Proteste gegen Regime Wie es um die Proteste im Iran steht

Im Iran gehen weiter zu Tausenden Menschen in allen Teilen des Landes auf Straße und demonstrieren gegen das Regime. Ausgangspunkt dieser Proteste ist der Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini. Sie war festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben soll. Im Polizeigewahrsam kam sie unter ungeklärten Umständen zu Tode. MDR-Reporterin Nikta Vahid-Moghtada hat Kontakte in den Iran. Sie verfolgt die Demonstrationen und schildert ihre Beobachtungen.

Demonstranten in der Innenstadt von Teheran
Eine Demonstration in der Innenstadt von Teheran (aufgenommen am 21.09.). Bildrechte: dpa

MDR AKTUELL: Wie intensiv sind denn diese Proteste tatsächlich im Moment noch? Gehen die Menschen jede Nacht, also auch gestern Nacht, auf die Straße?

Nikta Vahid-Moghtada: Vermutlich ja. Ich habe mir heute morgen nochmal die Zeit genommen und mich durch Twitter gewischt, mir Instagram-Videos angeschaut. Und man kann all diese Videos natürlich schwer verifizieren. Aber es kommen Tweets und auch ein paar Videos auf Instagram durch, die zeigen: Es gehen nach wie vor Menschen auf die Straße, nicht nur in Großstädten wie Teheran oder Shiraz, sondern auch in Landesteilen weit ab von den Städten und das Demo-Geschehen bricht nicht ab.

Wenn du jetzt sagst "Videos kommen durch" – was heißt das mit Bezug auf das Internet?

Die Regierung vor einigen Tagen schon das Internet heruntergefahren, um die Proteste zu unterdrücken oder um die Kommunikation der Protestierenden zu erschweren, vor allem das mobile Internet – aber auch generell die Internetverbindung gedrosselt. Und dadurch können natürlich nicht nur die Menschen untereinander schwerer kommunizieren, sondern es kommen auch weniger Informationen bei uns an – oder generell im Ausland.

Sind das jetzt eigentlich immer noch Protestaktionen gegen das Kopftuch, gegen islamische Bekleidungsvorschriften? Oder geht es längst um viel mehr?

Die Proteste richten sich natürlich auch gegen das Kopftuch und gegen die Kleidungsvorschriften. Aber das Tuch steht symbolisch für wirklich das große Ganze. Das Kopftuch war erstmals der Auslöser für diese Proteste. Die Menschen wollen wirklich einen kompletten Umsturz des Regimes. Sie wollen einen Regierungswechsel.

Kann man sagen, wer da eigentlich auf die Straße geht? Wer sind diese Protestierenden?

Es sind nicht nur Frauen oder nur ärmere Bevölkerungsschichten oder nur eine Minderheit, sondern es kommen wirklich gerade viele, viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammen. Da sind natürlich einmal 50 Prozent der iranischen Bevölkerung: Frauen. Mahsa Amini war aber auch Kurdin. Das heißt, auch die komplette kurdische Minderheit fühlt sich angegriffen. Das sind ungefähr zehn Prozent der iranischen Bevölkerung. Der Iran hat schon länger Probleme mit einer immensen Inflation, mit einer korrupten Vetternwirtschaft und so weiter. Das heißt, auch all die davon betroffenen Menschen kommen jetzt mit auf die Straße und das sorgt dafür, dass das so große Massen sind.

Wir haben jetzt gehört, dass es gar nicht so einfach ist, den Kontakt zu halten. Was weißt du denn über den Alltag im Moment, verändert der sich gerade?

Ja, das auf jeden Fall. Bei dem wenigen, das ich höre aus dem Iran, kommt auf jeden Fall durch, dass auch bei alltäglichen Gängen zum Einkaufen oder bei Spaziergängen die Polizeipräsenz immens ist. Man merkt, dass überall die Basidsch-Miliz und der Staatsapparat bewaffnet bereitstehen und die Bevölkerung überwachen.

Wie werden sich diese Proteste entwickeln? Haben sie wirklich das Potenzial, das Regime im Iran zu stürzen?

Das ist aufgrund der Informationslage natürlich schwer zu sagen. Aber es sind sich, glaube ich, alle Menschen, die sich intensiv mit dem Iran beschäftigt haben oder beschäftigen, einig, dass aufgrund der Tatsache, dass so viele verschiedene Interessen und der ethnische Aspekt durch die Minderheiten zusammenkommen, erstmals genügend Manpower dahintersteckt – mit dem Potenzial, dass die Bevölkerung stärker ist als das Regime. Aber das bleibt natürlich noch abzuwarten.

MDR AKTUELL (pei)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 28. September 2022 | 09:47 Uhr

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