Schatten von einem Erwachsenen, der ein Kind in einer Schaukel anschubst.
Der Thüringer Betroffenenrat soll auch bei Schutzkonzepten beraten. Bildrechte: IMAGO/Rolf Poss

Betroffenenrat gegründet Thüringen will Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Gewalt schützen

17. November 2023, 11:07 Uhr

Die Zahl der sexuellen Übergriffe und Missbrauchsvorfälle liegt in Thüringen auf hohem Niveau. Laut aktueller Kriminalitätsstatistik gab es im vergangenem Jahr 452 erfasste Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Im Freistaat soll sich jetzt ein Landesbetroffenenrat gründen und den Betroffenen eine Stimme in Politik und Wissenschaft gibt.

Es ist ein Vorhaben, bei dem sich das Landeskabinett einig war: Die Gründung eines Landesbetroffenenrates zum besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt und Missbrauch. Das Expertengremium aus sieben bis zehn Mitgliedern soll Betroffenen eine Stimme geben und deren Anliegen auf höchste Ebene in Politik und Wissenschaft tragen.

Für den Landesbetroffenenrat können ab sofort Bewerbungen eingereicht werden - in der Geschäftsstelle des Landesbeauftragten für Kinderschutz, Winfried Speitkamp, zugleich Staatssekretär im Bildungsministerium.

Erfahrungen von Betroffenen bisher wenig berücksichtigt

Thüringen ist erst das zweite Bundesland nach Rheinland-Pfalz, in dem ein solcher Betroffenenrat gegründet wird. "Strukturell und fachlich ist der Kinder- und Jugendschutz in Thüringen sehr gut aufgestellt. Die Expertise der Betroffenen konnte bisher jedoch nur unzureichend berücksichtigt werden", teilte Winfried Speitkamp MDR THÜRINGEN mit.

Der Rat soll eng mit Politik und Wissenschaft zusammenarbeiten, das Thema sexueller Missbrauch soll so niedrigschwellig wie möglich gehalten werden. Er berät bei Schutzkonzepten etwa in Sportvereinen, ist Teil von Kriseninterventionen und trägt auch dazu bei, aus Sicht der Betroffenen besser aufzuklären. Die Experten beraten den Landesbeauftragen und erarbeiten Empfehlungen zum besseren Schutz von Kindern vor sexuellen Übergriffen in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Thüringen als Vorbild für andere Bundesländer

"Der Betroffenenrat hat zwei wichtige Aufgaben. Zum einen wissen sie als Betroffene selbst am besten, was ihnen geholfen hätte, um den Missbrauch zu verhindern; zum anderen, was es braucht, um Betroffenen Schutz zu gewähren", sagt Kerstin Claus, die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindermissbrauchs Deutschland.

Sie begrüßt das Vorhaben Thüringens, einen Betroffenenrat einzurichten und hofft, dass der Freistaat Vorbild für weitere Bundesländer ist. "Das Thema sexueller Missbrauch ist durch den Betroffenenrat viel besser besprechbar und niedrigschwelliger", so Claus zu MDR THÜRINGEN.

In Rheinland-Pfalz tagt der Betroffenenrat seit der Gründung im März alle drei bis vier Wochen. Auch hier ist man vom Erfolg des Rates überzeugt. "Wir als Gesellschaft müssen aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft lernen. Das bedeutet auch anzuerkennen, dass es in Rheinland-Pfalz Menschen gibt, die als Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt erfahren haben und nicht immer die Hilfe gefunden haben, die sie sich gewünscht hätten“, sagte die Rheinland-Pfälzische Familienministerin Katharina Binz (Grüne) MDR THÜRINGEN.

Zahl der Missbrauchsfälle bei Kindern auf hohem Niveau

Für den Betroffenenrat in Thüringen werden Menschen aus dem Freistaat gesucht, die in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erleben mussten. Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und sollten Erfahrungen mit den Hilfesystemen gemacht haben.

Dabei werden einzelne Schicksale nicht öffentlich gemacht - darauf weist das Bildungsministerium als Initiator des Betroffenenrates hin. Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 31. Januar. Das Gremium tagt ehrenamtlich, es gibt jedoch eine Aufwandsentschädigung.

In Thüringen liegt die Zahl der Missbrauchsfälle von Kindern und Jugendlichen seit Jahren auf hohem Niveau. Im vergangenen Jahr zählte die polizeiliche Kriminalitätsstatistik 452 sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, nach 455 Fällen im Jahr 2021.

MDR (jml/mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 17. November 2023 | 18:00 Uhr

4 Kommentare

hilflos vor 26 Wochen

Jedenfalls sollten die Ermittlungsbeamten der Polizei und die Mitarbeiter der Jugendämter gründlichst geschult und sensibilisiert werden und stets auch Vorwürfe kritisch betrachten

hilflos vor 26 Wochen

Ich finde Übergriffe (gleich ob sexuell, psychisch oder körperlich) immer verwerflich. Allerdings warne ich vor einer zu niedrigschwelligen Behandlung derartiger Verdachtsfälle, so erinnere ich mich an der "Wildwasser ev" oder ähnliches. Auch befürchte ich, dass der normale liebevolle Umgang in der Familie uU falsch gesehen wird.
Der nächste Aspekt sind die Grünen, ich meine mich an deren Auffassung (siehe Cohn-Bendit) aus den 1980er Jahren zu erinnern, wo der sexuelle Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern als "normal" gesehen wurde

Goldloeckchen vor 26 Wochen

„Thüringen will Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Gewalt schützen“

Sollte es nicht so sein das immer das Möglichste dafür getan wutd?
Alles wurde doch nicht alles für den Schutz der Kinder getan.
So ein Armutszeugnis 🤔🇩🇪

😉🫣☝️😉

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