Exklusiv-Auszug aus dem Buch "Willy Brandt in Erfurt" Ahlers holt Brandt ans Fenster

Bundespressemann Kurt Plück rannte in das Erkerzimmer im zweiten Stock, um von dort das Geschehen vor dem Hotel zu beobachten. "Es sah aus, wie wenn die Sturmflut die Deiche eines Polders überflutet hätte und die Wogen sich gar nicht beruhigen könnten." Plück öffnete das linke Fenster. "Die Leute schauten hinauf und winkten." Plück ging zurück in das Zimmer. Dann schaute Kollege Heribert Schnippenkötter aus dem Fenster. Wieder winkten die Menschen auf dem Vorplatz, und Schnippenkötter winkte zurück. Die Unruhe, so erinnerte sich Plück später, sei gewachsen.

Regierungssprecher Ahlers kam in das Zimmer. Auch er ging ans Fenster. "Es brauste auf, sie kannten ihn vom Fernsehen", so Plück. Der Regierungssprecher winkte lächelnd den Menschen zu. Mit einer Mischung aus Beifall und Enttäuschung reagierten die Menschen. Sie wollten nicht den "huldvoll winkenden 'Conny'", sondern Willy Brandt sehen. Ihr Ruf nach dem Kanzler hallte über den Platz. Immer lauter. "Willy Brandt, Willy Brandt!" Und dann forderten die Menschen konkret: "Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster!"

Brandt zögert

Ahlers stürzte zum Zimmer 249, dem Zimmer des Kanzlers. Schon vom Gang konnten Brandt und der Journalist Claus Jacobi seine Stimme hören. Ahlers rief: "Herr Bundeskanzler, Sie müssen mal kommen." Brandt, beschrieb Jacobi, sei ganz verstört gewesen und habe gefragt, was los sei. "Sie müssen ans Fenster. Die Leute sind ganz außer sich. Ich habe mich eben gezeigt und bin bejubelt worden wie noch nie." Brandt zögerte, als Ahlers ihn "eher fröhlich" aufforderte. Von den anhaltenden Rufen auf dem Bahnhofsvorplatz hatte der Kanzler in seinem Zimmer nichts gehört. Und seine Gastgeber wollte er nicht verletzen, um die Atmosphäre der anstehenden Gespräche nicht zu belasten.

Ahlers drängt

Ahlers ließ nicht locker. Er eilte voraus zu dem Erkerfenster und rief: "Nur für eine Minute. Das müssen Sie tun." Nach einer kurzen Überlegung entschied sich Brandt: "Aber nur einen Augenblick." Er konnte die Erfurter nicht enttäuschen. In der Zwischenzeit hatte Plück den Schreibtisch vor dem mittleren Fenster weggeschoben und es geöffnet. Dann ging Brandt "mit einem zagen Lächeln" an das Erkerfenster. Ihm war die Brisanz dieses Moments bewusst. Brandt berichtete später: "Noch auf dem Weg habe ich gesagt – aber so, daß es nicht nur Conny Ahlers hörte, sondern auch der Hauptmann in Zivil, der mir dort zugeteilt war – 'Mein Gott, wir wollen hier doch keine Geschichten haben', also nichts, was zu unnötigen Belastungen führt." Dann blickte der Kanzler "auf die erregten und hoffenden Menschen". Aus dem Nachbarfenster schaute Claus Jacobi. Er hörte in diesem Moment einen "Aufschrei der Freude".

Brandt am Fenster

Genau um 9:45 Uhr zeigte sich der Kanzler am Hotelfenster: "Tosender Jubel brandet zu ihm hinauf. Es fällt dem Bundeskanzler offensichtlich schwer, seine eigene Erregung unter Kontrolle zu halten", schrieb Hans Ulrich Kempski von der "Süddeutschen Zeitung". Jacobi konnte den Kanzler aus nächster Nähe beobachten: "Dann steht er wie versteinert, traurig und erschüttert, und schaut eine knappe Minute auf die jubelnden Menschen zu seinen Füßen." "Zaghaft lächelnd, nickt er grüßend mit dem Kopf, um Sekunden später mit einer fast beschwörenden Gebärde seiner ausgebreiteten, nach unten gesenkten Hände den Jubel zu dämpfen. Alle, die eben noch in Raserei zu sein schienen, verstehen ihn auf der Stelle, wie auf Befehl herrscht Schweigen."

Ähnlich wie 1961, als er als Regierender Bürgermeister die West-Berliner besänftigte, versuchte er nun, die Erfurter zu beruhigen. Brandt erinnerte sich später an diesen Moment: "Die Menge wurde stumm. Ich wandte mich schweren Herzens ab. Mancher meiner Mitarbeiter hatte Tränen in den Augen." Vielleicht wollte Brandt nicht zugeben, dass er selbst Tränen in den Augen gehabt hatte. Bundespressemann Plück bekannte später: "Ich verlor ein wenig die Fassung und mir kamen Tränen." Selbst Brandt verriet immerhin nach fast zwei Jahrzehnten: "Ich war bewegt und ahnte, daß es ein Volk mit mir war. Wie stark mußte das Gefühl der Zusammengehörigkeit sein, das sich auf diese Weise entlud! Aber es drängte sich auch die Frage auf, ob hier nicht Hoffnungen aufbrachen, die nicht – so rasch nicht – zu erfüllen waren."

Jan Schönfelder / Rainer Erices: "Willy Brandt in Erfurt. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen"

erschienen im Christoph Links Verlag Berlin, 2010, 336 Seiten
ISBN: 978-3-86153-568-3

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