Thüringens Urwaldpfade Eisenach: Wenn Tourismus und Urwald aufeinandertreffen

20. August 2022, 05:00 Uhr

Einige Teile des Thüringer Waldes gehören zum geringen Anteil der Waldflächen Deutschlands, die als naturnah angesehen werden können, die sogenannten Thüringer Urwaldpfade. Das sind insgesamt 16 geschützte Flächen und Wanderwege, die neben der Aussicht und Erholsamkeit noch deutlich mehr zu bieten haben. MDR THÜRINGEN hat den Urwaldpfad in Eisenach besucht und zahlreiche Eindrücke gesammelt.

Bei der Stadt Eisenach denken die meisten Thüringer an die berühmte Wartburg, die große Drachenschlucht oder an das historische Lutherhaus. Die Verbindung zwischen Urwald und der Stadt wird hingegen seltener gezogen, doch es gibt sie.

An den Wochenenden tummeln sich in der Nähe des Urwalds Wanderer, Familien und Mountainbiker auf dem Wanderparkplatz "Phantasie", um die berühmte Eisenacher Drachenschlucht zu besuchen. Schließlich sind Ferien und die Schluchten gehören zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Thüringen. Da fällt schon mal hinten herunter, dass der Wanderweg durch die Landgrafenschlucht gleichzeitig auch ein Urwaldpfad und Waldpark ist.

Start der Wanderung

Deswegen weist Ansgar Pape, Leiter des Forstamts in Marksuhl, ein paar Meter entfernt auf den Holzstamm hin, der die Großbuchstaben URWALDPFADE trägt. Es gibt ihn also doch, den Urwaldpfad in Eisenach, der selten Beachtung findet. Die eindrucksvolle Holzfigur stellt den offiziellen Eingang und Beginn des Urwaldpfades dar. Auf ihm machen es sich eine Wildkatze, ein Specht und ein Feuersalamander gemütlich – diese drei Arten sind unter anderem im Naturschutzgebiet zu finden.

Pape empfiehlt den Besuchern, das Symbol mit dem Käfer über dem Schriftzug der Urwaldpfade im Gedächtnis zu behalten, denn der lotst die Wanderer durch den Rundwanderweg. Der Forstamtsleiter erklärt außerdem, was hinter dem Logo der Thüringer Urwaldpfade steckt. Das Symbol zeigt den Kardinalsroten Schnellkäfer – eine seltene Käferart, die ausschließlich in naturnahen Wäldern mit alten Bäumen und Totholz vorkommt. Als sogenannte Urwaldreliktart ist der Schnellkäfer nach Angaben der offiziellen Homepage der Urwaldpfade ein Zeichen für den guten ökologischen Zustand des Waldes.

Im Laufe der Tour sieht man, neben dem Kardinalsroten Schnellkäfer, zwei weitere Symbole. Diese Zeichen stellen eine Doppelmarkierung dar, erklärt Forstamtsleiter Pape. Der Wanderweg ist gleichzeitig Urwaldpfad und Schluchtentour in einem. "EA1 beschreibt die Drachen- und Landgrafenschlucht. Die gelbe Eins verweist auf den Rundwanderweg, den die Tourist-Information gestellt hat", sagt er.

Mit Gottlob König durch die Landgrafenschlucht

Ein paar Meter entfernt scheint die Sonne auf etwas, das in den Baumwipfeln der Landgradenschlucht glitzert. Pape erwähnt, dass es sich dabei um den Gedenkstein von Gottlob König, den Leiter der damaligen Forstuniversität in Eisenach, handelt. "Bei uns war und ist König auch heute noch ein Heiliger", sagt er. Nachdem er im Jahr 1849 gestorben ist, wurde ihm direkt ein Jahr später ein Gedenkstein erbaut. Grund für die Ehrung war die Liebe für die Eisenacher Wälder. König war nämlich derjenige, der sich dafür eingesetzt hat, die Schluchten begehbar zu machen, Ausblicke speziell zur Wartburg zu schaffen und Wege zu den Wasserfällen zu bauen, erklärt der Forstamtsleiter.

Informationen für Wanderer

  • Start und Ziel: Parkplatz "Phantasie" (Rundwanderweg)
  • Länge: Etwa acht Kilometer
  • Dauer: Circa zwei bis drei Stunden mit Pausen

Wanderroute Urwaldpfad Eisenach

Nachdem die Geräusche der B19 leiser werden, merkt man bereits den Temperaturunterschied im Wald. Dort, wo eben noch die Sonne auf der Haut brannte, fühlt es sich am Schild der Runderwanderwege im Mariental eher feuchtkühl an. Ab hier beginnt die etwa zwei Kilometer lange Landgrafenschlucht. Durch die Kraft des Wassers über mehrere Jahrmillionen hinweg wurden die Felsen abgetragen und es entstanden die außergewöhnlich geformten Schluchten, erklärt Pape.

Trockenheit in Eisenacher Wäldern

Im Jahr 2022 sucht man aber vergeblich nach Wasser. Auch der Urwaldpfad in Eisenach ist stark von Dürrephasen betroffen. Das wird besonders deutlich, wenn man einen Blick nach rechts in eine kleine Vertiefung aus Stein, Moos und abgestandenen Regenwasser wirft. Boddenberg ist sich sicher, dass man beim näheren Hinsehen mindestens eine kleine Feuersalamander-Larve entdeckt. Das liegt aber nur daran, dass die Kuhle das Wasser lange halten kann.

Die zunehmende Trockenheit ist für Arten, die auf Wasser angewiesen sind, schon ein großes Problem.

Jürgen Boddenberg Thüringenforst

Nicht nur für Tiere, sondern auch die Bäume und Pflanzen im feuchten Wald leiden stark unter dem Wassermangel Thüringens. Oberhalb der Pfütze sieht man, dass selbst grüne Äste an den Bäumen einfach abbrechen, weil sie zu spröde sind und an die Seiten der Hänge geräumt werden. "Das liegt weniger am Wind, sondern an der Trockenheit im Wald", sagt Boddenberg.

Naturnah oder doch touristisch?

Der Konflikt zwischen alten Wäldern mit liegen gelassenem Totholz und modernen begehbaren Wanderwegen ist vor allem in Eisenach ein Problem, sagt Pape.

Ich mag Urwald, aber nicht so einen Unaufgeräumten, sagen die meisten immer.

Ansgar Pape Forstamt Marksuhl

Deutlich wird das speziell am Startpunkt der Landgrafenschlucht. Es springt einem der grüne Mülleimer ins Auge. Ein paar Meter weiter sieht man ein gelbes Schild mit Eulen-Symbol und dem Schriftzug Naturschutzgebiet. Direkt daneben hängt ein rotes kreisförmiges Streckenpunkt-Schild, das mit einem kleinen Landgrafen und der Zahl 1 versehen ist. Gehören so viele Sicherheitshinweise, Schilder und sogar Mülleimer in einen Urwald?

Das Forstamt sieht sich in der moralischen Verantwortung auf die Gefahren des Waldes hinzuweisen und gegebenfalls durch Sicherheitsvorkehrungen wie beispielsweise Geländer den Weg für Besucher zu erleichtern, erklärt Pape. Vor diesem Hintergrund geht der zuständige Förster mehrmals im Jahr durch die Hänge und nimmt die Bäume ganz genau unter die Lupe.

"Falls er einsturzgefährdende Bäume entdeckt, werden sie umgeschnitten und als Totholz liegen gelassen", sagt er. Was einerseits für einige Arten im Wald von Vorteil ist, andererseits für die Förster extrem gefährlich sein kann. Gerade weil man aufgrund der engen Wege und hohen Hänge nicht mit Technik an die Bäume herankommt, erläutern die beiden.

Eigentlich muss man schon in Hogwarts studiert haben, um die Grenze zwischen Urwald und touristischem Waldpark ziehen zu können.

Ansgar Pape Forstamt Marksuhl

Hinter einer eingestürzten Buche, die quer über dem Waldweg liegt, laufen zwei Mitglieder der Bürgerinitiative "Sauberes Mariental" mit einer zerbeulten Plastikflasche ausgestattet vorbei. Ansgar Pape erwähnt, dass einige der Mitglieder der Initiative wöchentlich den Pfad ablaufen und explizit Müll einsammeln.

"Gerade zur Hochphase der Corona-Pandemie war liegen gelassener Müll ein großes Problem auf dem Pfad", sagt Pape. Um etwas gegen die Umweltverschmutzung zu tun, schlug die Bürgerinitiative die Anzahl der Mülleimer zu erhöhen vor. Pape gibt jedoch zu bedenken, dass weitere Mülleimer immer mehr Müll akquirierten und das Problem dadurch nicht eingedämmt werde. Er spricht aus Erfahrung, denn einen Testlauf gab es bereits in der Drachenschlucht. "Nachdem direkt in der Mitte ein Mülleimer aufgestellt wurde, lag der Müll überall verteilt, nur nicht im Eimer", kritisiert er.

Die Leute sollen das, was sie in den Wald reinnehmen, auch wieder mit rausnehmen.

Ansgar Pape Forstamt Marksuhl

Auch Mountainbiker tragen ihren Negativpart auf dem Urwaldpfad bei. Mittlerweile sind insgesamt 35 illegale Trails im Naturschutzgebiet verortet. "Es werden zukünftig höchstwahrscheinlich immer mehr werden", vermutet Pape. Die Mountainbike-Touren sind nämlich auch auf üblichen Wanderapps verzeichnet, was für den Rundwanderweg problematisch ist.

So ganz unberührt ist der Urwaldpfad dann nun doch nicht, denn neben den genannten Eingriffen wird im Gebiet auch gejagt.

In allen der nutzungsfreien Flächen muss weiter gejagt werden, um den Druck aufrechtzuerhalten.

Jürgen Boddenberg Thüringenforst

"Tatsächlich freuen sich die Gartenbesitzer in Eisenach darüber. Viele Wildschweine verirren sich gerne mal in die angrenzenden Wohngebiete und fressen die Gemüsebestände leer", sagt Boddenberg. Doch die Wildschweine sind auf den Urwaldpfaden nicht das eigentliche Problem, erklärt er.

Einerseits sind die Wildbestände wie Rehe, Rotwild, Damwild und – falls vorhanden Muffelwild die Gegner der Bäume im Wald. "Sie fressen die Verjüngung, knipsen die Knospen ab oder schälen die Rinde von den Beständen", sagt Boddenberg. Wenn man also auf die Jagd auf den eher unberührten Flächen verzichtet, würden sich die Wildtiere besonders sicher fühlen und von dort hätten sie freie Bahn in die bewirtschafteten Flächen, erläutert er.

Waldschäden durch den Borkenkäfer

Andererseits ist und bleibt der Borkenkäfer ein verbreitetes Problem in den Wäldern des Thüringer Waldes. Die Forstwirtschaft versucht, so wenig wie möglich Material liegen zu lassen, in das der Borkenkäfer seine Brut anlegen kann. Doch wenn die Bäume durch Sturm sowie Trockenheit vorgeschädigt und die Wurzeln losgerissen sind, schlägt der Borkenkäfer zu und hinterlasst irreversible Schäden, erklärt Jürgen Boddenberg von Thüringenforst. "Die Unterarten des Borkenkäfers, der Kupferstecher und der Buchdrucker machen es den Fichten momentan besonders schwer", sagt er.

Normalerweise versucht die Fichte, den Borkenkäfer abzuwehren, indem sie Harz produziert. Sie schleimt sie sozusagen ein. Das kann sie aber nicht, wenn sie kein Wasser hat, und somit hat der Borkenkäfer leichtes Spiel.

Jürgen Boddenberg Thüringenforst

Ausblicksplattform: Großer Drachenstein

Je höher man kommt, desto trockener und brauner werden die umliegenden Pflanzen sowie die Böden. Das ist besonders auffällig, wenn man am Großen Drachenstein steht. Das Laub unter den festen Wanderschuhen raschelt, als wäre es Herbst statt Sommer. Abgebrochene Rinden, ausgedörrte Büsche und ausgetrocknete Wacholderbeeren, die nicht gerade appetitlich aussehen, springen jedem Wanderer sofort ins Auge. Doch der Blick durch die vertrocknete Gegend rund um den Großen Drachenstein wird von der Aussicht auf den Großen Hörselberg ausgeglichen. Von hier aus schaut man auf den kleinen, mit ungefähr 1.400 Einwohnern bewohnten, Ort Mosbach.

Und da ist auch schon wieder der Kardinalsrote Schnellkäfer! Er navigiert uns den Weg in Richtung Mariental. Der Schnellkäfer verweist übrigens nicht umsonst im Namen auf seine Schnelligkeit. "Sie können sich durch ein zusätzliches Sprunggelenk in die Luft katapultieren", erklärt Pape.

Letzter Stop: Carolinen-Blick

Beim Wandern gen Mariental kommt man am Carolinen-Blick vorbei. Der dortige Gedenkbaum mit Denkmal wurde im Jahr 1903 anlässlich der Vermählung von Großherzog Wilhelm Ernst mit der Prinzessin Caroline von Reuß gepflanzt. Ein Blick in das umliegende Tal zeigt ein weites Panorama mit Aussicht auf die Wartburg bei Eisenach.

Von hier aus geht es nur noch bergab. Man kommt unter anderem an einer großen Wildschweinsuhle mit viel Matsch und zwei sich aneinanderschmiegenden Bäumen vorbei. Beim Weg in Richtung B19 fällt jedem Besucher auch noch die große Steinfelsenwand mit dunkelgrünen Moos auf.

Und nun hat man den knapp acht Kilometer langen Rundwanderweg des Eisenacher Urwaldpfades geschafft und ist wieder am Parkplatz "Phantasie" angekommen. Unsere Redakteurin war mit Pausen insgesamt drei Stunden mit Ansgar Pape und Jürgen Boddenberg unterwegs. Die Wanderung ist sehr zu empfehlen - doch bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil und lassen Sie sich vom urigen Naturschutzgebiet faszinieren!

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. August 2022 | 15:00 Uhr

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