Leben an der Wolga
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Die Wolga - Russlands mystischer Strom

"Mütterchen Wolga" - ein ganzes Volk identifiziert sich mit ihr. Sie wurde tausendfach beschworen in Musik, Malerei und Literatur. Auf der einen Seite erscheint sie gutmütig, lebenspendend, als große Ernährerin. Sie steht für Weisheit und Stärke. In vielen Überlieferungen wird sie als Beschützerin vergöttert, als Erlöserin. Doch es gibt auch eine gegensätzliche Seite: die freie, wilde und unbeherrschte. Der längste Fluss Europas – ein Mythos.

Leben an der Wolga
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Die Wolga war immer ein Fluss vieler Völker. Einige der größten und schönsten Städte des Landes liegen an ihrem Ufer: Twer, Jaroslawl, Nischnij Nowgorod, Tscheboksary, Kasan, Samara, Saratow, Wolgograd, Astrachan. Einige Namen erinnern an die slawischen, türkischen und finno-ugrische Stämme, die im Wolgagebiet lebten, bevor es im 16. Jahrhundert von "Iwan dem Schrecklichen" erobert wurde - angefangen mit dem tatarischen Kasan.

Der Zar vereinigte die verschiedenen Territorien und begründete den Russischen Staat auf Grundlage einer immer noch feudalistischen Wirtschaft und Gesellschaft. Nach und nach gewann der Fluss an Bedeutung als Handelsweg für Pelze, Rohstoffe und Fisch. Siedlungen, Kirchen und Klöster entstanden.

Osteuropa

Ein Kreuzfahrtschiff auf der Wolga 1 min
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Die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit

Die Steppen- und Waldgebiete an der Wolga aber blieben unerschlossen. Leibeigene Bauern flohen in die wilden Ufergebiete und gründeten eigene Dörfer. Der Fluss gab ihnen alles, was sie brauchten. Jenseits der Ufer - im Ural - war das Land noch unberührt. Auch dorthin zogen viele unfreie und arme Menschen. Sie wurden zu Räubern oder schlossen sich den unabhängigen Kosaken an. In dieser Region brach im Frühling des Jahres 1670 der erste russische Volksaufstand aus. Hundert Jahre später zogen auch die Bauern in den Krieg, kämpften um ihre Freiheit. Mitte des 19. Jahrhunderts endete die Feudalherrschaft und der Kapitalismus zog ein. Kaufleute und Fabrikanten ließen sich an der Wolga nieder und verhalfen den Städten am Ufer zu großem Reichtum.

Der große kommunistische Umbau

Die Wolga brachte zunächst noch einen Helden hervor. Lenin. Er wurde in Simbirsk geboren. 1924 benannte man die Stadt nach seinem eigentlichem Familiennamen Uljanowsk. Bis heute ist der Ort eine Kultstätte.

Nach der Revolution und den Bürgerkriegen schrieb die Wolga ihre wohl schrecklichste Geschichte. In Sowjetrussland unter Stalins Diktatur wurden seit den 1930er Jahren vor allem wohlhabende Bauern aus dem Wolgagebiet, aber auch andere "unbequeme" Menschen, die die Politik der Kommunistischen Partei ablehnten, samt ihren Familien enteignet, deportiert oder ermordet - Teil des sowjetischen Plans zur schnellen Industrialisierung des Landes mit der Folge des kompletten Zusammenbruches der Agrarwirtschaft.
Unter den Deportierten waren auch die Wolgadeutschen, die sich auf Einladung von Katharina der Großen Mitte des 18. Jahrhunderts am Fluss niedergelassen hatten. Nach dem Überfall der Wehrmacht und der Wende im Zweiten Weltkrieg löste Stalin ihre Wolgarepublik auf und verschleppte die noch verbliebenen Deutschen nach Kasachstan.

Vorbei war es mit dem Fluss der vielen Völker, die an ihrem Ufer Freiheit und Erlösung fanden. Mit der Zeit verlor das wertvolle Kulturland immer mehr seine Ursprünglichkeit. Nach dem 2. Weltkrieg lies Stalin gigantische Staudämme für überdimensionierte Kraftwerke bauen, wofür unzählige Hektar fruchtbares Land überflutet, die Wolga begradigt wurde, ohne Rücksicht auf die Natur. Und auch die Städte und Dörfer büßten ihr traditionelles,  vielfältiges Antlitz ein – verdrängt von kommunistischen Bauten.

Dennoch bleibt die Wolga ein Mythos – gerade wegen ihrer wechselvollen Vergangenheit. Der beste Weg, ihr nahe zu kommen, ist per Schiff. Aus der Perspektive des Flusses selbst kann man am besten die Städte und Menschen, die verschiedenen Völker und ihre Geschichte(n) an ihren Ufern kennenlernen. Nicht zuletzt durch den Tourismus nährt sich heute das Herz Russlands – die Wolga.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Heute im Osten - Reportage | 22.07.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2017, 17:32 Uhr

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