Russischer Autor Viktor Jerofejew im Interview
Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew mit seinem Roman "Der große Gopnik" – ein Psychogramm der russischen Gesellschaft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview Schriftsteller Jerofejew über Russland: Von grausamen Worten zur tatsächlichen Grausamkeit

22. Juni 2024, 05:00 Uhr

In seinem aktuellen Roman "Der große Gopnik" zeichnet Viktor Jerofejew ein Psychogramm der russischen Gesellschaft. Im Interview mit MDR AKTUELL spricht der russische Schriftsteller, der in Berlin im Exil lebt, über seine Flucht aus Russland, die schwierige Beziehung zu seinem Heimatland und den Krieg in der Ukraine.

Kathrin Madry mit Autor Viktor Jerofejew im Interview
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die dicke Zitronenscheibe in seinem schwarzen Tee bremst den Strudel, der sich vom Umrühren in dem kräftigen Gebräu gebildet hat. Hammer und Sichel zieren als Gravur den zinnernen Teeglas-Halter, auf dem die kyrillischen Buchstaben CCCP prangen.

Das Geschirr in Viktor Jerofejews Stammlokal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg stammt noch aus Sowjetzeiten. Den Schriftsteller selbst zieht es, seit er zu Beginn des Ukraine-Krieges aus Russland nach Deutschland geflüchtet ist, häufig in das russische Restaurant "Pasternak". Es liegt nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt.

Russischer Autor Viktor Jerofejew mit Kamerateam
Viktor Jerofejew im MDR-Interview Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort, umgeben von Fotos berühmter russischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller und vom Duft frischer russischer Pelmeni, die traditionellen Teigtaschen, der aus der Küche dringt, kann er ihr nachspüren: Der verklärenden Sehnsucht nach einer Wirklichkeit in seinem Heimatland, die es so nie gegeben hat. Der Hoffnung auf Rückkehr in eine Heimat, die der Autor vieler kremlkritischer Bücher sich in Berlin, fern von Moskau, erträumt. Und der Vision von einem Russland, in dem sich Freiheit und Demokratie eines Tages durchsetzen.

Doch seit der russischen Annexion der Krim 2014 habe er sein Land nur noch ertragen, sagt Jerofejew bitter. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine sei es auch damit vorbei gewesen. Deshalb habe er im Frühjahr 2022 seine Familie ins Auto gesetzt und mit ihr das Land verlassen. Über diese Erfahrung spricht er im Interview mit MDR AKTUELL.

MDR AKTUELL: Sind Sie aus Angst vor Verhaftung aus Russland weggegangen?

Viktor Jerofejew: Ich fürchte mich vor gar nichts. Wenn du ein russischer Schriftsteller bist, darfst du keine Angst haben. Aber: Vor dem Krieg war es schon widerwärtig, in Russland zu leben. Aber das war noch allein auf der sprachlichen Ebene abstoßend. Da waren die unsäglichen Dinge, die gesagt wurden, noch nicht zu realen Grausamkeiten geworden. Jetzt aber ist genau das passiert. Grausame Worte sind zu tatsächlicher Grausamkeit geworden.

Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew
Schriftsteller Viktor Jerofejew. Bildrechte: MDR/Kathrin Madry

Grausame Worte sind zu tatsächlicher Grausamkeit geworden.

Viktor Jerofejew, Autor

Welche Rolle sollte der Westen spielen, damit der Krieg baldmöglichst endet?

Er sollte aufwachen. Der Westen hat viel verschlafen. Er hat lange das Wesen dieses Krieges nicht verstanden. Sogar als die russischen Verbrechen in Butcha bekannt wurden, hörte ich im Westen zum Teil: "Das waren keine Russen, das waren Burjaten. Wilde!"

Auch Deutschland war viel zu unentschlossen und ist es immer noch. Daran ist ja auch die Gegenoffensive der Ukraine gescheitert, weil einfach nicht genügend Waffen verfügbar waren. Deshalb sehe ich den Westen schon mit in der Verantwortung dafür, dass so viele Menschen in diesem Krieg gestorben sind.

Jerofejew über Russlands Zustimmung zu einem Waffenstillstand Putin werde nur dann einem Waffenstillstand zustimmen, wenn ihm klar werde, dass er ihm nützt. Dafür müsse der Westen stark und konsequent für die Ukraine eintreten. Doch gerade die Deutschen – besonders die im Osten – seien einem naiven Pazifismus erlegen, so Jerofejew.

Erklären Sie sich damit auch die Umfragewerte und Wahlergebnisse von AfD und BSW?

Die Demokratie im Westen wird immer schwächer. Sie ist zu horizontal geworden: Da siegt nicht mehr die Qualität, sondern nur noch die Quantität. Überall. Nicht nur in Europa, auch in den USA. Die Demokratie hat eine ihrer Funktionen eingebüßt, nämlich, für die Reife politischer Gedanken und Ideen zu sorgen – und für die Schönheit ihrer Umsetzung. Die Demokratie ist für viele nur noch grau, banal und unattraktiv.

Die Demokratie hat eine ihrer Funktionen eingebüßt, nämlich, für die Reife politischer Gedanken und Ideen zu sorgen – und für die Schönheit ihrer Umsetzung.

Viktor Jerofejew, Autor

Und: In die Demokratie ist die Dummheit hineingesickert. Diese Parteien haben deshalb Erfolg, weil sie die brennendsten Probleme benennen und zum Kampf dagegen aufrufen. Das interessiert und animiert die Jungen und weckt die Alten auf.

Ich kann den Ostdeutschen nur sagen: Ihr Deutschen liebt ja die Ordnung – aus unserer russischen Sicht manchmal etwas übertrieben. Aber wenn du Ordnung liebst, dann achte doch darauf, dass sie dir nützt – und nicht eine Ordnung eingeführt wird, die dir schaden wird! Was wir aber sehen, ist eine traurige Entwicklung. Sie hängt damit zusammen, wie ich es auch in meinem Buch beschreibe, dass sich überall auf der Welt die schreckliche Pandemie der Dummheit ausbreitet.

Buch Viktor Jerofejew russische und deutsche Ausgabe
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jerofejews Buch "Der große Gopnik" In seinem aktuellen Roman "Der große Gopnik" zeichnet Jerofejew ein Psychogramm der russischen Gesellschaft und stellt eine fatale Übereinstimmung zwischen Herrscher und Volk fest. Als Gopnik bezeichnet man in Russland in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Halbstarke und Hinterhof-Rowdys. Einer von ihnen hat es in Jerofejews Buch bis in den Kreml geschafft und ist zum großen Gopnik geworden.

Warum hat Putin in Russland nach wie vor so viele Menschen hinter sich?

In Russland gibt es nicht deshalb eine Menge Gopniks, weil die Menschen dort schlecht sind, sondern, weil es so viele so schwer hatten und zum Teil noch haben. Ein Gopnik ist ein Mensch, der unter harten Bedingungen überleben will. Dabei wird er zum Sadisten, zum Rowdy, der das Messer zieht.

Ein Gopnik ist ein Mensch, der unter harten Bedingungen überleben will. Dabei wird er zum Sadisten [...].

Viktor Jerofejew, Autor

Wie viele russische Menschen das genau betrifft, fällt mir schwer zu sagen. Aber es sind Millionen, die diesem großen Gopnik gleichen, der nur eins will: überleben, seine Macht behalten und Größe demonstrieren. Den vielen kleinen Gopniks ist das alles ganz egal – Krieg oder nicht, der eine Herrscher oder ein anderer. Sie sind es gewöhnt, sich an jedes System anzupassen, um zu überleben. Aber es ist jetzt mit Putin einer an der Macht, der ihnen psychologisch gleicht.

So endet "Der große Gopnik" Jerofejews Buch endet mit der düsteren Vision des Weltuntergangs im atomaren Inferno: "Zu uns herein stürmt mit einem Schrei der Große Gopnik mit nacktem Oberkörper. Und mit Atomköfferchen. 'Ich befehle!' Alle starren ihn an. 'Die Feinde vernichten! Zuallererst London. Auf Nimmerwiedersehen. Ziel: Washington. Ziel: Paris: Ziel: Berlin! Und dieses Warschau da! Feuer frei! Super!' Er stampft komisch mit dem Fuß auf. Stille. 'He, was schreit ihr denn nicht hurra?' Stille. 'Sieg! Die westliche Welt ist komplett vernichtet!!! Hurra!' Schweigen."

So endet Ihr Roman "Der große Gopnik". Tatsächlich sagen Sie aber, dass Sie nicht an ein solches Szenario, sondern vielmehr an ein baldiges Ende zumindest des heißen Krieges in der Ukraine glauben. Warum?

Viktor Jerofejew
Viktor Jerofejew, 2016 zu Gast bei Anne Will. Bildrechte: IMAGO/Jürgen Heinrich

Es wird in Russland bald – so wie nach der Stalinzeit – ein Tauwetter geben. Denn auch unsere Eliten sind mittlerweile müde und erschöpft von all den Verboten, zum Beispiel abweichende Meinungen zu äußern oder mit Verwandten und Freunden im Westen Kontakt zu haben. Diese Eliten versuchen jetzt stärker und stärker, natürlich ganz vorsichtig, Putin zu einem Ende des Krieges zu bewegen.

Es wird in Russland bald – so wie nach der Stalinzeit – ein Tauwetter geben.

Viktor Jerofejew, Autor

Jerofejew als Russe im Exil in Deutschland Vielleicht spricht aus dieser Überzeugung, dass der heiße Krieg demnächst enden werde, auch die Hoffnung des 77-Jährigen, bald nach Hause zurückkehren zu können. Denn auch ein regimekritischer Russe wie Viktor Jerofejew ist in Deutschland Anfeindungen ausgesetzt: Auf seinem Auto fand er – wohl wegen des russischen Kennzeichens – kurz nach seiner Ankunft in Berlin ein eingeritztes Z vor. Es ist das Zeichen, mit dem die russische Armee im Krieg gegen die Ukraine ihre Militärfahrzeuge markiert.

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