Jeder kann senden Wieviel Journalismus steckt in den sozialen Medien?

In den sozialen Medien sind alle gleichberechtigt unterwegs: Freundeskreise. Journalisten. Und auch Trolle. Das macht es besonders schwer, dort die Orientierung zu behalten. Höchste Zeit, diese schöne, neue Welt per Expedition zu erkunden.

Skizzierter vitruvianischer Mensch nach Leonardo da Vinci mit VR-Brille, Handy und Mikrofon in den Händen sowie Symbole von WhatsApp, Facebook und Twitter.
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Die Medienwelt ist ein spannender Kosmos. Ständig landen Entdecker in bislang unbekannten Welten, offenbaren neue Spezies und weiten unsere Horizonte. Sich darauf einzulassen, ist das Ziel unserer kleinen Expedition heute - wie schön, dass Sie sich ihr angeschlossen haben! Zu erkunden gilt es den noch recht neuen Kontinent der sozialen Medien und wie sich Journalisten als Ureinwohner der alten Welt dort schlagen.

Setzen Sie den Tropenhelm auf, ziehen Sie die Wanderschuhe fester und dann ab in den Jeep. Los geht’s.

Merken Sie, wie die Straße unebener wird? Das liegt daran, dass diese Wege noch nicht ausgefahren sind. Wir sind nun mitten im Gebiet, das wir „soziale Medien“ nennen. Erste Spuren von Leben entwickelten sich hier bereits in den 1980er Jahren, als das Bulletin-Board-System (BBS) und das Usenet die Voraussetzungen für den Austausch von Nutzern untereinander schafften. Was damals hier kreuchte und fleuchte glich jedoch eher Chatrooms und Messenger-Diensten als Netzwerken, wie wir sie heute kennen - also mit Profilseiten und durchsuchbaren Freundeslisten. Diese kamen erst Mitte der 1990er hinzu, als sich Angebote wie Classmates.com und SixDregrees.com entwickelten, mit denen etwa Schulfreunde in Kontakt bleiben konnten.

Richtig wuselig wurde es aber erst nach der Jahrtausendwende, als sich nach und nach MySpace (2003), Facebook (2004), YouTube und StudiVZ (2005), Twitter (2006), Instagram (2010), Google+ (2011) und Snapchat (2012) hier ausbreiteten. Der letzte Zugang war im Jahr 2016 TikTok.

Jeder ist Sender und Empfänger

Nun greifen Sie zu den bereitliegenden Ferngläsern, denn wir wollen die Umgebung genauer erkunden. Sehen Sie, was die Leute hier die ganze Zeit machen? Genau! Wer sich hier aufhält, möchte sich mit Anderen vernetzen und mit ihnen sowohl öffentlich als auch privat Nachrichten und Informationen austauschen. Jeder kann senden, jeder empfangen. Das ist etwas gravierend anderes als die Kommunikation im alten Medienland, das wir hinter uns gelassen haben. Dort war das Privileg der Informationsverbreitung vor allem Zeitungen, Radio und Fernsehen vorbehalten und damit Journalisten. Das läuft hier anders.

Wenn man vom Teufel spricht: Schauen Sie, die freundliche Gruppe der Cord-Jacket-Träger dort hinten: das sind Journalisten. Sie fühlen sich sowohl in den althergebrachten als auch den sozialen Medien zu Hause. Ihre Aufgabe ist aber immer die gleiche und für das Funktionieren einer Demokratie zentral. Welche das ist, kann am besten ein Experte erklären, der Deutsche Journalisten-Verband:

„Journalistinnen und Journalisten haben die Aufgabe, Sachverhalte oder Vorgängeöffentlich zu machen, deren Kenntnis für die Gesellschaft von allgemeiner, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung ist. Durch ein umfassendes Informationsangebot in allen publizistischen Medien schaffen Journalistinnen und Journalisten die Grundlage dafür, dass jede/r die in der Gesellschaft wirkenden Kräfte erkennen und am Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung teilnehmen kann. (…)

Ihre Arbeit verpflichtet sie zu besonderer Sorgfalt, zur Achtung der Menschenwürde und zur Einhaltung von Grundsätzen, wie sie im Pressekodex des Deutschen Presserates festgelegt sind. Journalistinnen und Journalisten können ihren öffentlichen Auftrag zur Information, Kritik und Kontrolle nur erfüllen, wenn sie von Auflagen und Zwängen frei sind, die diesen Grundsätzen entgegenstehen.“

Medienschaffende wie journalistische Angebote, die sich durchs Land der sozialen Medien bewegen, müssen sich an diese Regeln halten - zumindest, wenn sie gerade beruflich unterwegs sind. Nach Feierabend können sie das durchaus etwas lockerer handhaben und auch mal Fotos ihrer Haustiere veröffentlichen, beispielsweise. Das erschwert es, in diesem Umfeld Journalismus zu erkennen - und es wird noch komplizierter.

Die Demokratie lebe hoch

Steigen Sie ruhig aus dem Wagen aus und sehen sich um. Dann können Sie besser erkennen, wie viele unterschiedliche Leute sich hier herumtreiben. Da vorne, sind das nicht Ihre Freunde? Und das da hinten nicht Ihr Chef? Hier gibt es Tierschützer, Impfgegner, Veganer, Rentner, bekennende Marxisten. Ach, und FDP-Chef Christian Lindner ist auch da.

In den sozialen Medien können alle mitmachen und mitreden. Das ist das Tolle hier, denn so demokratisch war es drüben bei den alten Medien nicht. Allerdings macht es das auch komplizierter, denn so ein Facebook-Post sieht immer gleich aus - egal, ob ein Journalist mit den oben zitierten Aufgaben ihn absetzt oder ein Troll, von denen es im Unterholz nur so wimmelt. Denen ist alles egal; sie mögen einfach nur Unordnung und Streit und tun alles dafür, Unfrieden zu stiften.

Über diese Seite der sozialen Medien wissen wir bislang wenig, denn Forscher widmen sich diesem Phänomen erst seit kurzer Zeit. Interessant ist, dass sich die Betreiber dieser neuen Welt auch selbst erst darüber klar werden müssen, was sie erschaffen haben und in welcher Art und Weise es genutzt werden kann. Das hat auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg erkannt. Kurz nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten erklärte er im Dezember 2016, natürlich per Facebook-Post:

„Facebook is a new kind of platform. It’s not a traditional technology company. It’s not a traditional media company. You know, we build technology and we feel responsible for how it’s used. (…)

We don’t write the news that people read on the platform. But at the same time we also know that we do a lot more than just distribute news, and we’re an important part of the public discourse.”

(„Facebook ist eine neue Art von Plattform. Es handelt sich nicht um ein Technologie-Unternehmen im traditionellen Sinne. Es ist auch kein klassisches Medienunternehmen. Wissen Sie, wir stellen Technik zur Verfügung und fühlen uns verantwortlich, wie sie genutzt wird. […]

Wir schreiben nicht die Nachrichten, die die Menschen auf der Plattform lesen können. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass wir eine ganze Menge mehr tun, als Nachrichten bloß zu transportieren - und wir sind ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Diskurses.“ Übersetzung von Steffen Grimberg, MEDIEN360G)

Die Entdeckung des „Neulands“

Facebook ist also kein reines Technologie-, aber auch kein reines Medienunternehmen. Es erstellt selbst keine Nachrichten, kann sich aber auch nicht aus der Verantwortung stehlen, wie die Plattform genutzt wird und öffentliche Debatten formt. Was das genau bedeutet? Finden wir gerade heraus!

Auch die Politik betritt hier gerade Neuland: Erstmals haben die für Medienpolitik zuständigen Bundesländer 2019 einen Medienstaatsvertrag beschlossen, bei dem die so genannte Plattformregulierung im Mittelpunkt steht.

Wie jeder neue Kontinent sind die sozialen Medien halt Neuland, aber genau deshalb auch so spannend. Hier kann man viel erleben, mit allen Freunden in Kontakt bleiben und sich gleichzeitig informieren. 31 Prozent der Deutschen haben in der vergangenen Woche über soziale Medien Nachrichten bezogen, hat der „Reuters Institute Digital News Report 2018“ herausgefunden. Leckere, süße und gut recherchierte Informationen bekommen sie hier, sowohl von den aus der alten Welt rübergezogenen Journalisten als auch von freundlichen Menschen, Organisationen und Gruppen, die sich hier ebenfalls tummeln. Die Herausforderung ist aber, diese von den Mitteilungen der Trolle und sonstiger unlauter agierender Gestalten zu unterscheiden. Weil alle Facebook-Posts und Tweets sich einen Lebensraum teilen und immer gleich aussehen, ist das jedoch gar nicht so leicht.

Aber nehmen Sie sich nun die Zeit und erkunden Sie die Umgebung auf eigene Faust. Keine Sorge, Sie können sich hier völlig frei bewegen. Ein kurzer Sicherheitshinweis muss aber sein: Achten Sie darauf, wer ihnen Informationen reicht. Denn die sozialen Medien sind eine schöne, neue Welt, aber nicht das Paradies. Manches hier ist giftig.