Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 28. Mai 2018: Silhouette der Stadt Berlin mit einer Titelseite der FAZ, auf dem Demonstrantn mit Deutschlandfahne zu sehen sind und eine Titelseite der taz, auf dem ein Boot der Gegendemonstranten abgebildet ist.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/panthermedia/dpa

Das Altpapier am 28. Mai 2018 Neutralität gibt es nicht im Supermarkt

Die AfD demonstriert in Berlin. Die Gegendemonstranten sind deutlich in der Überzahl. Was ist wichtiger? Da sind taz und FAZ sehr unterschiedlicher Meinung. Und tagesschau.de ist neutral – nur, was ist da neutral? Außerdem: der Mangel an Ambiguitätstoleranz. Und die neue Weltordnung im Fernsehfußball. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 28. Mai 2018: Silhouette der Stadt Berlin mit einer Titelseite der FAZ, auf dem Demonstrantn mit Deutschlandfahne zu sehen sind und eine Titelseite der taz, auf dem ein Boot der Gegendemonstranten abgebildet ist.
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"Als der Zug am Hauptstadtstudio der ARD an der Wilhelmstraße vorbeikommt, schallt es 'Lügenpresse!'" – so steht es in der Reportage auf Seite 3 der FAZ. Sie ahnen es: Wir sind bei der Demonstration, zu der die AfD für Sonntag nach Berlin eingeladen hatte. In den Tageszeitungen, im journalistischen Internet, im Fernsehen wird überall über sie und die Gegendemonstrationen, die es gab, berichtet. Wir vergleichen einige. Kleiner Spoiler: Ja, es gibt sie noch, die Pressevielfalt.

Die Demonstrationen in der FAZ

Was in der Reportage in der gedruckten FAZ erst im vierten von fünf Textbeinen kommt, sind Angaben über die 13 Gegendemonstrationen, die zeitgleich zur AfD-Demonstration stattfanden und die – nach Polizeiangaben – fünf Mal mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten. Bei der FAZ sind sie lediglich "in der Überzahl". Im Text ist davon die Rede, alleine auf der Straße des 17. Juni seien "10.000 Teilnehmer" zusammengekommen. Die Reportage beginnt mit dem Satz: "Ein Geburtstagsständchen aus Tausenden Kehlen – das hat Beatrix von Storch bisher noch nicht zu hören bekommen." Es geht also mitten rein in die AfD-Demo. Und da bleibt der Text dann auch.

Auf Seite 1 der FAZ steht in einem kurzen Nachrichten-Einspalter zwar die Zahl der Gegendemonstranten – 25.000 –, allerdings erst spät; die Protestdemonstrationen tauchen überhaupt erst in Zeile 22 von 36 erstmals auf. Die Überschrift der Nachricht lautet: "Zehntausende in Berlin für und gegen die AfD", womit ein ausgewogenes Verhältnis suggeriert wird; der AfD werden durch die Formulierung tausende Teilnehmer*innen zugeschlagen, die eigentlich gegen sie demonstriert hatten.

Die FAZ suggeriert also durch Aufmachung, Titelgebung, Textaufbau und die Entscheidung, keinen Reporter zu den Gegendemonstrationen zu schicken, aber diverse Teilnehmer*innen der AfD-Demonstration zu Wort kommen zu lassen, die AfD-Demonstration sei relevanter als die erheblich größeren Gegendemonstrationen.

Die Demonstrationen in der taz

Aber lang lebe die Pressevielfalt: In derselben Stadt, am selben Tag, war neben vielen anderen auch die taz unterwegs und hat die Ereignisse deutlich anders wahrgenommen. Sie teasert auf Seite 1 unter der Titelzeile "Volksfest gegen Völkische": "Mindestens 25.000 Menschen zu Land und zu Wasser, glitzernd, bunt und zu Technomusik tanzend, demonstrieren in Berlin gegen einen Aufmarsch von knapp 5.000 AfD-Anhängern."

Die genannten Zahlen sind die der Polizei. Sie werden auch beide in der Reportage auf Seite 3 genannt, die mit dem Satz beginnt: "Die Abschlusskundgebung der AfD am Brandenburger Tor ist von GegendemonstrantInnen umzingelt." Hier sind also die Gegendemonstranten die Handelnden – wobei die AfD-Leute sehr viel ausführlicher zu Wort kommen als ihre Kritikerinnen und -er in der FAZ. Im Kommentar auf Seite 1 heißt es: "Es wäre ein Fehler, die AfD und ihre Wirkungsmacht in der Gesellschaft zu unterschätzen. Es ist aber auch falsch, sie mächtiger zu machen, als sie ist." Das kann man nun auch als freundlichen Gruß nach Frankfurt lesen.

Die Demonstrationen bei tagesschau.de

Tja, aber wer ist nun objektiver, neutraler, hat mehr Journalismuslehrbücher gelesen? Quatschfragen, klar. Objektivität kann man nicht im Supermarkt kaufen. Das zeigt auch ein Blick in ein dem Selbstverständnis nach sehr ausgewogenes Nachrichtenmedium – das für seine Berichterstattung aber in die Kritik geriet: tagesschau.de.

Am Sonntag hieß es dort: "Systemkritik trifft auf bunten Protest". Unterzeile: "Begleitet von Protesten haben 5000 AfD-Anhänger in Berlin demonstriert: Gegen die Kanzlerin, für die 'Zukunft Deutschlands'. An den 13 Gegendemos nahmen laut Polizei mindestens 25.000 Menschen teil."

Der Text beginnt so: "Aus ganz Deutschland sind Tausende AfD-Anhänger nach Berlin gereist."

Er hat 3466 Zeichen, die ersten 1987 sind der AfD-Demo gewidmet. Die anschließenden 978 den Gegendemonstrationen. Es folgen zum Abschluss 501 Zeichen über die Polizei. Genannt werden auch die Zahlen, die von den jeweiligen Veranstaltern herausgegeben wurden: 8.000 Teilnehmer bei der AfD, 70.000 bei den Gegendemos.

Es ist ein Nachrichtentext wie aus dem Lehrbuch: Alle W-Fragen werden beantwortet. Relevanz wird dabei altmodisch bis klassisch definiert: Eine im Bundestag vertretene Partei handelt – das verdient Berichterstattung. Die Reaktionen darauf gehören dann halt auch dazu.

Aber dieses Lehrbuch ist nicht so neutral, wie es scheint. Die Kolumnistin Jagoda Marinic kritisierte: "Die @tagesschau macht hier 'He said – she said'- Journalismus und weigert sich, die Lektion zu lernen, die u.a. von der @nytimes nach der Wahl Trumps gezogen wurd: Schreib nicht, was andere sagen, was sie tun. Schreib, was sie wirklich tun."

Vor allem das Wort "Systemkritik" in der Textüberschrift wird als tendenziös kritisiert, hier ein Beispiel. Und Felix Stephan von der Süddeutschen Zeitung twitterte: "2.000 Rechte stehen in Berlin gerade 72.000 Nicht-Rechten gegenüber" (wobei das Zahlen etwa des Bündnisses gegen Rassismus sind). "Bei der @Tagesschau aber wird eine Demonstration 'tausender' 'Systemkritiker' 'von Protesten begleitet'. Das ist Appeasement, liebe ARD."

Über die Ambiguitätstoleranz

Vermutlich erfährt am meisten dann doch über die Welt, wer FAZ, taz und tagesschau.de liest. Dieser super Tipp wurde Ihnen präsentiert von der Ambiguitätstoleranz!

Mark Siemons bespricht im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Buch "Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt" von Thomas Bauer. Es geht um die besagte Ambiguitätstoleranz, die Bereitschaft, fehlende Eindeutigkeit auszuhalten – beziehungsweise um ihren Mangel:

"Die mutwillige Ausklammerung von jeweils nicht genehmen Teilen der Realität droht jeder Verständigung oder auch nur Möglichkeit des Streits den Boden zu entziehen – sie erzeugt ein Gefühl dick wattierter, Aggressionen provozierender Unwirklichkeit. Bei Anti-Universalisten, wie sie den rechten Diskurs bestimmen, gehört eine solche Ausklammerung offensichtlich zum Geschäftsmodell: Abstraktionen wie 'Kultur' oder 'Nation' taugen nur dann zu bestimmte Menschengruppen ausgrenzenden Kampfbegriffen, wenn man ihnen all die Wandelbarkeit, Zusammengesetztheit, Beeinflussbarkeit, Verflochtenheit, Ambivalenz eben, austreibt, die sie in der Wirklichkeit prägen, und sie als keimfrei isolierbare Wesenheiten zu fixieren versucht."

Siemons – oder Thomas Bauer – sieht einen Mangel an Ambiguitätstoleranz auch auf der anderen Seite; aber bleiben wir beim rechten Diskurs, um smooth rübergleiten zu können zum Tagesspiegel und das Demonstrationsthema mit dessen Kommentar für heute abschließen zu können: Vor allem liefere die AfD mit ihrer Demonstration

"Bilder – für ihre Echokammer. Über Kanäle in den sozialen Medien, mit aufwändig produzierten Videos steuert die Partei längst Wahrnehmung und Realität ihrer Anhänger. Die demonstrieren im Netz. Zwischen deren Realität und dem teils selbstreferentiellem Spaßprotest in der Hauptstadt liegen Welten. Das ist die eigentliche Bruchstelle: Es gibt keine gemeinsame Öffentlichkeit."

Die neue Weltordnung

Wir können aber nicht über den Sonntag reden, ohne zu erwähnen, dass seitdem eine neue Weltordnung gilt.

Wenn auch nur eine neue "Weltordnung im Fernsehfußball", wie Ralf Wiegand in der Süddeutschen Zeitung am Samstag ankündigte: Da übertrug das ZDF nämlich nach fünf Saisons letztmals ein Champions-League-Männerfußballspiel. Genau genommen übertrug vorübergehend zum letzten Mal ein Free-TV-Sender die Champions-League:

"Die europäische Champions League, von Klubs, Sendern und Verbänden gern als Premiumprodukt verkauft, verschwindet ab der Saison 2018/19 komplett im Bezahlfernsehen. Sky und in Sublizenz der Streamingdienst Dazn teilen sich dann den Wettbewerb auf, es wird neue Anstoßzeiten geben (18.55 und 21 Uhr) und ein offenbar ebenso ausgeklügeltes wie rahmensprengendes Verfahren dafür, wer von beiden Zugriff auf welche Spiele hat. Kurz: Es wird komplizierter. Aber das traf in der letzten Saison auf die Bundesliga auch schon zu. Und, tat's weh?"

Im "Tat’s weh" klingt ein "Nein, tat nicht weh" an. Wobei es aber natürlich schon weh tat. Jenen Fans zumindest, die gegen die Montagsspiele protestierten, die nur wegen der TV-Markt-Zersplitterung angesetzt werden. Aber ja Gottchen: Minderheiten! – würde Ralph Bollmann sagen, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kommentierte:

"Umfragen belegen: Nur eine Minderheit der Bevölkerung interessiert sich für Fußball (Link von uns; Altpapier), das aber sehr stark. Der Mehrheit ist das Ganze ziemlich schnuppe, wenn nicht gerade das Endspiel einer Weltmeisterschaft ansteht. Bezahlen müssen aber alle."

Es geht dort also weniger um Fußball (der – Fun fact – auf faz.net am Sonntagnachmittag um halb drei auf acht Plätzen behandelt wurde) als um den Rundfunkbeitrag. "Kein Gebührengeld für Fußball!", fordert Bollmann – und während das Minderheitenargument nicht so zieht (mit dergleichen Argumentation könnte man ja das komplette Programm abschaffen), ist ein anderes nicht so schlecht: "Warum sollten die Gebührenzahler ein Geschäft subventionieren, das kommerziell so prächtig gedeiht?"

Aber ist gerade heute dann vielleicht auch egal: Jetzt ist das ZDF ja eh erstmal raus, zumindest aus der Champions-League.

Altpapierkorb (mehr Fernsehfußball, Zensurvorwürfe in Spanien, "Montagsmaler", Mark Zuckerberg, DSGVO, "False Flag")

+++ Wie aber war er nun, der letzte Champions-League-Auftritt des ZDF? Mittel. Und damit wohl ungefähr so gut wie der von Sky. Im Finale hat der Liverpooler Torwart zwei eher schlimme Gegentore verschuldet. Oliver Kahn (ZDF) und Lothar Matthäus (Sky) bewiesen ihr Expertentum, indem sie den Mann "zur Pfeife des Jahrhunderts" erklärten (wiederum Ralf Wiegand in der der SZ): "Für solche Polemik braucht man keine Experten, die gibt’s am Stammtisch. Empathie, die aus eigener Erfahrung mit schweren Niederlagen im Sport gereift ist, hätten sie dagegen exklusiv gehabt."

+++ Mehr Fußballexperten: Weltmeister Christoph Kramer wird ein weiterer WM-Experte beim ZDF. Jürn Kruse hat für die taz vom Samstag ZDF-Mann Jochen Breyer interviewt, der mit Kramer ein Team bildet. Und in der Printausgabe vom Montag noch eine Spalte angehängt: "Dass Kramer als ehemaliger Nationalspieler und noch aktiver Spieler (bei Borussia Mönchengladbach) für harte Kritik zu nah dran sein könnte am aktuellen Team, stört Breyer nicht: 'Ich erwarte jetzt nicht, dass er gegen den Bundestrainer schießt. Das muss er auch nicht.'"

+++ "Unter dem hashtag #AsiSeManipula – zu Deutsch 'so wird manipuliert' – erzählen Redakteure auf Twitter von weiteren Zwischenfällen. So habe das Morgenmagazin vor wenigen Tagen die Verhaftung des ehemaligen Arbeitsministers und Fraktionssprechers der konservativen Volkspartei, Eduardo Zaplana, unterschlagen, beschwert sich eine Redakteurin." Es geht um Spanien (Deutschlandfunk). Siehe auch zdf.de ("Die Redakteure des spanischen Fernsehsenders RTVE protestieren gegen Manipulation und Zensur. Die Vorwürfe richten sich gegen die spanische Regierungspartei Partido Popular").

+++ Die "Montagsmaler" kommen zurück. Christian Meier findet das in der Welt ziemlich furchtbar.

+++ Friederike Haupt bereitet in der FAS nochmal den Auftritt von Mark Zuckerberg im EU-Parlament auf: "(E)r lotet seine Grenzen aus: so dreist wie möglich, so umgänglich wie nötig. Darum hat er zwar in Brüssel diese Woche die gefährlichen Fragen umschifft, ließ aber anschließend sein Team 18 Antworten nachreichen. Die stehen jetzt im Internet. Jeder kann sie nachlesen. Zuckerberg kann sagen: Die Zeit war halt so knapp, ich wäre gern auf alles eingegangen, aber nun habt ihr eure Antworten ja doch noch bekommen. Der Vorteil des Nachlieferns ist, dass die Aufregung ausbleibt." Ja, schon ein geschickter junger Mann.

+++ Enno Park, DSGVO-Kritiker, hat Links zu Blogs gesammelt, die wegen der DSGVO derzeit offline sind. "Nach 24 Stunden umfasst die Liste 324 Einträge".

+++ Haben Talkshows die AfD groß gemacht? Hatten wir schon öfter, die Diskussion. Das Zentrum für politische Schönheit übermittelte am Sonntagabend in der Sache einen Gruß an "Anne Will", die auch Alexander Gauland von der AfD eingeladen hatte. Es twitterte: "BREAKING: @annewill hat offenbar Alexander Gauland aus der heutigen Sendung wieder ausgeladen! Begründung folgt wohl auf Twitter." Und: "Bei @DLFmedien sagte @AnneWillTalk per Telefon in etwa, dass der heutige Tag in Berlin ihr gezeigt habe, wie irrelevant die AfD sei und dass die gesamte Redaktion sich da bisher immer habe täuschen lassen! Eigentlich ein Akt politischer Schönheit." Aber weil das natürlich nicht stimmte, ist es halt nur eine Randnotiz.

+++ SZ und taz besprechen die israelische Serie "False Flag", die als Nachfolger von "Homeland" gehandelt wird.

Neues Altpapier kommt am Dienstag.

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1 Kommentar

28.05.2018 11:32 Wolfram Jäger 1

Der Verlust von Fußball-Übertragungsrechten führt bei den Öffentlich-Rechtlichen leider nicht dazu, sich jetzt vermehrt anderen Sportarten zuzuwenden, wie z.B. der Leichtatlethik oder dem Feldhockey oder was auch immer, sondern bei der nächstbesten Möglichkeit noch mehr Geld für Fußball-Rechte auszugeben.
So geschehen nach dem Verlust der Live-Übertragungen für Qualispiele der deutschen Elf - jetzt haben sie sich für viel zuviel Geld die Rechte an der UEFA-Nations-League geholt, die einfach nur eine Freundschaftsspiel-Veranstaltung ohne sportlichen Mehrwert ist ...