Zehn Thesen Warum tut sich die Medienkompetenz so schwer?

Das Problem beginnt schon bei dem Wort. Medienkompetenz, was ist das denn überhaupt? Im Online-Lexikon Wikipedia heißt es dazu, die Geschichte des Begriffs sei "geprägt durch temporär dominierende, sich aber gegenseitig nicht ausschließende Strömungen und Zyklen". Das heißt, es geht munter durcheinander. Eine Einschätzung von Steffen Grimberg.

Stilisierte Figur, deren Hand den Kopf berührt. Daneben ist der Titel der Animation zu lesen: Was bedeutet Medienkompetenz? 1 min
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Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wird eine weitere Kompetenz immer wichtiger: die Medienkompetenz. Aber was bedeutet das eigentlich?

MDR+ Sa 29.05.2021 12:00Uhr 01:29 min

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These 1: Der Begriff Medienkompetenz an sich ist zu schwammig.

Seit den 1990er Jahren hat sich dann vor allem die Definition des Erziehungswissenschaftlers Dieter Baacke durchgesetzt, nach der Medienkompetenz als vierdimensionales Kunstwerk mit den Unterabteilungen Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung daher kommt.

Das ist wissenschaftlich prima, überfordert in der Realität aber die meisten Menschen. "Medienkompetenz ist ein bisschen abstrakt", sagt auch der Direktor der Thüringischen Landesmedienanstalt, Jochen Fasco. Er koordiniert auch für die Medienanstalten der anderen Bundesländer den Bereich Medienkompetenz. "Viele Begriffe werden hier parallel benutzt, zum Beispiel also Medienkompetenz oder Medienbildung oder digitale Bildung". Er findet den Ausdruck Medienbildung besser: "Sie beschreibt das Ziel, das wir erreichen wollen, dass wir Medien verstehen und mit ihnen umgehen können", sagt Fasco im Interview mit MDR MEDIEN360G.

These 2: Und außerdem: Was sind doch gleich die Medien?

Reden wir über die klassischen Massenmedien wie Radio, Fernsehen, Zeitungen, Bücher und ihre digitalen Ausweitungen im Netz als E-Books, Blogs, Newsfeeds, Mediatheken usw. ist die Sache noch verhältnismäßig einfach. Doch der gesamte Bereich Social Media und Games stellt uns schon vor ungleich größere Herausforderungen. Und die Digitalisierung hält eine Garantie bereit: Stillstand gibt es nicht. Das Mediensystem wird immer größer und gleichzeitig komplexer. Dabei geht es munter und noch ein bisschen abenteuerlicher durcheinander. Gleichzeitig eröffnet uns die digitale Welt heute aber auch die Möglichkeit, in früher nie da gewesener Weise selbst mit zu mischen.

These 3: Zu viele Akteure verderben den Brei.

Es gibt ein fast unüberschaubares Angebot in Sachen Medienkompetenz. Alle Bundesländer und viele Städte sind hier unterwegs, mal direkt, mal über ihre Volkshochschulen oder die Landeszentralen für politische Bildung. Dazu kommen die Landesmedienanstalten, die im Hauptjob eigentlich für die Aufsicht über den privaten Rundfunk zuständig sind, sowie etliche private oder gemeinnützige Bildungseinrichtungen. Das führt einerseits zu einer tollen Angebotsvielfalt, andererseits aber auch zu einem ziemlichen Durcheinander. Und das macht die Sache für die Nutzerinnen und Nutzer, für die all das eigentlich veranstaltet wird, unnötig kompliziert. So gut föderale Strukturen und regionale Vielfalt sind: Die Medienwelt funktioniert in Kiel genauso wie in Zittau, und die Bild-Zeitung oder ARD, ZDF, RTL und Facebook sind überall die gleichen.

These 4: Medienkompetenz muss Schule machen, aber genau hier hapert es.

Wenn Medienkompetenz so wichtig ist wie Lesen, Schreiben und Rechnen sollte sie schon an der Schule gelehrt werden. Entsprechende Forderungen und energische Debatten darüber gibt es auch schon seit gut zwei Jahrzehnten. Doch ein Schulfach "Medien" oder wenigstens verlässliche, umfängliche Unterrichtseinheiten lassen fast überall weiter auf sich warten. Immerhin Thüringen ist hier weiter. Dort gibt es seit Anfang der 2000er Jahre den Kurs Medienkunde, heute ist Medien an 20 Projektschulen im Freistaat ein eigenes Schulfach.

Denn hier sind sich alle einig: Die allgemeinbildenden Schulen sind - zumindest wenn es um Medienkompetenz für Kinder und Jugendliche geht - der Schlüssel zum Erfolg. "Die Schulen sind enorm wichtig, denn dort erreichen wir alle Zielgruppen - prekäre, aber auch die wohlhabenden Familien. Sie erreichen Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund. Sie erreichen Menschen in Stadt und Land", so TLM-Direktor Fasco: "Und über die Kinder holen sie auch viele Eltern, also Erwachsene ab." Seine Forderung lautet, die Bedeutung von Medien und den kompetenten Umgang mit ihnen im Unterricht zu stärken. "Vielleicht muss man da noch ein bisschen bei den Bildungsressorts arbeiten", so Fasco.

These 5: Ältere Semester wurden anfangs vergessen und fanden das auch ganz okay.

Bis heute hält sich der Eindruck hartnäckig, Medienkompetenz sei vor allem für jüngere Menschen gedacht. Dabei belegen Studien heftige "Bildungslücken" und Fehleinschätzungen gerade auch bei älteren Semestern. Denen ist das vielfach peinlich, schließlich gehen wir im Durchschnittsleben davon aus, dass die Erwachsenen alles Nötige schon wissen und es ihrerseits den jüngeren Menschen beibringen. Zuzugeben, dass man hier auf dem Schlauch steht, fällt nicht leicht. Zum Glück wurde dieser Schuss gehört und es gibt heute immer mehr Medienkompetenz-Angebote für Erwachsene, ganz egal ob sie noch im Arbeitsleben stehen oder schon in Rente sind. Anders als bei den jungen Menschen, die vor allem über die Schulen einigermaßen verlässlich versorgt werden können, wird es hier aber mit der Erreichbarkeit schwieriger.

These 6: Der Digital Divide fordert ein Umdenken auch in der Medienbildung.

Digital Natives gegen die Generation Münzfernsprecher: Gerade beim Umgang mit modernen Medien und Anwendungen jenseits der Klassiker Radio, Fernsehen oder Zeitung ist der "Generationenvertrag" nicht mehr gültig. Dass jüngere Menschen, wenn sie älter werden, nicht mehr einfach zur gedruckten Zeitung greifen, wie sie das bei ihren Eltern noch am Frühstückstisch gesehen haben, ist ein alter Hut. Viele junge Menschen wachsen ganz selbstverständlich mit den gar nicht mehr so neuen sozialen Medien auf, sind aber auch stark mit deren asozialen Seiten konfrontiert. Doch ihre Elterngeneration bzw. die Erwachsenenwelt steht mit solchen Anwendungen oft noch ganz anders auf Kriegsfuß und sind bestenfalls angelernt. Hier braucht es noch mehr Zugehen aufeinander, damit sich die gemeinsamen Stärken und nicht die jeweiligen Schwächen im Umgang mit der schönen neuen digitalen Medienwelt Bahn brechen.

These 7: Es wird viel in Sachen Medienkompetenz gefördert. Aber es nützt wenig.

Jedenfalls hat 2021 eine Studie aus Sachsen ergeben, dass es hier ganz schön hapert. Die Untersuchung "Medienkompetenz in Sachsen. Auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft" kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass "rund ein Drittel der Sachsen nur über ein geringes Wissen über Medien verfügen".

Auch im Kontext der jüngsten Wahlergebnisse seien diese Befunde problematisch, heißt es in der Studie. "Gerade im ländlichen Raum verfügen die Menschen über deutlich geringere Kenntnisse über Medien sowie deren Strukturen, auch digitale Kommunikationsdienste und Tools werden deutlich weniger genutzt als in den urbanen Gebieten." Zudem gibt es weiter viele Vorurteile und falsche Vorstellungen, gerade auch was Aufgabe und Rolle der klassischen Massenmedien angeht. Laut der Studie waren rund 20 Prozent der befragten jungen Erwachsenen aus Nordsachsen davon überzeugt, dass die meisten Medien Eigentum des Staates seien. Bei älteren Menschen sah es nicht besser aus: "Fast 40 Prozent der über 65-Jährigen etwa sind davon überzeugt, dass Medien die Funktion haben, die Meinungsbildung in der Bevölkerung zu lenken", so das Fazit der von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Studie.

These 8: Bei der Infrastruktur hapert’s auch.

Deutschland hat bei der digitalen Infrastruktur erheblichen Nachholbedarf. Nicht mal alle Schulen sind verlässlich ans Internet angeschlossen. Besonders in ländlichen Gebieten sieht es mau aus. Im Sommer 2021 waren gerade einmal 37 Prozent der Schulen in Deutschland insgesamt mit schnellem Internet ausgestattet. Davon stehen mehr als zwei Drittel in Großstädten, nur ganze 16 Prozent der Schulen im ländlichem Raum surfen mit  Bandbreiten im Gigabyte-Bereich. So haben bundesweit 70 Prozent der Großstadt-Schulen schnelles Internet, aber nur 16 Prozent der Einrichtungen auf dem Land. Zudem gibt es ein West-Ost-Gefälle. Das bedeutet, das viele Angebote gar nicht bei den Menschen ankommen, weil einfach die technische Ausstattung fehlt.

These 9: Die Medien selbst und ihr Selbstverständnis sind für die Misere mit verantwortlich.

Viel bei diesem medialen Dilemma ist hausgemacht. Denn die klassischen Medien waren bis vor Kurzem ziemlich knauserig, wenn es darum ging, sich in die Karten schauen zu lassen. Doch genau das ist unabdingbar, wenn sich möglichst viele Menschen in Sachen Medienkritik und Medienkunde auskennen und engagieren sollen. Medien müssen transparenter werden und viel mehr von sich aus über ihre Arbeitsweisen, internen Spielregeln und eigenen Maßstäbe berichten. Dazu gehört auch, Fehler einzuräumen und zu berichtigen sowie die eigene Rolle kritisch zu reflektieren. Wäre das schon immer selbstverständlich gewesen, müsste die Medienbildung wohl nicht so viel Mühe darauf verwenden, den Menschen deutlich zu machen, dass es einen Unterschied zwischen einem nach journalistischen Kriterien recherchierten und produzierten Beitrag und einer nicht überprüfbaren Schauergeschichte gibt. Auch wenn beide auf Facebook, Instagram oder Telegram gepostet werden. Zwar haben hier die klassischen Medien in den vergangenen Jahren - wenn auch nicht immer ganz freiwillig - dazugelernt. Mit den neuen starken Playern aus dem Silicon Valley wie Facebook/Meta, Apple, Google & Co. sieht das aber schon wieder ganz anders aus. Sie wollen unsere Daten und hüten ihre Algorithmen wie Staatsgeheimnisse.

TLM-Chef Fasco meint: "In Zeiten, wo es um Desinformation geht, wo wir belogen werden oder wo wir auch lernen müssen, dass wir ökonomisch manipuliert werden, sollen, müssen wir lernen, damit kompetenter umzugehen, kreativ und kritisch. Das können ganz viele thematisieren. Da gehören vor allem auch die Medien selbst dazu. Und da gibt es noch ganz schön Luft nach oben, noch mehr zu tun."

These 10: Medienkompetenz im digitalen Zeitalter muss vor allem eine Erkenntnis vermitteln: Wir bezahlen mit unseren Daten.

Das Internet und die digitalen Welten werden zunehmend kostenpflichtig. Und das ist auch gut so. Denn natürlich gibt es nie etwas umsonst, auch nicht im World Wide Web. Die vielen vermeintlich kostenlosen Dienste und Angebote finanzieren sich alle, indem sie unsere Daten über unsere Suchen, Einkäufe, Chats usw. im Netz speichern, auswerten und uns gezielt mit Werbung "versorgen". Daher sollte jedes Medienkompetenzangebot zu allererst diese Botschaft vermitteln: "If you are not paying for the service, you are the product" oder zu Deutsch: "Wenn es nichts kostet, bist du selber das Produkt".


Korrekturhinweis: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es in These 7, die Studie sei von der Sächsischen Landesmedienanstalt UND der Sächsichen Landeszentrale für politische Bildung in Auftrag gegeben worden. Das ist falsch. Richtigerweise wurde die Studie von der Sächsischen Landesmedienanstalt, dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus und dem Landkreis Nordsachsen in Auftrag gegeben und von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung veröffentlicht.