Pandemielanges Lernen Corona-Krise: Medien in der Pflicht

Mit Beginn der Corona-Krise betraten auch die Medien Neuland. Schnell stellte sich Kritik ein: Vor allem im Umgang mit den Maßnahmen der Politik wurde vielen Medien in den ersten Monaten der Pandemie ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Sie hätten zu direkt die Krisenkommunikation der Politik übernommen. Maßnahmen wie die Einschränkung vieler Grundrechte seien zu wenig kritisch analysiert und hinterfragt worden. Hat sich daran etwas geändert?

Bildcollage mit Blick in eine Nachrichtenredaktion und Bildern von Demonstrationen. Ein stilisiertes halbtransparentes Virus verbindet die Bildmotive miteinander. Im Bild steht: Kommunikation in der Corona-Krise. Haben die Medien etwas gelernt? 9 min
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Erstmals im Juni 2020 hatte MDR MEDIEN360G einen kritischen Blick auf die Arbeit der Medien in der Corona-Krise geworfen. Unser Fazit damals: Es gab zu wenig Distanz zur Politik, zu oft die gleichen Experten und Verständnisschwierigkeiten beim Umgang mit der Wissenschaft. Zum Jahrestag der Pandemie schauen wir mitten im zweiten Lockdown noch einmal hin. Und fragen: Haben Medien etwas gelernt?

Was sich auf jeden Fall oft verändert hat, ist ihr "Look & Feel". Auch unser Dossier entstand komplett im "Homeoffice". Alle Interviews wurden per Videoschalte geführt - was eine ganz neue Optik und höchst unterschiedliche technische Qualität mit sich bringt.

Das Ergebnis unserer Recherchen und Gespräche: Ja, die Medien haben dazu gelernt. Mit Blick auf wissenschaftliche Grundlagen und Abläufe genauso wie in Sachen Vermittlung, Analyse und Hinterfragen von politischer Krisenkommunikation. Sie haben sich zudem personell, produktions- und formattechnisch an die Produktionsbedingungen in der Pandemie angepasst. Doch reicht das?

Bundesregierung kommuniziert im alten Stil

Für taz-Chefredakteurin Barbara Junge, die sich schon im vergangenen Jahr im Interview mit MDR MEDIEN360G auch selbstkritisch äußerte, hat sich klar etwas bewegt. Auch über flexible Arbeitsweisen aus den eigenen vier Wänden hinaus. Der Umgang der Medien mit dem Themenfeld Corona sei besser geworden, weil die Medien "etwas dazugelernt haben", sagt Junge jetzt. Am Anfang sei es schwierig gewesen, die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit bestimmter Maßnahmen zu bewerten.

Über ein Jahr lernt man natürlich auch, das ins Verhältnis zu setzen und Gefahren einzuschätzen. Das ist eine ganz andere Ausgangsbasis.

Barbara Junge | taz-Chefredakteurin

Noch immer werde den Medien teilweise vorgeworfen, dass "wir zu zahm sind", so Junge, also den Auflagen und Anordnungen der Regierung zu wenig kritischen Widerstand entgegensetzen: "Aber die Stimmen sind weniger geworden."

Während sich hier also etwas verändert hat, kommuniziere die Politik - allen voran die Bundesregierung - aber weiter im alten Stil. "Die Krisenkommunikation der Bundesregierung ist eigentlich ziemlich ähnlich geblieben. Das Problem ist nur: Die Situation hat sich verändert". Daher passe der Stil der aktuellen Krisenkommunikation nicht, so Junge. Die Journalistinnen und Journalisten hätten dazu gelernt, daher komme es "merkwürdig daher, dass die Bundesregierung immer noch den genau gleichen Kommunikationsstil" habe wie zu Beginn der Pandemie vor rund einem Jahr.

Es geht um Vertrauen in die Medien

Porträt von Heribert Prantl mit dem Schriftzug: Interview. Corona und die Medien, sowie dem Namen Prof. Dr. Heribert Prantl. 18 min
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Süddeutsche-Autor Heribert Prantl kritisiert, dass die Medien immer noch zögerlich sind, die Pandemie-Politik des Staates kritisch zu hinterfragen. Er fordert mehr Engagement für die Freiheitsrechte.

17:58 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienpolitik/corona-und-medien-interview-heribert-prantl-102.html

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Dieser Kommunikationsstil und seine Kernaussage lauten, man habe keine andere Wahl, es gäbe keine Alternativen, moniert auch Süddeutsche-Kolumnist Heribert Prantl. "Ich sehe eigentlich einen roten Faden in der ganzen Krisenkommunikation. Der rote Faden heißt Alternativlosigkeit", so Prantl, der als Innenpolitik-Chef lange Jahre Mitglied der Chefredaktion von Deutschlands einflussreichster Tageszeitung war, im Interview mit MDR MEDIEN360G. Der streitbare Denker erwartet eigentlich mehr vom Journalismus:

Wir waren nicht ganz schlecht. Aber der Journalismus in der Krise ist nicht so gut wie er sein könnte.

Heribert Prantl | Kolumnist der Süddeutschen Zeitung

Dies läge auch daran, dass zumindest einzelne Medien nicht der Versuchung widerstehen konnten, mit den Unsicherheiten und Ängsten durch Zuspitzung in der Berichterstattung Aufmerksamkeit zu bekommen und wirtschaftliche Erfolge zu haben. "Die Lust, große Klickzahlen gerade mit der Pandemie zu erzielen, ist schon groß. Aber die Frage lautet ja nicht: Wie schafft man Klicks? Wie schafft man Reichweite? Wie schafft man Auflage? Die Frage lautet - und die ist auf Dauer die viel wichtigere Frage: Wie schafft man Vertrauen", so Prantl: "Wenn es gelingt, in dieser Krise Vertrauen zu schaffen, dann kommt all das, was wir auch brauchen, nämlich Klicks, Reichweite und Auflage von selber."

Social Media hat eher negative Effekte

Die Statistik gibt Prantl Recht. Corona hat tatsächlich zu einem gestärkten Vertrauen in die klassischen Medien gesorgt. Denn in Krisenzeiten greifen Nutzerinnen und Nutzer gern auf bewährte und vertraute mediale "Adressen" zurück. Ganz anders sieht es dagegen im Bereich Social Media aus. Denn über Facebook & Co. verbreiten sich in der Pandemie Desinformationen und Verschwörungstheorien. Die Reaktion der Netzwerke darauf, die spät und zögerlich einschritten, bewerten Fachleute demnach als völlig unzureichend.

Muster der klassischen Berichterstattung passen nicht

Zwei Gruppen von diskutierenden Personen befinden sich auf einer Waage. Die Waagschale, die sich zum Boden neigt, trägt nur eine Person. Während die Waagschale die nach oben neigt, mehrere Personen tragen muss. Auf dem Bild steht die Frage: Was ist False Balance? Daneben der Vermerk: In Bildern erklärt. 2 min
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Trotz des Vertrauenszuwachses stellt die Berichterstattung über die Pandemie die Medien vor völlig neue Herausforderungen. Alte journalistische Muster greifen nicht oder nur schlecht. In der normalen politischen Berichterstattung ist es beispielsweise üblich, Gegensätze deutlich herauszustellen. Wenn es um politische oder wirtschaftliche Positionen geht, funktioniert das. Wenn nach diesem Schema aber künstliche Gegenpositionen bei Forschungsergebnissen aufgebaut und Minderheitenpositionen überbetont werden, verzerrt das die Wahrnehmung. Denn bei wissenschaftlichen Ergebnissen geht es um Fakten und nicht um Meinungen. Deshalb droht bei der bei den Medien beliebten Berichterstattungsform des gleich gewichtenden "Pro und Contra" das Medienphänomen "False Balance" (falsche Gleichgewichtung).

"Im Bestreben, auch Gegenstimmen Gewicht zu geben, werden dann Gegenstimmen, die vielleicht gar nicht so weit verbreitet, aber sehr, sehr lautstark sind, sehr in den Vordergrund getragen", bestätigt die Kommunikationswissenschaftlerin Alexandra Borchardt von der Berliner Universität der Künste (UdK). Diese durch False Balance hervorgerufene Verzerrung beobachtet nicht nur sie auch in der Corona-Berichterstattung. "Ich denke, man kann sich dadurch leiten lassen, wo wissenschaftliche Erkenntnis eindeutig ist", sagt Prof. Klaus Meier von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Der Journalismus-Forscher rät daher, die "sogenannten Corona-Leugner, die ganz Extrempositionen, (…) deshalb nur ganz am Rande zu Wort kommen (zu) lassen. Sonst hätte man diese falsche Ausgewogenheit."

Pandemie beschleunigt mediale Innovationen

Im Vergleich zu den ersten Monaten der Pandemie sei die Berichterstattung aber deutlich differenzierter geworden, so Borchardt im Interview mit MDR MEDIEN360G:

Man ist jetzt sehr nah an den Bedürfnissen der Menschen dran.

Alexandra Borchardt | Universität der Künste Berlin

Die Krise sei aber auch ein "Innovationsbeschleuniger" für die Medien. "Man musste ja nicht nur plötzlich aus dem Homeoffice Journalismus machen. Es  wurden auch sehr schnell innovative Formate entwickelt", so Borchardt. Zum Beispiel sei viel in Datenjournalismus investiert worden. Auch die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten seien zu Hochform aufgelaufen, und "haben plötzlich in den Redaktionen einen Platz bekommen, den sie vorher - zu Unrecht - nie hatten."

Medien müssen gesellschaftliche Debatte organisieren

Es gibt aber noch Luft nach oben. Denn Medien fallen immer wieder in alte Muster zurück und haben Schwierigkeiten, die richtige Balance zu finden. Und Heribert Prantl erinnert im Gespräch mit MDR MEDIEN360G daran, dass dem Journalismus noch eine weitere, übergeordnete Aufgabe zukommt: "Demokratie lebt von sozialen Kontakten. Und wenn die sozialen Kontakte schwierig sind und wenn sie als schädlich gelten wie in Pandemiezeiten, da muss der Journalismus dafür sorgen, dass Begegnung, dass Diskussion stattfinden kann. Wir sind der einzige Beruf, für den es ein eigenes Grundrecht gibt, nämlich die Pressefreiheit. Und diese Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht. Sie ist auch eine Pflicht. Sie ist eine Pflicht, die Menschen ins Gespräch zu bringen."