Das Altpapier am 24. September 2018 Eine Zeitung ist kein Roman

Warum der "He said, she said"-Journalismus "letztlich demokratiegefährdend" ist. Warum das auch für die sogenannte Ausgewogenheit gilt. Und warum wir bei einem Todesfall im Straßenverkehr nicht von einem "Unfall" sprechen sollten. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 24. September 2018: Hände halten Bücher, mittig liegt eine Zeitung.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Tja, eigentlich ist das doch gar nicht so schwer mit dem Journalismus:

"Man sollte nicht schreiben, um ein Publikum zu erreichen. Man sollte schreiben, um das Publikum zu schaffen, das man haben möchte."

So lautet eine hübsche Formulierung Bhaskar Sunkaras, Verleger des 2010 gegründeten linken US-Magazins Jacobin. Die Formulierung steht am Ende eines FAS-Textes von Harald Staun, in dem er eine gerade bei Suhrkamp erschienene Anthologie von Jacobin-Texten vorstellt. Sunkara hat sie gemeinsam mit Loren Balhorn, Leiterin des mit Jacobin verwandten deutschen Onlinemagazins Ada (Altpapier), herausgegeben.

"Zur Popularität des Magazins trägt, neben dem konsequenten Design, vor allem der Verzicht auf all das bei, was an den Jargon marxistischer Intellektueller erinnert. Im besten Fall kombinieren die Texte in Jacobin analytische Strenge mit popkulturellen Referenzen, Originalität mit Aggressivität",

lobt Staun. Dass im Jacobin-Magazin hin und wieder auch Texte erscheinen, die nicht arm sind an antisemitischen Obertönen wie dieser perfide Nachruf auf Claude Lanzmann zeigt , kommt in Stauns Artikel allerdings nicht vor.

Wollte man Sunkaras monolithische Formulierung leitlinien-kompatibel abwandeln, käme folgender Satz heraus: "Wir schreiben nicht, um ein Publikum zu erreichen. Wir schreiben, um das Publikum zu schaffen, das wir haben möchten." In den am Wochenende veröffentlichten "Leitlinien der Redaktionen von Zeit und Zeit Online" kommt ein entsprechender Passus nicht vor, aber es ist natürlich nachvollziehbar, dass eine General-Interest-Wochenzeitung und ihr Online-Angebot sich mit so einer Haltung schwerer tun als ein Nischenmagazin wie Jacobin. Immerhin findet sich in Paragraph 2 der Leitlinien, also ziemlich weit oben, folgender Satz:

"Wir kritisieren unerschrocken, aber scheuen uns auch nicht, für jemanden oder für etwas zu sein."

Das sollte selbstverständlich sein, aber es an exponierter Stelle zu betonen, ist erst einmal lobenswert.

Um mal die konstruktive Stimmung aufrecht zu erhalten und dabei den Blick erneut ins Ausland zu richten nun nach Frankreich: Die taz hat in ihrer Wochenend-Ausgabe ein siebenseitiges Special zur "Zukunft der Zeitung" veröffentlicht (an dem ich peripher mit einem kurzen Text beteiligt war), und Harriet Wolff hat in diesem Rahmen Donatien Huet interviewt, der als "Leiter der Zukunftswerkstatt" bei Mediapart firmiert. Die erfolgreiche Online-Zeitung, die 150.000 Abonnenten hat, macht einiges anders als andere Onlinemedien. Huet sagt:

"Wir versuchen nicht, thematisch fast alles abzudecken, das machen schon viel zu viele. Wir sind aber auch kein Nischenmagazin. Unser Schwerpunkt liegt auf ausführlichen, investigativen Geschichten, die meist länger sind als Printartikel. Hauptsächlich arbeiten wir zu harten Themen aus Politik und Gesellschaft. Aber Recherchen in der Modewelt oder im Sport können für uns genauso Thema werden. Klassische Aktualität interessiert uns nicht. Wir machen nur in Ausnahmefällen Breaking News. Wir betrachten wirklich alles vom investigativen Standpunkt aus und begreifen uns als Medium im linken Spektrum."

Bye, bye, "He said, she said"

Gibt es ein annähernd vergleichbares Angebot in Deutschland? Meines Wissens nicht. Mit ähnlich instruktiven Gedanken wartet Ann-Kathrin Büüsker in ihrem Blog auf, sie rekapituliert hier ihre Erfahrungen mit dem Deutschlandfunk Podcast "Der Tag", der an diesem Dienstag vor einem Jahr an den Start ging:

"Wir versuchen, mit 'Der Tag' uns von der aktuellen Nachrichtenlage etwas zu lösen, Hintergründe zu beleuchten, Orientierung zu vermitteln. Warum haut sich die große Koalition in Berlin wieder die Köppe ein, was steckt da wirklich dahinter? Der Bundeswehreinsatz in Mali soll verlängert werden – okay, aber was machen die Soldaten da eigentlich? Chinas Präsident ist in Afrika, warum hat das Land denn überhaupt so ein großes Interesse an dem Kontinent? (…) Wir berichten nicht, was ein Politiker sagt, wir ordnen ein, warum er es sagt, machen klar, welche Intention sich dahinter verbirgt, gleichen es mit konkreten Handlungen der agierenden Person ab."

Büüsker spricht in diesem Zusammenhang von einem "ganz entscheidenden Punkt zeitgemäßer aktueller Berichterstattung":

"Wir als Journalisten dürfen uns nicht zu Sprachrohren von Politiker*innen machen lassen, damit werden wir unserer Aufgabe nicht gerecht und machen uns überflüssig. Denn ihre Botschaften kann eine Politikerin heute viel bequemer über ihre Social-Media-Kanäle ausspielen. Wir brauchen keinen 'He said, she said'-Journalismus, in dem wir schamlose Lügen und provokante Statements von Populist*innen multiplizieren. Das entspricht nicht nur nicht unserem journalistischen Auftrag, ich halte es letztlich sogar für demokratiegefährdend. Wir müssen daher dringend überprüfen, inwieweit unsere journalistischen Formate und Herangehensweisen noch zeitgemäß sind, müssen unter Umständen einen neuen Umgang entwickeln."

Das sehe ich weitgehend ähnlich. Zwei Einwände: Es kommt nicht nur darauf an, Statements "einzuordnen", es hülfe auch ein bisschen, sich an der Verbreitung irrelevanter Äußerungen gar nicht erst zu beteiligen. Und "wir" müssen auch nicht "unter Umständen" einen "neuen Umgang entwickeln", sondern unbedingt. Dass es für die Zukunft des politischen Journalismus unabdingbar ist, dass Politik-, Nachrichten- und Hauptstadtjournalisten ihre Arbeit fundamental in Frage stellen dazu stand beispielsweise vor einem Vierteljahr etwas im Altpapier.

Fuck the Vielfalt

Der Name Michail Bachtin war mir bisher nicht geläufig, was möglicherweise nicht für mich spricht. 1929 hat der sowjetische Literaturhistoriker ein Buch über Fedor Dostojewski veröffentlicht, das durchaus als Inspiration dienen kann für Gedanken über die Gegenwart und die Zukunft der Zeitung. Sylvia Sasse schreibt im Schweizer Blog Geschichte der Gegenwart:

"(Bachtin) las (…) Dostoevskij als einen Denker, der in seinen Romanen erzählerisch etwas radikal Neues entwickelt habe (…) Bachtin nannte es die 'Vielfalt selbständiger und unvermischter Stimmen und Bewußtseine, die echte Polyphonie vollwertiger Stimmen'. Bachtin (…) stellte fest, dass Dostoevskij den Figuren im Roman nicht seine oder die Weltsicht des Erzählers aufzwingt. Vielmehr gebe es keine Hierarchie, alle kommen zu Wort und streiten miteinander – das sei das Prinzip des vielstimmigen Romans. Der Orthodoxe rede wie ein Orthodoxer, der Slawophile wie ein Slawophiler, der Sozialist wie ein Sozialist und der Erzähler redet mit ihnen und nicht über sie. Dostoevskij führte so auch vor, wie Weltanschauungen funktionieren, welche rhetorischen Tricks sie nutzen, worin sich ihre Argumente und Narrative unterscheiden und wie man mit Ideologen reden oder nicht reden kann."

Warum Sasse das schreibt? Sie will aufmerksam machen auf eine zentrale, tendenziell um auf Büüsker zurückzugreifen möglicherweise "demokratiegefährdende" Schwäche der Medien:

"Sind Zeitungen, in denen 'Linke' und 'Rechte', 'Libertäre', 'Linksliberale' oder 'Rechtsliberale', 'Verschwörungstheoretiker’ und 'Männerrechtler', 'Identitäre', 'Fundis' und 'Impfgegner' alle gemeinsam in einem Blatt publizieren, in ihrer 'Vielfalt' auch vielstimmig? Nein, würde Bachtin wohl sagen, denn eine Zeitung ist kein Roman. In ihren Texten werden Weltanschauungen nicht dargestellt oder vorgeführt, um in ihrem Funktionieren durchschaut zu werden. Der Chor der Meinungen kann den einzelnen Text nicht davor bewahren, selbst Propaganda oder Ideologie zu sein. Auf diese Weise wird auch nicht politische Vielfalt abgebildet, sondern schlicht journalistische Qualität vernachlässigt, denn (…) diese 'Vielfalt' hat (…) auch den Effekt, alle anderen Texte, also auch solche, die journalistisch gut recherchiert sind, die konkretes Material analysieren oder auf wissenschaftlich überprüfbaren Fakten beruhen, ebenfalls als bloße Meinungen erscheinen zu lassen."

Möglicherweise ist es ja so, dass Journalisten, die glauben, der scheinheiligen Forderung der Rechten nach "Vielfalt" in deren Sinne nachkommen zu müssen, auch literaturwissenschaftliche Kenntnisse fehlen. Wüsste man, wenn man wüsste, was in einem Roman funktioniert, möglicherweise besser, was in einer Zeitung nicht funktionieren kann? Sasse schreibt des weiteren:

"Gerade in der Schweiz kann man schon seit langer Zeit beobachten, wie die politische Forderung nach 'Ausgewogenheit' nicht einfach 'andere' Meinungen, sondern populistische Strategien in der Presse befördert hat.

Dass jetzt auch in Deutschland im Namen der Ausgewogenheit Positionen und Thesen diskutiert werden, die demokratiefeindlich sind, hat jüngst auch der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in einem Interview scharf kritisiert. Statt das Hirngespinst von der 'Lügenpresse' und der Ausgewogenheit zu kritisieren bzw. als Strategie zu analysieren, werden nun genau jene Leute eingeladen, die diese Propaganda bedienen."

Sasse bezieht sich dabei auf ein in der vergangenen Woche erschienenes Interview, das das L.I.S.A.-Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung schriftlich mit Theweleit geführt hat. Der Schriftsteller sagt dort unter anderem:

"Zuzugeben wäre (…): 'Wir sind eine interessenzentrierte bürgerliche Presse mit ganz bestimmten Werten; und sind damit in den Augen derer, die diese Werte ablehnen und bekämpfen ganz selbstverständlich Lügenpresse. Danke für das Kompliment'! – so etwa hätte eine angemessene Antwort zu lauten (…) Man hätte sich zu bekennen zur eigenen Parteilichkeit. Nämlich: 'Ja, wir sind so; und wir sind gegen euch. Und wir sagen das laut, auch ohne euch dabei haben zu müssen im Diskutierstuhl.'"

Dieses Selbstbewusstsein, dieser Selbstbehauptungswille scheint mir vielen Journalisten zu fehlen. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt, denn bei Zeit und Zeit Online beispielsweise siehe oben wollen sie sich ja künftig nicht mehr "scheuen, für jemanden oder für etwas zu sein".

Es gibt keine "Unfälle" im Straßenverkehr!

Einen wichtigen sprachkritischen Impuls, und zwar jenseits des thematischen Feldes, den die Sprachkritik sonst hauptsächlich beackert, setzt Nils Astrup in der Wochenendbeilage des Neuen Deutschland. Seine Forderung: "Das Wort 'Unfall' muss aus der Umgangssprache über Verkehrstote entfernt werden." Denn:

"(Die) absurde Verwendung des Wortes 'Unfall' verschleiert die Todesursache: dass jedes Todesopfer im Verkehr daran stirbt, dass jemand zu schnell oder unter Alkoholeinfluss gefahren ist, während der Fahrt Mitteilungen verschickt oder auf andere Weise die Tragödie verursacht hat. Alles verschwindet im toten Winkel der Sprache, wenn das Wort 'Unfall' zur Routine wird. Diese Apathie verwundert: Flugzeuge stürzen ab, Schiffe havarieren. Nur auf unseren Straßen ist alles offenbar Gotteswille, sind alle Gesetze der Physik aufgehoben. Die Bezeichnung 'Verkehrsunfall' signalisiert, dass nichts und niemand wirklich Schuld an einem Zusammenstoß hatte. Es geht aber auch anders: In den Vereinigten Staaten verschwindet das Wort 'accident' aus den Medien (…) Vor kurzem änderte die Associated Press (…) ihren Sprachgebrauch. In ihren Sprachrichtlinien (Styleguide), die jahrzehntelang die Sprache der Journalisten prägten, bittet die Agentur nun ihre Journalisten, das Wort 'accident' (Unfall) zu vermeiden, wenn die Schuld bei einem der beteiligten Verkehrsteilnehmer liegt. Die Begründung: Es könnte als Freispruch für den Schuldigen verstanden werden."

Astrups Fazit:

"So lange wir den Tod im Straßenverkehr als 'Unfall' interpretieren, schauen wir nicht genauer hin und machen uns die Wirklichkeit nicht bewusst."

Medien als Angstmacher 

Der mit dem Altpapier qua MDR verschwägerte Steffen Grimberg war für die taz dabei beim Symposium "Krisen-, Konflikt- und Risikokommunikation braucht mehr Können", das die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) am Freitag veranstaltete. Er zitiert in seinem Beitrag Gerd Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikobewertung am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:

"40 Prozent der US-BürgerInnen hätten laut Studien auch Angst, selbst Opfer von Terror zu werden. 'Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Sie als Waffenbesitzer von einem in Ihrem Haushalt lebenden Kleinkind erschossen werden.' Für Gigerenzer geht es also um journalistische Handwerk – und verbale Abrüstung."

Der zentrale Satz Gigerenzers scheint mir zu sein:

"Was Sie in den Medien an Gefahren finden, wird Sie gemessen an der statistischen Wahrscheinlichkeit am wenigsten umbringen."

Sollten wir wissen, wissen wir wohl auch. Aber wir vergessen es auch immer wieder.


Altpapierkorb (Sky-Verkauf, Lokalzeitungsqualität, bedrohter DW-Moderator, revolutionäre Magazin-Cover)

+++ Der Kabelnetzbetreiber und Internetdienstanbieter Comcast wird wohl für "gut 33 Milliarden Euro" den Fußball-und-so-Sender Sky kaufen, jedenfalls empfahl der Verwaltungsrat des Pay-TV-Senders "den Aktionären, das in (einer) Auktion ermittelte finale Angebot von Comcast anzunehmen. Dafür haben die Anteilseigner nun bis zum 11. Oktober Zeit". Das berichtet die SZ im Wirtschaftressort. Mit der "dritten Großübernahme in der internationalen Fernsehbranche innerhalb weniger Monate" befasst sich auch das Handelsblatt.

+++ Einen Eingriff in die Medienfreiheit mit Mitteln des Wettbewerbsrechts hat offenbar Donald Trump im Sinn. Die Welt befasst sich damit in ihrem Wirtschaftsteil.

+++ Die Studie "Leistungen des Lokaljournalismus", basierend auf 18.000 Artikeln aus 103 Lokalzeitungen und Online-Auftritten, hat laut der Medienwissenschaftlerin Anna-Lena Wagner, die an dem Forschungsprojekt beteiligt war, unter anderem ergeben, dass gewisse pauschale Urteile über Lokaljournalismus überholt seien: "Das Themenspektrum ist breiter geworden, es findet nicht mehr nur Vereinsberichterstattung statt." Andererseits gebe es "zu wenig Hintergrund, etwa in Form von Erklärkästen, zu wenig unterschiedliche Perspektiven von Experten oder Betroffenen. Auch Interviews, Kommentare oder Reportagen seien deutlich in der Minderheit gewesen" so fasst Rita Lauter für Zeit Online Wagners Kritik zusammen.

+++ Jaafar Abdul Karim, Moderator der Deutsche-Welle-Talkshow "Shababtalk" wird von Extremisten bedroht, weil in seiner Sendung eine 28-Jährige aus dem Sudan die Unterdrückung der Frauen in ihrem Land anprangerte. Die Deutsche Welle berichtet in eigener Sache, der Tagesspiegel geht ebenfalls auf das Thema ein.

+++ Der Guardian stellt unter der Überschrift "The best magazine covers ever" Ian Birchs Anfang Oktober erscheinendes Buch "Uncovered: Revolutionary Magazine Covers The inside stories told by the people who made them" vor. Unter den "revolutionären" Beispielen, die der Guardian zur Illustration des Artikels ausgewählt hat, ist auch eines aus Deutschland.

+++ Der sechsjährige Muhi ist Sohn eines Hamas-Aktivisten, aber seine Heimat ist ein israelisches Krankenhaus, weil der unter einer Autoimmunkrankheit leidende Junge im Gaza-Streifen nicht behandelt werden kann. Er ist der Protagonist des Dokumentarfilms "Muhi Über alle Grenzen", der heute bei 3sat zu sehen ist. Ursula Scheer empfiehlt die israelisch-deutsche Koproduktion auf der FAZ-Medienseite: "Wie unter einem Brennglas laufen in Muhis Schicksal die großen Linien des Nahost-Konflikts zusammen. Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Elterman lassen es ganz für sich stehen, als Geschichte, die zutiefst Deprimierendes wie Ermutigende, Lebensbejahendes vereint."

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.