Interview mit ZDF-Intendant Thomas Bellut "Wir werden sehr genau kontrolliert. Und das ist okay"

ZDF-Intendant Thomas Bellut warnt davor, sich politischem Druck zu beugen und sieht in einem Abo-Modell keine Alternative zur Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen, die für alle in der Gesellschaft da sein müssen.

Teasergrafik: Porträt von Thomas Bellut 12 min
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Zur Person Thomas Bellut

Thomas Bellut ist seit 2012 Intendant des ZDF. Der promovierte Politikwissenschaftler begann seine journalistische Laufbahn bei der Tageszeitung „Westfälische Nachrichten“ in Münster. Ab 1985 war er in verschiedenen Redaktionen des ZDF tätig, bevor er 2002 Programmdirektor wurde.

Steffen Grimberg: Wir sind zu Gast bei Thomas Bellut. Er ist der Intendant des ZDF, also Chef des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, um uns ein paar Fragen zu beantworten, die aufgetaucht sind in dieser Diskussion: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – Was tut er eigentlich für uns? Und warum müssen ihn alle Menschen in Deutschland bezahlen? Deswegen auch gleich die erste Frage Herr Bellut: Wie machen Sie jemandem auf der Straße, den Sie vielleicht zufällig treffen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schmackhaft und auch die Tatsache, dass jeder dafür bezahlen darf?

Thomas Bellut: Also ich glaube wirklich, dass wir viel dafür tun, dass Demokratie überhaupt möglich und praktikabel ist in diesem Land. Fernsehen, auch Hörfunk sind nach wie vor unglaublich wichtig. Niemand hat mehr Informationsangebote als die öffentlich-rechtlichen Plattformen. Das allein reicht schon als Argument, finde ich.

Dass wir nicht jeden erreichen - man kann niemanden dazu zwingen. Aber es geht ja auch nicht jeder wählen. Von denen, die wählen gehen zum Beispiel, da haben wir eine Ausschöpfung von fast 100 Prozent. Da bin ich mir ganz sicher.

Steffen Grimberg: Was würde denn konkret fehlen, wenn es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht gäbe?

Thomas Bellut: Zum Beispiel in den Bundesländern: Wenn es die Landesanstalten der ARD nicht gäbe, würde die visuelle, sinnliche Darstellung von Politik so nicht möglich sein. Das ist nicht anders organisierbar. Das gilt aber auch für die Bundespolitik. Es würde viel fehlen. Es würde aber auch Qualität in Wissenschaft, auch in Fiction (fehlen); dass wir Angebote machen, über erzählte Stoffe, die wichtig für die Gesellschaft sind, die zur Bildung beitragen, zur Information. Es ist ein solches Kompendium, und ich glaube, gerade jetzt in der Corona-Krise merken ja auch viele andere Länder, die es nicht haben, dass da irgendwas fehlt. Liest man ja auch in Berichten von ausländischen Korrespondenten in Deutschland oder in anderen Ländern, die öffentlich-rechtliche Systeme haben.

Steffen Grimberg: Der MDR hat dieses System eben auch versucht, seinen Nutzerinnen und Nutzern zu erklären und da kamen dann viele Fragen, zum Teil auch Vorwürfe und von denen würde ich jetzt einige gerne mit Ihnen mal, so zu sagen, abarbeiten. Da fragen zum Beispiel viele: Warum soll ich denn dafür bezahlen, wenn ich das gar nicht nutzte? Da sagen vor allen Dingen junge Leute: Ich habe doch gar keinen Fernseher mehr, warum soll ich den Rundfunkbeitrag entrichten müssen?

Thomas Bellut: Also denen würde ich spaßig sagen, sie werden auch noch älter und werden mehr Fernsehen gucken. Die junge Zielgruppe war immer anders als andere, also irgendwann kriegen wir auch die Gruppe. Aber selbst, wenn einige es nicht sehen, bleibt es doch für die Gesellschaft wichtig. Ich sage ein Beispiel: Gestern Abend hatten wir Frau Merkels Pressekonferenz nach Corona - mit den beiden Ministerpräsidenten. Das hatten beim ZDF alleine über sechs Millionen in der Spitze gesehen. Bei der ARD, danach in den tagesthemen nochmal die gleiche Zahl. Nimmt man die Hörfunksender und andere noch dazu, ist das einfach Demokratie. Das Volk erfährt das, was wesentlich ist im Moment, was passiert. Man merkt ja auch an den Befragungen jetzt, dass das ankommt beim Publikum. Die wissen, dass das eine Leistung ist, auf die sie zählen.

Steffen Grimberg: Es gibt ja auch Stimmen, die sagen: Naja, viele wissen aber anscheinend auch gar nicht so genau, wo überall öffentlich-rechtlicher Inhalt drin ist. Beispielsweise konsumieren junge Menschen viele Sachen heutzutage eben nicht mehr klassisch im Fernsehen, sondern im Internet und werden dort von öffentlich-rechtlichen Inhalten erreicht, ohne es vielleicht zu merken. Tun die Anstalten da genügend, um sich auch auf diesen neuen Verbreitungswegen sozusagen zu outen und zu sagen: Hallo, wir sind der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Müsste man da mehr tun, damit das stärker ins Bewusstsein kommen?

Thomas Bellut: Ja klar, man tut nie genug, um diese neuen Ausspielwege, weil es auch so viele sind, zu bedienen. Ich hatte gestern eine lange Sitzung, da ging es um heute im Netz, und wir haben erstaunlich gute Zahlen auf Instagram. Warum? Weil wir dort investiert haben, Filme, kurze Filme mit Texten anbieten oder auf Facebook. All das erfordert eben besondere Anstrengungen. Das ist deswegen schwierig, weil das Lineare ja auch so gefragt ist, also das klassische Fernsehen im Moment. Das heißt, wir müssen die Mittel vorsichtig in diese Richtung bewegen. Klar ist, Sie haben völlig recht, das ist der neue Weg. Wenn Harald Lesch, unser Wissenschaftler, unserer Professor, der alles erklärt, wenn der einen Nachruf auf Stephen Hawking spricht, erreicht das in den sozialen Medien über eine Million Nutzer. Also, Sie haben recht, das ist eine indirekte Folge unserer Tätigkeit, aber mehr und mehr wird es die Hauptnutzung.

Steffen Grimberg: Wie gerade schon gesagt, öffentlich-rechtlicher Rundfunk steckt in viel mehr drin, als man das vielleicht so gemeinhin annimmt. Theaterfestivals, Chöre, Orchester und so weiter. Was sind denn Ihre drei Favoriten, wo Sie sagen, da ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk drin, aber die wenigsten Leute wissen das so genau.

Thomas Bellut: Also ich glaube, viele Bereiche der Kultur täten sich sehr schwer ohne uns. Also bei der ARD sind es die klassischen Angebote, in der klassischen Musik, die es gibt. Aber wir sind ja auch mit zahlreichen Museen in einer Zusammenarbeit verbunden, versuchen ihre Inhalte zu transportieren, mit Theatern. Wir versuchen ja nach und nach so eine Art öffentlich-rechtlichen Kosmos zu errichten, am Ende auch mit der ARD, wenn das Kulturangebot dort auch steht. Und ich glaube, das ist ganz wichtig. Das höre ich von den Museen, von den Theatern, dass sie hier endlich mal eine Öffentlichkeit finden, die sie sonst nicht kriegen. Damit kommen sie raus aus ihrer Ecke des Stammpublikums im Theater und haben die Möglichkeit, Neue zu erreichen. Hier können wir noch mehr tun, das ist auch klar.

Steffen Grimberg: ZDF.kultur ist ja ganz bewusst jetzt im Netz. Findet im Netz statt, nicht mehr als Fernseh-Programm. Was ist da der Grund? Warum brauchen Sie da das Netz? Und warum sagen Sie, das Netz ist da vielleicht sogar geeigneter als das klassische, lineare Fernsehen?

Thomas Bellut: Weil man eben viele zusammenbringen kann. Es ist eine neue Art von Fernsehen. Das ist eigentlich eher ein Austausch, eine schöne Ergänzung zum Linearen. Linear sind wir ja mit Arte und 3sat stark aufgestellt. Aber die Tendenz, wir haben darüber gesprochen, geht halt mehr zur digitalen Nutzung und wir erleben dort ein Neuland. Es ist ja nicht nur virtuelles Gehen durch ein Museum, sondern auch Theater können Angebote machen. Es gibt Entscheidungen, dann live zu erleben, bei Inszenierung. Also, das sind wunderbare neue Formen. Man muss nur aufpassen, dass man die Zielgruppe nicht zu spitz macht. Das heißt, nicht nur für die Hochinteressierten. Und da müssen wir Schritt für Schritt noch hinzulernen. Und allein im letzten Jahr, glaube ich, haben wir bei ZDF.kultur eine Menge gelernt.

Steffen Grimberg: Noch einmal zurück zu diesem Argument: Aber warum soll ich für etwas bezahlen, was ich gar nicht nutze? Da gab es auch den Vorschlag, naja, aber dann macht doch so ein Abo-Modell wie bei Netflix oder so ein Bezahlsystem wie bei Sky, wo man dann also ganz konkret für das bezahlt, was man nutzt. Das ist ja auch in Zusammenhang mit der BBC in Großbritannien zumindest in der Diskussion. Was spräche denn aus Ihrer Sicht dafür beziehungsweise dagegen?

Thomas Bellut: Dieses Modell funktioniert nur, wenn man eine bestimmte Ware ans Publikum bringen will. Also Sport, Bundesliga, Champions League oder aber Serien, international gefertigt. Für das, was wir wollen, reicht das nicht. Wir wollen ja so eine Art Kitt in der Gesellschaft sein. Wir wollen sie zusammenbringen, alle Facetten auch anbieten und eben nicht nur mit Diskussionssendungen oder Nachrichten, sondern eben auch mit Fiction, auch mit unterhaltenden Angeboten. Und das kann man nicht finanzieren durch so eine Abgabe. Nochmal, dafür braucht es ein Kommerzmodell, man will Gewinne machen, aber das ist genau das, was wir nicht wollen. Wir wollen ja in der Breite da sein und übrigens auch für alle.

Steffen Grimberg: Ein Vorwurf, der dann häufiger kam, war: Naja, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, das sei doch ein überteuerter Selbstbedienungsladen. Da wird dann gerne mit den Intendanten-Gehältern argumentiert. Sie veröffentlichen Ihr Gehalt ja auch. Das liegt, wenn ich richtig informiert bin, im Moment so ungefähr bei 350.000 Euro im Jahr. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?

Thomas Bellut: Naja, dass es Transparenz gibt, wundert mich jetzt nicht. Wer über Beiträge, also über Abgaben von allen finanziert ist, der muss schon sagen, wo geben wir das Geld aus. Und da sind wir wirklich in den letzten Jahren schon weiter gekommen. Ein Selbstbedienungsladen ist es nicht. Es gibt keine Institution, die so kontrolliert wird wie wir: von den Landesrechnungshöfen, der KEF, von der Politik, den Bundesländern. Wir haben ja gerade das Beitragsverfahren, da bleibt wirklich nichts umgedreht. Also von Selbstbedienung ist wirklich keine Rede. Nein, es ist schon sehr genau kontrolliert, was wir machen und das ist auch okay so.

Steffen Grimberg: Ein weiterer Vorwurf ist, Sie haben die Gremien schon angesprochen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei immer noch zu staatsnah.

Thomas Bellut: Ja, ich bin halt schon länger im Geschäft. Ich kenne sehr heftige Diskussionen darüber. Und das Verfassungsgericht hat ja reagiert, als geklagt worden ist nach Personalentscheidungen im ZDF und hat festgelegt, dass nur ein Drittel der uns kontrollierenden Gremien staatsnah sein dürfen: also Abgeordnete, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landesregierung und ähnliches. Und das, finde ich, ist eine saubere Regel. Die will ich auch drin haben. Ich will klar sagen: auch Parteienvertreter. Parteien sind demokratische Organisationen, da werden deren Führungskräfte auch gewählt, die gehören zur Demokratie dazu. Es darf nur nicht überhandnehmen. Und am Ende ist es die Verantwortung des Intendanten, Grenzen dieser Versuche der Einflussnahme zu setzen. Ohne Einflussnahme bei der Macht, die man auch hat, die Versuche sind ja nachvollziehbar. Das kommt darauf an, wie man damit umgeht und dass man nicht alles mitmachen.

Steffen Grimberg: Wie oft hat Angela Merkel bei ihnen schon angerufen und Änderungen im Programm verlangt?

Thomas Bellut: Ich bin etwas enttäuscht. Sie hat es noch keinmal gemacht. Sie hat nicht mal anrufen lassen. Mittlerweile finde ich das gut. Am Anfang habe ich mich darüber gewundert. Es gibt keine direkten Kontakte. Es ist einfach in der deutschen Politik nicht üblich, das zu tun. Es gibt natürlich Kritik, nach Sendungen. Das muss auch sein. Wir machen Fehler, dann muss man darüber diskutieren. Aber vorab ist es ein No-Go, und ich kann auch nur jedem raten, der in meiner Funktion ist, sich da nicht reinreden zu lassen.

Steffen Grimberg: Sie haben die Zusammensetzung der Gremien schon angesprochen, es darf nur noch ein Drittel staatsnah sein. Ein bisschen scheint ja auch die Vorstellungen zu herrschen, wie Ihre Gremien zusammengesetzt sind, das würfeln ARD und ZDF sozusagen am grünen Tisch mit sich selber aus. Wie ist denn die Realität? Wer entscheidet denn eigentlich, welche Gruppen in den Gremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten vertreten sind?

Thomas Bellut: Ja, in diesen Verhandlungen hatten wir gerade mal eine beratende Funktion. Das entscheiden die Landesregierungen. Ganz klar. Und nach dieser Reform wird es sicherlich irgendwann wieder Diskussionen geben, ob das adäquat ist, welche Gruppen drin sind. Aber da haben wir keine Chance mitzureden.

Steffen Grimberg: Letzte Frage dann nochmal zu unserem Ausgangsthema, zum Rundfunkbeitrag. Sind da denn jetzt alle Messen schon gesungen oder erwarten Sie, dass unter Umständen noch mal was passiert, dass ein Land nicht zustimmt, dass das ganze Paket noch einmal aufgeschnürt wird?

Thomas Bellut: Um im Bild zu bleiben: Das ist wohl noch eine lange Prozession, die bis Dezember anhält, mit vielen Diskussionen. Es ist auch für mich ein interessantes Erlebnis, durch die Länder zu gehen. In der Tat lernt man da, dass das, was Programm sein soll, in vielen Ländern unterschiedlich aufgefasst wird. Insofern ist es ja gut, dass es diesen Prozess gibt. Ich hoffe nur, dass es dann tatsächlich rechtzeitig im Dezember dann eine Entscheidung gibt, Denn man muss ja auch Haushalte machen, man muss planen für die Zukunft. Schon jetzt muss ich ehrlich gesagt sagen, ist dieser langanhaltende Prozess nicht gut für den Bereich Innovation, weil man einfach vorsichtiger wird mit den Planungen. Also ich hoffe, dass wir da wenigstens einige Wochen vor dem Jahresende dann die Entscheidung haben.

Steffen Grimberg: Vielen Dank, Thomas Bellut, für dieses Interview.

Thomas Bellut: Danke.

* Das Interview wurde am 15. Oktober 2020 beim ZDF in Mainz aufgezeichnet.