Deutsch-deutsche Zeitgeschichte Die BND-Akte Politbüro

Was wusste der Bundesnachrichtendienst vom "eigentlichen Kabinett des Zonensystems"

Es waren unscheinbare Herrscher, offenbar ohne intellektuelle Strahlkraft, ohne Privatleben und ohne Skandale: die Genossen im SED-Politbüro. Über Jahrzehnte hat der Bundesnachrichten (BND) Material über die Spitzenfunktionäre gesammelt. MDR THÜRINGEN konnte die Akten jetzt einsehen.

Das Politbüro, die oberste SED-Parteiriege, war die eigentliche Regierung der DDR. Rund 15 Mitglieder, fast alles Männer, bestimmten die Geschicke des Landes, ohne eine historische Tat zu vollbringen. Über die meisten von ihnen wusste die DDR-Bevölkerung nicht viel - außer vielleicht Namen und Funktion. Es waren unscheinbare Herrscher, offenbar ohne intellektuelle Strahlkraft, ohne Privatleben und ohne Skandale. Linientreu, farblos und nicht eben beliebt, so ließ sich ein Spitzenfunktionär pauschal beschreiben. Von Debatten oder gar Widerspruch im Politbüro berichteten die DDR-Medien nichts. Zuletzt dürfte für viele Menschen das Politbüro eine nicht greifbare Ansammlung greiser Herren gewesen sein, über deren Schwächen und Stärken nichts bekannt war.

Der Bundesnachrichtendienst sammelte als Ausland-Geheimdienst der Bundesrepublik jahrelang Informationen zur DDR. Recherchen des MDR THÜRINGEN zeigen, dass unter den BND-Unterlagen auch verschiedene Dossiers zum Politbüro existieren. Sie enthalten neben politischen Einschätzungen auch Angaben zum Privatleben der DDR-Politiker. Die Dossiers geben den grauen Apparatschiks nicht nur einen Farbtupfer, sondern manchmal auch ein Leben neben dem Politbüro.

Post aus Pullach

BND-Akte Politbüro
Eine BND-Akte zum SED-Politbüro Bildrechte: MDR/Jan Schönfelder

Regelmäßig  schnürte der Bundesnachrichtendienst in Pullach ein großes geheimes Informationspaket über die DDR für die Regierung in Bonn. Darin enthalten wurden die deutsch-deutschen Beziehungen und aktuelle Entwicklungen in der DDR eingeschätzt. Aber auch über besondere Konflikte – etwa mit der Kirche oder Dissidenten -, neue Witze und auch Informationen aus Terminkalender und Privatleben der mächtigsten DDR-Politiker wurde berichtet. Nach SED-Parteitagen, wenn die Mitglieder des Politbüros neu gewählt wurden, stellte der bundesdeutsche Geheimdienst Dossiers zusammen. So zum Beispiel im Juli 1967, wenige Monate nach dem VII. SED-Parteitag. Die Dossiers enthalten neben einem kurzen tabellarischen Lebenslauf, der Liste der Auszeichnungen und Publikationen ein "Persönlichkeitsbild" mit Hintergründen und Einschätzungen.

Sein Wissen speiste der BND sowohl aus Pressemeldungen der DDR als auch, wie bei Nachrichtendiensten üblich, aus geheimen Quellen. Im Unterschied zur Arbeit mit Stasi-Akten ist es bei BND-Unterlagen auch heute kaum möglich, diese Quellen zu identifizieren und damit den Wahrheitsgehalt oder Wert der damals geheimen Informationen zu überprüfen.

Bislang wurde nur ein Bruchteil der Akten zur DDR überhaupt für fremde Leser freigegeben. Die von MDR THÜRINGEN analysierten Akten geben insofern nur einen kleinen Einblick in die Arbeit des BND. Für viele einstige DDR-Bürger mögen diese Inhalte dennoch interessant sein. Denn einige der damaligen Politikernamen erhalten hier – wenn auch viele Jahre nach Ende der DDR – ein Gesicht.

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