Beziehungsstatus "Es ist kompliziert" Werden die Tschechen Angela Merkel vermissen?

Die Prager Journalistin Helena Truchla
Bildrechte: Helena Truchla | MDR

Der Wahlkampf in der Tschechischen Republik erreicht seinen Höhepunkt. Anfang Oktober, nur zwei Wochen nach den Deutschen, werden die Tschechen ein neues Parlament wählen. Dennoch schauen viele auch gespannt auf die bevorstehende Bundestagswahl. Denn mit Merkels Abgang geht auch für viele Tschechen eine Ära zu Ende.

Andrej Babis und Angela Merkel blicken 2018 auf Prag
Während ihrer Amtszeit hat Angela Merkel Prag mehrmals besucht. Hier ist sie mit dem tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš im Jahr 2018 zu sehen. Bildrechte: IMAGO / CTK Photo

"Flüchtlinge!" - erwidert schnippisch eine Frau mittleren Alters im Zentrum von Prag als Antwort auf die Frage, was ihr als erstes in den Sinn kommt, wenn sie an Angela Merkel denkt. Es ist symbolisch: In Deutschland wurde sie als zu pragmatisch kritisiert, sogar als jemand, der die konservativen Grundideen ihrer Partei zugunsten eines Kompromisses verraten hat. In Tschechien gilt sie vielen als Verfechterin großer Ideale. Und eben auch als eine, die spaltet. 

Angela Merkel: Mutter der Migrationspolitik

Merkels Image wird in Tschechien vor allem durch ihre Migrationspolitik geprägt – oder durch das, was die Menschen dafür halten. So gesehen wird sie entweder als Heldin wahrgenommen, die die Menschlichkeit in Europa gerettet hat, oder im Gegenteil als diejenige, die den Untergang des Kontinents eingeleitet hat. "Europa hat bei der Bewältigung der Migrationskrise versagt. Hätte Frau Merkel die Migranten nicht eingeladen, (...) wären Dinge wie diese nicht passiert", sagte der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš im Dezember 2016, kurz nach dem tödlichen Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin. 

Proteste gegen Angela Merkel und ihre Migrationspolitik in Tschechien
Bei Merkels Staatsbesuch in Prag 2016 protestierten zahlreiche Tschechen gegen die Migrationspolitik der Kanzlerin. Bildrechte: Helena Truchlá

Auch der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman kritisierte Merkel wiederholt für ihre angeblich extrem aufnahmebereite Haltung gegenüber Flüchtlingen. Kurz vor ihrem offiziellen Besuch in Prag im Jahr 2018 sagte Zeman im Fernsehen, dass sie gerade "die Rechnung" für die Unterstützung der Migration durch die zunehmende Kriminalität bezahle.

In Tschechien ist Migration eines der wichtigsten politischen Themen, gerade jetzt im Wahlkampf, auch wenn es kaum Migranten im Land gibt.  Die Mehrheit lehnt es ab, Flüchtlinge aufzunehmen, und die Behauptungen von Babiš und Zeman haben offenbar Wirkung gezeigt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts STEM aus dem Jahr 2019 haben nur 26 Prozent der tschechischen Öffentlichkeit eine positive Meinung zu Merkel. 48 Prozent sehen den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán positiv und 36 Prozent den russischen Machthaber Wladimir Putin.

Aber nicht alle sind kritisch. "Ich schätze Frau Merkel sehr. Ich denke, sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass Europa funktioniert,” erklärt Jiřina, eine Passantin, die an einem kühlen Septemberabend durch die Straßen von Prag schlendert. "Ich verfolge die Politik nicht allzu sehr. Aber ich weiß, dass die Bundeskanzlerin bald in den Ruhestand gehen wird", fügt sie hinzu. 

Merkel, die Wissenschaftlerin

Vojtěch Kuchař aus dem fünften Stadtbezirk hat ganz andere Assoziationen. "Sie hat hier eine Zeit lang studiert, sie hat eine Verbindung zu diesem Land. Ich mochte sie. Sie war einzigartig und furchtlos", sagt er. Er bezieht sich auf die Zeit, als die heute mächtigste Politikerin der Welt "nur" eine Spitzenwissenschaftlerin aus der DDR war, die in den 1980-ern am Institut für Organische Chemie und Biochemie in Prag ihre Promotion abschloss. 

"Sie ist eine langjährige Freundin von uns, eine ehemalige Studentin meines Mannes", sagte vor drei Jahren Milena, die Frau des inzwischen verstorbenen Quantenchemikers Rudolf Zahradník. "Wir sehen uns, wann immer es möglich ist. Aber Sie wissen ja, sie ist furchtbar beschäftigt", sagte Zahradnikova lachend. Es war Herbst 2018 und Tschechien feierte Hundert Jahre Unabhängigkeit – also kam Merkel zu Besuch und traf sich mit prominenten Politikern, doch dann eilte sie in die Akademie der Wissenschaften, wo eine Konferenz stattfand. Joachim Sauer, Merkels Ehemann, hielt dort einen wissenschaftlichen Vortrag. 

Milos Zeman und Angela Merkel in Prag, 2016
Angela Merkel mit dem tschechischen Präsidenten Miloš Zeman. Nach solchen politischen Spitzentreffen besuchte die Kanzlerin gelegentlich auch das Prager Institut, an dem sie in den Achtzigern als Doktorandin tätig war. Bildrechte: imago/CTK Photo

"Sie fühlt sich unglaublich wohl bei uns,", sagt Milena Zahradníková. An die Zeit der Bundeskanzlerin im damals kommunistischen Prag erinnere sich jeder gern, sagt sie. "Sie war gut, das hat mein Mann immer gesagt, sie war eine gute Wissenschaftlerin. Klug und logisch. Alle mochten sie sehr, sie hat sich hier gut eingefügt", fügte Zahradníková hinzu.

Merkels Tschechischkenntnisse: "Ein Schnitzel, bitte!"

Es ist eine nette Anekdote, aber nach Ansicht von Martin Jonas, dem Auslandskorrespondenten des Tschechischen Fernsehens in Berlin, wurde Merkels Beziehung zu Prag und Tschechien überschätzt. "Es hat sich nie in etwas Anderem als in unbedeutenden Kleinigkeiten manifestiert. Zum Beispiel, dass sie ein Schnitzel auf Tschechisch bestellen kann", argumentiert Jonáš, der Merkels Kanzlerschaft genau verfolgt: Im Oktober erscheint sein neues Buch mit dem Titel "Phänomen Angela Merkel: Porträt einer Ära". 

Andere geben eine positivere Einschätzung ab. "Ihr Verhältnis zu Tschechien war wirklich einzigartig. Sie war daran interessiert, die Beziehungen zwischen Prag und Berlin auf einem hohen Niveau zu halten," sagte der ehemalige tschechische Ministerpräsident Vladimír Špidla der tschechischen Wochenzeitung "Respekt". Špidla war zwischen 2002 und 2017 in verschiedenen hochrangigen politischen Positionen in der EU und in Prag tätig. Merkels Biograf Ralph Bollmann sieht das ähnlich: Im Gegensatz zu Helmut Kohl oder Gerhard Schröder habe sie dank ihrer Erziehung in der DDR die Länder Mittel- und Osteuropas mehr im Blick. Immerhin: Die meisten Passanten, den ich für diese Artikel in Tschechiens Hauptstadt zu Merkel befragt habe, hatten eine klare Haltung zu ihr als Kanzlerin. Egal ist sie den Tschechien offenbar nicht. Und man ist gespannt, wer ihre Nachfolge antreten wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 25. September 2021 | 06:00 Uhr

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