Datenanalyse Kleinod und Wirtschaftszone: Der Wald in Thüringen

Wirtschaftszone, ersehnter Rückzugsort und Klimawandel-Bekämpfer: Das Leben des Menschen und des Planeten hängt maßgeblich von einem intakten Wald ab. Gleichzeitig machen intensive Monoforstwirtschaft und der Klimawandel einem gesunden Ökosystem zu schaffen. Um dieses System Wald in Thüringen besser zu verstehen, haben wir eine Auswahl an Grafiken und Fakten zusammengestellt.

Morgensonne bricht durch nebligen Fichtenwald
Diese Morgenidylle verdeckt die Herausforderungen, vor denen der Wald in Thüringen steht. Bildrechte: imago/imagebroker

So sieht der Wald in Thüringen aus

Wer an Wald in Thüringen denkt, denkt zuerst wahrscheinlich an den Thüringer Wald. Er bildet neben dem Thüringer Schiefergebirge im Osten des Landes und dem Südharz auch einen der regionalen Schwerpunkte. Mit rund 34 Prozent bewaldeter Fläche steht Thüringen im bundesweiten Vergleich im Mittelfeld, wobei seit der Wiedervereinigung (Stand 1991) die Fläche von damals 511.000 Hektar auf fast 550.000 Hektar (Stand 2012) angewachsen ist.

Spitzenreiter sind Hessen und Rheinland-Pfalz mit je 42 Prozent bewaldeter Fläche. Schlusslich ist rechnerisch Schleswig-Holstein, wobei die Daten der Waldinventur keine separaten Zahlen für Bremen und Hamurg ausweisen. In einem der beide Stadtstaaten könnte die anteilige Fläche also noch geringer sein.

So viel Wald gibt es

Laut der Landesbehörde Thüringenforst werden 95 Prozent dieser Waldfläche bewirtschaftet, nur rund fünf Prozent und 26.000 Hektar sind stillgelegt.

Das wächst im Wald

In Deutschlands Wäldern geben einige wenige Baumarten den Ton an. 57 zu 43 ist das Verhältnis von Nadel- zu Laubbäumen. In den vergangenen Jahren ist die Fichte immer wieder in großem Umfang Schädlingen und Trockenheit zum Opfer gefallen. Dieser anfällige Nadelbaum kommt in Thüringen im Bundesvergleich und auch mit Mitteldeutschland (Durchschnitt von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) vergleichsweise häufig vor.

Während die Eiche in Thüringen seltener wächst, ist die Buche stark vertreten. Wie eine Karte des Thünen-Instituts zeigt, kommt die Buche vor allem in Nordthüringen vor.

So alt sind die Bäume

Bemerkenswert ist, wie wenig alte oder sehr alte Bäume es in Deutschland und auch Thüringen gibt. Zum Vergleich: Laut Manfred Großmann, Leiter des Nationalparks Hainich, wachsen auch in Europa Buchen, die über 500 Jahre alt werden - wenn man sie und ihr Ökosystem denn lässt. In Thüringen ist die Gruppe der 41-60-jährigen Bäume am stärksten vertreten.

Großmann erklärt die vergleichsweise vielen Bäume im mittleren Alter bis 120 Jahre in Thüringen damit, dass es wie oben beschrieben mehr Laubbäume wie Buchen als in anderen Bundesländern gibt. Laubbäume würden, so Großmann, erst später als Nadelbäume eingeschlagen - also gefällt.  

Im Nationalpark Hainich, einem der Urwälder Thüringens - wachsen die Bäume seit ungefähr 50 Jahren ohne Eingriffe des Menschen. Wie alt sie wirklich werden können, wird dort erst in 300 Jahren wirklich absehbar sein. Richtige Urwälder, also komplett vom Menschen unbeeinflusster Wald, gibt es in Thüringen und Deutschland nicht mehr.

Wirtschaftsstandort Wald

Neben den Naturaspekten ist der Wald für viele Menschen in erster Linie eine Investition. Zum Verständnis: Die Bereiche Forst und Holz machen in Thüringen die viertgrößte Wirtschaftsbranche aus und sichern mit einem Gesamtumsatz von rund zwei Milliarden Euro jährlich laut Thüringenforst das Einkommen von 160.000 Menschen.  

Mit über 40 Prozent sind die Privaten in Thüringen die größte Eigentümergruppe, gefolgt von Wald in Landeshand oder Körperschaften wie Kommunen. Nur einen kleinen Teil macht Wald in Bundeshand aus; 0,9 Prozent ist weiterhin im Eigentum der Treuhand und demnach noch zu privatisieren.

Auffällig ist, dass es vor allem in Ostthüringen unter den Privaten relativ viele kleine und sehr kleine Eigentümerflächen gibt. Vor allem im Thüringer Wald ist relativ häufig Wald in der Hand des Landes, wie eine Karte des Thünen-Instituts zeigt.

So viel Holz wird gefällt

Planmäßig - wenn also kein Borkenkäfer oder massive Trockenheit dazwischenkommt - werden pro Jahr bis zu drei Millionen Kubikmeter, sprich Festmeter Holz eingeschlagen. So gibt es auch Thüringenforst an. Die unten dargestellten Holzeinschlagszahlen lassen erahnen, welche Auswirkungen der Fichtenborkenkäfer in den vergangenen Jahren hatte.

Es handelt sich bei dem Anwuchs des gefällten Holzes demnach vorwiegend um sogenanntes Schadholz, sodass 2020 eine bis dahin nie erreichte Summe von über fünf Millionen Festmeter Holz eingeschlagen wurden.

Kampf gegen Schädlinge und Brände

Auch andere Borkenkäfer hätten Schadholz an anderen Baumarten verursacht, sagt Horst Sproßmann, Pressesprecher von Thüringenforst. Es sei aber der sogenannte Buchdrucker, die "gefährlichste heimische Borkenkäferart", der für das Sterben der Fichten verantwortlich gewesen sei.

In der Grafik wird deutlich, wie massiv die Ausbreitung des Schädlings gewirkt hat: Fast 3,3 Millionen Festmeter Schadholz sind demnach für 2021 auf Schädlinge wie den Buchdrucker-Borkenkäfer zurückzuführen. Auch die Trockenheit spielte vor allem 2020 eine große Rolle beim Schadholz, wird aber erst auch seit 2020 vom Landesamt für Statistik Trockenheit als separate Ursache für Baumschäden ausgewiesen.

Buchdrucker weiterhin Gefahr

Obgleich es noch keine Daten gibt, hat laut Thüringenforst die klimawandelbedingte Trockenheit den Rückgang bei der Schadholzentwicklung aus dem vergangenen Jahr abgebremst: Von Mai bis August 2022 habe sich der Buchdrucker bevorzugt in höheren Lagen vermehrt, sagt Thüringenforst-Sprecher Sproßmann. Also rund um die Forstämter Neuhaus, Sonneberg oder auch Saalfeld-Rudolstadt.

Bereits Ende Juli habe es einen Buchdrucker-Schadholzanfall von 1,53 Millionen Festmetern in Thüringen gegeben – es sei "hochspekulativ", wie sich das restliche Jahr aufgrund von Witterungen entwickeln wird.

So viel hat es im Wald gebrannt

Gefühlt ist im Sommer 2022 kein Tag vergangen, ohne dass Flächen- und Waldbrände gemeldet wurden. Die Grafik bestätigt mit Blick auf den Wald, dass es in diesem Jahr vergleichsweise sehr viel gebrannt hat. Zwar gelten die Zahlen nur bis Ende August, doch zeigt sich schon jetzt, dass es in den vergangenen zehn Jahren mit bereits 47 Mal nie so häufig im Wald gebrannt hat wie in diesem Jahr.

Auch die intensiven Trockenjahre ab 2018 spiegeln sich in der Häufigkeit der Brände wider. Die verhältnismäßig große Fläche, die 2019 verbrannte, führte der Thüringenforst damals ebenfalls auf die extreme Trockenheit zurück, unter der vor allem die Wälder an Südhängen litten.

2021 wurde dagegen weniger Forst durch Flammen zerstört: Als Grund gab die Landesforstanstalt verhältnismäßig viel Regen und wenige heiße Sommertage an. Außerdem habe die zusätzlich eingesetzte Technik zur Waldprävention und -bekämpfung Wirkung gezeigt.

In diesem Jahr zeigten sich jedoch Grenzen der Einsatzfähigkeit der Feuerwehren, was vor allem am verfügbaren Löschwasser lag: Zwei Thüringer Gemeinden gaben beispielsweise an, kein Wasser mehr für größere Wald- und Flächenbrände zur Verfügung zu haben.

Anmerkung zu den Daten:

Die Grundlage für einige der Grafiken in diesem Artikel ist die Dritte Bundeswaldinventur von 2012. Eine vierte Inventur läuft derzeit und soll Ende 2022 abgeschlossen sein, sie startete im April 2021. Darin sollen dann ebenfalls Bestand, Veränderung bei der Waldnutzung dem Zustand des Forstes abgeleitet werden.

MDR (dst)

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