Bahnfahren in Osteuropa Ukraine - eine Herausforderung für die Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn steigt bei der ukrainischen Eisenbahn Ukrsalisnyzja ein. Die DB will die Ukrainische Eisenbahn in den nächsten Jahren unternehmerisch und technisch beraten und unterstützen, heißt es dazu aus der deutschen Bahnzentrale. Die Ukrsalisnyzja hat massive Probleme mit Infrastuktur und Korruption, ist aber aus Sicht der Kunden durchaus gut aufgestellt.

von Denis Trubetskoy

Ein Mann räumt Schnee auf einem Bahnsteig
Seit der Fussball-EM 2012 fahren in der Ukraine diese modernen Schnellzüge. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Die Ukrainische Eisenbahn - ein Zuschussgeschäft

Die Ukrsalisnyzja, die Ukrainische Eisenbahn, hat zwar im Jahr 2019 nach eigenen Angaben mehr als 90 Millionen Euro Gewinn gemacht. Doch der Personenreiseverkehr brachte nach wie vor ein dickes Minus - umgerechnet rund 440 Millionen Euro Defizit fuhr er ein. Ohne staatliche Hilfe kommt die ukrainische Bahn also nicht aus. Denn Bahntickets dürfen nicht viel kosten in der Ukraine, das Durchschnittsgehalt liegt bei umgerechnet etwa 440 Euro im Monat. So kostet eine fünfstündige Fahrt zwischen der Hauptstadt Kiew und Charkiw im Osten des Landes in der zweiten Klasse eines modernen Schnellzuges umgerechnet nur etwa zwölf Euro.

Mehr Komfort seit der Fussball-EM 2012

Zur Fussball-Europameisterschaft 2012 hatte die Ukraine Schnellzüge des südkoreanischen Herstellers Hyundai eingekauft, um schnelles Reisen von Kiew aus in die wichtigsten Städte des Landes, nach Lwiw im Westen, nach Charkiw im Osten oder nach Odessa im Süden möglich zu machen. Mittlerweile fahren neben den Hyundai-Zügen auch solche des tschechischen Herstellers Skoda und aus ukrainischer Produktion. 16 Schnellzüge bedienen inzwischen täglich acht Routen im größten Land Europas.

In den Zügen gibt es, wie in ICs oder ICEs in Deutschland, eine 1. und 2. Klasse und kostenloses WLAN. Das funktioniert aber nicht besonders gut, was vor allem am schlechten 3G-Empfang in der ukrainischen Provinz liegt. Dafür ist der Kaffee gut. In den Nachtzügen, die noch immer einen großen Anteil am Personenverkehr in der Ukraine haben, ist auch ein "Lunchpaket" inklusive.

Lebensmittel und Getränke aus einer Lunchbox
Ein Schinkensandwich, eine Portion Porridge, ein Croissant und Tee - das Catering in den Nachtzügen ist übersichtlich aber abwechslungsreich. Bildrechte: imago/Ukrinform

Verspätung? - Wie bitte?!

Großes Lob bekommt die Ukrainische Eisenbahn von den Ukrainern in Sachen Pünklichkeit. Verspätungen, wie sie in Deutschland an der Tagesordnung sind, kommen in der Ukraine selten vor. Das hat zum einen damit zu tun, dass das Schienennetz in der Ukraine längst nicht so dicht und so komplex ist wie in Deutschland. Zum anderen sind die Fahrpläne großzügig getaktet. Denn Bahndämme und Gleise sind recht veraltet und stark sanierungsbedürftig. Deswegen heißt auch für die Schnellzüge: Spitzengeschwindigkeit 160 km/h.

Sanierungsstau

Doch das Schienennetz ist nicht der einzige Bereich, in dem die ukrainische Bahn dringend Investitionen bräuchte. Ukrsalisnyzja schätzt den Abnutzungsgrad seines Waggon- und Lokomotivparks auf 80 Prozent, im Nahverkehr spricht man sogar von 90 Prozent.

Passagiere sitzen im Abteil eines Zuges
Pendler in der Ukraine. Vor allem im Nahverkehr hat die Ukrainische Bahn Sanierungsbedarf. Bildrechte: imago images/Volker Preußer

Und auch im Fernverkehr, der vor allem mit Nachtzügen bestritten wird, gibt es nur wenige Erneuerungen. Im Herbst 2019 hat Ukrsalisnyzja einen neuen Nacht-Schnellzug von Kiew nach Mariupol eingesetzt, in die größte Stadt im Donbass, die noch nicht in die Hände pro-russischer Kämpfer gefallen ist. Allerdings sind das alte Loks und Waggons, die nur von Grund auf renoviert wurden. Bis zu 14 Stunden brauchen sie für die fast 800 Kilometer lange Strecke.

Junge Menschen stehen auf einem Bahnsteig neben einem Zug, daneben eine Glocke
Sie singen die ukrainische Hymne als der neue Nachtzug Kiew - Mariupol auf Jungfernfahrt geht. Bildrechte: imago images/Ukrinform

Deutsche Hoffnung für die Ukrainische Eisenbahn?

Es gibt also eine Menge zu tun. Die ukrainische Regierung setzt große Hoffnungenauf die Deutschen. "Ja, wir wollen unsere Bahn für zehn Jahre an die Deutschen abgeben. Die politische Entscheidung ist bereits gefallen“, sagte der ukrainischen Ministerpräsident Olexij Hontscharuk am Rande des Wirtschaftsforums in Davos. Doch ukrainische Experten zweifeln daran, ob die DB bei Abnutzungsproblemen hilfreich sein kann. "Dass die Eisenbahn in Deutschland modern ist, hat in erster Linie nicht mit dem Management der DB zu tun, sondern mit den riesigen staatlichen Subventionen", meinte etwa der ehemalige stellvertretende Infrastukturminister Olexander Kawa im ukrainischen Fernsehsender Nasch. Der Tenor: Hätte die Ukraine ebenfalls mehr als zehn Milliarden Euro jährlich in die Bahn investieren können, wäre die Zusammerarbeit mit der DB sicher nicht notwendig. Das Grundproblem liege woanders.

Güterwagons auf Gleisen
Ein Güterbahnhof in Kiew. Züge und Schienen sind dringend sanierungsbedürftig. Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Hilfe bei der Korruptionsbekämpfung?

Eventuell können die Deutschen ihren ukrainischen Kollegen bei der Korruptionsbekämpfung helfen. Die Lage soll so schlimm sein, dass Ministerpräsident Hontscharuk Ende 2019 offen von "totaler Korruption" sprach. "Die Ukrsalisnyzja wird einfach ständig ausgeraubt", klagt Hontscharuk. Verschiedene Einflussgruppen innerhalb der Bahn würden massiv von vorentschiedenen Ausschreibungsergebnissen profitieren, einsatzfähige Lokomotiven würden nicht im Interesse der Bürger auf die Strecke geschickt, sondern dorthin, wo man privat mehr abkassieren kann. Seit Jahren gelingt es nicht, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Die ukrainische Regierung präsentiert den Einstieg der Deutschen deshalb nun als großen Erfolg. Kritik oder Befürchtungen, da finde ein Ausverkauf staatlicher Infrastruktur statt, werden zerstreut. Ministerpräsident Hontscharuk versichert: "Wir zeigen nur, wie offen wir für Investitionen sind. Erst werden wir einfach nur deutsche Berater haben. Dann schauen wir, ob sie in die Unternehmensführung geholt werden." Die Ukrainer würden in den nächsten Jahren Beratung und Unterstützung in unternehmerischen und technischen Fragen bekommen, heißt es von der Deutschen Bahn. Die mögliche Einbindung in die operative Unternehmensführung solle Anfang Februar in einem Memorandum geregelt werden.

Ukrsalisnyzja ist eines der staatlichen Unternehmen, die von Gesetzes wegen nicht privatisiert werden dürfen. Es bleiben letztlich die Übernahme der Verwaltung und Beratungsdienste. Hinauskommen wird es also auf einen Mix aus einer Rolle in der Unternehmensführung und der Beratungstätigkeit.

Osteuropa

Foto der Woche Wie ist Bahnfahren in Osteuropa?

Kostenloser Kaffee und pünktliche Züge - das Bahnfahren in Osteuropa hat durchaus seine Annehmlichkeiten. Dennoch laufe nicht immer alles so glatt ab, berichten unsere Ostblogger.

Ein Bahnsteig mit einem Zug
Die Züge in Tschechien sind sauber, meistens pünktlich und oft steht den Reisenden gut funktionierendes W-LAN zur Verfügung. Ein großes Manko gibt es aber dennoch: Die tschechische Bahn ist zwar sehr preiswert, aber auch sehr langsam. Bildrechte: MDR/Helena Šulcová
Ein Bahnsteig mit einem Zug
Die Züge in Tschechien sind sauber, meistens pünktlich und oft steht den Reisenden gut funktionierendes W-LAN zur Verfügung. Ein großes Manko gibt es aber dennoch: Die tschechische Bahn ist zwar sehr preiswert, aber auch sehr langsam. Bildrechte: MDR/Helena Šulcová
Sitzplätze in einer Bahn
Von Prag nach Budweis sind es zum Beispiel nur 150 Kilometer, der Zug braucht für diese Strecke jedoch mehr als zwei Stunden. Das tschechische Pendant zum ICE sind die Pendolino-Züge. Auf der Strecke zwischen Prag und Mährisch-Ostrau, der drittgrößten Stadt Tschechiens, erreichen sie bis zu 160 Kilometer pro Stunde. Bildrechte: MDR/Helena Šulcová
Eine Frau in einem Zug
Preiswert ist der Besuch des Speisewagens in der tschechischen Bahn. Ostbloggerin Helena Šulcová hat die Karte unter die Lupe genommen: Ein kleines Bier vom Fass kostet umgerechnet etwa 1,40 Euro und böhmischen Lendenbraten mit Rahmsauce und Knödeln bekommt man für 6,50 Euro. Bildrechte: MDR/Helena Šulcová
Ein Zugticket in tschechischer Sprache
Die Ostbloggerin fährt regelmäßig mit der Bahn nach Olmütz, das 250 Kilometer von Prag entfernt liegt. Für die Fahrkarte und eine Platzreservierung in der zweiten Klasse bezahlt sie umgerechnet zehn Euro. Der Grund für den niedrigen Preis ist die Konkurrenz auf dieser Strecke - neben der staatlichen tschechischen Bahn fahren hier noch zwei Privatanbieter (RegioJet und LeoExpress). Rentner, Studenten und Kinder fahren in Tschechien zudem fast kostenlos. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung beschlossen, dass sie einen Rabatt von 75 Prozent auf Bahntickets erhalten. Bildrechte: MDR/Helena Šulcová
Ein Zug im Bahnhof
Wer in Polen mit dem Zug fährt, sollte ein Meister darin sein, den Überblick zu bewahren. Denn auf denselben Strecken gibt es mehrere Anbieter mit verschiedenen Tickets. Das liegt unter anderem daran, dass jede Woiwodschaft (ähnlich den deutschen Bundesländern) ihr eigenes Bahnsystem hat und es eine Vielzahl von Privatanbietern gibt. In den Ballungsgebieten versuchen die Kommunen, die Tickets zu vereinheitlichen, so dass sie für alle Züge auf der jeweiligen Strecke gültig sind. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka
Ein Zug fährt in den Bahnhof ein
Die Polen meckern zwar viel über die Bahn, dennoch funktioniere das Bahnsystem ganz gut, meint Ostbloggerin Monika Sieradzka: "Jedes Mal, wenn ich in Deutschland Zug fahre, gibt es Verspätungen und Zugausfälle. In Polen passiert mir das sehr selten." Besonderen Komfort bieten die Schnellzüge: Dort gibt es kostenlos Tee, Wasser und Kaffee. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka
Ein Zug steht auf einem Bahngleis.
Die ältesten Züge, die in Polen noch in Betrieb sind, sind die EN57-Züge aus den 1960er-Jahren. Mit Fördergeldern der EU werden sie derzeit modernisiert: Die Züge bekommen Anzeigen und Klimaanlagen. Außerdem werden die alten Plastiksitze durch neue ersetzt. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka
Ein Zug von innen.
Denis Trubetskoy, unser Ostblogger in der Ukraine, ist neulich mit dem Schnellzug von Kiew nach Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, und zurück gefahren. In die Schnellzüge darf man in der Regel bereits rund 40 Minuten vor Fahrtbeginn einsteigen. Das ist sehr praktisch, denn auf dem Kiewer Hauptbahnhof ist es derzeit ganz schön kalt. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy
Ein Bahnticket auf dem Handy.
Die Zugtickets können die Ukrainer bequem auch online kaufen. Bei der Fahrkartenkontrolle reicht es, das Ticket auf dem Handy zu zeigen. Die Schnellzüge sind seit ihrer Einführung 2012 mit kostenlosem W-LAN ausgestattet. Die Verbindung ist zwar nicht besonders schnell, aber die Passagiere nutzen sie trotzdem gern. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy
Eine Speisekarte.
Im Zug kann man durchaus gut essen. Dennoch gibt es immer wieder Passagiere, die nach alter sowjetischer Tradition, Mengen an mitgebrachtem Essen im Zug verspeisen. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy
Passanten vor einem Bahnhofsgebäude.
Nach fast fünf Stunden kommt Ostblogger Denis Trubetskoy am Bahnhof in Charkiw an. Für eine etwa 500 Kilometer lange Strecke sei das nicht schlecht, meint er. Eigentlich könnten die Schnellzüge noch deutlich schneller fahren, dafür sind die Schienen aber zu veraltet. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy
Eine kaputte Rolltreppe.
Die Bahnhöfe stellen zurzeit aber ein viel größeres Problem als die Züge und Schienen dar. Bei der Rückkehr nach Kiew funktioniert zum Beispiel die Rolltreppe nicht. Seit Jahren ist das eher die Regel als die Ausnahme. Auch der Anblick des restlichen Bahnhofs lässt laut Ostblogger Denis Trubetskoy zu wünschen übrig.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 03.12.2018 | 21:45 Uhr
Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy
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Osteuropa

Ein Zug steht auf einem Bahngleis.
Die ältesten Züge, die in Polen noch in Betrieb sind, sind die EN57-Züge aus den 1960er-Jahren. Mit Fördergeldern der EU werden sie derzeit modernisiert: Die Züge bekommen Anzeigen und Klimaanlagen. Außerdem werden die alten Plastiksitze durch neue ersetzt. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 25. Dezember 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2020, 05:00 Uhr