10. Februar 1962 Als Russen und Amerikaner auf der Glienicker Brücke erstmals Agenten austauschen

Am 10. Februar 1962 findet der erste Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke, die Potsdam und West-Berlin verbindet, statt. Für den Top-Spion Rudolf Abel, der in den USA für den KGB spionierte, wird der Pilot Gary Powers aus sowjetischer Haft entlassen. Vermittelt hat den spektakulären Austausch auch der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel.

Blick am 10.02.1962 über den Schlagbaum auf Westberliner Seite auf die Glienicker Brücke in Berlin.
Blick über die Glienicker Brücke am 10. Februar 1962, wenige Minuten vor dem Agentenaustausch Bildrechte: dpa

Die Glienicker Brücke, die die Havel zwischen Potsdam und West-Berlin überspannt, ist als "Agentenbrücke" in die Geschichte des Kalten Krieges eingegangen. Seit dem Mauerbau am 13. August 1961 liegt sie im Grenzgebiet und wird scharf bewacht. Auf ihrer Mitte verläuft ein weißer Strich, der die Grenze markiert. Es ist eigentlich ein ganz und gar verlorener Ort. Dreimal aber gerät die Glienicker Brücke in den Blickpunkt des Weltinteresses, als Russen und Amerikaner auf ihr Agenten austauschen. Erstmals geschieht das am 10. Februar 1962. Dem Agentenaustausch vorausgegangen ist freilich ein zähes Pokern zwischen USA, UdSSR und DDR.

Glienicker Brücke
Die Glienicker Brücke überspannt die Havel zwischen Potsdam und West-Berlin Bildrechte: imago/Martin Müller

KGB-Spion in den USA enttarnt

1957 wird in den USA Rudolf Abel, ein in England geborener Top-Spion des sowjetischen Geheimdienstes KGB enttarnt. Bei ihm finden die Ermittler geheime militärische Unterlagen, die Abel an die UdSSR weitergegeben hat. Nach amerikanischem Gesetz steht auf den Verrat militärischer Geheimnisse zwingend die Todesstrafe. Abels Pflichtverteidiger James Donovan gelingt es allerdings, das Gericht von der Verhängung der Höchststrafe abzubringen. Sein Argument: Es sei doch immerhin möglich, dass irgendwann einmal ein amerikanischer Agent von der Sowjetunion enttarnt wird. Dann könnte man beide Agenten gegeneinander austauschen. Das Gericht folgt Donovans Verteidigungsstrategie und verurteilt Rudolf Abel "nur" zu einer Gefängnisstrafe von 30 Jahren.

Ein Brief von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel aus Ost-Berlin

Zunächst aber passiert gar nichts in Sachen Abel. Die UdSSR bekennt sich nicht zu ihrem Spion und Abel selbst sagt kein Wort. Dann aber geht 1959 plötzlich ein Brief eines Ost-Berliner Anwalts bei James Donovan ein. Darin bittet ein gewisser Wolfgang Vogel im Namen der Leipziger Ehefrau Abels, die Prozesskosten in Höhe von 10.000 Dollar übernehmen zu dürfen. Tatsächlich gibt es diese Ehefrau nicht, doch das Geld geht dennoch bald bei Donovan ein. Der Anwalt aber reagiert abweisend: Die USA seien an den 10.000 Dollar, die in Wirklichkeit vom KGB aus Moskau stammen, nicht interessiert und ein Freikauf Abels stehe nicht zur Debatte. Man würde lediglich über einen Austausch verhandeln. Allein, die Sowjetunion hat diesbezüglich nichts zu bieten.

Wolfgang Vogel
Rechtsanwalt Wolfgang Vogel 1986 in Bonn Bildrechte: dpa

Amerikanisches Aufklärungsflugzeug über der UdSSR abgeschossen

Ein Jahr später, am 1. Mai 1960, befindet sich der US-Pilot Gary Powers in seiner U-2, einem mit hochauflösenden Kameras bestückten Aufklärungsflugzeug, auf einem Spionageflug über der UdSSR. Seit Jahren liefert die in zwanzig Kilometer Höhe fliegende Maschine den US-Geheimdiensten sensationelle Aufnahmen von Industrie- und Militäranlagen des kommunistischen Weltreichs. Diesmal aber wird die U-2 von einer Abwehrrakete getroffen. Powers kann sich gerade noch mit dem Schleudersitz retten. Er wird festgenommen und zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Die UdSSR besitzt nun einen amerikanischen Agenten als Faustpfand. Das Szenario von Anwalt Donovan ist Wirklichkeit geworden.

James Donovan: Zwei Amerikaner gegen einen Russen

Allmählich kommt nun auch Bewegung in die Geschichte. KGB und James Donovan verhandeln über Anwalt Wolfgang Vogel in Ost-Berlin über einen Austausch von Abel und Powers. Beide Seiten misstrauen einander und man kommt nur schleppend voran. Dann scheinen die Verhandlungen aber auch schon wieder beendet zu sein. Das FBI ist gegen einen Austausch der beiden, denn Powers, so erklärt die Behörde, sei nur ein Pilot, Abel hingegen ein großer Fisch. Donovan bringt jetzt den Amerikaner Millard Pryor ins Spiel. Pryor studiert in der DDR und wird von der Staatssicherheit beschuldigt, Spionage und Menschenhandel betrieben zu haben. Im Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen wartet der unschuldige junge Mann auf seinen Prozess. Donovan schlägt vor, die beiden Amerikaner gegen Abel auszutauschen. Doch die Sowjetunion will auf die Formel zwei Amerikaner gegen einen Russen zunächst nicht eingehen. Anwalt Vogel kann die KGB-Unterhändler Ende 1961 schließlich umstimmen. Einem Austausch der Agenten steht nun nichts mehr im Weg.

Tom Hanks hält eine Zeitung in der Hand, sitzt in einer Bahn und guckt kritisch.
Tom Hanks als Anwalt James Donovan in Steven Spielbergs Spionage-Thriller "Bridge of Spies" Bildrechte: dpa

Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke

Am frühen Morgen des 10. Februar 1962 soll der Agentenaustausch stattfinden. Als Treffpunkt schlägt James Donovan die Glienicker Brücke vor, weil es auf ihr keinen Grenzübergang gibt und auch kaum Anwohner in der Nachbarschaft. Es ist ein verschwiegener Ort. Um 8.45 Uhr übergibt Wolfgang Vogel zunächst Millard Pryor am Checkpoint Charly in der Berliner Friedrichstraße an die Amerikaner. Wenige Minuten später begeben sich die beiden Hauptakteure, Rudolf Abel und Gary Powers, auf ihren Weg über die menschenleere Glienicker Brücke. Der eine in Richtung Osten, der andere in westliche Richtung. Die beiden würdigen sich keines Blickes, als sie den weißen Grenzstrich auf der Mitte der Brücke überschreiten. Sie steigen in bereitstehende Limousinen und rauschen davon. Dann herrscht wieder Stille an der Glienicker Brücke.

Wolfgang Vogels Karriere und Steven Spielbergs "Bridge of Spies"

Wolfgang Vogel macht nach seiner ersten Vermittlung eines Agentenaustauschs eine sagenhafte Karriere. Agentenaustausch und Gefangenenfreikauf sind sein Geschäft. Bis 1989 wirkt er an der Freilassung von 150 Agenten aus 23 Staaten mit. Doch auch beim Freikauf von mehr als 33.000 politischen Häftlingen aus Gefängnissen der DDR durch die Bundesrepublik ist er maßgeblich beteiligt. Vogel, der ab Mitte der 1970er Jahre die Funktion des "Humanitären Beauftragten des DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker" bekleidet, arbeitet dabei auch eng mit den Bundeskanzlern Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl zusammen. Im Osten gilt der Kommunist, der einen silberfarbenen Mercedes fährt, als Anwalt im Dienst der Humanität, im Westen hingegen als mehr oder weniger gewissenloser Menschenhändler.

Steven Spielberg, 2013
Hollywood-Regisseur Steven Spielberg (2013) Bildrechte: IMAGO / PanoramiC

2015 nutzt übrigens Hollywood-Regisseur Steven Spielberg die Spionage-Geschichte um Abel und Powers als Vorlage für seinen Film "Bridge of Spies". Die Hauptrolle spielt ein smarter New Yorker Anwalt: James Donovan, dargestellt von Tom Hanks. Der wichtigste Schauplatz des Agenten-Thrillers - natürlich die Glienicker Brücke.