Landwirtschaft Moldau: Plötzlich Bio!

Mangelwirtschaft treibt mitunter eigenartige Blüten. Ehemalige DDR-Bürger kennen das. In Moldau führen Not und Geldmangel unter anderem dazu, dass die Landwirte oft ohne Pestizide und Kunstdünger auskommen müssen. Bio durch die Hintertür gewissermaßen.

Mit traditionellen Mustern verzierte Kolchose nahe der Grenze zu Rumaenien.
Überschaubarer Fuhrpark in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Moldau. Bildrechte: dpa

Ein Trecker und zwei Mähdrescher für fünf Bauernhöfe. Überschaubare Felder. Kein Geld für Dünger und Pflanzenschutzmittel. Das klingt nicht nach moderner Landwirtschaft im 21. Jahrhundert. Willkommen in der Republik Moldau! Einem Land in Südosteuropa, wo man noch Bauern mit Pferdegespannen begegnen kann.

In der UdSSR galt die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik als "Garten der Sowjetunion". Die fruchtbare schwarze Erde deckte ein Viertel des Bedarfs des sozialistischen Riesenreichs an Obst und Gemüse. Die Kolchosen wurden mit preiswertem Strom, mit Dünger und Pflanzenschutzmitteln versorgt. Als Moldau im August 1991 unabhängig wurde, war damit Schluss. Es wurde privatisiert und die staatliche Unterstützung der Kolchosen eingestellt. Das blieb nicht ohne Folgen. Seither ist die landwirtschaftliche Produktionsleistung drastisch gesunken.

Pferdegespann auf der Straße
Republik Moldau: Wo man Bauern noch mit Pferd und Wagen begegnen kann. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Kein Geld für Dünger und Pestizide

Doch was angebaut und geerntet wird, ist durch den Mangel über die Jahre vielfach zu einer Art Bio-Ware geworden. Weil kaum noch gedüngt und gespritzt wurde, hat sich der Boden erholt und bringt gesunde Pflanzen hervor, wie man sie in anderen Teilen Europas als Produkte aus konventioneller Landwirtschaft kaum findet. Neben dieser Quasi-Bio-Landwirtschaft entstehen in der Republik Moldau nach und nach auch echte Bio-Höfe. Mittlerweile sind es etwa 160. Dabei spielen neben einem wachsenden Umweltbewusstsein auch bessere Verdienstmöglichkeiten und staatliche Förderungen eine Rolle.

Angebaut und geerntet werden in Moldau Getreide wie Weizen, Gerste, Mais sowie Gemüsesorten wie Tomaten, Zwiebeln, Kohl, Gurken, Kartoffeln, Zuckerrüben, Kürbisse, Paprika, Karotten, rote Rüben, Knoblauch, Kürbis, Auberginen, Kichererbsen und grüne Erbsen. Die moldauischen Obstbauern konzentrieren sich auf Äpfel, Pflaumen, Süß- und Sauerkirschen, Birnen, Pfirsiche und Nektarinen, Quitten, Aprikosen, Beerenobst, Walnüsse sowie Tafel- und Keltertrauben. Und es gibt jede Menge Sonnenblumenfelder.

Ein Bauer steht vor einem Obstbaum auf seiner Plantage.
Früher verkaufte Landwirt Andrei Onofrei seine Pflaumen nach Russland. Seit 2016 exportiert er sie nach Polen und Rumänien. Bildrechte: Liudmilla Corlateanu

Ein russisches Embargo pusht die moldauische Landwirtschaft

Seit einigen Jahren produzieren die Bauern in Moldau immer häufiger auch für den EU-Markt. Der Impuls dafür kam ausgerechnet aus Russland. Der Kreml hatte 2006 ein Einfuhrverbot für moldauische Weine verhängt, weil es zum Streit über die Zukunft  der abtrünnigen Minirepublik Transnistrien im Osten Moldaus gekommen war. Nachdem Moldau 2014 ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet hatte, belegten die Russen das Land erneut mit einem Embargo. Diesmal erstreckten sich die Importverbote allerdings auf alle landwirtschaftlichen Produkte. Für die meisten Bauern ein Supergau, weil so ihr größter Markt wegbrach. "Ich verstehe, dass die Landwirtschaft von Wetterbedingungen abhängig ist. Aber hier in der Republik Moldau spielt doch die Politik die entscheidende Rolle", sagt Andrei Onofrei. Jahrelang hatte der Landwirt seine Pflaumen nach Russland exportiert. Seit 2016 verkauft er Pflaumen und Trauben nun nach Polen und Rumänien. Mit teuren Zertifikaten und mehr Bürokratie. So wie Onofrei, mussten sich die meisten Bauern Moldaus umstellen. Doch es hat sich gelohnt, denn die Freihandelszone mit der EU brachte dem kleinen Land den Zugang zu einem Markt mit 500 Millionen Einwohnern, dessen Kaufkraft fünfmal höher ist, als beispielsweise die der Zollunion (Russland, Belarus, Kasachstan), einem weiteren Handelspartner der moldauischen Republik.

Marktstand mit Obst und Gemüse
Markt mit einheimischem Gemüse und Obst in der moldauischen Hauptstadt Chișinău Bildrechte: Mila Corlateanu

Warum man moldauisches Gemüse so selten in Deutschland kaufen kann

Außer in speziellen Osteuropa-Läden oder auf Wochenmärkten, wo vor allem frisches Obst, Trockenobst, Gemüsesäfte und Sonnenblumenkerne aus Moldau angeboten werden, kann man in Deutschland nur äußerst selten Gurken, Tomaten, Kartoffeln, Kirschen, Pflaumen und Äpfel aus dem südosteuropäischen Land kaufen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Noch immer ist der Zugang zum europäischen Binnenmarkt nicht ganz einfach, weil er für Agrarprodukte aus Nicht-EU-Staaten wie Moldau Quoten für bestimmte Lebensmittel vorsieht. Und die Produkte, die es in die EU schaffen, landen meist in Ländern wie Rumänien, Italien, Polen, Tschechien. Abgesehen davon produzieren die moldauischen Landwirte nach wie vor eher geringe Mengen. Und das wird gerade nicht besser. Im Gegenteil. Eine Dürre und ein durch die Corona-Pandemie ausgelöster Arbeitskräftemangel haben in Moldau die schwerste Agrarkrise in seit 30 Jahren ausgelöst. Es wird Zeit, Auslandsinvestitionen und staatliche Unterstützung brauchen, bis „der ehemalige Obstgarten der Sowjetunion” sich erholt haben wird und sein einstiges Potenzial wieder voll ausschöpfen kann. Dann werden wir wahrscheinlich auch in Deutschland Gurken und Tomaten aus Moldau kaufen können.

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Radio | 27. April 2020 | 08:45 Uhr

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