Ausbildung in Gefahr Fehlende Schulgeldfreiheit trifft Podologie-Nachwuchs
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20. August 2024, 13:29 Uhr
Das Land Sachsen-Anhalt hat die Schulgeldfreiheit für Podologie ab Oktober 2024 versprochen. Doch das Gesetz lässt auf sich warten. Die Schulen schlagen bereits Alarm, Sachsen-Anhalt vergraule damit wichtige Nachwuchskräfte. Tatsächlich orientieren sich interessiert Azubis um.
- Fehlende Schulgeldfreiheit für Podologie-Ausbildung in Sachsen-Anhalt führen zu Unsicherheit. Betroffende ziehen bereits in anderen Bundesländer oder suchen sich eine andere Ausbildung.
- Podologieverbände warnen vor Versorgungsengpässen. Etwa 40 Interessierte können ab Oktober wohlmöglich keine Ausbildung starten.
- Die Landesregierung versprach Schulgeldfreiheit und eine Ausbildungsvergütung, eine halbe Million Euro steht dafür bereits im Haushalt 2024 bereit. Doch das Gesetz für die künftigen Jahre fehlt.
Im Oktober wollte Filiz Franke ihre Ausbildung zur Podologin, also zur Heilprakterin für die medizinische Fußpflege, am Institut für berufliche Bildung (IBB) Harz in Quedlinburg beginnen. Die IBB Harz ist eine von zwei Schulen, die eine Podologie-Ausbildung anbietet. Sie hatte für Schulgeldfreiheit und eine Ausbildungsvergütung von etwa 700 Euro geworben. Erstmals sollten auch Erstauszubildende wie Filiz Franke starten können. Doch nachdem das Land die Schulgeldfreiheit inklusive Ausbildungsvergütung zunächst angekündigt hatte, informierte das Sozialministerium die Schulen, dass die Gesetzgebung noch nicht beschlossen wurde. Eine halbe Million Euro ist dafür im Haushalt 2024 vorgesehen.
Für den Direktor der Berufsfachschule IBB Harz, Tobias Heidrich, ist das unverständlich: "Seit 2010 bilden wir hier Podologen aus, allerdings immer nur in der verkürzten Variante, das heißt die Finanzierung funktioniert über Bildungsgutscheine der Arbeitsagentur oder des Jobcenters." Das sei nur für Teilnehmer möglich, die schon eine medizinische Vorausbildung haben und diese anrechnen können. "Der Plan, Erstauszubildende in der regulären Ausbildungszeit von zwei Jahren aufnehmen, ist jetzt so gut wie nicht mehr umsetzbar", sagt Heidrich weiter. Der Bundesverband für Podologie beziffert die Kosten einer Vollzeitausbildung auf etwa 10.000 Euro.
Azubis springen ab
Filiz Franke hilft bereits regelmäßig in der Praxis ihrer Mutter Sarah Franke, einer ausgebildeten Podologin, aus: "Ich konnte schon Erfahrungen sammeln und habe auch Spaß daran gefunden", sagt sie. Eine Wohnung in Quedlingburg war bereits angemietet, doch ohne Planungssicherheit bis zum Ausbildungsstart im Oktober, hat sich Filiz eine andere Ausbildung gesucht.
Sie beginnt nun in Nordhausen eine Ausbildung als Operationstechnische Assistentin. Auch Nora Winter wollte direkt nach Schule eine Podologie-Ausbildung an der IBB Harz anfangen, nun entschied sie sich vorerst für eine Kosmetik-Lehre. So wie Ihnen geht es circa 40 weiteren Interessierten, die sich schulgeldfrei zur Podologin oder zum Podologen ausbilden lassen wollten, davon etwa zehn Erstauszubildende.
Landesverband für Podologie fordert eine bundesweite Regelung
Der Landesverband für Podologie Sachsen-Anhalt sieht nicht nur die hohe finanzielle Belastung für junge Menschen und Personen aus einkommensschwächeren Familien: "Keine Ausbildungsvergütung zu bekommen, macht den Beruf nicht attraktiv, ist sozial ungerecht und nicht mehr zeitgemäß." Es fehle eine bundeseinheitliche Regelung.
Podologen spielen eine unverzichtbare Rolle in unserem Gesundheitswesen. Sie sind es, die Menschen mit schwerwiegenden Fußproblemen helfen.
"Podologen spielen eine unverzichtbare Rolle in unserem Gesundheitswesen. Sie sind es, die Menschen mit schwerwiegenden Fußproblemen helfen, insbesondere Diabetikern, die ohne regelmäßige podologische Behandlung mit gravierenden gesundheitlichen Folgen rechnen müssen. Die aktuellen Wartezeiten auf Termine bei Podologen betragen sechs bis neun Monate. Viele Patienten können bereits jetzt schon nicht mehr adäquat oder auch überhaupt nicht versorgt werden, weil es an Podologinnen und Podologen in unserem Land mangelt", so der Verband weiter.
Sozialministerin Grimm-Benne: Finanzministerium mauert
Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die Berufsfachschulen seien bei den Beratungen mit dabei gewesen und hätten gewusst, dass das geplante Gesetz noch nicht in trockenen Tüchern sei. "Dann kam die schwierige Situation der Haushaltsberatungen 2025/26 und das Finanziministerium hat diesen Gesetzesentwurf auf Eis gelegt. [...] Ich habe mich nochmal dafür eingesetzt, dass es vielleicht noch über die Regierungsfraktion im Landtag so behandelt werden kann, dass das Gesetz doch noch kommt und dass wir die Ausbildung so wie geplant im Oktober beginnen können."
Sie erkenne aber die unsichere Lage und wisse, dass es künftig eine klare Gesetzgebung braucht, um als Land wettbewerbsfähig zu bleiben und Nachwuchskräfte zu sichern. Grimm-Benne hofft auf eine Einigung im Landtag Ende dieser Woche, doch auf die Tagesordnung des Landtages hat es das Thema bisher nicht geschafft.
Termine in der Podologie sind rar
Sachsen-Anhalt ist neben Baden-Württemberg, Hamburg und dem Saarland eines der wenigen Länder, das keine Schulgeldfreiheit für Podologie hat, so der Bundesverband für Podologie. Das sei das aber nötig, denn Versorgungsengpässe seien bereits bundesweit spürbar. Eine Stelle als Podologin oder Podologe bliebe etwa ein halbes Jahr leer.
Ich kann aber keine [Patienten] mehr aufnehmen und so geht es einigen Kollegen, die hier ansässig sind.
Das spürt auch Podologin Sarah Franke, die Mutter von Filiz Franke. Sie hat eine eigene Praxis in Mansfeld und ist damit eine von 300 praktizierenden Podologinnen mit Kassensitz in Sachsen-Anhalt. Sie sagt: "Ich habe hier fast jede Woche Patienten, die mit einer Verordnung vom Arzt vor der Tür stehen und fragen: Können wir die Behandlung bei Ihnen machen? Ich kann aber keine mehr aufnehmen und so geht es einigen Kollegen, die hier ansässig sind." Sie sucht eine weitere Podologin in ihrer Praxis, ihre Tochter wäre als Nachwuchskraft eingeplant gewesen.
Verband hofft auf Ausbildungsstart im Oktober
Tobias Heidrich von der IBB Harz hofft weiter darauf, die Ausbildung im Oktober starten zu lassen – auch, wenn einige Interessierte sich bereits umorientiert haben. "Die Forderung ist, dass wir jetzt eine Planungssicherheit bekommen und dass das Versprechen, was wir bekommen haben, auch gehalten wird", sagt Heidrich.
MDR (Katharina Gebauer)
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. August 2024 | 19:00 Uhr