MEDIEN360G im Gespräch mit... Marieke Reimann, ze:tt-Chefredakteurin

Für ze:tt-Chefredakteurin Marieke Reimann kommt Ostdeutschland in den überregionalen Medien deutlich zu schlecht weg. Sie fordert, die Region stärker in den tonangebenden Medien stattfinden zu lassen und nicht nur zu berichten, als handle es sich bei Ostdeutschland um ein Kriegsgebiet.

Porträt Marieke Reimann 11 min
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Für ze:tt-Chefredakteurin Marieke Reimann kommt Ostdeutschland in den überregionalen Medien deutlich zu schlecht weg. Sie fordert, die Region stärker in den Medien stattfinden zu lassen.

Do 24.09.2020 15:03Uhr 11:17 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienkultur/interview-marieke-reimann-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Peter Stawowy: Marieke Reimann, Chefredakteurin von ze.tt, wir sprechen heute über das Bild des Ostens Deutschlands in den Medien. Gibt es einen negativen Blick auf den Osten Deutschlands in den bundesdeutschen Medien?

Marieke Reimann: Es gibt auf alle Fälle einen negativen Blick der gesamtdeutschen Medien auf Ostdeutschland. Also, wenn man auf die letzten zehn Jahre so schaut, dann ist das schon eine eindeutige negative Konnotierung. ...Themen, die Ostdeutschlandbezug haben, zu erkennen. Das fängt an, dazu gibt es auch verschiedene Studien, die man durchaus auch im Internet findet, dass es eher so ist, dass man Anfang der 90er-Jahre noch in einem eher positiven Sinne über den Osten berichtet hat. Das man Wörter benutzt hat wie Aufschwung, Modernisierung, Fortschritt. Das ist um die 2000er Jahre immer negativer geworden. Die Berichterstattung aus dem Osten ist, bis jetzt vor zwei Jahren, auch peu à peu zurückgegangen. Das heißt, wenn überhaupt über den Osten berichtet wurde, dann war es eher sehr stark negativ konnotiert, mit einem klaren Fokus auf politische und wirtschaftliche Themen. Wo dann auch klar wurde, es wird sehr wenig über Kulturelles berichtet. Und das Wording ist dann vor allen Dingen oft gewesen, „eher abgehängt“, „eher ärmlich“, „eher zurückgelassen“. Also ein ganz klarer Fokus darauf, dass eine Masse, und die ostdeutschen Länder werden ja auch immer als homogene Masse beschrieben, eindeutig negative Eigenschaften hat.

Peter Stawowy: Können wir diese negativen Eigenschaften noch etwas vertiefen? Was sind die Klischees, die da bedient werden?

Marieke Reimann: Die ganz klassischen Klischees, die bedient werden, finden sich zum Beispiel oft in der Bildsprache von Artikeln oder Videos, dass sofort Plattenbauten oder Trabis eingeblendet werden, damit auch jedem westdeutschen Zuschauer, jeder westdeutschen Zuschauerin klar wird: Jetzt bin ich im Osten. Das ist irgendwie so ein bisschen runtergekommen, bisschen schäbig, bisschen oll oder alt. Das sind ganz klare Bild-Klischees, die sich nachweisen lassen in den letzten 30 Jahren im journalistischen Kontext. Wenn man jetzt auf die Sprache guckt, dann sieht man eben, dass klare Stereotype bedient werden. Also, dass aus einer sehr klaren, westzentrierten Sicht auf das Ostdeutsche oder was man denkt, was ostdeutsch ist, geschaut wird. Und dass dann da schnell pauschalisiert wird, indem man sagt: das ist eher ärmlich, das ist eher abgehängt, dass ist eher was, was so ein bisschen hemdsärmelig ist, vielleicht ein bisschen bäuerlich oder plump daherkommt. Wohingegen westdeutsche Protagonisten und Protagonistinnen in den Texten zum Beispiel, denen werden eher individuelle Eigenschaften zugesprochen als Ostdeutschen. Das ist aber nicht nur das Problem bei ostdeutschen ProtagonistInnen, dass die sehr schnell als eine Masse dargestellt werden und so ein bisschen abgehandelt werden, sondern das Problem haben ja auch Minderheiten wie Muslime oder schwarze Menschen in Deutschland, die noch mal vielmehr und ganz anders von Diskriminierung und Rassismus klar betroffen sind. Wo man aber schon auch Parallelen in der Beschreibungsart feststellen kann.

Peter Stawowy: Woher kommt das, dass Ostdeutsche so behandelt werden?

Marieke Reimann: Das lässt sich ganz eindeutig darauf zurückführen, dass die meisten überregionalen Medien in Deutschland nun mal in den Redaktionen mit westdeutschen Redakteuren und Redakteurinnen besetzt sind. Und westdeutsche Redakteurinnen und Redakteure haben eher einen westdeutschen Background. Denen fehlt einfach die Lebenswirklichkeit und auch die Nähe zu dem, was ostdeutsch sein kann oder was ostdeutsch für verschiedene ostdeutsche Menschen bedeutet. Also ostdeutsch ist ja auch nicht gleich ostdeutsch.

Peter Stawowy: Nach der Wende, haben Sie vorhin gesagt, war das zunächst nicht so drastisch. Dann wurde es um die Nullerjahre doch mit Problembehaftung in Verbindung gebracht. Ist das jetzt besser geworden? Ist das in jüngerer Zeit besser geworden?

Marieke Reimann: Was man klar sagen kann ist, dass sich so mit dem Mauerfall und der Wende eher noch so ein bisschen eine Aufbruchstimmung in der journalistischen Berichterstattung wiederfinden lässt. Und dass das dann aber zur Mitte der 90er-Jahre und den Nullerjahren stark abflacht, dass Ostdeutschland dann wirklich weniger ein Thema war. Ich würde sagen, mit dem Jubiläum 30 Jahre Mauerfall, was wir im vergangenen Jahr gefeiert haben, und auch den drei Landtagswahlen, die im vergangenen Jahr in Ostdeutschland stattgefunden haben, gibt es wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit. Da sollte man sich fragen: Warum findet diese erhöhte Aufmerksamkeit für Ostdeutschland nur dann statt, wenn dort gerade Wahlen sind oder wenn wir Jubiläen haben wie Mauerfall letztes Jahr und Wiedervereinigung dieses Jahr? Ich glaube, wir müssen als deutsche JournalistInnen ein Stück weit davon weg kommen, nur so in Jubiläen und Wahlen zu denken.

Da ein ganz klassisches Beispiel: Letztes Jahr titelte eine überregionale Zeitung im Norden, dass sie ihr Nachrichtenchef „mal rüberschickt“. Oder es gibt Menschen, die haben einen Roadtrip durch Ostdeutschland gemacht, und darüber eine Reportagereihe herausgegeben. Wo ich mir denke, also, wir sind doch hier nicht in Sibirien. Mecklenburg-Vorpommern ist jetzt irgendwie von Kiel nicht so weit weg wie irgendetwas anderes. Und man braucht doch nicht so tun, 30 Jahre nach Mauerfall und Wende, als würden wir hier im Kriegsgebiet wohnen. Ich glaube, diese Attitüde herrscht aber ganz oft vor. Nicht die Attitüde, dass wir im Kriegsgebiet wohnen, aber dass der Osten einfach was ist, da kann man mal hinschauen, da passiert aber nicht so viel, außer so ein paar Neonazis schlagen sich die Köpfe ein. Und dann braucht man das aber nicht weiter beachten.

Ich glaube, gerade so im Spannungsfeld des historischen Kontextes ehemalige DDR, jetzt neue Bundesländer, Belarus, Ungarn, Bulgarien, auch Polen, also ehemalige Ostblockstaaten, muss man schon noch mal genauer gucken, um auch zu verstehen: Warum sind da gerade Unruhen? Und warum sind vielleicht auch in Ostdeutschland, wieso herrscht da so eine Unzufriedenheit und warum kommt es denn dadurch zu Wahlergebnissen, die dann ja wieder hinterfragt werden.

Peter Stawowy: Wie wäre es denn, wenn es jetzt eine Quote gäbe zum Beispiel mit Ost-Journalistinnen und Journalisten in Westmedien. Wie wäre die Berichterstattung über Ostdeutschland dann anders?

Marieke Reimann: Naja, ich finde es schwierig, diese Frage nach der Quote zu beantworten. Eigentlich müssen wir dahin kommen, dass generell alle möglichen journalistischen Teams, also alle Redaktionen in Deutschland, viel durchmischter sind. Wir haben wirklich eine große Vormacht von eher männlichen, eher weißen, eher westdeutschen, eher akademischen Journalisten in überregionalen Redaktionen. Und das schlägt sich natürlich auch in der Berichterstattung wieder. Einmal in der Themenwahl und dann auch in der Art, wie Themen besprochen werden. Das ist ja ganz eindeutig. Das, was mich als Mensch am meisten beschäftigt, was mich umtreibt, was ich als Werte und Traditionen mitbringe, das ist ja auch am ehesten das, worüber ich vielleicht in der Lage bin zu sprechen, was ich am ehesten reflektieren kann und wofür ich mich dann auch interessiere er, ergo, was dann in die Berichterstattung mit einfließt.

Peter Stawowy: Hat ze:tt da etwas anders gemacht, wenn Sie sagen, wir brauchen einen Strukturwandel? Gibt es da schon Ansätze, wie das passieren kann? 

Marieke Reimann: Ja, natürlich. Ich habe das in den letzten Jahren auf alle Fälle mit ze.tt klar forciert, dass ich geschaut habe, wie kann ich meinem eigenen Anspruch als Chefredakteurin, die eben eine breitere Berichterstattung forciert oder fokussiert, gerecht werden, indem ich mein Team anders aufstelle? Und da muss ich mir als Chefredakteurin oder Chefredakteur dann auch überlegen, wie rekrutiere ich anders. Wenn ich einfach nur Stellenausschreibungen auf eine Verlagsseite stelle, ist es vielleicht damit nicht getan, weil das finden dann am ehesten die, die es gewöhnt sind, das Stellenausschreibung auf Verlagsseiten stehen. Deswegen muss ich gucken, das ich mich zum Beispiel über YouTube-Kanäle von jungen Videomacherinnen und Videomachern informiere. Ich gucke, was auf TikTok, was auf Instagram passiert. Wer da irgendwie hervorsticht, mit einem starken Können, mit einer journalistischen Perspektive, die so noch nicht stattfindet. Und gerade dann in diese Bubbles reinzustoßen und zu schauen und Talente auch mitzuentwickeln und ins Team zu holen, ist was, was ich bei ze.tt auf alle Fälle probiert habe und was ich denke auch sehr gut funktioniert hat.

Peter Stawowy: Was bringen denn aber so Initiativen wie zum Beispiel Wir sind der Osten? Oder würde es was bringen, wenn es jetzt noch einmal ein starkes ostdeutsches Medium im bundesdeutschen Medienkonzert gäbe?

Marieke Reimann: Ich kann von außen sagen, dass ich solche Initiativen total unterstütze, auch mit den Initiativen darüber spreche: Wen wollt ihr erreichen? Warum macht ihr das überhaupt? Und dass ich das auch nach wie vor wichtig finde, auf bestimmte Unwegsamkeiten wie zum Beispiel unterschiedliche Löhne in Ost und West oder unterschiedliche Berichterstattung eben aufmerksam zu machen? Und na klar, um so mehr Öffentlichkeit diese Initiativen initiieren, aber dann auch bekommen, desto eher kriegen ja dann auch diese Themen Öffentlichkeit. Und das finde ich durchaus legitim.

Peter Stawowy: Wir hatten vorhin auch schon mal angesprochen, dass, wenn man jetzt in Ostdeutschland lebt und immer nur wahrnimmt, dass mit einer gewissen Hochnäsigkeit oder einem bestimmten Blick auf Ostdeutschland berichtet wird, dass man dann eventuell auch ein bisschen Distanz zu den Medien schafft und auch das Vertrauen ein bisschen anknackst. Lässt sich das für die klassischen Medien überhaupt wieder zurück gewinnen?

Marieke Reimann: Damit klassische Medien dahin kommen, dass sie mehr Vertrauensvorschuss im Osten oder in den neuen Bundesländern haben, glaube ich, ist es einfach der sinnvollste Weg zu sagen: Hey, wir machen das hier transparent, wie wir bisher gearbeitet haben. Und bei dieser Arbeitsweise haben wir Fehler festgestellt. Und deswegen machen wir jetzt Schritt A, B, C. Also gucken eben, wie wir anders rekrutieren, wie wir unsere Teams aufstellen und wie unsere Berichterstattung vielleicht einfach dadurch geöffnet wird. Ich denke, dass wäre der simpelste und logischste Weg, um da noch mehr Vertrauen in anderen Bevölkerungsschichten zurückzugewinnen oder überhaupt aufzubauen.

Peter Stawowy: Dazu gleich anschließend die Frage: Es gibt die Zeit im Osten, es gibt Sonderseiten in der Zeit, die Süddeutsche Zeitung hat das Korrespondenten-Büro aufgestockt. Das ist auch schon ein Schritt in diese Richtung, oder? Oder ist das jetzt auch wieder nur Kriegsreporter entsenden?

Marieke Reimann: Ganz ehrlich, dass man 30 Jahre nach der Wende die KorrespondentInnen-Stellen um anderthalb Stellen oder so erhöht, finde ich einfach nur lächerlich. Als Journalist oder Journalistin, die den Anspruch hat, überregional deutschlandweit zu berichten, 30 Jahre nach Mauerfall und Wende erst darauf zu kommen: Oh, da sind ja noch ein paar andere Bundesländer, in denen auch was passiert in diesem Land, finde ich schon ein bisschen spät, ehrlich gesagt. Besser spät als nie, könnte man sagen. Aber wenn man wirklich darauf hinaus will, muss man solche Produkte wie Ostdeutschland-Seiten auch deutschlandweit anbieten. Weil Ostdeutsche wohnen ja schon lange nicht mehr nur in Ostdeutschland, sondern ostsozialisierte Menschen leben ja mittlerweile überall. Und deswegen sollten auch deren Geschichten überall stattfinden können.

* Das Interview wurde am 10. September 2020 in Berlin aufgezeichnet.

Weitere Infos zum Autoren Peter Stawowy

Peter Stawowy, Jahrgang 1971, kam 2003 nach Dresden. Der gebürtige Rheinländer lernte früh, dass man als Wessi im Osten sehr vorsichtig sein muss, wenn es darum geht, den Osten zu erklären. Nach verschiedenen Stationen, u.a. einer Ausbildung zum Medienjournalisten und als Chefredakteur einer großen Jugendzeitschrift, arbeitet er seit Januar 2020 für MDR MEDIEN360G.