Willy Brandt in Erfurt Der deutsch-deutsche Gipfel im Visier des BND

18. Dezember 2013, 05:00 Uhr

Haben die "Willy Brandt ans Fenster!"-Rufe in Erfurt 1970 den Kanzler womöglich gar nicht überrascht? Freigegebene BND-Akten zeigen, dass der Kanzler vorgewarnt war. Und: Die Bundesregierung ließ die DDR-Führung abhören.

Als Willy Brandt am 19. März 1970 mit seinem Sonderzug über die innerdeutsche Grenze nach Erfurt reiste, fuhr er in ein unbekanntes Land. Noch nie zuvor hatte ein bundesdeutscher Kanzler die DDR besucht. Gespräche mit der DDR-Spitze waren für die Bundesregierung jahrzehntelang tabu. Einen funktionierenden Kontakt zwischen Bonn und Ost-Berlin gab es nicht.

Um sich ein Bild von der Lage in der DDR zu machen, war Brandt auch auf den Bundesnachrichtendienst angewiesen. Der Geheimdienst war in die Vorbereitungen für das Gipfeltreffen von Anfang an eingebunden. Präsident Gerhard Wessel berichtete wöchentlich im Kanzleramt über die Lage in der DDR. Außerdem schickte er immer wieder einzelne Berichte von der Zentrale in Pullach nach Bonn. Gleichzeitig nahm der Geheimdienst-Chef Aufträge aus dem Kanzleramt entgegen.

Freigegebene BND-Akten zeigen, was der Kanzler vor seiner Reise über die Stimmung in der DDR, über den Tagungsort und die politischen Hintergründe in der DDR-Führung wissen konnte. Die Dossiers zeigen aber auch, über wie wenige Quellen der BND in der DDR verfügte und mit welchen Mitteln er versuchte, Informationen zu beschaffen.

Informationen über den Gesprächsverlauf

Knapp eine Woche vor dem Gipfeltreffen konnte der BND bereits berichten, wie das Treffen in Erfurt inhaltlich verlaufen sollte: Nach Angaben eines höheren SED-Funktionärs, der als "regelmäßig zuverlässig" eingestuft war, sollte das Gespräch in "freundlicher Atmosphäre" stattfinden. Allerdings werde es keine Übereinstimmungen in den wesentlichen Sachfragen geben. Die DDR werde einem zweiten Treffen in der Bundesrepublik aber zustimmen. Wenig später konnte der BND die Angaben weiter präzisieren: Brandts Gesprächspartner Willi Stoph werde sich in seiner Argumentation möglicherweise auf "bestellte Äußerungen aus der Bevölkerung" stützen. Die SED-Bezirksleitung halte entsprechendes Material bereit. Über die Verwendung sei aber noch nicht entschieden.

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