Radwegausbau Stillstand im Radverkehr: ADFC zieht ernüchternde Bilanz

Wie steht es in Sachsen um die Verkehrswende? Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat Zwischenbilanz gezogen und wirft der Landesregierung Versäumnisse beim Radverkehr vor. Das Verkehrsministerium sieht das anders.

Radfahrer sind auf dem Elberadweg in Radebeul unterwegs.
Die Staatsregierung müsse endlich in die Pedale treten, verlangt der ADFC. Es fehlten Gelder und Planungspersonal für den Radwegebau. Bildrechte: IMAGO / Arvid Müller

Der Radverkehr bleibt auf der Strecke – so das Ergebnis des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Sachsen (ADFC) mit Blick auf die Halbzeit der laufenden Legislaturperiode. Der ADFC stellte der Staatsregierung am Mittwoch ein schlechtes Zeugnis beim Ausbau des Radverkehrs aus.

500 Kilometer neuer Radweg im Koalitionsvertrag

Sachsens Streckennetz sollte eigentlich bis 2025 deutlich wachsen. Mehr als 500 Kilometer sind laut Koalitionsvertrag von CDU, den Grünen und SPD geplant. Doch bisher hat sich kaum etwas getan, kritisierte der ADFC in Dresden. Der Radwegebau an Staats- und Bundesstraßen stehe still: 2021 kamen in Sachsen nur zehn Kilometer dazu, im Jahr zuvor waren es 6,5 zusätzliche Kilometer.

Poller auf dem Elberadweg in Dresden 3 min
Bildrechte: MDR/Christine Reißing

ADFC: 9 von 15 Projekten liegen geblieben

Das Ziel der Koalition, auch die mit dem Rad zurückgelegten Wege zu verdoppeln, sei nicht mehr zu erreichen, bilanzierte der Vorsitzender des ADFC Sachsen, Niklas Schietzold. Insgesamt seien nur zwei von fünfzehn geplanten Projekten zum Radverkehr umgesetzt worden, darunter die Förderung der kommunalen Arbeitsgemeinschaft Wegebund und die Nutzung von Lastenrädern. Neun Projekte seien komplett liegen geblieben.

Dulig soll Radverkehr zur Chefsache machen

"Von der Kenia-Koalition hatte ich deutlich mehr erwartet", meinte Schietzold. "Verkehrsminister Martin Dulig muss jetzt den Radverkehr zur Chefsache machen, damit die Koalition ihr Ziel noch erreichen kann." 2019 hatte der ADFC zuversichtlich geklungen: "Dieser Koalitionsvertrag enthält so viel Fahrrad wie noch keiner zuvor", schrieb der Club damals auf seiner Website. Nach zweieinhalb Jahren schwarz-grün-roter Koalition gebe es nun die ernüchternde Analyse, die der Club online Projekt für Projekt aufgeschlüsselt hat.

Keine Verbesserungen bei der Verkehrssicherheit

Neben dem langsamen Radwegeausbau wird dort ein weiteres Problem gezeigt: die Verkehrssicherheit. Unfallschwerpunkte müssten dringend entschärft werden, Kommunen warteten aber bisher vergeblich auf Unterstützung bei der Umsetzung von Geschwindigkeitsbegrenzungen, heißt es. Zwar ist die Zahl der Verkehrstoten im vergangenen Jahr zurückgegangen, Hauptgrund dafür ist aber nach Angaben des Statistischen Landesamts die Corona-Pandemie. Im Jahr 2020 sind laut Zahlen des Statistischen Bundesamts in Deutschland 426 Radfahrer bei Unfällen gestorben, 30 davon in Sachsen.

Touristisches Potenzial werde verschenkt

Lichtblicke gebe es laut ADFC immerhin im Bereich Radtourismus. Das Personal sei aufgestockt worden, allerdings gebe es bei Vermarktung und Koordination weiterhin Luft nach oben. "Die Region hat großes touristisches Potenzial in alle Himmelsrichtungen", so ADFC-Vorstand Janek Mücksch. "Wir bedauern sehr, dass da ganz häufig nur auf den Elberadweg verwiesen wird und Potenziale abseits davon gar nicht gesehen und genutzt werden." Im bundesweiten Vergleich sei Sachsen nicht konkurrenzfähig.

Verkehrsministerium: Acht Jahre von Planungsstart bis Bau normal

Zu den Vorwürfen äußerte sich das sächsische Verkehrsministerium auf Nachfrage von MDR SACHSEN. Es verwies auf die deutschlandweit langen Planungszeiten für Radwegeprojekte. Im Normalfall dauere es acht Jahre vom Planungsstart bis zum tatsächlichen Beginn der Bauarbeiten. Bei solchen zeitlichen Verzögerungen handele es sich "keinesfalls um ein sächsisches Phänomen", sagte eine Ministeriumssprecherin. Ziel sei es, pro Jahr 50 Kilometer straßenbegleitende Radwege an Bundes- und Staatsstraßen zu bauen. Sie nannte das im deutschlandweiten Vergleich " beachtlich". Darüber hinaus fördere das Land den kommunalen Radwegebau mit einem Fördersatz von 90 Prozent.

MDR (lst, dka)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 22. Juni 2022 | 15:00 Uhr

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