Visueller Smog Tschechien: Kampf gegen illegale Werbung

Die Prager Journalistin Helena Truchla
Bildrechte: Helena Truchla | MDR

In Tschechien herrscht visueller Smog. Überall in den Städten und entlang der Autobahnen und Landstraßen hängen riesige Werbeplakate. Die Behörden scheinen machtlos gegen die häufig illegal aufgehängten Plakate, Poster und Tafeln zu sein. Jetzt haben Aktivisten der Werbeflut den Kampf angesagt.

Werbebanner oder –poster in Prag
Werbeplakat in Prag Bildrechte: Přidej se a strhni to

Zdeněk Jahn ist ein junger Mann aus Prag. Seit mehreren Jahren macht er auf den visuellen Smog, wie er die illegale Werbung in seiner Heimat nennt, aufmerksam. Vor einigen Jahren hatte er damit begonnen, Aufkleber und Werbebotschaften von Verkehrsschildern, Absperrungen oder Haltestellen zu entfernen. Seine Aktionen teilte er in sozialen Netzwerken. Heute folgen seiner Facebook-Gruppe namens "Mach mit und ziehe es ab" bereits 5.000 Menschen in ganz Tschechien. Nach Jahns Schätzungen entfernen mehrere von ihnen täglich illegale Werbung in Tschechiens Städten. Darüber hinaus sind er und die anderen Aktivisten im Kontakt mit den Behörden, um sie auf illegale Werbung hinzuweisen und auf deren Entfernung zu drängen.

Illegale Werbung in Tschechien

In Tschechien herrscht tatsächlich visueller Smog. Die Stadtzentren werden von einer Vielzahl von Werbeplakaten verunstaltet und die Autobahnen sind mit den Verkehr gefährdenden Plakattafeln "geschmückt". Sowohl die Kommunen als auch der Staat versuchen seit einiger Zeit, der grassierenden Werbeflut irgendwie Herr zu werden. Aber trotz mittlerweile erlassener Verbote und strenger Vorschriften ist die illegale Werbung bislang nicht aus Tschechiens Städten und Gemeinden verschwunden. Im Gegenteil.

In Prag ist das Problem mit illegaler Werbung besonders groß

Prag hat ein enormes Problem mit illegaler Werbung. Die "Verordnung zur Regelung von Werbung" in der Hauptstadt ist zwar bereits seit 2005 in Kraft, betrifft jedoch lediglich die historische Altstadt. In allen anderen Bezirken herrscht ein gewisser rechtsfreier Raum. Die Koalition, die nach den Wahlen von 2018 ihr Amt im Prager Rathaus antrat, machte die Beseitigung von illegaler Werbung daher zu einem ihrer Hauptanliegen. Sie beschloss unter anderem, die genannte Verordnung zu aktualisieren, um Planen, Banner und Plakate an Häusern, Brücken oder Mauern im gesamten Zentrum von Prag schnell entfernen lassen zu können.

Werbebanner oder –poster in Prag
Werbeplakat in Prag Bildrechte: Přidej se a strhni to

"Werbetafeln werden von Autobahnen verschwinden"

Die Erfahrungen mit der Durchsetzung solcher Regeln sind freilich sowohl in Prag als auch in ganz Tschechien nicht sehr überzeugend. "Werbetafeln werden von Autobahnen verschwinden", verkündeten beispielsweise die Zeitungen Tschechiens vor dreieinhalb Jahren. Aufgrund eines von der Regierung erlassenen Verbots hätten ab September 2017 nämlich 3.000 großformatige Werbeplakate von Autobahnen und Hauptstraßen verschwinden müssen. Befürworter des Verbots freuten sich, dass Tschechien innerhalb weniger Monate nun zu den "progressiven" Ländern wie Deutschland und Dänemark gehören würde, in denen es klare Regeln gibt, an welchen Orten Werbung erlaubt ist und wo nicht.

Das Entfernen von illegaler Werbung ist ein mühsamer Vorgang

Genau das ist aber nicht passiert. "Einerseits werden Werbeflächen entfernt, andererseits werden neue illegale Werbeflächen geschaffen oder bereits bestehende einfach anderswo angebracht", gibt das Verkehrsministerium in Prag zu. Durchschnittlich werden jeden Monat etwa zehn neue illegale Werbetafeln an Autobahnen angebracht. Die Autobahnverwaltung muss eine solche Werbetafel in jedem Fall bei der zuständigen Behörde melden, die daraufhin den Eigentümer, sofern er überhaupt auffindbar ist, kontaktiert, um ihn aufzufordern, die Werbung zu entfernen. Wenn der Eigentümer dieser Aufforderung binnen einer gewissen Frist nicht nachkommt, darf die Behörde die Werbung selbst entfernen. Das kostet Geld und Zeit. Der Werbetreibende hat in aller Regel nichts zu befürchten. Mitunter verklagen die Besitzer der Werbeflächen den Staat sogar noch wegen Sachbeschädigung.

"Mach mit und ziehe es ab"

Letztlich scheint es so zu sein, dass Unternehmen und Werbetreibende die Auseinandersetzung mit staatlichen oder kommunalen Behörden gar nicht so sehr fürchten. Unangenehmer scheint ihnen hingegen der Druck der Öffentlichkeit zu sein. Der Aktivist Zdeněk Jahn erzählt von einem riesigen illegalen Werbeplakat, dass jahrelang an Häusern in der Nähe der Nusle-Brücke befestigt war. Die Behörden Prags hatten den Eigentümer immer wieder vergeblich aufgefordert, die Werbung zu entfernen. Erst als Prager Bürger gegen die Verunstaltung ihres Viertels protestierten, reagierte der Besitzer und entfernte seine Werbebotschaft.

Ähnlich im Fall eines großen deutschen Automobilhersteller, der ein großformatiges Werbebanner an der Fassade eines historischen Gebäudes in der Prager Altstadt angebracht hatte. Sie verschwand über Nacht, nachdem die Aktivisten von "Mach mit und ziehe es ab" zu Hunderten an das Stuttgarter Unternehmen geschrieben hatten. "Wenn nur eine Person protestiert, ändert sich nichts", resümiert  Zdeněk Jahn. "Wenn sich aber Hunderte Bürger wehren, ist das schon eine ganz andere Geschichte."

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 03. Dezember 2020 | 19:30 Uhr

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