Portraitserie Petra Dräger-Röder: Wie eine Frau aus Wörlitz gegen Straßenausbaubeiträge kämpft

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Wer etwas verändern möchte, muss aktiv werden. Diesem Leitsatz folgen auch in Sachsen-Anhalt immer mehr Menschen. MDR SACHSEN-ANHALT stellt sie in einer Serie vor. Im zweiten Teil geht es um Petra Dräger-Röder, die gegen Straßenausbaubeiträge kämpft.

Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Dräger-Röder lebt schon immer in Wörlitz bei Dessau. Sie betreibt den Holzhandel im Ort. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Über der Bahnhofstraße in Wörlitz liegt meist: Stille. Nur ab und zu rollt ein Auto über den dunkelgrauen Asphalt. Auf dem nagelneuen Bordstein steht Anwohnerin Petra Dräger-Röder: fuchsrote Kurzhaarfrisur, kreisrunde Brille. Sie blickt die frisch geteerte Straße hinab: 400 Meter Asphalt, die die 48-Jährige teuer zu stehen kommen.

Der Grund: Straßenausbaubeiträge. Die kann eine Gemeinde von ihren Anwohnerinnen und Anwohnern einfordern, wenn Straßen neu- oder umgebaut werden. In Wörlitz betrifft die Regelung alle Menschen mit Eigenheim. Die meisten davon müssen niedrige dreistellige Beiträge zahlen. Bei Dräger-Röder ist das anders.

Je größer das Grundstück, desto höher die Rechnung

52.000 Euro wird sie zur neuen Bahnhofsstraße beisteuern müssen, das hat sie sich ausgerechnet. Denn die Straßenausbaubeiträge werden nach Grundstücksgröße kalkuliert. Die gebürtige Wörlitzerin hat von ihrem Vater den alten Holzmarkt übernommen. Und damit rund 16.000 Quadratmeter Fläche. "Ja, was mach ich mit dem Platz?", fragt die 48-Jährige und lacht. "Ich hab ihn einfach."

Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Ein Parkplatz aus "Verzweiflung" Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Hinterm Eingangstor lagert Kiefer-, Esche- und Bambusholz, im Ausstellungshaus nebenan verkauft sie Türen, Dielen oder Terrassenböden. Doch auf dem Großteil des betonierten Grundstücks steht: nichts. Am nordöstlichen Ende hat Dräger-Röder 3.000 Quadratmeter Parkplatz errichtet – für die Besucher des Wörlitzer Parks. "Aus Verzweiflung", wie die Holzhändlerin sagt. An diesem Winternachmittag parkt kein Auto dort.

"Es geht um meine Existenz"

Petra Dräger-Röder hat als Geschäftsführerin des Holzhandels sieben Angestellte zu bezahlen. Und seit der Jahrtausendwende eine ganze Menge Rechnungen von der Gemeinde erhalten. In ihrem kleinen Büro greift sie zu einem blauen Aktenordner und blättert durch den dicken Stapel Papiere. "Insgesamt bin ich hier bei 132.000 Euro", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Insgesamt muss Dräger-Röder damit mehr zahlen, als ihr Grundstück wert ist. Sie klagt zwar gegen die Rechnungen. Bezahlt werden müssen sie dennoch erstmal – auch wenn sie dafür Kredite aufnehmen muss. "Es geht um meine Existenz. Und um die Existenz meiner Mitarbeiter." Ihre Stimme gerät ins Stocken, eine Träne rollt ihr über die Wange. Dann aber kämpft sich ein Lächeln zurück ins Gesicht der Holzhändlerin.

Portraitserie Petra Dräger-Röder: "Beiträge bedrohen meine Existenz"

Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
In ihrem Ausstellungshaus verkauft die 48-jährige Petra Dräger-Röder Türen, Dielen und Terrassenböden – natürlich alles aus Holz. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
In ihrem Ausstellungshaus verkauft die 48-jährige Petra Dräger-Röder Türen, Dielen und Terrassenböden – natürlich alles aus Holz. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Ein Großteil ihres Geländes steht aber leer. Denn die 16.000 Quadratmeter Fläche sind für die Wörlitzerin einfach zu viel. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Gemeinsam mit ihrem Mann lebt Dräger-Röder direkt neben dem Holzhandel. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Wegen der neugebauten Bahnhofsstraße erwartet die Holzhändlerin Rechnungen in Höhe von 52.000 Euro – sogenannte Straßenausbaubeiträge. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Mit ihrer Allianz der Bürgerinitiativen kämpft sie gegen die Kommunalabgabe an. In ihrem "Kreativzimmer" schneidet sie Videos von Betroffenen zusammen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Petra Dräger-Röder betreibt in Wörlitz bei Dessau einen Holzhandel.
Dräger-Röder trifft sich regelmäßig mit ihren Mitstreitern, um die nächsten Schritte zu planen.

Das Bild entstand Anfang des Jahres noch vor Beginn der Corona-Krise.
Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
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Dräger-Röder bringt Sachsen-Anhalts Initiativen zusammen

Petra Dräger-Röder ist hartnäckig. "Es muss ja weitergehen." Die Unternehmerin hat es eingefädelt, dass sich in Sachsen-Anhalt die Bürgerinitiativen gegen Straßenausbaubeiträge zu einer Allianz verbündet haben. Die 48-Jährige betreibt den Webauftritt. Schneidet Videos von Betroffenen. Organisiert Demonstrationen.

10 bis 15 Wochenstunden investiert sie in ihr Engagement. Einzig möglich durch ihren Ehegatten Uwe Zimmermann, mit dem sie direkt neben dem Holzhandel wohnt. "Wir haben einen Rollentausch vorgenommen", sagt er. "Kochen, putzen, all das erledige ich." Seine Frau bewege sich mit ihrem Holzhandel ohnehin in einer Männerdomäne. "Da wird man dann so stark, wie sie ist."

Petra Dräger-Röder kämpft vor allem aus persönlicher Betroffenheit – kaum jemand muss so viel zahlen wie sie. Aber auch für all die Menschen in Sachsen-Anhalt, die jedes Jahr aufs Neue Rechnungen bekommen. Einige davon haben sich ihrer Bürgerinitiative angeschlossen. Nach Feierabend lädt sie die Runde zu sich in den Holzhandel ein. In ihr kleines Büro mit Boden, Wänden und Decke in Holzoptik.

"Straßenausbaubeiträge sind kalte Enteignung"

Alle in der Bürgerinitiative beklagen sich über die neugebauten Straßen, reden wild durcheinander, nicken zustimmend. "Ich sag immer: Straßenausbaubeiträge sind kalte Enteignung", sagt Anwohner Matthias Thomae. Die Kosten seien nicht nachzuvollziehen, weil jeder die Straße benutze. "Außerdem wird das Grundstück nicht aufgewertet, sondern in vielen Fällen abgewertet, weil mehr Autos langfahren auf der guten Straße und schneller gefahren wird."

Ein kleiner Erfolg für Dräger-Röder und ihre Mitstreiter: Auch der Landesverband der CDU hat mitgeteilt, ab 2021 die Straßenausbaubeiträge abschaffen zu wollen. Doch im Holzhandel sind sich alle einig: Sie wollen mehr – und zwar die rückwirkende Abschaffung zum 1. Januar 2019. Und dafür brauchen sie Petra Dräger-Röder.

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel Tautz volontiert an der electronic media school in Potsdam. Für seine Hörfunk-Station ist der gebürtige Hallenser aber zu MDR Sachsen-Anhalt gekommen. Bevor er das Radio für sich entdeckte, war er vor allem online unterwegs: Bei Zeit Online kümmerte er sich um die Nachrichten, bei der dpa um Geschichten aus Berlin und Brandenburg. Seine Kernthemen: Medienjournalismus und der Osten Deutschlands.

Quelle: MDR/olei,ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 17. März 2020 | 14:40 Uhr

2 Kommentare

ralf meier vor 21 Wochen

Das ist alles eine Frage der Prioritäten. Der Erhalt der Infrastruktur gehört offensichtlich nicht dazu und wird deshalb denjenigen aufgebürdet, die eh schon Steuern zahlen.

faultier vor 21 Wochen

Ein riesen Problem das aber die CDU im Land verursacht hat zusammen mit der SPD und jetzt kneift die CDU . Eines ist aber auch Fakt ,was macht ,man mit den vielen Grundstücksbesitzern die schon bezahlt haben ? Ich verstehe Frau Dräger es müsste eine Kappungsgrenze für Obergrosse nicht wirtschaftlich genutzte Grundstücke geben ,aber nicht mal das kriegt die CDU auf die Reihe.

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