Zugunglücke 17 Unfälle seit Juli: Ist Bahnfahren in Tschechien noch sicher?

Diese blonde Frau ist unsre tschechische Ostbloggerin Helena Šulcová.
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In Tschechien ist es vor wenigen Tagen schon wieder zu einem Zugunglück gekommen. Beim Zusammenstoß von zwei Zügen sind in der Gemeinde Kdyně (unweit der Grenze zu Bayern) 20 Menschen verletzt worden. Seit Juli ist es schon der siebzehnte Zugunfall in der Tschechischen Republik. Die Gewerkschaften schlagen Alarm und sprechen von überarbeiteten Lokführern. Das Verkehrsministerium plant neue Maßnahmen. Ist Bahnfahren in unserem Nachbarland eigentlich noch sicher?

Zugunglück in Kdyňe in Tschechien
Beim jüngsten Zugunglück in Kdyňe gab es zum Glück keine Todesopfer. 20 Menschen wurden schwer verletzt, mehrere davon mussten per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Bildrechte: imago images / CTK Photo

Braucht man wirklich einen Mundschutz für die Fahrt mit der Bahn in Tschechien? Sollte man nicht lieber einen Helm aufhaben? Mit diesen Fragen machen sich die Tschechen derzeit über die Zahl der Bahnunfälle im Land lustig. Zum Lachen ist die Situation jedoch nicht. Allein seit Juli passierten nach Angaben der tschechischen Bahninspektion 17 Zugunfälle, oft mit dramatischen Folgen.

Bahnunglücke durch menschliches Versagen?

Bei dem letzten Unfall in Kdyně, zehn Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt, mussten vier von den 20 Verletzten mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Anfang Juli kamen bei einem Zugunglück im tschechischen Teil des Erzgebirges zwei Reisende ums Leben, darunter ein Deutscher. Bei einem Unfall in der Nähe von Prag starb der Lokführer. "Höchstwahrscheinlich ist menschliches Versagen Schuld an diesen Unglücken von diesem Sommer. Die Untersuchungen sind aber noch nicht abgeschlossen", sagte der Sprecher der tschechischen Bahninspektion Martin Drápal gegenüber dem MDR. Überprüft wird Drápal zufolge auch der Ablauf der Schicht der Lokführer und ob sie genug Zeit zur Erholung hatten. Ergebnisse kann man erst Ende des Jahres erwarten.

Tschechische Lokführer sind überarbeitet

Seit Jahren spricht man in Tschechien darüber, dass die Lokführer überarbeitet sind. "Es gibt nicht genug Lokführer. Sie müssen Überstunden machen, dies wirkt sich auf die Arbeit aus", sagte der Verkehrsexperte des Verbandes der Gewerkschaften im Dienstleistungssektor und Verkehr Jindřich Berounský dem Nachrichtenportal novinky.cz im Juli. Es sei auch keine Ausnahme, dass ein Lokführer gleich für zwei Bahnanbieter arbeite, oft an dem selben Tag. "Auch Menschen im Rentenalter pendeln innerhalb von einem Tag zwischen zwei Arbeitstplätzen", fügte er hinzu. Grund sei das Geld. Der übliche Lohn eines tschechischen Lokführers liegt bei 46.000 Kronen brutto monatlich - umgerechnet 1.740 Euro. In dieser Summe sind die 36-Stunden-Woche und Überstunden enthalten. Ein Lokführer darf nach dem Tarifvertrag der Tschechischen Bahn maximal acht Überstunden pro Woche machen. In Deutschland verdient ein DB-Lokführer im Schnitt etwa 2.700 Euro brutto monatlich, bei einer 39-Stunden-Woche. Dazu kommen noch monatliche Zuschläge für Nachtarbeit und Überstunden.

Tschechische Bahn: Wir halten uns an Regeln!

In Tschechien gibt es neben der staatlichen Tschechischen Bahn noch weitere (private) Bahnanbieter. Die Tschechische Bahn (ČD) ist jedoch mit Abstand das größte Unternehmen auf der Schiene. Ihre Sprecherin Gabriela Novotná wies auf Anfrage vom MDR einen Teil der Vorwürfe zurück. Es gebe aktuell genug Lokführer in der Firma (3.500) und die Schichtplanung unterliege strengen Regeln nach geltenden Gesetzen und dem aktuellen Tarifvertrag. "Auf der anderen Seite, können wir nicht überprüfen, ob die Lokführer tatsächlich die Ruhezeit nutzen, um sich zu erholen, oder ob sie für ein anderes Unternehmen arbeiten", so Novotná.

Lokführer in einem Zug
Tschechische Lokführer berichten von Übermüdung im Cockpit. Bildrechte: imago/CTK Photo

Lokführer: Ich schlafe nicht mal fünf Stunden

Die Eisenbahner meinen aber, dass auch die Schichtplanung nicht immer nach allen Regeln läuft. Erlaubt sind 13 Stunden Arbeit mit vorgeschriebenen Pausen, danach muss der Lokführer sechs Stunden schlafen, bis er wieder fahren darf. Anschließend bekommt er mehrere freie Tage. Soweit die Theorie. Ein Lokomotivführer beschrieb im Tschechischen Fernsehen die Wirklichkeit: "Wir fangen um 9:39 den ersten Teil der Schicht an und fahren bis 20:09. Dann haben wir offiziell sechs Stunden Pause. Bis ich aber vom Zug zum Aufenthaltsraum komme, und mich fürs Bett bereitmache, bleiben mir nicht mal fünf Stunden für den Schlaf. Um 2:12 Uhr nachts muss ich weiterfahren."

Verkehrsministerium: Wir ändern das!

Die tschechische Bahnaufsichtsbehörde, welche auf die Sicherheit auf der Schiene achtet, bereitet jetzt ein Lokführer-Register vor. Wie der Sprecher Martin Novák dem MDR mitteilte, werde damit eine bessere Kontrolle über die Erholungszeiten der Fahrer gewährleistet. Das Verkehrsministerium will die Regeln für Pausen zugunsten der Lokführer ändern, gleichzeitig aber auch eine Legislative durchsetzen, die einen Lizenzentzug ermöglichen soll, wenn sich die Lokführer nicht an die Sicherheitsregeln halten.

Tschechen machen Witze über die Bahn

Die Politiker versprechen zwar Veränderungen, viele Tschechen sind aber skeptisch. "Den Staat wie einen Zug führen," postet ein Facebook-Nutzer unter einem Bild von Regierungschef und Unternehmer Andrej Babiš, der vor den Wahlen versprochen hat, den Staat wie eine Firma zu führen. Ein Weiterer postet, was man jetzt für eine Bahnfahrt mitnehmen sollte: Fahrkarte, Reiseapotheke, Körperschutz, Helm und ein Testament.

Die Sprecherin der Tschechischen Bahn betont allerdings, dass die Fahrt mit der Bahn sicher sei. Bis zu dem Unfall im Erzgebirge in diesem Juli, hat es in den letzten fünf Jahren keinen tödlichen Unfall gegeben, für den die Tschechische Bahn hätte verantwortlich gemacht werden können.

Eisenbahnlad Tschechien Tschechien hat auf die Fläche bezogen das dichteste Eisenbahnnetz in der EU. Auf einen Quadratkilometer kommen rein rechnerisch rund 119 Meter Schienen. Selbst in sehr kleine Städte kommt man mit dem Zug, allerdings können die Reisen sehr lange dauern und viele Strecken werden von nur wenigen Zügen am Tag befahren.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 15. Juli 2020 | 17:45 Uhr

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