Naturheilkunde aus dem Harz Kaffee, Kuchen, Kafka: Jungbornfest in Stapelburg

24. Juni 2024, 10:45 Uhr

Franz Kafka gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur. Seine Schilderungen unergründlich bedrohlicher und absurder Situationen haben zur Bildung des Adjektivs "kafkaesk" geführt. Im Juli 1924, vor 100 Jahren also, ist er gestorben. Zwölf Jahre vorher weilte er zur Kur im Harz, in der größten Naturheilanstalt im damaligen Deutschland. Die gibt es heute nicht mehr, aber ein Verein versucht, die Erinnerung daran wach zu halten.

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Ein junger Mann in grauem Anzug, dunkles Haar und glattes Gesicht, erscheint. Er legt seinen Rucksack ab und beginnt zu reden. Er sei mit der Bahn am Bahnhof in Stapelburg angekommen und mit einer Kutsche abgeholt worden. Nun habe er sein Häuschen bezogen. Der junge Mann ist Franz Kafka, der am 8. Juli 1912 in der Naturheilanstalt Jungborn ankommt. In diesem Fall ist die Szene nur nachgespielt als Highlight des diesjährigen Jungbornfestes in Stapelburg.

Inspiration für Kafka

"Franz Kafka ist fester Bestandteil der Jungborngeschichte", sagt Axel Jordan, Vorsitzender des Fördervereins Jungborn e. V. Kafka sei 1912 hier zur Kur gewesen, habe Erlebnisse gehabt, die für ihn völlig neu gewesen seien und die er in seinen Werken verarbeitet habe. "Das ist für uns Kulturgeschichte zum Erleben", so Jordan, der damit die Begründung gibt, wieso Kafka eine so große Rolle bei diesem Fest steht.

Jungbornfest Stapelburg
Beim Jongbornfest darf Franz Kafka (kostümierte Darstellerin) nicht fehlen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuss

Nackt an der frischen Luft

Das Jungbornfest findet genau an der Stelle statt, an der einmal die Naturheilanstalt "Jungborn" stand. Im Jahr 1896 hatte sie Adolf Just, der auch als Wiederentdecker der Heilerde bekannt ist, gegründet. Das Motto des Sanatoriums hieß: "Kehrt zur Natur zurück". Die Kurgäste wohnten in Licht-Luft-Häuschen, aßen Rohkost, Obst und Nüsse und absolvierten nach Geschlechtern getrennt, splitterfasernackt Freiübungen, Luft- und Sonnenbäder und Heilerde-Kuren. Der Aufenthalt war ausgerichtet auf die vier Urelemente Licht, Luft, Lehm und Wasser. Der Kurgast sollte damit zur Besinnung auf das Wesentliche und auf die natürliche Einfachheit im Denken und Leben geführt werden.

Jungbornfest Stapelburg
In der Anstalt wurde mit Heilerde therapiert. Bildrechte: MDR/Carsten Reuss

Größte Naturheilanstalt Deutschlands

Unter der Leitung des Bruders von Adolf Just, Rudolf Just, entwickelte sich das Stapelburger Sanatorium zur damals größten Naturheilanstalt in Deutschland. Ihre Dimension wird an einem Modell deutlich, das der Förderverein in einem Besucherpavillon zeigt. Mehr als sieben Hektar groß war das Gelände. Es gab Verwaltungs- und Gesellschaftshäuser, Speisesäle und 120 Lufthäuschen, in denen die Kurgäste wohnten. Unter ihnen war auch manch Prominenter. Außer Franz Kafka weilten zum Beispiel auch die Schauspielerin Marika Rökk, der Sänger Leo Slezak und der Schauspieler Hans Albers im Jungborn. In den Glanzzeiten der Heilanstalt in den 1920er-Jahren kamen bis zu 1.000 Kurgäste pro Jahr. Zum Sanatorium gehörten auch eine Gärtnerei, Felder und Obstplantagen.

Jungbornfest Stapelburg
Bis zu 1.000 Kurgäste gab es pro Jahr Bildrechte: MDR/Carsten Reuss

Manch Besucher lässt das auf dem Fest staunen. Henrike Lange aus Münster zum Beispiel absolviert gerade ein Seminar im Harz. Sie sei in der Nähe des Harzes aufgewachsen, habe aber vor ihrem Besuch von dieser Anlage noch nie etwas gehört. Sie kommt aus dem Staunen nicht heraus: "So ein riesiges Gelände".

Abriss zu DDR-Zeiten

Bis 1943 wurde der Kurbetrieb aufrechterhalten. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Anlage erst Kinderverschickungsheim, dann Lazarett. Nach 1945 dienten die Gebäude als Lungenheilstätte. Im Jahr 1960 wurde hier ein Altenheim eingerichtet. Doch die Anlage befand sich in unmittelbarer Nähe der innerdeutschen Grenze. Im Jahr 1964 ließen deshalb die DDR-Oberen die Reste der einstigen Jungborn-Heilanstalt komplett abreißen.

Jungbornfest Stapelburg
Das Jungbornfest erinnert an die damalige Naturheilsanstalt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuss

Heilerde und Yoga

Beim Jungbornfest soll an all das erinnert werden, mit dem Kafka-Schauspiel, aber auch mit zahlreichen Infotafeln. Es gibt Naturprodukte wie Seifen, Gewürze und auch Heilerde zu kaufen. Es werden Yoga, Wadenwickel sowie Kneipp- und Heilerde-Anwendungen vorgeführt. Und ja, es gibt auch etwas, auf das die Kurgäste damals verzichten mussten: Kaffee und Kuchen.

Jungbornfest Stapelburg
Gründer er Naaturheilanstalt war Adolf Just. Bildrechte: MDR/Carsten Reuss

Kafka-Hütte wieder aufbauen

Axel Jordan zeigt auf ein puppenstubengroßes Modell einer Hütte. Zu den bereits zwei nachgebauten Licht-Luft-Häuschen soll ein weiteres dazukommen. Der Verein will Franz Kafkas Hütte wiederaufbauen. Er selbst hatte sie in seinem Tagebuch beschrieben: "Mein Haus heißt ‚Ruth’. Praktisch eingerichtet. 4 Luken, 4 Fenster, 1 Tür". Die Förderung für die Baukosten sei bereits bewilligt, so Jordan. Zum Tag des offenen Denkmals soll die Hütte stehen.

Jungbornfest Stapelburg
Jungborn war die größte Naturheilanstalt Deutschlands. Bildrechte: MDR/Carsten Reuss

Franz Kafka schrieb übrigens während seines gesamten Aufenthaltes Tagesbuch. Anfangs war er irritiert über die auf dem Gelände praktizierte Freikörperkultur. "Nackte liegen still vor meiner Tür. Alle bis auf mich ohne Schwimmhose. … Hie und da bekomme ich leichte oberflächliche Übelkeiten", notierte er anfangs. Doch schon eine Woche später schrieb er: "Ohne Schwimmhosen… Exhibitionistisches Erlebnis". Der Aufenthalt im Jungborn veränderte ihn. Der als introvertiert geltende Schriftsteller besuchte sogar das Schützenfest in Stapelburg. Bald nach seinem Kuraufenthalt veröffentlicht er sein erstes Buch. "Betrachtung", eine Sammlung von 18 kurzen Prosastücken. Seine Stapelburger Erlebnisse und Eindrücke ließ er später in seine Werke einfließen – Weltliteratur mit Inspirationen aus dem Harz sozusagen.

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MDR (Carsten Reuß, Moritz Arand)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Juni 2024 | 19:00 Uhr

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