapier-Autorin Jenni Zylka
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Keine O-Töne

Der 2018 erschienene Ulrich Köhler-Film "In my room" beginnt mit einem hübschen, journalistischen Alptraum. Ein versierter Fernsehkameramann, gespielt von Hans Löw, versagt elementar: Er hat eine neue Kamera, und bringt es fertig, den An- und Aus-Knopf zu verwechseln. Später sitzt er mit seinem fluchenden Redakteur vor dem Bildschirm im Schneideraum und schaut sich wackelige Bilder vom Kanzleramt und von Kolleg:innen-Füßen an, dann einen Kameraschwenk auf Angela – damals Kanzlerin – Merkel, doch in dem Augenblick, in dem sie beginnt zu sprechen, wird der Bildschirm schwarz. Das Ganze passiert auch noch mit ein paar weiteren Politiker:innen. Ein Beitrag ist daraus nicht zu basteln. Bei aller Liebe nicht.

Ich fand die kleine Idee in der Filmexposition damals absolut großartig (und ließ mir von echten Kameraleuten versichern, dass es bei einigen Modellen tatsächlich zu diesen Verwechslungen kommen kann, denn moderne Fernsehkameras haben mitnichten einfach nur noch einen roten blinkenden Knopf im Bild o.ä.). Das Überzeugende und für den weiteren Verlauf der sehenswerten Story Wichtige dabei ist, dass damit auf kongenial filmische Weise die Frage nach Relevanz vorweggenommen wird: Beim Protagonisten, der sich später (ein bisschen in Marlen Haushofer "Die Wand"-Manier) als einziger Mensch in einer ansonsten leeren und stillen Welt wiederfindet, hat sich alles verschoben. Nicht mehr das ist wichtig, was man sieht und per (Kamera)Auge aufzeichnet, sondern was drum herum ist, was vorher oder nachher passiert.

Keine Sendung ohne Kritik

Ich musste gestern an den Film denken – angesichts der Berichterstattung über das tägliche "Katarfrühstück" (so nennt sich der dementsprechende Newsletter der Zeit) haben gleich mehrere Medien hingeschaut, wie die ersten Fußballspiele in den öffentlich-rechtlichen Sendern dargestellt werden:

"Fast nichts wird bei diesem fragwürdigen Fifa-Event in den Medien selbstverständlich genommen, schon gar nicht ein Fußballspiel."

schreibt der Tagesspiegel. Und fährt fort:

"Die übertragenden Fernsehsender überschlagen sich fast im Bemühen, den Spagat zwischen Kritik am Gastgeber/Fifa und sportlicher Analyse hinzukriegen. Bestes (symbolisches) Beispiel: die ZDF-Reporterin Claudia Neumann, die vor dem Montagabendspiel USA gegen Wales im TV mit Regenbogen-Shirt auftrat."

Nach dem Spiel ging es so weiter, beobachten die Kolleg:innen:

"In die Richtung analysierte auch am Montagnachmittag und abends das ZDF-Team. Jochen Breyer, Christoph Kramer, Per Mertesacker, Martina Voss-Tecklenburg, zugeschaltet Sven Voss aus Katar - wann immer die drei WM-Spiele des Tages und die Pausen dazwischen Gelegenheiten ließen, gab der öffentlich-rechtliche Sender kritisch Gas. Fast zehn Stunden "Sportstudio" live als eine Art "heute-" oder "auslandsjournal"."

Es habe "viel Nachdenklichkeit" gegeben, bescheinigt der Tagesspiegel dem ZDF, und man habe sich nicht "vom PR-Glanz, den die Gastgeber und die Fifa verbreiten (wollen), blenden" lassen.

Zwischen diesen vielen kritischen Analysen und Beobachtungen fand dann aber doch eine Spielübertragung nach der anderen statt - und genau das hat mich an den eingangs erwähnten Film erinnert:

"Ein Zeichen, das man nur dann setzt, wenn man dadurch keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat, ist kein Zeichen."

zitierte der Tagesspiegel den ZDF-Moderator Jochen Breyer in Bezug auf die DFB-Entscheidung über die "One Love"-Binde. Und das passt im Ganzen ja auch auf die gesamte Sache. Stundenlang mit hochkarätigen Gästen über ein Thema zu reden, Hintergrundbeiträge und Kritik zu senden, und dann – im wichtigen Moment, dem Anpfiff – einen alten Rosamunde Pilcher-Film aus dem Archiv zu senden, etwa "Argentinischer Tango" (hätte doch wie Ball ins Netz zu dem irren Argentinien-Saudi Arabien-Spiel gepasst) oder "Sieg der Liebe" (anstatt Frankreich gegen Australien, Ergebnis 4:1) – das wäre mal ein Zeichen gewesen. Und kein kleines. Ha!

Kein unpolitischer Fußball

Die taz schlägt ebenfalls Dinge vor, die man tun könnte, anstatt die WM zu gucken/zeigen, und weist auf den Sammelband "Das rebellische Spiel – Die Macht des Fußball im Nahen Osten und die Katar-WM" hin:

"Keine schlechte Idee, sich so über Fußball zu informieren, wenn man gerade für sich Gründe gefunden hat, kein WM-Spiel zu gucken."

befindet die taz. Im Buch wird das "Mantra", Fußball habe mit Politik nichts zu tun, endgültig entsorgt:

"Wie kam der Fußball überhaupt in die Golfregion und warum auch nicht? Was treibt Herrscherhäuser in Katar oder Saudi-Arabien eigentlich an, sich dieses Sports zu bemächtigen, der in den vergangenen Jahren doch immer diverser geworden ist? Welche Rolle spielten die Fußballfans eigentlich in der Arabellion? Es zeigt sich, verkürzt gesagt, die Schönheit des Fußballs. Etwas ausführlicher: In allen Analysen des Sports, die in diesem Band versammelt sind, schimmert die Unberechenbarkeit durch, das subversive Potenzial des Fußballs."

Subversiv, politisch, und eben leider auch so verdammt mitreißend. Und nebenbei frage ich mich, ob eine etwaige Gelbe Karte wegen des Tragens einer One-Love-Binde, erst recht wenn diese Gelbe Karte (oder andere Strafmaßnahmen, die die Fifa verhängen könnte) tatsächlich zu einem anderen Ergebnis führen sollte, ob das nicht ohnehin klar mit der Berichterstattung, der Anteilnahme der Zuschauer:innen und der historischen Einordnung verbunden würde. Falls beispielsweise Deutschland nur nicht gewinnen würde, weil Manuel Neuer heute Abend mit One Love-Armbinde aufläuft, somit eine Gelbe Karte kassiert und diese Tatsache spielentscheidend wird– würde man dann nicht für immer und immer von "der WM, in der Menschenrechte über sportliche Siege gestellt wurden" schwärmen? Nein? Oder doch?

Kein objektiver Journalismus

Bleiben wir bei den Menschenrechten. Dort, von wo die Journalistin Katrin Eigendorf berichtet, sieht es teilweise sehr düster damit aus. Die preisgekrönte "Kriegs- und Krisenreporterin" sprach Anfang November in einem sehr offenen Gespräch im Fernsehsalon der Deutschen Kinemathek über ihre Arbeit, auch über "Tabus", mit denen sie als Journalistin umgehen musste – und die nicht aus Russland kamen:

"Ich habe Tabus (…) zu Anfang, 2014, erlebt, dass ich zum Beispiel nicht von Krieg reden durfte, obwohl es schon Krieg war – und das waren gar nicht die Redaktionen, das war der Chefredakteur des ZDF, der das nicht wollte, dass ich das so benenne. Und natürlich hadert man auch mit sich selber, und stellt sich selber in Frage – ist es jetzt richtig das so zu tun, oder nicht? Da bin ich mittlerweile kompromisslose und auch selbstbewusster geworden. (…) Heute würde ich diese Debatten nicht mehr führen, sondern würde sagen: Ich benenne die Dinge, von denen ich überzeugt bin, so wie sie sind. Und ich begründe das auch."

Es geht, so Eigendorf, um die generelle Auffassung des angeblich objektiven Journalismus:

"Wir müssen Journalismus mit Haltung machen. (…) In diesem Krieg gibt es nicht gut und böse. Aber es gibt Täter und Opfer. (…) Dem Zuschauer vorgaukeln zu wollen, dass es eine scheinbare Objektivität gibt, entspricht nicht den Realitäten. Jeder Blick auf die Realitäten ist subjektiv. Unser Gehirn ist darauf geeicht, Realität zu interpretieren – das tut auch jeder Journalist. Man muss es nur nachvollziehbar machen, wieso man zu bestimmten Überzeugungen kommt."

In dem Zusammenhang darf man sich auch ruhig nochmal die Wortherkunft des Begriffs "Reporter" beziehungsweise "Reportage" zu Gemüte führen: re-portare, das Zurück-Bringen, Zurück-Tragen. Das Berichten aus der "unmittelbaren Anschauung". Jemand war für uns vor Ort. Die Frage, ob es journalistische Objektivität geben kann, ist damit noch lange nicht abschließend mit "Nein" beantwortet – aber jede Diskussion darüber führt weiter.


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+++ Die Süddeutsche (€) hat Ideen für die Veränderung der Öffentlich-Rechtlichen gesammelt: "Ein paar Vorschläge aus dem Maschinenraum".

+++ Sie berichtet zudem von einer Querele um die – allgemein ziemlich belächelte - Netflix-Serie 1899, deren Ideen angeblich, so wird es der deutschen Produktion vorgeworfen, aus einem brasilianischen Comicbuch gemopst wurden. Auch der Tagesspiegel widmet sich dem Plagiatsvorwurf, genauso wie der Spiegel. Das Ganze war bei Twitter hochgekocht (hablas espanol?).

+++ Und, ziemlich furchtbar: DB-Mobil, das Kundenmagazin der Deutschen Bahn, soll nicht mehr gedruckt erscheinen, sondern nur noch online, berichtet der Spiegel. Das birgt gleich mehrere Probleme: Wenn man aus irgendwelchen Gründen (digitaler Immigrant mit Anpassungsproblemen, kein Ladekabel, Brille vergessen, kulturoptimistische Vorbildfunktion für mitreisende Kinder) NICHT online in dem Ding stöbern will, sondern die vielen gefällten Bäume für die analoge Papier-Ausgabe bevorzugt, ist man jetzt echt am A.. (Mal abgesehen davon, dass funktionierendes WLAN in der DB bislang ja eh mehr eine Behauptung ist.)

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