Zahnarzt zeigt Zahnabdruck einer geduldigen Frau vor der Zahnimplantation.
In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es immer weniger Kieferorthopäden. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung in Thüringen macht sich Sorgen. Bildrechte: IMAGO / YAY Images

Zahnmedizinische Versorgung Kein einziger Kieferorthopäde in einigen mitteldeutschen Landkreisen

06. September 2024, 12:37 Uhr

Die Barmer Thüringen prognostiziert, dass sich in den kommenden elf Jahren die Zahl der kieferorthopädischen Praxen im Land halbiert. Der Vorstandschef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung in Thüringen, Knut Karst, sagte MDR AKTUELL, dass dieses Problem sogar schon länger bei Zahnarzt-Praxen zu beobachten sei. Das Problem besteht vor allem auf dem Land – so auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Astrid Wulf, Moderatorin und Autorin
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Knut Karst ist Zahnarzt im thüringischen Ilmenau. Auch Kinder und Jugendliche kommen in seine Praxis. Kieferfehlstellungen sind keine Seltenheit. "Bei uns in Ilmenau sehen wir das, was wir auch in den Thüringer Zahlen sehen, dass etwas über 50 Prozent einen kieferorthopädischen Behandlungsbedarf haben. Wir überweisen die."

Bisher hätten er und sein Team zwei Praxen betrieben, da sei das mit den Terminen relativ schnell lösbar gewesen. Jetzt sei eine Kollegin in den Ruhestand gegangen. "Wir überweisen also an eine Praxis, die jetzt natürlich etwas mehr zu tun hat und mehr Wartezeiten hat.", erklärt Karst.

Problem besteht vor allem auf dem Land

Vielerorts im Freistaat sieht es ähnlich aus, Zahnärzte gehen in Rente, Praxen werden geschlossen. In Städten wie Erfurt, Jena oder Gera gibt es ausreichend Kieferorthopäden, ganz anders auf dem Land: keinen einzigen gibt es zum Beispiel im ganzen Landkreis Sonneberg in Südthüringen. Die Menschen dort müssen also in andere Landkreise oder nach Bayern fahren.

Knut Karst ist auch Vorstandschef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) in Thüringen. Der KZV macht die Prognose Sorgen, dass sich in den kommenden elf Jahren die Zahl der kieferorthopädischen Praxen halbiert. "Im Moment ist die kieferorthopädische Versorgung Thüringen noch gut gesichert, in diesen Gebieten, wo Kieferorthopäden da sind.", sagt Karst. Dort wo diese weniger würden, würden die Anfahrtswege für Eltern länger. Wartezeiten auf den Ersttermin würden sich verschieben. "Das ist in den zahnärztlichen Praxen noch viel schlimmer, im kieferorthopädischen Bereich stehen wir am Anfang dieser Tendenz.", warnt Karst.

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Zu wenig Plätze für praktisches Jahr in Thüringen

Ein Problem aus Karsts Sicht: zu wenig Plätze für das praktische Klinikjahr an Thüringens einziger Uniklinik in Jena. Es gebe bereits verschiedene Initiativen, um dem Trend entgegen zu wirken. Der zeigt sich auch im Zahnreport der Krankenkasse Barmer, die dieses Jahr die Kieferorthopädie genauer unter die Lupe genommen hat.

Barmer-Geschäftsführerin in Thüringen, Birgit Dziuk, sieht neben den Krankenkassen und Zahnärztevertretern auch das Land in der Pflicht. "Ganz klar, dass das Land zuständig ist für die Studienplätze. Dass einfach zu thematisieren, das wäre mein Ansatz für eine neue Landesregierung. Um dann auch Notsituationen zu vermeiden in der Zukunft", sagt Dziuk.

Auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt mittelfristig zu wenig zahnmedizinisches Personal

In den Nachbarländern Sachsen-Anhalt und Sachsen sieht es ähnlich aus. Erst im Juni hatten die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen in Ostdeutschland vor dem Kollaps der zahnmedizinischen Versorgung insgesamt gewarnt. Referent in Sachsen und selbst Kieferorthopäde in Wurzen, Uwe Reich, sagt: "Das ist das Problem: dass mittelfristig nicht garantiert werden kann, dass die kieferorthopädische Versorgung flächendeckend wohnortnah gewährleistet ist. Sondern, dass die Patienten dann doch weitere Wege in Kauf nehmen müssen."

In der Ausbildung gebe es zwar ausreichend Nachwuchs, ergänzt er. Doch sei – wie in vielen Bereichen – unsicher, ob die jungen Menschen dann auch in abgelegenen Regionen arbeiten wollen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 06. September 2024 | 06:06 Uhr

5 Kommentare

Kritische vor 30 Wochen

In abgelegenen Regionen? Das Problem besteht hier in der Großstadt ebenfalls. In den unmittelbaren Randgemeinden gehen die Kieferorthopäden in Rente und finden keine Nachfolger. Die Kinder und Jugendlichen müssen dann von den verbliebenen Praxen in der Stadt mitversorgt werden, aber auch da wird es dünner. Termine sind kaum noch zu bekommen, schon gar nicht außerhalb der Unterrichtszeit. Man bekommt einen Termin Wochen oder Monate später und nimmt ihn oder nicht.

Uborner vor 30 Wochen

Für junge, kluge Leute ist eine Stadt eben attraktiver als das Land. Und wenn eine Stadt wie Sonneberg mit über 20 000 Einwohnern und für den ganzen Landkreis zu erreichen ist keinen Kiefernorthopden mehr kriegt stellt sich die Frage "Warum nicht?". AfD regiert, kein Tag ohne das irgendwo einer 'heil Hitler' brüllt und nichts passiert ist das noch unattraktiver. Und das wird weiter so gehen. Arme Sonneberger, die Wahl war ein Schuss ins Knie.

Tom0815 vor 30 Wochen

@ElBuffo
Vielleicht liegt es ja da ran??
"In der Ausbildung gebe es zwar ausreichend Nachwuchs, ergänzt er. Doch sei – wie in vielen Bereichen – unsicher, ob die jungen Menschen dann auch in abgelegenen Regionen arbeiten wollen."

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