Wirtschaft 30 Jahre X-Fab und Bluechip AG: Wie die Thüringer Digitalbranche sich entwickelt

Vor etwa 30 Jahren entstanden in Thüringen viele neue Unternehmen. Die IT- und Software-Industrie hat sich nach 1989 teilweise aus Resten alter Kombinate neu gebildet. Seither läuft es für einige Unternehmen immer besser. Zum Jahrestag einiger dieser Firmen blicken wir auf die Entwicklung in der Branche.

Der Gründungschef von X-Fab Erfurt Hans-Jürgen Straub mit dem heutigen Standortleiter Gabriel Kittler
Der Gründungschef von X-Fab Erfurt, Hans-Jürgen Straub, mit dem heutigen Standortleiter Gabriel Kittler: Das Mikroelektronik-Unternehmen besteht seit 30 Jahren in der Thüringer Landeshauptstadt. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

1992 war ein spannendes Jahr für Thüringen. Wichtige Unternehmen, die heute aus der Thüringer Wirtschaft nicht mehr wegzudenken sind, wurden damals neu gegründet oder waren kaum ein Jahr alt. X-Fab in Erfurt, ein Nachfolger des Mikroelektronik-Kombinats, ist im Erfurter Südosten angesiedelt und beschäftigt heute etwa 800 Mitarbeiter. Tatsächlich ist das Unternehmen insgesamt deutlich größer. In Texas, Frankreich, Malaysia und an drei deutschen Standorten arbeiten mehr als 4.000 Menschen. Zusammen erwirtschafteten sie im Jahr 2021 fast 660 Millionen Dollar - das wären in Euro aktuell etwa 625 Millionen.

Winzige X-Fab-Bauteile vermessen die Wirklichkeit

Die Firma sieht sich selbst als Produzent wichtiger Schnittstellen zwischen Wirklichkeit und dem digitalen Raum. Auf Silizium-Wafern entstehen winzige Bauteile, die die Realität vermessen. Reifendrucksensoren etwa, Steuerungstechnik für LED-Lichter im Auto, damit im Gegenverkehr möglichst niemand geblendet wird, oder Lagesensoren für Smartphones. Schlagen die an, weil das Telefon ins Querformat gedreht wird, schaltet das abgespielte Video ins entsprechende Format. Auch in der Medizintechnik finden sich immer mehr Anwendungen.

"Wir bieten die Technologie. Der Kunde entscheidet, was er damit macht", sagt Standort-Chef Gabriel Kittler. Alles, was in Erfurt gefertigt wird, geschieht im Auftrag von Kunden. Die entwerfen die Schaltkreise mit Hilfe der Technik aus Erfurt, lassen sie dort fertigen und integrieren sie dann anderswo in größere Bauteile.

Das Firmenschild des Halbleiterherstellers X-Fab
X-Fab sieht sich selbst als Produzent wichtiger Schnittstellen zwischen der Wirklichkeit und dem digitalen Raum. Bildrechte: dpa

Zum 30-jährigen Bestehen erinnert sich Gründungschef Hans-Jürgen Straub an die schwierige Anfangszeit. Er habe vielen Beschäftigten kündigen müsssen, um die Firma zu retten, nachdem das Kombinat aufgelöst wurde. Ganze Unternehmenszweige hätten geschlossen werden müssen, nachdem die Käseglocke über dem Wirtschaftsraum unter sowjetischem Einfluss entfernt worden sei. "Zum Beispiel die Fertigung für Chipgehäuse." Das habe er den Mitarbeiten damals selbst sagen müssen. "Es gab Manager, die das lieber nicht selbst gemacht haben."

Bluechip AG: 260 Beschäftigte allein in Meuselwitz

Schlaflose Nächte hatte auch Hubert Wolf in Meuselwitz in den Anfangsjahren seines Unternehmens. "Einer unserer größten Wiederverkäufer hat sich von heute auf morgen entschieden, keine Hardware zu verkaufen", berichtet er. Das war für seine Bluechip AG ein Problem, denn hier werden aus Komponenten, die meist aus Asien geliefert werden, fertige Rechner zusammengebaut. Heute ist alles dabei - vom opulent ausgestatteten PC mit Wasserkühlung und bunten Leucht-Elementen für leidenschaftliche Computerspieler im Wert von einigen tausend Euro bis hin zum Server mit einer großen Zahl an Netzwerk-Zugängen, Prozessoren und gesicherten Festplatten für bis zu 100.000 Euro.

"Wie lassen es heute nicht mehr zu, dass sich zu viel Umsatz auf einen Kunden konzentriert", sagt Wolf. Allein in Meuselwitz beschäftigt er in Produktion, Logistik und Verwaltung mehr als 260 Beschäftigte. Zusammen mit einem Standort in Norddeutschland sind es mehr als 300. Inzwischen sei auch der etwas abgelegene Standort kein Problem mehr. "Wir haben auf 10 oder 12 Lehrstellen pro Jahr immer noch mehr als 100 Bewerbungen", berichtet er stolz. Und manche Spezialisten rekrutiere man deutschlandweit. "Da bezahlen wir aber auch genauso wie in Hamburg oder Köln", sagte er.

Bluechip-Arena in Meuselwitz
Die Bluechip AG fördert unter anderem die Fußballmannschaft ZFC Meuselwitz, die ohne die Zuwendungen des Computer-Unternehmens kaum den Aufstieg von der Kreisklasse bis in die Regionalliga geschafft hätte. Bildrechte: imago images/Picture Point

IT-Spezialisten verdienen in Thüringen vergleichsweise wenig

Die Bezahlung ist in der Branche nicht einheitlich geregelt. Vor allem in der Software-Entwicklung gibt es keine Tarifverträge von Bedeutung. In vielen Unternehmen spielen Gewerkschaften keine Rolle. Der Arbeitskräftemangel ist oft so groß, dass die Mitarbeiter meist am längeren Hebel sitzen, wenn es an Gehaltsverhandlungen geht. Die durchschnittlichen Gehälter in der Branche können sich im Thüringer Vergleich sehen lassen. Während die Thüringer nach Daten des Landesamtes für Statistik im Schnitt rund 32.000 Euro pro Jahr verdienen (Teilzeit-Jobs eingeschlossen), sind es im IT-Bereich fast 48.000 Euro pro Jahr. Im bundesweiten Vergleich allerdings befindet sich der Freistaat damit weit hinten in der Ländertabelle. Lediglich in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt wird schlechter gezahlt (43.300 beziehungsweise 44.500 Euro). Brandenburg und Sachsen liegen gleich auf. In allen anderen Ländern verdienen Menschen in IT-Jobs besser. In Hessen, Baden-Württemberg und Bayern sind es im Schnitt sogar knapp mehr als 60.000 Euro.

Hochschulabsolventen sind Mangelware

Doch der Arbeitsmarkt ist in ständiger Bewegung. "Fachkräftemangel ist unser Problem Nummer eins", sagt Heiko Kahl. Er ist Vizepräsident des Interessenverbands IT-Net Thüringen, in dem etwa 50 Unternehmen zusammengeschlossen sind. Es gebe quer durch alle Branchen Unternehmen, die ausgelastet seien. "Vielleicht nehmen die dann noch kleine Aufträge an, aber große Aufträge werden in manchen Fällen schon abgelehnt", sagt er. Das sei ähnlich wie mit steigenden Preisen auf dem Bau. In der IT-Branche gebe es da erste Anzeichen. "Es gibt einfach seit Jahren viel zu wenige IT-Absolventen an den Universitäten", sagt er. 20 Informatiker aus Jena im Jahr seien zu wenig. Die reichten nicht einmal für den Standort Jena selbst. Dort arbeiten nach Angaben des Netzwerks Jena Digital mindestens 3.500 IT-Fachleute. Nach mancher Lesart sind es sogar bis zu 6.000. "Jena ist da eindeutig ein Schwerpunkt", sagt Kahl.

Ansicht von jena
In Jena arbeiten tausende IT-Fachleute. Bildrechte: MDR/ Sebastian Großert

In Erfurt siedle sich demnächst eine IBM-Tochter an, Zeiss sucht in Jena derzeit mehr als 60 IT-Kräfte. "Das verstärkt die Konkurrenz weiter." Immerhin sei die Zahl der Fachinformatiker-Ausbildungen in Thüringen deutlich gestiegen. Lösen könne man das Problem aber wohl nur über Zuwanderung. "Denn wir haben längst einen Arbeitnehmermarkt." Da sei Geld nicht alles. Manche wollten eine Vier-Tage-Woche, manche ein Dienstauto. "Und wenn ich das als Arbeitgeber nicht bieten kann, suchen sich manche eben einen anderen Arbeitgeber."

Thüringer Firmen der Digitalbranche auf Wachstumskurs

Trotzdem sei es vielen Firmen gelungen, deutlich zu wachsen. Dotsource in Jena, eine Digitalagentur, die sich unter anderem mit dem Erarbeiten von Webseiten, Online-Shops und Marketing-Konzepten für Firmen weit über Thüringen hinaus beschäftigt, ist auf mehr als 400 Mitarbeiter angewachsen. Damit ist das Unternehmen inzwischen größer als die Keimzelle der Jenaer IT-Branche, die Intershop Communications AG. Dem E-Commerce-Pionier, der im Frühjahr 2000 mal mehr als elf Milliarden Euro an der Börse wert war und dann heftig abstürzte, ist es immerhin gelungen, nach etlichen Krisenjahren in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. So schreibt Intershop inzwischen deutlich mehr als ein Jahr am Stück schwarze Zahlen.

Dotsource hat vor einigen Monaten angekündigt, in Jena die alte Feuerwache abzureißen und neu zu bebauen. Ein Hochhaus soll Platz schaffen für hunderte weitere Beschäftigte, die teilweise direkt vor Ort wohnen sollen. Doch IT-Net-Thüringen-Vize Kahl nennt auch andere Beispiele für Spitzentechnik. So sei zum Beispiel die Firma TecArt eine Art versteckter Spitzenreiter, der Software für systematisches Kundenbeziehungs-Management herstellt. "Die kommen kaum hinterher."

Auch X-Fab in Erfurt hat sich nach schwierigen Anfangsjahren gut entwickelt. Seitdem der Belgier Roland Duchâtelet eingestiegen ist, entwickle sich das Unternehmen konstant. Eine Millarde Dollar Umsatz peilt man 2024 an.

Ein Mann sitzt lachend in einem Bällebad. 30 min
Christian Otto Grötsch, Geschäftsführer der Jenaer E-Business-Firma dotSource. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (uka)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Juni 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Hobby-Viruloge007 vor 16 Wochen

Man kann die Arbeitnehmer nur ermutigen, auch mal den Arbeitsplatz zu wechseln.
Ansonsten werden wir wohl auf ewige Zeiten Niedriglohnland bleiben.

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