Zwei Menschen beugen sich über ein altes Buch
In vielenThüringer Museen werden in den nächsten zwei Jahren Inventarbücher genau untersucht, wie hier im Stadtmuseum Gera. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Provenienzforschung Raubkunst: Kleine Thüringer Museen untersuchen ihre Sammlungen

03. März 2024, 13:22 Uhr

17 Museen in Thüringen werden zwei Jahre lang unter die Lupe genommen. Gibt es hier überhaupt Exponate, die unter problematischen Umständen erworben worden sind und muss man hier weiterforschen? Eine Expertin schaut in die Archive und Inventarverzeichnisse, spricht mit Museumsleuten vor Ort und mit Zeitzeugen. Am Ende steht ein Bericht für jedes Haus.

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Aktuelle Nachrichten des Mitteldeutschen Rundfunks finden Sie jederzeit bei mdr.de und in der MDR Aktuell-App.

Gibt es in unseren Museen tatsächlich Objekte, die während der NS-Zeit enteignet oder geraubt wurden? Klar ist, dass im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg viel geraubt und vom Staat verwertet worden ist, von der Immobilie bis zum normalen Haushaltsgerät.

Viele Objekte sind in Privathaushalten gelandet, einige aber eben auch in Museen. Und oft wissen die heutigen Museumsmitarbeiter gar nicht, was alles in ihren Lagern und Archiven verborgen ist. Das soll sich jetzt ändern. Die Herkunft - die Provenienz - und gegebenenfalls die ursprünglichen Eigentümer sollen ermittelt werden.

Für kleine Museen alleine nicht leistbar

Provenienzforschung ist aber ein sehr zeitintensives und damit auch kostenintensives Geschäft.

Eine Frau, Sabine Breer, Thüringer Museumsverband e.V. Koordinatorin des Projekts
Provenienzforscherin Sabine Breer hat das Projekt beim Thüringer Museumsverband koordiniert. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Die Museen brauchen einen Experten, der zu ihnen kommt, weil das notwendige Wissen nicht immer im Museum vorhanden sei, sagt Sabine Breer. Sie koordiniert das neue Projekt des Museumsverbands Thüringen. "Oft hat man vor Ort nur ein kleines Budget und vielleicht auch nicht die personellen Kapazitäten, das aus eigener Kraft durchzuführen."

Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg ist auch dabei

So ist es auch im Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg. Museumsleiter Uwe Strömsdörfer hat neben dem Alltagsbetrieb keine Kapazitäten, sich mit der Herkunft einzelner Exponate auseinanderzusetzen. "Durch die fortschreitende Digitalisierung zeigt sich aber, dass es da an vielen Stellen Lücken gibt", erzählt er.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Uwe Strömsdörfer ist Leiter des Schloss- und Spielkartenmuseums Altenburg und freut sich sehr über das neue Projekt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Umso mehr freut er sich jetzt auf die Forscherin, die bald sein Haus besuchen wird. Viele neue Informationen erwartet er und Anhaltspunkte, an welchen Stellen man vielleicht noch etwas tiefer recherchieren muss. Und ein Exponat gibt ihm und seinem Team schon lange Rätsel auf.

Es handelt sich um ein Gemälde zum Altenburger Prinzenraub, das Besuchern des Museums bekannt sein dürfte. Dieses Gemälde hat Adolf Hitler 1935 der Stadt Altenburg geschenkt.

Die Herkunft des Bildes und die Umstände der Schenkung sind aber bisher unklar, erzählt Strömsdörfer. Das Museum ist bei der Recherche nicht weitergekommen und hofft jetzt auf Aufklärung.

Ein Gemälde an einer Wand.
Das Gemälde, um das sich in Altenburg Gerüchte ranken, zeigt die Heimkehr des Prinzen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Besonderheit im Spielkartenmuseum

Was das Spielkartenmuseum betrifft, sind die Altenburger eher skeptisch. Toni Janosch Krause ist für diesen Teil des Hauses verantwortlich und erklärt, dass im Grunde nichts aus der NS-Zeit in der Sammlung liegen kann: "1946 ist sie ja komplett abtransportiert worden, da hatten wir einen Totalverlust."

Es gibt zwar noch Unterlagen zu problematischen Exponaten, die Spielkarten selber sind aber nicht mehr da. Die aktuelle Sammlung existiert erst seit Beginn der 50er-Jahre.

Ein Mann schaut in die Kamera. 4 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Auf jeden Fall hofft man hier im Schlossmuseum, dass es nach dem Erst-Check weitergeht. Dass es Folgeprojekte gibt, "unabhängig von kommunalen Haushaltsmitteln", wie Strömsdörfer sagt.

Auch das Bienenmuseum Weimar ist vorbereitet

Beteiligt an dem Projekt sind so verschiedene Häuser wie die Kunstsammlung Gera, das Museum Burg Ranis oder das Deutsche Bienenmuseum Weimar.

Dass dieses kleine Museum an dem Projekt teilnimmt, liegt unter anderem daran, dass sehr wenig über die Geschichte der Objekte dokumentiert wurde, erzählt Museumspädagogin Klaudia Remus.

"Es gibt vielleicht in Archiven noch Dokumentationen über die Herkunft der Sachen. Und es wäre schon spannend zu wissen, wo sie herkommen und ob sie vielleicht tatsächlich in einem problematischen Kontext stehen."

Ein übergroßes Modell einer Biene und einer Blume.
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das Besondere hier in Weimar ist, dass das Bienenmuseum schon oft umgezogen ist. Die erste Ausstellung entstand neben der Herderkirche, später zog es ins heutige Museum für Ur- und Frühgeschichte. Früher war es Teil des Stadtmuseums, jetzt ist es in der Trägerschaft der Imker.

Und so sei es durchaus möglich, sagt Remus, "dass man da noch Archive findet oder Fragmente, dass man herausfinden könnte, woher einzelne Ausstellungsstücke kommen." Schon sehr bald, noch in diesem Frühjahr, wird die Provenienzforscherin nach Weimar kommen und im Bienenmuseum ist bereits alles für sie vorbereitet.

Expertin extra für das Projekt eingestellt

Dr. Mai Lin Tjoa-Bonatz ist die Expertin, die jetzt in jedem Museum etwa einen Monat verbringen wird. Sie wird aber nicht nur Inventarbücher durchforsten, sie will auch mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen und so erstmals systematisch die Sammlungsstücke auf deren mögliche problematische Erwerbsumstände in der Zeit von 1933 bis 1945 untersuchen.

Eine Frau vor einem Bücherregal
Auch die Provenienzforscherin Dr. Mai Lin Tjoa-Bonatz freut sich schon auf die Thüringer Museen. Bildrechte: Museumsverband Thüringen e. V.

Vorgestellt wurde sie den beteiligten Museen bereits zur Auftaktveranstaltung auf der Heidecksburg. "Die Chemie hat schon mal gestimmt", freut sich Strömsdörfer.

Zum Aufklappen: Die Expertin Dr. Mai Lin Tjoa-Bonatz

Dr. Mai Lin Tjoa-Bonatz studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Südostasienwissenschaften in Frankfurt am Main. Nach ihrer Promotion arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin, als Koordinatorin und Kuratorin in Deutschland, Singapur und Indonesien. Im Bereich Provenienzforschung hat sie bereits am Museum "Forum der Völker" in Werl einen Erstcheck zu kolonialem Erbe durchgeführt.

Am Ende des Projektes wird über jedes einzelne Museum ein Bericht geschrieben. Bei der Einschätzung der Objekte wird eine Art Schema angewendet, eine sogenannte "Provenienz-Ampel", sagt Koordinatorin Breer.

Grün bedeutet, dass man jeden Verdacht ausschließen kann, Rot, dass eindeutig Raubkunstverdacht nachgewiesen werden kann.

Sabine Breer Museumsverband Thüringen

"Grün bedeutet, dass man jeden Verdacht ausschließen kann, Rot, dass eindeutig Raubkunstverdacht nachgewiesen werden kann. Und dazwischen gibt es eben mehrere Schattierungen."

Wenn das Projekt dann abgeschlossen ist, will der Museumsverband auf jeden Fall weitermachen. Darin ist man sich mit den beteiligten Museen einig.

Menschen in einem Raum    Auftaktveranstaltung des Erstcheck-Projektes des Museumsverbandes Thüringen e. V. auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt.
Bei der Auftaktveranstaltung auf der Heidecksburg haben sich die beteiligten Museen und die Provenienzforscherin schon kennengelernt. Bildrechte: Museumsverband Thüringen e. V.

"Wie genau das aussehen könnte, hängt aber auch von den Ergebnissen ab", so Breer. Der Erst-Check, der jetzt gestartet ist, liefert Anhaltspunkte für weitere Recherchen, Kontakte und Wissen, das dann vertieft werden soll.    

Zum Aufklappen: Diese Museen beteiligen sich am Projekt

  • das Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg
  • das Schlossmuseum Arnstadt
  • das Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg
  • die Kunstsammlung Gera
  • das Stadtmuseum Gera
  • das Literaturmuseum "Theodor Storm" Heilbad Heiligenstadt
  • das Museum Burg Ranis
  • das Thüringer Landesmuseum Heidecksburg mit dem Schlossmuseum, dem Naturhistorischem Museum, der Fürstlichen Erlebniswelten Schloss Schwarzburg und dem Museum für Kloster-, Forst- und Jagdgeschichte Paulinzella
  • das Stadtmuseum Saalfeld im Franziskanerkloster
  • das Schlossmuseum Sondershausen
  • das Deutsche Spielzeugmuseum Sonneberg
  • das Hennebergische Museum Kloster Veßra
  • das Deutsche Bienenmuseum Weimar
  • das Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar

Das bestätigt Konrad Kessler, Leiter des Stadtmuseums Gera: "Besonders bei den kleinen und mittleren Museen wäre es hochproblematisch, sie mit dem Ergebnis allein zu lassen."

Aus seiner Sicht ist es großartig, durch das Projekt neue Einblicke zu bekommen. "Aber es ist eben nur ein Erst-Check. Eine weitere Erforschung, die sich notwendigerweise ergeben könnte, ist hier im Hause eigentlich nicht zu leisten."

Spannung auch im Stadtmuseum Gera

Schon mit dem Alltagsgeschäft sei man mit der relativ kleinen Mannschaft voll ausgelastet. Und die folgenden Schritte werden ja nicht einfacher. "Was gibt es für Möglichkeiten? Wie kann man dann im Zweifelsfall auch Optionen finden, wie im Einzelfall vielleicht eine weitere Präsentation hier Museum möglich ist."

Denn nicht immer ist die Rückgabe belasteter Objekte der einzige Weg. Man könnte sie den rechtmäßigen Eigentümern abkaufen oder als Dauerleihgabe im Museum belassen. Das muss aber für jeden einzelnen Gegenstand besprochen werden.

Und Sabine Breer ergänzt: "Es hängt auch nicht von der Größe des Exponates ab. Wenn beispielsweise ein Buch gefunden wird, das einer jüdischen Familie geraubt wurde, kann das wirklich das Einzige sein, das von diesen Menschen geblieben ist. Dann hat das natürlich einen extrem hohen emotionalen Wert für die Nachfahren."

Eigener moralischer Anspruch der Museen

Jedes Museum, sagt Kessler, hat den Anspruch, so viel wie möglich über seine Sammlung zu erfahren. Und "zurückzugeben, was nicht rechtmäßig enthalten oder moralisch zweifelhaft ist".

Stadtmuseum Gera
In einem der Inventarbücher hat Konrad Kessler einen Hinweis auf eine verdächtige Herkunft gefunden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Was die NS-Zeit betrifft, so sind aus Sicht des Experten die Inventarbücher sehr viel aussagekräftiger als noch 30, 40 Jahre davor. "Da ist es eher die Frage, ob diese Bücher überliefert wurden".

In Vorbereitung des Projekts hat sich Kessler schon in diese Bücher vertieft. Und hat in einem tatsächlich einen Hinweis auf verdächtige Objekte gefunden.

Im Stadtmuseum Gera freut man sich jedenfalls sehr auf das Projekt, das die Chance bietet, mehr über die eigene Sammlung zu erfahren.

drei weiße Münzen liegen auf einem Tisch, das Fenster wirft starke Schatten.
Aufgrund des Eintrags im Inventarbuch hat Konrad Kessler die betreffenden Stücke herausgesucht. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und mit jedem Objekt, mit jedem Gegenstand im Museum ist es ja am Ende so, dass er ohne Kontext, ohne Geschichte keinen Wert hat, sagt Kessler. Und genau zu dieser Einordnung in einen Kontext, zur Suche nach der Herkunft der Objekte, ist das Projekt vom Museumsverband gedacht.

Zum Aufklappen: Der Museumsverband Thüringen e. V.

Der Museumsverband Thüringen e. V. vertritt die Interessen seiner institutionellen und persönlichen Mitglieder. Sein Netzwerk umfasst über 230 Mitgliedsmuseen in ganz Thüringen jeglicher Sparte von kulturgeschichtlichen und volkskundlichen Einrichtungen bis hin zu Kunst- und Naturkundemuseen. Die Museumsberaterinnen und die Mitarbeiterinnen der Koordinierungsstelle Provenienzforschung der Geschäftsstelle unterstützen die Mitglieder in allen musealen Belangen und bieten verschiedene Informations- und Weiterbildungsformate an.

Finanziert wird das Projekt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Bund und Länder haben eigenen Angaben zufolge seit 2008 die Provenienzforschung im Bereich NS-Raubgut mit insgesamt rund 50,8 Millionen Euro gefördert, mit denen bislang 445 Projekte realisiert werden konnten.

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste wurde 2015 als Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Magdeburg gegründet und ist in Deutschland zentraler Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßig entzogenen Kulturguts.

Mehr zur Provenienzforschung

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 03. März 2024 | 18:00 Uhr

Mehr aus Thüringen