Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 22. Februar 2019: Handy mit Online-Dating auf dem Display und Goethe
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 22. Februar 2019 Tote tindern nicht

Für die einen ist es sexuelle Belästigung, für die anderen nur ein Missverständnis: Gebhard Henke is back, klagt aber nicht mehr. Die EU-Urheberrechtsreform findet keiner gut, der sich damit auskennt. Der nächste Fall von Fantasie-Journalismus führt zu Prüfungen bis zur Nicht-Nachprüfbarkeit. Für Sigmar Gabriel haben deutsche Verlage immer Geld übrig. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 22. Februar 2019: Handy mit Online-Dating auf dem Display und Goethe
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Um zu Gebhard Henke durchzudringen, brauchen Erkenntnisse etwas länger. Im vergangenen Sommer hatte der damals aufgrund des Vorwurfs sexueller Belästigung frisch entlassene Fernsehspielchef des WDR (s. diverse Altpapiere) noch im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit gesagt:

“Es gab keine Übergriffe, keine sexuellen Annäherungen, gar noch verbunden mit dem Versprechen, das Eingehen auf meine angeblichen Avancen mit Jobs zu belohnen“.

Charlotte Roche, die diese Vorwürfe öffentlich gemacht hatte, sowie u.a. das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, als darüber berichtendes Medium, hatte er daraufhin verklagt. Nun meldete Zeit Online (mit Agenturen), dass er diese Klagen zurückgezogen habe.

“'Gebhard Henke ist zu der Überzeugung gelangt, dass eine juristische Auseinandersetzung nicht der richtige Weg ist, um sich mit der Thematik und den Vorwürfen auseinanderzusetzen’, teilte sein Anwalt ZEIT ONLINE mit. 'Da nicht anonyme, sondern konkrete Vorwürfe von Frauen vorliegen, so will er sich damit auseinandersetzen, Missverständnisse ausräumen und sich, wenn ein unangemessenes Verhalten vorgelegen haben sollte, in aller Form entschuldigen.’“

Ein kurzes Statement zu zwei großen Ungeheuerlichkeiten. Denn zum einen ist es nicht an demjenigen, der Frauen zur Begrüßung die Hand auf den Po knallt, wie Roche es beschrieben hat, der Betroffenen zu erklären, dass sie sich nicht sexuell belästigt zu fühlen habe, sondern er sich missverstanden. Und zum anderen muss man wissen, was der erlangten Überzeugung vorausging.

“Die Angriffe gegen Charlotte Roche waren besonders heftig. So sprachen Henke und sein Anwalt in der Klageschrift von einer 'buchstäblich irren Vorstellung’ und behaupteten, dass es 'physisch gar nicht möglich’ sei, dass er Roche in aller Öffentlichkeit gleichzeitig die Hand geschüttelt und an den Po gefasst habe, ohne dass es Zeugen gegeben habe. Seine Anwälte schlugen den Richtern gar vor, die Szene vor Gericht oder am Ort des Geschehens, dem Kino Astor in Köln, nachzustellen“,

berichten Laura Backes und Ann-Katrin Müller für Spiegel Online. Und weiter:

“In einem weiteren Schriftsatz vom vergangenen Dezember wurden sie noch persönlicher. Dort findet sich ein ganzes Kapitel mit dem Titel 'Zur Glaubwürdigkeit der Beklagten’. Darin breitete Henkes Anwalt seitenlang aus, wieso Roche, 'geradezu süchtig nach öffentlicher Aufmerksamkeit’ sei. (…)

Er bezeichnete sie ebenfalls als 'sündenstolze Lügnerin’. Als Beleg dafür sollte eine Geschichte dienen, die Roche 2007 dem Fernsehmoderator Harald Schmidt in dessen Sendung erzählte - und die sich auf eine Begebenheit aus dem Jahre 1990 bezieht. Im Alter von zwölf Jahren hatte Roche gelogen, um eine Lateinarbeit nicht schreiben zu müssen.“

Wäre es nicht so widerlich, könnte man fast darüber lachen.

Doch warum haben Henke und Anwalt kurz vor knapp und der Verhandlung in dieser Woche von Angriff auf Verteidigung umgeschaltet? Spiegel Online berichtet von sieben Frauen, die unter Angabe ihres vollen Namens Erklärungen abgegeben hätten, in denen es wiederum um “anzügliche Bemerkungen, um Po-Grapscher in aller Öffentlichkeit, um Hände auf dem Oberschenkel und um ungewollte Küsse“ ginge.

Missverständnis, my ass.

EU-Urheberrechts-Reform: Nur wer sie nicht verstanden hat, ist dafür

Ganz andere Baustelle, aber wie ein Missverständnis fühlt sich auch die Sache mit der Reform des EU-Urheberrechts an. Erst hat dieses mysteriöse Trilog-Bündnis aus Vertretern von Parlament, Kommission und Rat dieser zugestimmt (Altpapier); am Mittwoch folgten die Mitgliedsstaaten (Altpapier) (das Votum des EU-Parlaments steht noch aus). Und doch scheint außerhalb der Entscheider-Blase niemand das Konzept gut zu finden.

Bei Vereinen wie dem Chaos Computer Club, der Digitalen Gesellschaft und den Freischreibern ist das kein Wunder, die als Bündnis “Berlin gegen 13 gegen den Paragraphen 13 des Gesetzentwurfs, Stichwort “Uploadfiter“, mobil machen und für den 2. März in Berlin zu einer Demo aufrufen.

Aus dem Mund eines bei einem großen, deutschen Verlag beschäftigten Chefredakteurs, wie das bei Jochen Wegner von Zeit Online der Fall ist, schon eher. Schließlich ist in den Reformvorschlag viel Lobbyarbeit aus deutschen Medienhäusern eingeflossen. Und doch sagt Wegner im Interview mit Volker Schütz bei Horizont ganz klar:

“Sowohl Leistungsschutzrecht als auch Uploadfilter sind ganz sicher nicht im Interesse der europäischen Bürger. Sie sind auch nicht im Interesse von Gründern und Kreativen. Sie sind der Versuch von Verbänden, ein politisches Druckmittel gegen die Plattformen zu etablieren. Ein sich wandelndes Geschäftsmodell lässt sich aber nicht durch irrationalen politischen Druck zurückdrehen. Am Ende werden eben jene Plattformen am wenigsten Probleme damit haben - so, wie wir es bereits beim deutschen Leistungsschutzrecht gesehen haben. Es wird die vielen Kleinen treffen und die Netznutzer.“

Und, jetzt kommt das eigentlich Überraschende: Nicht mal Politiker, die sich mit der Materie auskennen, finden das Beschlossene gut. Diese Erkenntnis hat Altpapier-Kollege Christian Bartels vom Besuch eines “netzpolitischen Parteienchecks“ beim Verband der Internetwirtschaft Eco mitgebracht.

“Die Experten der Parteien sind weitestgehend unbekannt, schon weil sie keine Minister sind (…). Sie können ihre Positionen äußern. Doch fürs Regierungshandeln spielen sie keine Rolle“,

schreibt er in seiner Kolumne bei evangelisch.de, und weiter, zu den Trilog-Verhandlungen:

“Gesetzespakete, die einmal stimmig gewesen sein mögen, werden durch immer neue, kaum transparente Kompromisse so verändert, dass am Ende alle Experten dagegen sind und nurmehr genervte Regierungschefs dafür.“

Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht das heftige Verlangen verspürt, den Kopf der Tischplatte zu nähern, und zwar mit großer Heftigkeit, der darf bei Friedhelm Greis und Golem noch nachlesen, dass mit dem CDU-EU-Parlamentarier Axel Voss der größte Fürsprecher der Reform diese selbst nicht verstanden zu haben scheint. Diverse Belege dafür hat Greis aus Voss’ Auftritt vor dem EU-Rechtssausschuss (Video ab 10:54) am Dienstag extrahiert. Zum Beispiel dieses:

“Ähnlich desinformiert zeigte sich Voss bei der Einschätzung, ob beispielsweise Datingplattformen von Artikel 13 betroffen seien: 'Selbst wenn sich auf der Datingplattform mal ein urheberrechtlich geschütztes Werk befinden sollte, fallen sie dennoch nicht aufgrund der Menge darunter.’ Voss hat offenbar nicht verstanden, dass jedes Foto auf einer Datingplattform rechtlich geschützt ist, wenn dessen Urheber nicht schon 70 Jahre tot ist. Was beispielsweise bei Tinder eher selten der Fall ist. Außerdem werden durchaus große Mengen von Fotos hochgeladen.“

Einfach mal in Hinterzimmern Dinge ausklüngeln, von denen man nur eine Viertelahnung hat: Kita-Kindern würde man die so entstandene Entscheidung, sich ein Schokoladen-gefülltes Einhorn zuzulegen, verbieten. Aber als Politiker kommt man damit offenbar durch.

Altpapierkorb (Relotius reloaded, Mega-Mediathek, Udo Lindenberg beim ESC)

+++ Der freie Autor, der dem SZ-Magazin eine erfundene Protagonistin unterjubeln wollte (Altpapier gestern), wird in Zukunft weder für SZ-Publikationen (“In eigener Sache“) noch für den Spiegel wieder schreiben dürfen (meldet Meedia). Der Tagesspiegel hat den Mann auch beschäftigt und verarbeitet das in folgendem Aphorismus: “Die Redaktion hat die Artikel überprüft, aber die meisten lassen sich nicht überprüfen, weil es nicht nachprüfbare Beobachtungen sind.“

+++ “ Der Artikel von Kontext wäre ohne diesen Prozess eine journalistische Randnotiz geblieben. Durch ihn sind der Name des Klägers und seine menschenverachtenden Auffassungen nunmehr selbst verschuldet Gegenstand bundesweiter Beachtung in den Medien geworden.“In der aktuellen Ausgabe der Kontext Wochenzeitung befasst sich deren Anwalt Markus Köhler noch einmal mit dem Rechtsstreit der Zeitung gegen einen Mitarbeiter der AfD-Fraktion im Landtag und das in der vergangenen Woche gefällte Urteil (Altpapier). Einen Beitrag der einstigen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin und ihr Entsetzen über die Entscheidung der ersten Instanz gibt es dort ebenso.

+++ Sigmar Gabriel liebäugelt öffentlich mit einer Kanzlerkandidatur, und das macht ihn nicht zum perfekten Autoren und Dauerexperten für die Holtzbrinck-Publikationen, als der er derzeit (für mindestens 15.001 Euro Honorar pro Monat, btw) fungiert, kolumniert Ulrike Simon bei Spiegel+.

+++ “Im Zukunftsland professionell gestalteter öffentlich-rechtlicher Mediatheken würde den Nutzer eine breite Palette bedarfsgerechter Inhalte begrüßen, die abseits vom absurden Kampf um den besten Sendeplatz rund um die Uhr zur Verfügung stehen und glaubhaft und für jedermann überprüfbar verdeutlichen, dass die Sender ihrem Auftrag zur Grundversorgung an Information, Bildung und Unterhaltung wirklich nachkommen. Darüber hinaus könnten solche On-Demand-Plattformen Anschlussfähigkeit nach außen beweisen: zum Beispiel zu Partneranstalten im europäischen Ausland, oder zu anderen Anbietern öffentlicher Informations- und Bildungsgüter, wie Theater oder Museen.“ In der aktuellen Ausgabe epd medien (derzeit nicht online) singt Lorenz Lorenz-Meyer Ulrich Wilhelms Hit von der Mega-Mediathek.

+++ Ausgerechnet in einer Ausgabe seiner Mitgliederzeitschrift, die für einen sensibleren Umgang mit unserer Sprache eintritt, nimmt es der Bayrische Journalistenverband mit dieser nicht so genau, hat Arno Orzessek für “@mediasres“ beobachtet.

+++ Udo Lindenberg tritt als Stargast beim deutschen ESC-Vorentscheid auf, und wie das passieren konnte, hat Harald Hordych ihn im Interview für die SZ-Medienseite gefragt.

+++ Sky hat ein Problem: Es zu abonnieren ist einfach zu kompliziert, meint Jens Schröder bei Meedia.

+++ Schöner stöhnen mit Konrad Kujau: Wie der Stern-Aufarbeitungs-Podcast “Faking Hitler“ so ist, habe ich für Übermedien aufgeschrieben.

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Ein schönes Wochenende!

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1 Kommentar

23.02.2019 10:17 whocares_ 1

Leider habe ich diese Rubrik erst heute entdeckt.
Sehr feine Lektüre für einen Samstag Vormittag; gerne mehr davon und großes Kompliment, Frau Wiedemeier!