Das Altpapier am 9. August 2023: Porträt der Altpapier-Autorin Jenni Zylka
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren im aktuellen Altpapier die wichtigsten Medienthemen des Tages. Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Kolumne: Das Altpapier am 9. August 2023 Vertraute Lügen

09. August 2023, 10:20 Uhr

Ein Medienpodcast analysiert die Berichterstattung zu angeblichen "Protestwähler:innen". Und die Bildzeitung setzt ungerührt auf Clickbaiting. Heute kommentiert Jenni Zylka die Medienberichterstattung.

Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Wut vs. Angst

Die verlässlich eloquente Sozialpsychologin (und Verschwörungsideologieforscherin) Pia Lamberty hat in der letzten Ausgabe des SZ-Medienpodcasts "quoted" die mediale Berichterstattung über die AfD aufs Korn genommen.

Und am liebsten würde ich ihr eine begeisterte Postkarte mit, in Abänderung meines Lieblings-Friseurspruchs, der Aufschrift: "Was Sozialpsycholog:innen können, können nur Sozialpsycholog:innen schicken", weil in diesem verhältnismäßig kurzen Gespräch so viele wichtige Gedanken drin waren.

Anlass gab unter anderem die aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung (hier eine Zusammenfassung) über die Entwicklung der Etablierung rechter Positionen, mit dem seitdem durch die Medien eilenden Ergebnis, dass man es mitnichten ausschließlich mit dem – eventuell sogar verharmlosenden – Phänomen der "Protestwählerschaft" zu tun habe, sondern dass sich rechtsextreme Ansichten mittlerweile viel tiefer und stärker verankert haben als befürchtet.

Der erste essenzielle Punkt ist Lambertys Differenzierung der Emotionen, die in den Medien in Zusammenhang mit einer Radikalisierung genannt werden. Sie stellte fest:

(…) Wenn im medialen Diskurs über Emotionen gesprochen wird, da geht’s ganz häufig um Ängste, die Menschen hätten, vor Geflüchteten, vor einer angeblichen Überfremdung und so weiter. Ängste führen aber selten zu Aggressionen. (…) Das ist eher sowas wie Wut und Verachtung - darüber wird aber ganz ganz wenig gesprochen, obwohl es Studien gibt, die genau das zeigen: Der Verschwörungsglaube hängt mit Wut zusammen. Und die erklärt wiederum, wieso der Verschwörungsglaube zu Aggressionen und Abwertung führen kann. Wut macht uns hilfloser. Wir wissen nicht, wie geht man damit um? Wenn jemand Angst hat, dann rede ich dem zu. Wenn der wütend ist – was mach ich dann?

Ganz abgesehen davon, dass Angst und Wut natürlich ähnliche Wurzeln haben können, oder zumindest einen kausalen und zeitlichen Zusammenhang, stimmt aber, dass beide unterschiedliche Reflexe hervorrufen, interpretiere ich mal so als neugieriger Sozialforschungs-Laie: Das eine lässt einen weglaufen, beim anderen schlägt man zu.

Insofern ist die Benennung in der Berichterstattung tatsächlich sehr wichtig – gerade bei Adjektiven: Sie mögen zwar die Feinde der Schriftsteller:innen sein und man streicht sie "Kreatives Schreiben"-Workshopteilnehmer:innen gern mal raus. Aber sie sind wichtig für den Journalismus - und sie machen bekanntlich Bilder. An einem "ängstlichen Mob" husche ich doch viel lieber vorbei als an einem "wütenden Mob".

Kontext vs. Einnistung von Lügen

Lamberty, die das Thema im Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin Nadia Zaboura und dem SZ-Journalisten Nils Minkmar beackerte, hatte darüber hinaus eine interessante Anmerkung zur Berichterstattung über den russischen Angriffskrieg, über deren Tonalität und Umfang man sich als Journalist:in ja eh regelmäßig Gedanken macht: Wieviel Kontext ist notwendig, um Falschaussagen gründlich genug einzuordnen? Lamberty dazu:

"Da werden die Aussagen von Putin genommen und einfach so wiedergegeben, es gibt natürlich viele Herausforderungen bei der Kriegsberichterstattung (…) aber im Ausland,  also wenn ich auf die USA oder Großbritannien gucke, wird das teilweise anders gelöst: Indem Kontextinformationen bereitgestellt werden, die einem ermöglichen, das einzuordnen."

Sie weist darauf hin, dass Lügen allein dadurch Wirkungen entfalten können, weil sie einem – trotz dem man sie intellektuell als Lüge entlarvt – vertraut erscheinen, man "vergäße den Wahrheitswert".

Allerdings sehe ich dahingehend schon eine Entwicklung in die richtige Richtung: Seit einiger Zeit höre ich in Nachrichtensendungen öfter Sätze wie "Einen Beweis für diese Theorie legte er nicht vor", die eine Meldung, beispielsweise über eine Behauptung Trumps, abschließen.

Nebenbei konnte ich noch einen tollen Begriff in meinem aktiven Wortschatz verankern (und schäme mich als anscheinend doch schon sehr alte und sprachlich überholte Linguistin gehörig, dass das jetzt erst passiert, man spricht doch so oft drüber, und er ergibt weit über 300 Millionen Google Ergebnisse und einen Wikipedia-Eintrag): "Agenda-Setting".

Was das ist, braucht man nicht zu erklären – Lamberty nimmt als Beispiel das Thema Gendern:

"Ich glaube keine feministische Gruppierung redet so viel übers Gendern wie rechtsextreme es tun. Das Thema wird immer wieder als Aufreger gesetzt, und man hofft, dass man diese Wut immer wieder triggert. Weil Wut sich eignet, um politisiert zu werden."

Sachlichkeit vs. Clickbaiting

Ein letzter, ebenfalls überaus relevanter Punkt aus dem Gespräch, der gleich auf mehreren Ebenen die Ästhetik der Medienberichterstattung betrifft: Es geht um Überschriften und Bebilderung von Artikeln. Lamberty fragt, was provokante oder falsche Zitate in der Überschrift sollen – Journalist:innen, Redakteur:innen und inzwischen auch viele Leser:innen sind natürlich mit dem Phänomen des Clickbaiting vertraut, und auch vor Social Media wurde der Effekt längst genutzt, seit dem Aufkommen des Boulevard-Journalismus um 1900 nämlich, hat mal eine Studie dazu erforscht. 
Was sich allerdings geändert hat, ist dass der Artikel unter der reißerischen Überschrift auf den social media Kanälen noch viel seltener gelesen wird, aber

"(…) trotzdem glauben Menschen, sie wissen mehr als vorher",

sagt die Sozialpsychologin. Und da kann ich nur seufzend, aber wild nicken. Sie schlägt vor, dass man in den Überschriften "eher das Beschreibende-Analytische" hervorheben sollte als Zitate.

(Hier folgt ein eingeschobener, kleiner, naja, medioker langer Exkurs über eine aktuelle, klassische Clickbait-Fehlinformation, besonders überraschend ist er angesichts der Geschichte des besagten Mediums zwar nicht, aber ich habe mich neulich so darüber geärgert: Jüngst hatte die Bildzeitung über eine Ausstellung mit dem Titel "Jesus liebt" des Filmemachers Rosa von Praunheim berichtet, die in einer Kulturkirche in Nürnberg stattfand. Inhaltlich ging es um Sexualität und Christentum, Collagen zeigten den Papst auf einer Leinwand mit nackten Männern und so weiter. Es gab - wen wundert’s - einigen Bohei, schließlich wurde die Ausstellung geschlossen, um kurz darauf in einer Nürnberger Galerie wieder geöffnet zu werden.

Bild vs. Wahrheit

Wichtig ist nun: Ein paar der Bilder, die dort zu sehen waren, hingen hinter ab 18-Sichtvorhängen, denn das ist als Jugendschutz-Methode in der Kunst durchaus probat. Das war allerdings nur eine Vorsichtsmaßnahme – denn bei jenen Bildern handelte es sich qua Definition nicht um Pornografie. Wichtig ist auch: Wenn es sich um Pornografie gehandelt hätte, dann wäre der ab 18-Jugendschutz-Vorhang ausreichend gewesen – Pornografie ist (bis auf ein paar inhaltliche Ausnahmen) in Deutschland für Erwachsene nicht verboten.

Die Bildzeitung allerdings fotografierte und veröffentlichte die verborgenen Bilder, ließ einen Sozialpädagogen bestätigen, es handele sich um Pornografie, und zitierte ihn mit folgender Aussage:

"Das ist Pornografie, die gehört nicht in den öffentlichen Raum. Wenn da Kinder davorstehen, ist das nicht in Ordnung".

Was zum Teil stimmt – es ist nicht in Ordnung, dass Kinder vor Pornografie stehen. In diesem Fall handelt es sich allerdings - wie gesagt - erstens nicht um Pornografie, und zweitens war es ja die Bildzeitung selbst, die diese Bilder öffentlich zugänglich gemacht hat. Seitdem überschreibt sie jeden ihrer vielen Artikel (hier ist einer) mit den Begriffen "Porno-Ausstellung" oder "Porno-Schau". Soviel zum Thema "bewusste Fehlinformation im Titel".)

Hach, Worte sind so verdammt wichtig (und dabei habe ich noch nicht mal die Monitor-Geschichte der letzten Tage mit reingeholt, obwohl das natürlich genau passt, hier das gestrige Altpapier dazu).

Der angesprochene Podcast fasste das jedenfalls nochmal mit der Beobachtung zusammen, dass Begriffe, gerade wenn sie als Zitat begonnen haben, irgendwann die Anführungsstriche verlieren, und zum Teil des Diskurses werden. Nadia Zaboura nannte die klar rasant fremdenfeindlich konnotierten Beispiele "Obergrenze", "Überfremdung" und "Flüchtlingsstrom".

Haare vs. Glatze

Aber noch ganz kurz zum letzten, von Lamberty angesprochenen Punkt zur Ästhetik der Medienberichterstattung:

"Ganz viele Artikel über Rechtsextreme werden immer noch mit dem 90er Jahre Skinhead bebildert - und das macht ja was mit den Bildern, die Menschen im Kopf haben von Rechtsextremen".

Stimmt genau. Man sollte lieber nochmal genau gucken, wie Nazis heute aussehen. Ich glaube zwar nicht, dass einen das beruhigen würde. Aber das darf es ja auch nicht!!


Altpapierkorb (mit Schlesinger, "37 Sekunden" und dem Ende von "Wetten, dass?")

+++ Nach wie vor beobachten verschiedene Medien die Aufarbeitung beim RBB ein Jahr nach Schlesinger, hier der Deutschlandfunk, hier der RBB selbst. Sieht alles gar nicht gut aus, soweit ist man sich einig. +++

+++ Viele Kolleg:innen, wie hier die Berliner Zeitung, zeigen sich begeistert über die ARD Serie "37 Sekunden" über einen sexuellen Übergriff eines alternden Rockstars an einer jüngeren Ex-Liebhaberin, allerdings – wo wir uns gerade so schön sensibilisiert haben – würde ich das Wort "harter Sex" im Titel des Artikels auch als Clickbait einordnen, harter Sex ist konsensuell, ein sexueller Übergriff ist es nicht. Etwas sehr Wichtiges steht jedenfalls im zweiten Absatz der Rezension:

"Dabei hat die Drehbuchautorin Julia Penner ihr Serienkonzept schon vor sieben Jahren entwickelt. Doch erst seit MeToo stieß sie auf größeres Interesse." +++

+++ Nein wie isses nun bloß möglich, mein Peterpump: Sogar Thomas Gottschalk hat inzwischen eingesehen, dass die Zeit für große Live-Unterhaltung am Samstag Abend vorbei ist, wie unter anderem die SZ berichtet. Vielleicht wird das ZDF doch noch ganz schnell ganz modern. +++

Das nächste Altpapier schreibt am Donnerstag Ralf Heimann.

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