Start einer Soyuz-2-Rakete
Start einer Sojus-Rakete in Wostotschny im Sommer 2019 Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Russland Weltraumbahnhof Wostotschny wird zum schwarzen Loch

Der Weltraumbahnhof Wostotschny, das künftige Aushängeschild der russischen Raumfahrt, kommt nicht zur Ruhe. Wieder hagelt es Kritik über den Umfang der Korruption auf Russlands größter Baustelle. Dieses Mal von Wladimir Putin persönlich, der sich bei einer Regierungssitzung in deutlichen Worten darüber echauffierte.

von Denis Kliewer

Start einer Soyuz-2-Rakete
Start einer Sojus-Rakete in Wostotschny im Sommer 2019 Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Anfang September 2019 besuchte Wladimir Putin den noch immer in Bau befindlichen Weltraumbahnhof Wostotschny im fernen Osten Russlands. Nach den Skandalen vergangener Jahre wollte sich der Präsident persönlich über den Fortgang der Arbeiten informieren und sagte am Ende des Besuchs, er erwarte von der russischen Weltraumorganisation "Roskosmos" eine bessere Planung der Arbeiten und die Erfüllung aller gesetzten Fristen.

Wladimir Putin: Es wird geklaut

Nun aber platzte ihm offenbar bei einer Regierungssitzung am 11. November endgültig der Kragen. Denn, so Putin, es sei bis heute nicht gelungen, auf der Baustelle für Ordnung zu sorgen. "Hundertmal habe ich schon gesagt, dass die Arbeiten transparent durchgeführt werden müssen. Denn für dieses nationale Projekt werden große Summen zur Verfügung gestellt. Aber nein, es wird trotzdem geklaut – und das im Maßstab von Hunderten von Millionen Rubel!"

Der russische Präsident Wladimir Putin leitet ein Treffen russischer Regierungsbeamter im Kreml.
Wladimir Putin bei einer Regierungssitzung am 11. November 2019 im Kreml: "Es wird trotzdem geklaut!" Bildrechte: imago images/Russian Look

Endlich ein eigener Weltraumbahnhof

Als das Projekt Wostotschny 2007 geplant wurde, sollte es zum Stolz der russischen Raumfahrt werden: Endlich ein eigener Weltraumbahnhof für alle Raketen-Klassen und für bemannte wie unbemannte Starts. Endlich nicht mehr auf das aus sowjetischer Zeit stammende Baikonur angewiesen sein, das nun im kasachischen Ausland liegt und teuer angemietet werden muss. 2012 wurde mit dem Bau begonnen. Bis Ende 2016 sollte alles fertig sein. Doch das Projekt ist bis heute nicht abgeschlossen. So beschwerte sich Premierminister Dmitri Medwedew im Januar 2019 darüber, dass gerade einmal ein Viertel der geplanten Objekte fertiggestellt seien.

17.000 Verstöße auf der Baustelle

In Anbetracht der offiziellen Zahlen rund um das Megaprojekt überrascht es nicht, dass Präsident Putin derart deutliche Worte findet. Bereits vor einem Jahr hat die Oberstaatsanwaltschaft Russlands mitgeteilt, dass seit 2014 rund 17.000 Verstöße auf der Baustelle festgestellt wurden, die zu mehr als 140 Strafverfahren und zu Gefängnisstrafen in 32 Fällen geführt haben. Dmitri Peskow, Pressesprecher des Präsidenten, sprach nach der Regierungssitzung von 91 Milliarden Rubel, die bislang in das Projekt geflossen seien. Davon seien elf Milliarden Rubel – umgerechnet also etwa 156 Millionen Euro – gestohlen worden.

"Roskosmos"-Chef weist Vorwürfe zurück

Von Journalisten auf die deutlichen Worte des Präsidenten angesprochen, sagte Dmitri Rogosin, Chef von "Roskosmos", dass die Korruption auf Wostotschny der Vergangenheit angehören würde. Diejenigen, denen strafbare Handlungen nachgewiesen werden konnten, seien längst aus dem Projekt entfernt worden und der weitere Bau verlaufe streng nach Vorschriften. Rogosin war bis 2011 Botschafter der Russischen Föderation bei der NATO in Brüssel, bevor er 2012 als Vize-Premier in die russische Regierung wechselte und in dieser Funktion von Anfang an die Verantwortung für das Wostotschny-Projekt übernahm. 2018 wurde er zum Chef von "Roskosmos" ernannt. Anfang 2016 berichtete das russische Büro von "Transparency International" darüber, dass Rogosin seit Ende 2013 zusammen mit seiner Frau eine 346 Quadratmeter große Wohnung in einem Moskauer Nobelviertel besitze, deren Marktwert bei über einer halben Milliarde Rubel oder rund 11,1 Millionen Euro liege. Dabei habe das Ehepaar, eigenen Angaben zufolge, zwischen 2011 und 2014 zusammen lediglich 48,4 Millionen Rubel verdient. Rogosin selbst aber streitet jegliche Verwicklungen in Korruptionsaffären ab.

Dimitri Rogosin, Chef russische Weltraumbehörde Roskosmos
Dimitri Rogosin, Chef der russischen Weltraumbehörde "Roskosmos" Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Korruption überwuchert gesamte russische Wirtschaft

Bei einer Talk-Show im russischen Fernsehsender OTR anlässlich der Äußerungen Putins zu Wostotschny machte der unabhängige Luft- und Raumfahrtexperte Vadim Lukaschewitsch auf den systemischen Charakter der Korruption aufmerksam. "Wir reden heute über den Weltraumbahnhof Wostotschny aus dem einfachen Grund, weil er unsere Hoffnung verkörpert. Das ist unser nationales Projekt. Aber ich kann sagen, dass in unserer gesamten Raumfahrt eine ähnliche Situation herrscht. Raumfahrt ist eine Branche unter vielen, ein Teil unserer Wirtschaft", so der Experte weiter. "Und die Korruption ist ein Geschwür, das die gesamte Wirtschaft überwuchert hat. Dieses Geschwür muss bekämpft werden. Dafür brauchen wir aber eine andere Justiz und andere Gesetze."

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Aktuell" 01.02.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2019, 17:28 Uhr

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