Digitale Gräben Soziale Herkunft und Medienkompetenz

Zwischen der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen und der sozialen Herkunft gibt es einen Zusammenhang. Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern erhalten weniger Unterstützung bei der Aneignung von Medienkompetenz. Das hat Folgen für die Kinder und die Gesellschaft.

Frau mit Schirm und Mann, der im "Daten"-Regen steht.
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Kinder und Jugendliche sind ständig in digitalen Räumen unterwegs. Laut der JIM-Studie 2020 besitzen 96 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland ein Smartphone und verbringen täglich nach eigener Einschätzung knapp vier Stunden an Wochentagen im Internet. 2012 lag die Zeit noch bei etwa zweieinhalb Stunden.

Die frühe optimistische Annahme, das Internet werde eine Technologie der Liberalisierung und der sozialen Gerechtigkeit sein, gilt mittlerweile als relativiert. Zwar bedeuten digitale Räume oft eine leichtere Kommunikation und Vernetzung mit Menschen in aller Welt und einen erleichterten Zugang zu Informationen und Bildung. Technologie allein wird soziale Ungleichheiten aber nicht ausbügeln können. Stattdessen wirken Nachteile aus dem analogen Leben im digitalen Raum fort – und können die Kluft bei der Bildungsgerechtigkeit schlimmstenfalls noch vertiefen.

Digitalkompetenz und Computerfähigkeit

So zeigte etwa die ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) des internationalen Verbunds wissenschaftlicher Institutionen für Bildungsforschung (IEA), dass sich die soziale Herkunft auf die Digitalkompetenz und Computerfähigkeit von Schülerinnen und Schüler auswirkt. Die Befragung im Jahr 2018 von 46.000 Achtklässlern in zwölf Ländern ergab, dass Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss deutlich bessere Ergebnisse erzielen, als Kinder aus Nicht-Akademiker-Haushalten. International lag der Unterschied durchschnittlich bei 31 Punkten (gesamt: 496 Punkte), in Deutschland bei 26 Punkten (gesamt: 518 Punkte).

Ausstattung mit digitalen Geräten

Auch die Ausstattung der Haushalte spielt erwartungsgemäß eine Rolle für die Computer- und Digitalkompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Kinder aus Elternhäusern mit mehr als zwei Laptops oder PCs erreichten im internationalen Durchschnitt 32 Punkte mehr als andere Kinder. Deutschland lag mit 39 Punkten sogar noch darüber.

Dass Kinder ohne eigene digitale Geräte und ohne Unterstützung durch das Elternhaus in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft noch weiter ins Abseits gedrängt werden könnten, hat auch die Corona-Krise deutlich gezeigt. Lehrerinnen und Wissenschaftler warnten in der Zeit der Schulschließungen davor, dass sie teilweise den Kontakt zu den Kindern verlören, die eigentlich besonders gefördert werden müssten.

Kein Geld für digitale Lernmittel

Umso wichtiger ist die Versorgung mit digitalen Lernmitteln in den Familien der Kinder. Hier sind allerdings besonders Kinder in der Grundsicherung benachteiligt. Denn die Finanzen für digitale Lernmittel rutschen laut der Juristin und Sozialwissenschafts-Professorin Maria Wersig irgendwo zwischen die Bereiche Bildung und Soziales. In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung kritisierte die in Weimar geborene Professorin, das Existenzminimum von Kindern werde zwischen unterschiedlichen Leistungsarten so verschoben, bis es finanziell passe.

Zwar sollen ab 2021 die Regelsätze steigen und auch die Nutzung eines Mobilfunkgerätes zum Existenzminimum zählen. "Die Details zum Thema Bildung sind allerdings traurig", bemängelt Wersig. Denn im Regierungsentwurf sind monatlich 2,31 Euro für Kinder zwischen sechs und 14 Jahren "für Datenverarbeitungsgeräte sowie System- und Anwendungssoftware" eingeplant.

Digitale Ungleichheit nimmt zu

Wenn der niederländische Kommunikationswissenschaftler Alexander van Deursen von der "Third Level Digital Divide" spricht, beschreibt er eine Art Spirale, in der sich ein solches Ungleichgewicht weiter zuspitzt: Menschen, die ohnehin eine umfangreiche Bildung genießen konnten, beruflich und finanziell gut dastehen, profitieren umso mehr von digitalen Strukturen. Denn diese geben ihnen noch mehr Möglichkeiten, beruflich und finanziell erfolgreich zu sein – was wiederum auf den sozialen Status wirkt.

Digitale Job-Plattformen bieten beispielsweise die Möglichkeit, sich besser zu vernetzen und schneller aufzusteigen – wenn man sie richtig zu nutzen weiß. Ähnlich sieht es mit der Verwaltung und Vermehrung der eigenen Finanzen aus.

Wer aber nicht lernt, welche Chancen, Risiken und Dynamiken das Internet birgt und wie man mit den vielfältigen Reizen durch Social-Media-Plattformen, digitalen Empfehlungsmechanismen, Unterhaltungsangebote und der allgemeinen Informationsflut angemessen umgehen kann, dem entgehen nicht nur viele Möglichkeiten. Diese Kinder laufen später auch Gefahr, sich in den digitalen Sphären zu verlieren oder gar digitale Süchte zu entwickeln.

Einer Studie der Common Sense Media zufolge verbringen Jugendliche aus Haushalten mit einem Jahreseinkommen von weniger als 35.000 Dollar in den USA im Schnitt 8 Stunden und 7 Minuten vor Bildschirmen. Kinder aus Haushalten mit einem Einkommen von mehr als 100.000 Dollar hängen mit 5 Stunden und 42 Minuten deutlich weniger vor Bildschirmen.

Digitale Chancengleichheit mitdenken

Allerdings bieten digitale Hilfsmittel richtig eingesetzt natürlich auch Möglichkeiten, Bildung gerechter und individueller zu gestalten. So berichtet etwa der Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani im Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung von einem Projekt, in dem ein Algorithmus im Mathematikunterricht erkennt, welche Elemente einzelnen Kindern beim Lösen einer Aufgabe Schwierigkeiten bereiten: "Ohne dass das Kind in irgendeiner Form beschämt wird, sagt er dem Kind, dass es offenbar diese Regel, die vor zwei Jahren in der Schule behandelt wurde, nicht mehr kann und gibt ihm Übungen für diese Regel." So können Schülerinnen und Schüler unabhängig von Herkunft und persönlichen Animositäten mit den Lehrkräften unterstützt und gefördert werden.

Künftig wird auf politischer Ebene von entscheidender Bedeutung sein, die digitale Chancengleichheit bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit ausnahmslos mitzudenken. Digitale Teilhabe muss dabei einerseits allen Kindern ermöglicht werden, andererseits muss aber auch ein selbstbestimmter und risikobewusster Umgang mit digitalen Technologien durch Bildung ermöglicht werden. Kinder müssen dabei bestenfalls nicht nur lernen, mit den Entwicklungen umzugehen, sondern auch, den digitalen Wandel aktiv mitzugestalten.