Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 28. September 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 28. September 2018 Algorithmen sind das neue Rauchen

Die EU greift echt mal richtig hart durch gegen Fake News bei Facebook & Co. Recherche kann helfen, sogar bei geheim zu bleibenden Technologien und Spionen. Der WDR steht auf geraubte Babys, Tränendrüsen und Jörg Schönenborn. Auch ein Nico Hofmann tätschelt weibliche Schultern. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 28. September 2018
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Wenn es nach Mariya Gabriel geht, der EU-Kommissarin für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, dann können Freunde von Demokratie und Menschenrechten sich demnächst einen neuen Begriff neben ihre Friedenstaube und das Martin-Luther-King-Zitat tätowieren lassen: Code of Practice on Disinformation.

Die – wenn schon Euphorie, dann richtig – kleine Schwester des Code Civil ist ein Verhaltenskodex gegen Fake News und dazugehörige Kampagnen, den Facebook, Google & Co. nun unterzeichnet haben (hier informiert die Kommission allgemein über das Thema, hier geht es direkt zum Download des Codes). Sehr zur Freude von Mariya Gabriel (Quelle: Pressemitteilung):

"It is an important step in tackling a problem which has become increasingly pervasive and threatens Europeans' trust in democratic processes and institutions. This is the first time that the industry has agreed on a set of self-regulatory standards to fight disinformation worldwide, on a voluntary basis. The industry is committing to a wide range of actions, from transparency in political advertising to the closure of fake accounts and demonetisation of purveyors of disinformation, and we welcome this. These actions should contribute to a fast and measurable reduction of online disinformation. To this end, the Commission will pay particular attention to its effective implementation."

Wäre bei unseren freundlichen Gastgebern von mdr.de das Einbetten von Gifs erlaubt, Sie würden hier diesen Klassiker sehen.

Aber.

Zum einen: Die Industrie hat zugesichert, sich in dieser für die Demokratie wie etwa die im kommenden Jahr anstehende Europawahl (ganz recht, daher weht der Wind) nicht ganz unwichtigen Sache selbst zu regulieren, und das auf freiwilliger Basis. Das klingt in etwa so effektiv wie einer Gruppe Banker nach einer Wirtschaftskrise das Aufstellen neuer Regularien zu überlassen, die eine solche in Zukunft verhindern sollen (oh, wait).

Daran anschließend, zum anderen: Gegen die Verbreitung von Falschnachrichten im Netz sollen etwa die Überprüfung von Inhalten durch Netzwerkbetreiber oder die Aufklärung darüber helfen, warum jetzt gerade diese Anzeige angezeigt wird. Das sind praktischerweise alles Maßnahmen, die Facebook, Twitter und Google bereits anwenden, weshalb sie auch mehrere Seiten im Best-practice-Bericht mit ihren Taten füllen, der dem Code anhängt.

Jörg Schieb urteilt im WDR-Blog Digitalistan:

"Wer entscheidet eigentlich, was Fake ist und was nicht, was als Falschinformation gilt und was als Information? Nicht geklärt. Wie schnell muss reagiert werden? Nicht geklärt. Welche messbaren Ziele setzt man sich? Nicht geklärt.

Die Selbstverpflichtung ist gar keine wirkliche Verpflichtung. Sie ist vielmehr ein 'Wir wollen versuchen, mal zu schauen, wie es besser gehen könnte'. Keine gemeinsamen Ansätze, keine klaren aussagekräftigen Verpflichtungen, keine messbaren Ziele. Und: keine Sanktionen. Das ist viel zu dünn."

Ich würde erhöhen auf: Das ist eine klassische Win-Win-Situation – für EU-Kommission und Unternehmen. Erstere hat nun für alle sichtbar agiert; Letztere bekommen bescheinigt, was sie bereits alles Tolles machen. Verlierer sind hingegen lahme Leute wie die Nutzer. Denn dass die ganzen tollen selbstregulierenden Maßnahmen und ewigen Bekenntnisse der Mark Zuckerbergs dieser Welt bislang etwas verbessert hätten, ist nicht bekannt.

The Markup will recherchieren, was Algorithmen antreibt

Verrückte Idee, besonders in einer Medienkolumne: Vielleicht sollte man an das Thema ganz anders herangehen. Journalistisch, nämlich. Das ist der Plan, den das im kommenden Jahr an den Start gehende Portal The Markup verfolgt, dessen Redaktion in New York sitzt und sich durch Spenden finanzieren will.

"Technology is reshaping the news we get and what we believe; how our elections play out; our jobs and how we get them; how we access goods and services and what we pay for them; and who goes to prison versus who remains free. But there is not much independent analysis of the effects of these changes. That's the problem The Markup aims to fix",

heißt es auf der Website. Chefredakteurin Julia Angwin erklärt zudem im Interview mit Claus Hulverscheidt auf der Medienseite der SZ:

"Ich bin fest davon überzeugt: Wer Technologien beurteilen will, muss sie erst einmal verstehen. Wir werden daher in etwa so viele Programmierer einstellen wie Journalisten und dann Recherchegruppen bilden. In vielen Fällen werden wir auch die nötigen Daten erst einmal selbst sammeln müssen, weil es sie bisher nicht gibt oder sie nicht öffentlich zugänglich sind. (…) Ich glaube schon, dass viele wissen wollen, was vor sich geht. Denken Sie daran, wie es mit dem Rauchen war: Da wollten die Leute auch zuerst nichts hören über die Risiken. Irgendwann jedoch war die Beweislage so erdrückend, dass sie tatsächlich aufgehört haben zu qualmen. Aber es war eine lange Reise."

Facebook und Google beschützen ihre Algorithmen heute so wie einst Franz Josef Strauß die Details seiner Rüstungspolitik und die katholische Kirche ihre Mitarbeiter-Akten. Die freundliche Bitte der deutschen Justizministerin, von selbst für mehr Transparenz zu sorgen, hat bisher wenig gebracht. Warum also nicht einfach mal recherchieren?

Ein aktuelles Beispiel und eine gewohnt gewagte Überleitung, dass dieser Weg tatsächlich zu Erfolgen führen kann, hat das vom britischen Investigativ-Journalisten Eliot Higgins gegründete Recherchenetzwerk Bellingcat gerade geliefert, indem es einen der im Fall Skripal Verdächtigen als russischen Spion enttarnt haben will. Das Vorgehen beschreibt es selbst ausführlich als Teil des Enthüllungs-Artikels (eine deutsche Fassung liefert Patrick Gensing im "Tagesschau"-Faktenfinder. Ebenfalls lesenswert dazu der britische Guardian, der auch mit Higgins gesprochen hat).

"Bellingcat began the search with only the two targets' photographs and their cover identities. Initially we attempted reverse image-search via several online engines, but no matches were found. Similarly, no name telephone numbers were registered in the name of 'Ruslan Boshirov' in any of the reverse-searchable telephone databases usually scraped by Bellingcat."

Von da geht es durch die Jahrbücher einer Militärakademie, russische Suchmaschinen und geleakte Datenbanken mit Adressdaten – Miss Marple hätte ihre Freude daran, Hans Leyendecker ebenso.

The Markup, Bellingcat – was machen eigentlich etablierte Verlage dieser Tage?

Schöner bauen mit Gruner + Jahr

 "(K)lare Haltung und hohe Qualität" – diese Attribute beschwört Gruner + Jahr in einer aktuellen Pressemitteilung. Leider geht es darin jedoch nicht um die redaktionelle Zukunft von Stern, Brigitte & Co., sondern den geplanten Neubau und damit Umzug des Verlagshauses Richtung Hamburger Hafencity. Eine Jury hat sich nun für die Entwürfe des Londoner Architekturbüros Caruso St John entschieden.

"Unsere Art des Arbeitens hat sich verändert – viele neue Produkte und Geschäfte entstehen redaktionsübergreifend, in immer wieder neuen Teamstrukturen. Wir brauchen ein Haus, das mit unserer Veränderung mithalten kann",

zitiert die PM G+J-Chefin Julia Jäkel, wobei diese Zusammenarbeit über Redaktionsgrenzen hinweg auch durch räumliche Nähe befördert wird – Gregory Lipinsky, Meedia:

"Dennoch muss die Belegschaft mit weniger Platz auskommen. So stehen den rund 2000 G+J-Mitarbeitern lediglich 44.000 qm Bruttogeschossfläche zur Verfügung. Am Baumwall waren es 70.000 qm. Gerüchte, wonach nicht alle Mitarbeiter in das neue Gebäude einziehen sollen, erteilt Jäkel eine klare Absage."

Gut zu wissen in jedem Fall, wofür noch Geld da ist und gerne ausgegeben wird.

Ein Dokumentarfilm ("Franco vor Gericht"), zwei Probleme

Bei wem zu wenig von selbigem ankommt, sind die Inhaltelieferanten. Ein aktuelles Beispiel dafür hat Altpapier-Kollege Christian Bartels in seiner Kolumne bei evangelisch.de mit dem Dokumentarfilm "Franco vor Gericht" von Lucía Palacios und Dietmar Post. Mitte Oktober kommt dieser in die Kinos. Schon heute lässt er sich auf der Website der Macher für 2,50 Euro streamen sowie als Paket aus Buch und zwei DVDs käuflich erwerben – eine wichtige Einnahmequelle, wie Bartels erklärt:

"Solange Filme in Fernsehsender-Mediatheken oder auf Youtube gratis zu sehen sind, bezahlt niemand dafür. 'Das bedeutet bei Fernseh-Koproduktionen jedes Mal harte Diskussionen um die Mediatheken-Verweildauer', schildert der Filmemacher (Dietmar Post, Amn. AP) ein Problem vieler Dokumentarfilmer: 'Mediatheken sind praktisch eine neue Verwertungsart, aber ohne Extra-Bezahlung'."

Das ist das eine Ärgernis in der Zusammenarbeit mit Sendern. Zum anderen täten diese sich äußerst schwer, aus ihren massenoptimierten Sehgewohnheitsbedienschemata auszubrechen, beschwert sich Post. Der WDR habe sich etwa geweigert, eine 45-Minuten-Version des Films abzunehmen.

"'Sie lehnten grundweg die Machart des Films ab, hielten ihn für nicht sendbar und beschlossen dann, uns Produzenten nicht die letzte Rate auszuzahlen. Neben dem inhaltlichen und ästhetischen Druck sollten wir jetzt auch finanziell bestraft werden'. (…) 'Es war nicht der inzwischen gewohnte reine Empörungsfilm um geraubte Babys oder der schöne Feelgoodfilm', dem Sender habe 'Emotionalität' gefehlt. Sein Film sei 'weder reißerisch, noch 'embedded', drückt nicht auf die Tränendrüse, sondern erzählt so nüchtern wie möglich'".

Gerade das mache den Film aber so sehenswert, mein Christian Bartels.

Weniger etablierte Strukturen, mehr journalistische Qualität? Als Gleichung behalten wir das mal im Hinterkopf.


Altpapierkorb (Recep Tayyip Erdoğan, Ján Kuciak, Nico Hofmann)

+++ "Herr Erdogan landet in Berlin, Journalisten im Gefängnis" – so begrüßten die Reporter ohne Grenzen den türkischen Staatschef gestern in Berlin-Tegel, wie sie selbst bei Twitter festhielten.

+++ Nach der Ermordung des slowakischen Investigativjournalisten Ján Kuciak (Altpapier) gab es gestern erste Festnahmen, berichten mit Agenturen Spiegel Online und die taz.

+++ Über alltägliche, männliche Machgesten und den eine weibliche Schulter tätschelnden Nico Hofmann schreibt Ulrike Simon bei Spiegel+. Apropos #metoo: Tom Buhrow hat den nicht unbedingt um Aufklärung der WDR-Affäre, bevor es eine solche war, bemühten Fernsehdirektor Jörg Schönenborn zur Wiederwahl vorgeschlagen, meldet der WDR per Pressemitteilung selbst.

+++ Der Wunschkandidat der populistischen Regierung in Italien ist neuer RAI-Chef. Bei "@mediasres" stellt Thomas Migge Marcello Foa vor.

+++ Das "Morgenmagazin" der ARD hat es weder mit Zahlen, Logik noch Grafik und veröffentlicht daher seit Monaten verwirrende Säulen zur Sonntagsfrage aus dem Deutschlandtrend, so Stefan Niggemeier bei Übermedien.

+++ "Für den Journalismus kann die Konsequenz daraus nicht bedeuten, weniger oder anders zu berichten und in seiner Kritik an Rechtstendenzen zurückzustecken. Wohl aber muss unter Journalisten und in den Redaktionen dringend diskutiert werden, wie man den Eindruck 'betreuten Denkens' vermeidet." Das ist nur eine Lehre, die Volker Lilienthal in der aktuellen Ausgabe epd medien (derzeit nicht online) aus den Geschehnissen in Chemnitz und Köthen zieht.

+++ "Von Interviews, Hintergrundgesprächen und 'Zuckerln' wie Polizeireportagen hängt das Wohl und Wehe der Pressefreiheit nicht ab. Damit umzugehen ist vor allem die Verantwortung der Journalisten selbst. Aber es ist ein Unterschied, ob die politische Ebene den Zugang zu sich politisch steuert oder ob sie, wenn sie an der Regierung ist, den exekutiven Apparat voll für ihre Zwecke einzuspannen versucht." (Stephan Löwenstein heute auf der FAZ-Medienseite () über das seltsame Verhältnis des österreichischen Innenministeriums zu Medien, zuletzt gestern Thema im Altpapier).

+++ Wie es war, als die alten Haudegen der taz zu deren 40. Geburtstag die Ausgabe für den gestrigen Donnerstag produzierten, steht in der taz.

+++ In der Kika-Serie "Max & Maestro" bringt ein Zeichentrickfigur gewordener Daniel Barenboim dem Nachwuchs klassische Musik näher. Für den Tagesspiegel rezensiert Frederik Hanssen.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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