MEDIEN360G im Gespräch mit... Prof. Dr. Andrea Römmele

Andrea Römmele ist Professorin für Kommunikations- und Politikwissenschaften an der Hertie School of Governance. Sie beschäftigt sich mit vergleichender politischer Kommunikation. Neben Forschung und Lehre ist sie als Kommunikationsberaterin für Parteien und Unternehmen tätig.

Porträt Prof. Dr. Andrea Römmele 6 min
Bildrechte: MEDIEN360G / Foto: Hertie School of Governance

"Parteien haben Möglichkeiten der Kommunikation, sich über soziale Medien an die Wähler zu wenden. Aber die Kommunikation ist nicht mehr ganz in ihrer Hand, weil Wähler selber Themen setzen können", sagt Andrea Römmele.

MDR FERNSEHEN Mo 15.04.2019 12:06Uhr 05:34 min

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MEDIEN360G: Wir sind bei MEDIEN360G, dem Portal für Medienthemen des Mitteldeutschen Rundfunks. Wir haben ein Jahr der Wahlen in Mitteldeutschland. Für die Parteien bedeutet das viel Arbeit, potenzielle beziehungsweise unentschlossene Wähler zu aktivieren. Dazu spreche ich jetzt mit Andrea Römmele, Professorin für Kommunikation in Politik und Gesellschaft an der Hertie School of Governance. Ich grüße Sie.

Andrea Römmele: Ich grüße Sie auch!

MEDIEN360G: Der Ton in der Politik ist rauer geworden. Was hat sich in der Kommunikation zwischen den Parteien aber auch zwischen den Parteien und den Bürgern verändert?

Andrea Römmele: Es hat sich sehr viel verändert. Erst mal sehen wir, dass wir neue Möglichkeiten der Kommunikation haben, dass wir mit den sozialen Medien jetzt auch eine Möglichkeit der ganz direkten Kommunikation zwischen Parteien und Wählern haben. Also dass nicht mehr die traditionellen oder die klassischen Medien dazwischen geschaltet sind, sondern dass es den Parteien und Kandidaten möglich ist, über Facebook, über Twitter, über Instagram sich direkt an die Wähler zu wenden. Aber das Ganze gilt natürlich auch anders herum, dass Wähler sich auch direkt an die Kandidaten und die Partei wenden können. Damit einher geht, und das ist so der zweite Punkt, dass wir jetzt nicht mehr die klassischen Medien als sogenannte Gatekeeper, also so als, ich will es jetzt mal salopp formulieren, Wachhunde haben, die schauen welches Thema kommt auf die öffentliche Agenda, welches Thema wird diskutiert, sondern dass wir natürlich über die neuen Medien jetzt auch die Möglichkeit haben, Themen selber auf die Agenda zu setzen, Themen selber hoch zu spülen. Die Medien- und Kommunikationswissenschaft hat hier einen, wie ich finde, sehr schönen Begriff, dass Bürger beziehungsweise Wähler jetzt auch Prosumer sind, sie sind Produzenten und Konsumenten zugleich von Nachrichten.

MEDIEN360G: Sie haben gerade beschrieben, welche neuen Kommunikationswege zwischen Parteien und potenziellen Wählern es gibt. Was bedeutet das ganz konkret dann für den Wahlkampf? Was verändert sich da?

Andrea Römmele: Das heißt, Parteien haben diese neuen Möglichkeiten der Kommunikation, sich über die sozialen Medien an die Wähler zu wenden. Aber die Kommunikation ist nicht mehr ganz in ihrer Hand, weil Wähler natürlich selber auch Themen setzen können. Was wir in den sozialen Medien aber auch beobachten ist, dass wir so genannte Filterblasen oder Echokammern sehen. Dass wir eigentlich schwerpunktmäßig mit den Leuten über die sozialen Medien vernetzt sind, die letztendlich unsere Meinung, unsere politische Einstellung teilen. Wir sind sehr selten mit Menschen vernetzt oder kriegen Nachrichten aus politischen Richtungen, Strömungen, denen wir nicht zugewandt sind. Insofern sind diese Filterblasen im höchsten Fall Meinungsverstärker, aber sie regen nicht an, anders zu denken oder in eine Debatte einzugehen. Was wir bei den - und es ist eine große Herausforderung für Parteien - was wir in den soziale Medien eben auch sehen ist, dass der Ton ein anderer geworden ist. Also die Verrohung der politischen Sprache, die Verrohung des Austausches in den sozialen Medien, ist schon zu beobachten. Was natürlich auch so mit der Möglichkeit der Anonymität im Netz einhergeht, was auch damit einhergeht, dass manche Wähler wahrscheinlich denken, hier kann ich jetzt auch mal so richtig meine Meinung sagen und so richtig aufs Holz hauen. Das spielt hier sicherlich auch mit rein.

MEDIEN360G: In Amerika ist die datengestützte Wähleransprache inzwischen gang und gäbe. Welche Bedeutung hat sie in Deutschland oder welche Bedeutung bekommt sie in Deutschland?

Andrea Römmele: Ja wir schielen ja immer sehr gerne auf die USA, als praktisch so Vorbild für Wahlkämpfe, für die neuesten Gimmicks, die neuesten Errungenschaften im Wahlkampf. Man muss aber ganz klar sagen: Erstmal produzieren wir nicht so viele Daten, wie wir es in den USA haben, und zweitens Mal sind unsere Daten doch deutlich geschützter. Also Parteien, Politiker- Kandidaten haben überhaupt nicht Zugriff auf die Masse an Daten, die wir in einem amerikanischen Wahlkampf zur Verfügung haben, also insofern ist - glaube ich - hier der Amerikanisierung der Wahlkämpfe doch ein gewisser Einhalt geboten.

MEDIEN360G: Trotzdem wird inzwischen der Begriff des Wähler-Profilings genutzt. Was bedeutet das?

Andrea Römmele: Das bedeutet, dass ich über bestimmte Daten, meistens sind es Daten, wie wir sagen, in denen der Wähler selbst Auskunft über sich gegeben hat. Also sei es Daten über sozusagen Konsumenten-Verhalten oder ähnliches, dass ich aus bestimmten Eigenschaften eines Wählers schließen kann, welche politische Neigung er hat und ihn halt auch dementsprechend kontaktieren kann. Das ist vor allem in Ländern, also in Bundesländern, und natürlich auch auf nationaler Ebene besonders relevant, in denen ich eine hohe Anzahl an noch unentschiedenen Wählerinnen und Wählern habe. Das sehen wir ja, dass wir in Wahlkämpfen immer mehr Unentschlossene haben, die also auch noch kurz vor dem Wahltermin nicht wissen, wem sie ihre Stimme geben sollen. Da sind natürlich solche Informationen Gold wert.

MEDIEN360G: Die Parteien gehen in der Kommunikation mit den Wählern neue Wege und greifen dafür auch auf Wähler-Profiling zurück, um gerade unentschlossene Wähler zu überzeugen. Das war die Professorin Andrea Römmele von der Hertie School of Governance in Berlin. Vielen Dank.

Andrea Römmele: Ich danke Ihnen.

MEDIEN360G: Für MEDIEN360G war Dagmar Weitbrecht am Mikrofon.

Zur Person Prof. Dr. Andrea Römmele

Andrea Römmele ist seit 2010 Professorin für Kommunikations- und Politikwissenschaften an der Hertie School of Governance. Sie beschäftigt sich mit vergleichender politischer Kommunikation. Neben Forschung und Lehre ist sie als Kommunikationsberaterin für Parteien und Unternehmen tätig.