NÄCHSTE GENERATION Ein interaktives Comic-Spiel aus Halle will über Fluchtursachen aufklären

Millionen Menschen fliehen jedes Jahr aus ihrer Heimat. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die fliehen. Was ist ihnen vor ihrer Flucht passiert? Illustratorin Hân Lê und Julia Wenger vom Friedenskreis Halle haben sich dafür ein sogenanntes Story Game für Handys und Tablets über die Ursachen von Migration ausgedacht.

Julia Wenger und Hân Lê, Macherinnen der spielbaren Graphic Novel "Plan F"
Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Mit schnellen Strichen zeichnet Hân Lê das Gesicht eines Jugendlichen, der sich auf einer Bühne an einen jungen Mann lehnt. Was die Illustratorin und Designerin Hân Lê hier entwirft, ist eine Szene aus dem Story Game über Migration und Flucht "Plan F". Darin tauchen die Spielenden z.B. in das Leben des 18-jährigen Raffi ein, der in Afghanistan lebt und Lehramt Musik studiert. Wie genau Raffi seine Flucht erlebt, erfahren die Spielerinnen der interaktiven Graphic Novel allerdings nie. Stattdessen werden all die Gründe erlebbar, die hinter seiner Fluchtentscheidung stehen: die ständige Bedrohung durch die Taliban, die für den queeren Raffi zur konkreten Morddrohung wird.

Illustratorin Hân Lê zeichnet an der spielbaren Graphic Novel "Plan F".
Illustratorin Hân Lê zeichnet eine Szene für die spielbare Graphic Novel "Plan F". Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Millionen Menschen fliehen jedes Jahr aus ihrer Heimat. Eine Entscheidung, die keine Person leicht trifft. Die Gründe sind dabei so unterschiedlich, wie die Menschen, die fliehen. Um genau diese Erfahrung nachfühlbar zu machen, hat der Friedenskreis Halle sich das Story Game "Plan F" über Fluchtursachen ausgedacht, eine Art spielbarer Comic für Handys und Tablets. Dabei begleitet man jeweils eine von acht fiktionalen Personen in ihrem Heimatland, bis sie sich entscheiden zu fliehen. Die Spielenden haben in der Geschichte immer wieder kleine Entscheidungsmöglichkeiten, die die Erzählung beeinflussen.  

Mit Illustration die Welt verändern?

Für Hân Lê war das Illustrieren der Geschichten eine Auftragsarbeit, aber trotzdem ein Herzensprojekt: "Ich glaube nicht, dass Design oder Illustration die Welt verändern kann", erzählt sie beim Zeichnen. "Aber ich glaube, dass es in der Verantwortung von allen liegt, so weit, wie sie mit ihren eigenen Mitteln kommen an einer Utopie zu arbeiten. Insofern glaube ich schon, dass ich zum Beispiel andere Welten darstellen kann."

Illustration kann nicht die Welt verändern, aber andere Welten darstellen.

Hân Lê, Illustratorin und Designerin aus Halle

Für Hân bedeutet das zum Beispiel, sich bei der Wahl ihrer Aufträge eher für Projekte wie das Story Game des Friedenskreises Halle zu entscheiden. Beim Illustrieren kommt es ihr darauf an, Stereotype zu vermeiden und die Geschichten hinter den Menschen, die sich für eine Flucht entscheiden, erfahrbar zu machen.

Illustratorin Hân Lê zeichnet für die spielbare Graphic Novel "Plan F".
Hân Lê glaubt nicht, dass Illustration die Welt verändern kann. Machtlos fühlt sie sich deswegen trotzdem nicht. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Was die spielbare Graphic Novel so besonders macht

Das Story Game hat sich ein Team des Friedenskreises Halle ausgedacht. Die Geschichten sind zwar fiktiv, aber von realen Erfahrungen inspiriert, auch Geflüchtete waren bei der Entwicklung beteiligt. Gespielt wird es vor allem in Workshops in Schulen. "Pädagogisch arbeiten mit Schülerinnen, gerade heutzutage, ist herausfordernd", erzählt Projektleiterin Julia Wenger vom Friedenskreis. "Wenn wir uns mit den Themen Flucht, Migration und Asyl einfach in eine Klasse stellen und einen Vortrag halten, hätte das nicht den gleichen Effekt." Mit dem Konzept der interaktiven Geschichten möchte das Team die Jugendlichen emotional abholen.

Anders als bei einem Film ist die Aktion der Spielenden gefragt, sie werden ganz direkt angesprochen und müssen an bestimmten Stellen des interaktiven Comics Entscheidungen treffen, die die weitere Geschichte der Hauptfiguren beeinflussen. An den Erlebnissen der Protagonisten sind sie so noch näher dran. "Wir wünschen uns, dass Leute verstehen, was es bedeutet, ein Land verlassen zu müssen", erklärt Julia Wenger. "Um dann, wenn wir Menschen begegnen, eben nicht rassistisch abwertend zu sein, sondern erst mal innezuhalten und zu denken: Moment mal, das ist ja ein Mensch wie ich und hat auch die gleichen Probleme wie ich. Unser Anspruch ist es, vielfältige Perspektiven zu eröffnen, die dann am Ende dazu führen, dass Menschen offen bleiben füreinander."

Es geht darum erfahrbar zu machen, dass es triftige Gründe gab für die Flucht und das nicht aus einer seltsamen Form von Bequemlichkeit heraus passiert ist.

Hân Lê, Illustratorin und Designerin aus Halle

Julia Wenger und Hân Lê, Macherinnen der spielbaren Graphic Novel "Plan F"
Zusammen mit ihrem Team hat sich Julia Wenger vom Friedenskreis Halle (links) die Geschichten für das Story Game ausgedacht. Gezeichnet hat die Szenen die Illustratorin Hân Lê (rechts). Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Die Geschichte hinter der Flucht

Indem sie die Geschichten der geflüchteten Menschen erzählen, wollen Hân Lê und Julia Wenger Vorurteilen entgegenwirken. Besonders bei jungen Menschen in Schulen sieht Julia Wenger hierfür einen guten Ansatzpunkt. Es bestehe eine große Wissenslücke zum Thema Migration und Asylsystem, denn in den Lehrplänen sind diese Themen nicht vorgesehen. Gerade in Sachsen-Anhalt seien daher Workshops dazu wichtig, erklärt Julia Wenger: "Es gibt hier wenige Migrantinnen und im Vergleich zu anderen Bundesländern wenige migrantische Selbstorganisation." Dafür würden rechte Strömungen immer mehr zunehmen.

Es ist wichtig, gerade schon mit den Kleinen darüber zu sprechen: Was passiert auf der Welt? Wie können wir eine gemeinsame Gesellschaft gestalten?

Julia Wenger, Friedenskreis Halle

Analoge Vorlagen für die Rollen in der spielbaren Graphic Novel "Plan F"
Die Rollen für das Story Game, wie bspw. Raffi, gab es schon vorher für einen analogen Workshop. Aus diesem Workshop entsteht nun die neue interaktive Geschichte. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Mehr Verständnis füreinander, das wünschen sich die Macherinnen. "Wir sind alle Menschen und egal, ob schwarz oder weiß, welche Sprache wir sprechen – ich finde es einfach wichtig, dass wir uns alle begegnen, in dem, wie wir sind und nicht mit Zuschreibungen und Stempeln", betont Julia Wenger. Sie hoffen, dass ihr Story Game dazu ein Stück betragen kann. So stellt auch Hân Lê beim Zeichnen fest: "Wenn nach dem Spielen nur eine Person sagt: 'Das hat mir die Augen geöffnet', dann sind das Lorbeeren genug für das Projekt. Das ist es, was mich glücklich macht, wenn ich weiß: Meine Arbeit kann Menschen auf eine sehr positive und nachhaltige Art beeinflussen."

Über das Format "Nächste Generation" Das dokumentarische Format "MDR KULTUR – Nächste Generation" nimmt die Arbeit junger Kulturschaffender aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Blick. Die Werke der Künstlerinnen und Künstler wollen Debatten anregen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft, wie Gleichberechtigung oder Klimakrise, kommentieren und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen.

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