Collage zur Medienkollumne Das Altpapier vom 20. März 2018: Facebook lässt ernten, vielleicht nicht immer freiwillig. Ein neuer Whistleblower sorgt für Aufregung fast schon im Ed-Snowden-Stil, und das ältere Persönlichkeitsquiz "Das ist dein digitales Leben" spielt noch mal eine Rolle.
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Das Altpapier am 20. März 2018 Große Daten-Ernte

Facebook lässt ernten, vielleicht nicht immer freiwillig. Ein neuer Whistleblower sorgt für Aufregung fast schon im Ed-Snowden-Stil, und das ältere Persönlichkeitsquiz "Das ist dein digitales Leben" spielt noch mal eine Rolle. Außerdem: Deniz Yücel ist wieder bei der Welt; wie umgehen mit Russlands staatlichem Auslandsfernsehen? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkollumne Das Altpapier vom 20. März 2018: Facebook lässt ernten, vielleicht nicht immer freiwillig. Ein neuer Whistleblower sorgt für Aufregung fast schon im Ed-Snowden-Stil, und das ältere Persönlichkeitsquiz "Das ist dein digitales Leben" spielt noch mal eine Rolle.
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Medien-Interessierte, die am Montag in diesem Internet unterwegs waren, haben es wahrscheinlich längst gesehen: das Video, das Deniz Yücels Rückkehr in seine Redaktion, die der Welt, zeigte. Es gesehen zu haben, wäre auch gut so, schon weil die Welt es auf Twitter anschließend wieder gelöscht hat. Was natürlich legitim ist; es muss ja nicht alles für immer aufbewahrt werden. Einstweilen scheinen nurmehr unbewegte Bilder die Begrüßung des bewegten Journalisten im Kreis der Kollegen zu zeigen, z.B. im Standard und, größer und mehr, bei der Bild-Zeitung. Die ist ja – muss auch ab und zu erwähnt werden – die Schwester der Welt-Zeitung.

War Yücels Freilassung sozusagen ein Erfolg deutscher Außenpolitik? Dazu hat Yücel sich auch im gestern hier erwähnten ersten großen Interview danach geäußert. Jedenfalls – vielleicht Zufall, vielleicht nicht ganz –  ist derzeit auch "das Versagen deutscher Außenpolitik so eindrücklich und in Echtzeit [zu] verfolgen" wie selten.

In solch deutlichen Worten, wie sie im breiten Strom der klassischen deutschen Nachrichtenmedien leider auch selten zu lesen, hören und sehen sind, kommentiert zumindest Christoph Sydow bei SPON das Einrollen deutscher, von türkischen Soldaten gesteuerter Panzer im syrischen Afrin. Die schwierige Frage nach eventuellen Zusammenhängen kann und soll natürlich hier nicht gestellt werden. Das Altpapier ist ja keine Politikkolumne. Es wäre bloß schön, dazu mehr solcher meinungsstarker Einschätzungen zu bekommen, gerne kontrovers – und gerne von Deniz Yücel.

Von 270.000 auf 50 Millionen (mit nur einer App)

Es gibt einen neuen Whistleblower aus der Sphäre der Auswertung all dessen, was in den sogenannten sozialen Medien gesammelt wird. Christopher Wylie heißt er und sieht auf Anhieb einprägsamer aus als Edward Snowden. Das zeigt sich etwa in diesem knapp vierminütigen Erklär-Video (theguardian.com).

Vor allem der Observer, eine Wochenzeitung der Guardian Media Group, die New York Times und mit einer anders ausgerichteten Undercover-Reportage (19 Minuten) der britische Privatsender Channel 4 haben im neuen Skandal um "Cambridge Analytica" investigiert. Regelmäßige Altpapier-Leser könnten sich erinnern: Dieses britische Was-mit-Daten-Unternehmen war zuletzt vor ziemlich genau einem Jahr auch in Deutschland Thema, weil es mit dem viele Beobachter überraschenden Erfolg seines Kunden Donald Trump geworben hatte.

"Revealed: 50 million Facebook profiles harvested for Cambridge Analytica in major data breach",

lautet die englische Zusammenfassung der aktuellen Aufregung. "Daten-Ernte" wäre die Übersetzung. In den deutschsprachigen Zusammenfassungen, von denen es eine Menge und laufend neue gibt, taucht der Begriff allerdings nicht auf.

"Facebook gerät unter stärkeren politischen Druck nach Berichten, wonach eine Datenanalyse-Firma aus dem Wahlkampf von Donald Trump sich unerlaubt Zugang zu Daten von über 50 Millionen Nutzern verschaffen konnte",

heißt es in Agenturmeldungen (etwa bei futurezone.at). Unerlaubt bedeutet: "ohne Wissen und Zustimmung der Nutzer" (SPON). "Dank illegal genutzter Daten" habe das britische Unternehmen Einfluss unter anderem auf die US-amerikanische Präsidentschaftswahl genommen (heise.de). Facebook wäre demzufolge "illegal angezapft" worden, wie Marietta Slomka es im ZDF-"heute-journal" formulierte.

Das hat zweierlei zu bedeuten: Einerseits sind in diesem Fall Cambridge Analytica und der Daten-Verkäufer die Bösen, Facebook sei eher unschuldig. Heise.de (anderer Artikel):

"Der Observer-Bericht spricht in diesem Zusammenhang von einem 'Datenleck' ('data breach') und wirft Facebook vor, bei Bekanntwerden der unerlaubten Datenweitergabe 2015 die betroffenen Nutzer nicht informiert zu haben. Allerdings erwähnt der Bericht auch, dass das Sammeln der Profildaten von Facebook-Freunden der App-Nutzer zulässig war und somit technisch kein Hindernis umgangen wurde; lediglich die umfangreiche Auswertung und Weitergabe an Dritte stellte einen Verstoß gegen Facebook-Richtlinien dar. In einer Pressemitteilung wehrt sich Cambridge Analytica gegen den Vorwurf, bei der Zusammenarbeit mit Kogan und GSR wissentlich und absichtlich gegen Vorschriften verstoßen zu haben ..."

Aleksandr Kogan heißt der Psychologieprofessor der renommierten Universität Cambridge, der die App namens "thisisyourdigitallife" entwickelt hat, welche anno 2015

"von vielen Menschen freiwillig geladen wurde. Die App hat Einblicke in die eigenen Social-Media-Profile versprochen, diente aber nur dazu, die User auszuspähen. Durch die ausgelesenen Kontakte hat sich das Datenmaterial am Ende auf 50 Millionen Personen erweitert",

wie der WDR-Blog Digitalistan zusammenfasst. Häufig genannt wird die Zahl von "nur" 270.000 Nutzern, die sich diese App heruntergeladen haben. Doch

"schließlich hat der durchschnittliche Facebook-Nutzer zwischen 200 und 300 Bekanntschaften, die alle mit in der Datenabfrage landen. Erteilte ein Nutzer Zugriff auf sein Konto, gab er damit auch alles preis, was seine Freunde mit ihm teilten: Ausbildung und Arbeitsplatz, Geburtstage, Likes, Orte, Fotos, Beziehungsstatus, Postings und Kommentare und so weiter",

schreibt Laura Stresing in einem gut informierten Artikel auf t-online.de (falls Sie's noch nicht wussten: Das gehört nicht mehr der Deutschen Telekom, sondern der Werbefirma Ströer). Sie findet, aus dieser Pespektive nicht ohne Grund: Die aktuelle Aufregung sei "ein alter Hut", der "nach einem besorgniserregenden Skandal" nur klinge.

An dieser Stelle lohnt es, noch mal ins FAZ-Interview von vor einem Jahr mit dem nun wieder viel attackierten Cambridge Analytica-Chef Alexander Nix zu schauen. Die damals im Altpapier zitierte Passage lautete:

"Wir arbeiten noch nicht mit Netflix-Daten, aber bereits mit anderen Mediennutzungsdaten, speziell in den Vereinigten Staaten. Welchen Film Sie schauen, welches Buch Sie lesen, welche Artikel Sie abrufen – wenn wir Tausende solcher Entscheidungen aggregieren, dann lernen wir Menschen sehr genau kennen. Wenn wir Sie dann noch freiwillig ein Persönlichkeitsquiz ausfüllen lassen, wissen wir ziemlich gut über Sie Bescheid."

Das also ist die eine Ebene, derzufolge Facebook mehr oder weniger übers Ohr gehauen worden sei. Selbst in den USA wurde das Datenschutz-Recht nach 2015 noch verbessert.

"Facebook handelt amoralisch"

Die andere Ebene: Falls CA sich bloß unerlaubt Zugang zu Daten von über 50 Millionen Nutzern verschafft hatte, wäre erlaubter Zugang ebenfalls möglich. Bloß müsste Facebook, das von etwas über zwei Milliarden Menschen genutzt wird, eben die Erlaubnis geben. Noch mal zu Digitalistan: Nun

"hat Facebook SCL, Cambridge Analytica und auch alle anderen beteiligten Player bei Facebook ausgeschlossen. Sie bekämen keine Daten mehr, schreibt Facebook empört in einem Blogpost. Facebook geriert sich als 'Opfer'. So, als sei man empört über die Datensammelei, die Datenweitergabe und die politischen Konsequenzen. Das ist natürlich Unfug",

argumentiert Jörg Schieb, und schließlich:

"Mal wieder versucht Facebook, von seiner eigenen Verantwortung abzulenken. Wieso ist es überhaupt möglich, dass so viele Daten von so vielen Nutzern einem anderen Unternehmen in die Hände fallen? Wieso darf Facebook selbst so viele Daten haben, die offensichtlich heikel sind? Ich weiß nicht, wie viele Beispiele es noch bedarf, um endgültig festzustellen: Facebook handelt durch und durch amoralisch."

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Digitalistan beim WDR, also (wie das Altpapier) im ARD-Verbund erscheint, in dem es noch viel mehr unterschiedliche Strategien zum Umgang mit den sog. sozialen Medien als Rundfunkanstalten gibt und solch klare Meinungen leider selten geäußert werden. Vielmehr laden viele Redaktionen ja rundfunkbeitrags-finanzierten Stoff ohne Ende zu Facebook rauf, und gerne animieren Moderatoren ihre Zuschauer, auf Facebook zu kommentieren –  und damit, Facebook beizutreten (über so was schrieb ich 2017 einen Jahrbuch Fernsehen-Artikel).

Die ebenfalls vom WDR verantwortete ARD-"Sportschau" etwa ist sich nicht zu doof, Zuschauer sogar zu Whatsapp zu lotsen ("Wenn Sie WhatsApp auf Ihrem Mobilgerät installieren und nutzen, stimmen Sie den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von WhatsApp zu, auf die sportschau.de keinen Einfluss hat"). Dabei kreist einer der aktuell spannendsten Datenschutz-Rechtsstreite um die Frage, ob Facebook – entgegen ersten Ankündigungen, genau das gar nicht zu planen – doch "personenbezogene Daten" seiner Tochterfirma Whatsapp, die übrigens "mittlerweile von 1,5 Milliarden Menschen genutzt" wird, mit den eigenen verknüpfen darf (heise.de).

Konsequent hat Facebook außer Cambridge Analytica auch den Whistleblower Wylie ausgeschlossen, und zwar nicht nur dessen Facebook-Konto, "sondern auch die Accounts bei den Facebook-Unternehmen Instagram und WhatsApp" (SPON) gesperrt.

Die Milliarden Daten dieser drei Angebote gehören zu den besten Daten, die auch künftig für vieles, darunter auch für deutsche Wahlkämpfe, zur Ernte bereit stehen – vielleicht weiterhin für pfiffige Schurken, die Facebook übers Ohr hauen, gewiss aber für zahlende Facebook-Kunden (sicher oft auch der jeweils geltenden Rechtslage gemäß). Und für alles, was Mark Zuckerbergs Konzern sonst noch gut findet, auch.

"Facebook makes their money by exploiting and selling intimate details about the private lives of millions, far beyond the scant details you voluntarily post. They are not victims. They are accomplices",

twitterte Edward Snowden zu dieser Sache. Wo bleibt das Positive? Wie es aussieht, wird der Whistleblower Christopher Wylie nicht nach Russland fliehen müssen, um in Freiheit bleiben zu können.

Altpapierkorb (viele neue Zeitschriften; Jauch-Wein bei Aldi; Wenders, Hallervorden, Maschmeyer; Millowitsch-Theater; Bundestrojaner)

+++ Zwischen Großbritannien und Russland herrschen bekanntlich brisante Auseinandersetzungen. Der britischen Medienaufsicht Ofcom rät Rainer Stadler von der Neuen Zürcher Zeitung, den umstrittenen staatlich-russischen Fernsehkanal RT nicht zu verbieten: "Ausländische Propagandasender zu unterdrücken, ist ... für Demokratien nicht empfehlenswert. Sie sollten auf die Macht des besseren Arguments und der fairen Darstellung von Sachverhalten vertrauen. Es ist anspruchsvoll genug, diesen Werten täglich zu genügen". +++ Über den Auftritt des RT Deutsch-Chefredakteurs Iwan Rodionow in dieser Phoenix-Talkshow ärgert sich Springers Welt, auch wenn sie die dort gemachte Rodionow-Aussage vom "postfaktischen Zeitalter, wenn Behauptungen allein schon ausreichen, um Behauptungen als Fakt zu betrachten", wohl teilt.

+++ Die ganze Mediennische im engeren Sinn scharrt schon mit den Hufen, um am Donnerstag beim JWD-Durchblättern überprüfen zu können, ob das Joko-Winterscheidt-Druckerzeugnis die Ansprüche, die Barbara Schöneberger und Eckart von Hirschhausen an Gruner+Jahrs Fernsehprominenten-Zeitschriften setzten, erfüllt. Doch hopsala, noch eine völlig andere neue Zeitschrift erschien auch gerade. Cosy heißt sie, hat auch 'ne Internetseite und sei "keiner dieser Coffeetable-Hochglanz-Ziegel, sondern Lebensgefühl zum Snacken", wie, auch snackable, Max Scharnigg in der SZ schreibt.

+++ Außerdem geht's auf der SZ-Medienseite um das "bizarre Schauspiel" der Pressekonferenzen nach Nationalen Volkskongressen in China.

+++ Auf der FAZ-Medienseite glossiert Ursula Scheer über u.a. Günther Jauchs Wein, der nun auch in Aldi-Schläuchen gereicht wird. Beziehungsweise gibt's ihn "seit Neuestem original abgefüllt und verkorkt bei Aldi. Dort vertickt der Moderator und Freizeitwinzer nun Rot- und Weißwein unter seinem guten Namen. 'Günther Jauch' steht auf den Etiketten, doch Rebensaft vom Jauchschen Weingut 'Von Othegraven' ist nicht in den Flaschen, sondern ein Verschnitt von Allerlei von Vielerorts für 5,99 Euro, dessen Geschmack Jauch 'mitenwickelt' habe". Wie sieht das aus? Siehe Medienkorrespondenz auf Twitter. +++ Ferner auf der FAZ-Medienseite: die Öffentlichkeitsarbeit des "Kommunikationssekretariats des Vatikans" und Wim Wenders' "gemeinsam mit dem Vatikanfernsehen 'Vatican Media' produzierter Dokumentarfilm" "Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes". +++ Und eine Axel-Weidemann-Kritik zum heutigen Sat.1-Film "Liebe auf den ersten Trick" ("Veronica Ferres als gerissene Trickbetrügerin, Dieter Hallervorden als Millionär, Kapstadt als Drehort (in dem nur zwei schwarze Menschen zu wohnen scheinen), ein Pastor und eine Hochzeitsplanerin. Sollten wir sagen, Sat.1 habe dieses Mal wirklich etwas gewagt?").

+++ Carsten Maschmeyer, "einer der erfolgreichsten Selfmademen in Deutschland, zugleich aber auch eine polarisierende Persönlichkeit" und ab Mittwoch auch Gastgeber einer eigenen Sat.1-Show scheint Kurt Sagatz vom Tagesspiegel ganz schön für sich eingenommen zu haben.

+++ Den neuen Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber stellt Hendrik Wieduwilt bei faz.net schon mal ausführlicher vor ("Mann fürs Grobe", "mit ihm dürfte es wieder lauter werden") als netzpolitik.org es tat.

+++ Eine "schwarz-blaue Regierung", die nun Bundestrojaner einsetzt? Ach so, vorläufig nur in Österreich (futurezone.at).

+++ Anno 1962 macht "Tante Jutta aus Kalkutta" noch "eine Einschaltquote von 88 Prozent", "2016 entschied sich der WDR, nach mehr als 60 Jahren keine Stücke mehr zu übertragen" und nun schließt das Millowitsch-Theater zu Köln. "Mariele Millowitsch (62), das jüngste Kind von Willy, äußert im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur Verständnis dafür: 'Letztendlich orientiert sich auch ein öffentlich-rechtlicher Sender an Quoten.'" (Kölner Stadtanzeiger/ dpa). Sie ist als eine der unzählige ZDF-Fernsehkommissarinnen ja auch gut versorgt. Was nicht heißt, dass die Anzahl der ZDF-Fernsehkrimis nicht noch weiter steigt ...

+++ "So ernährt sich die Show-Branche selbst. Man fragt sich bei diesem selbstreferenziellen Zirkus bloß, ob es keine wichtigeren Themen gibt" (Thomas Gehringer in epd medien, speziell über aktuelle Klaas Heufer-Umlauf- und Jan Böhmermann-Shows).

Jedenfalls gibt's am Mittwoch wieder neues Altpapier.

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