Das bringt der Titel Kulturhauptstadt Europas: Was Magdeburg von Breslau lernen kann

Magdeburg möchte 2025 Kulturhauptstadt Europas sein. Unterstützung bei der Bewerbung gibt es unter anderem aus der polnischen Stadt Breslau (Wrocław). Sie hat das Titeljahr 2016 ausgerichtet und profitiert davon noch immer. Teil 5 der Serie zur Kulturhauptstadt-Bewerbung: Ein Besuch in Breslau.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/ Jörn Rettig

von Kalina Bunk, MDR SACHSEN-ANHALT

Stadtansicht Wroclaw/Breslau
Breslau ist Polens viertgrößte Stadt (Archivbild). Bildrechte: Stadtverwaltung Wroclaw/Janusz Krzeszowski

Dass 2016 ein Schaltjahr war, war für den Breslauer Kulturchef Krzysztof Maj ein Glücksfall. Ein Tag mehr, um die vielen Veranstaltungen unterzubringen. Breslau war 2016 – neben San Sebastián in Spanien – eine von zwei Kulturhauptstädten Europas. Und noch heute bestimmt dieses besondere Jahr den Arbeitsalltag von Maj. Im Titeljahr und in der Vorbereitung hielt er als Direktor des Büros Wrocław 2016 die Fäden in der Hand. Heute ist er Chef der Strefa Kultury, der zentralen Kulturinstitution der polnischen Stadt.

Majs Ziel: Breslau soll den Schwung des Kulturhauptstadtjahres erhalten. Und wer durch die Gassen in der Innenstadt schlendert, gewinnt den Eindruck, dass das auch klappt. An so gut wie jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken: hübsch sanierte Gebäude, Straßenkünstler, Skulpturen, Installationen, nette Cafés, Streetart. Besucher können sich einfach treiben lassen. Einwohner und Touristen können außerdem in diesem Jahr allein im Juli und August zwischen 150 kulturellen Veranstaltungen wählen: Konzerte, Ausstellungen, Theater- und Filmaufführungen, Architektur, Literatur.

Ein Spaziergang durch Breslau

Breslau war 2016 Kulturhauptstadt Europas. Im Festjahr gab es mehr als 4.000 Veranstaltungen. Noch heute ist Kultur in der polnischen Stadt allgegenwärtig.

Blick auf Breslau
Breslau liegt im Südwesten Polens, hat rund 640.000 Einwohner und ist damit die viertgrößte Stadt des Landes. Bildrechte: imago/CHROMORANGE
Blick auf Breslau
Breslau liegt im Südwesten Polens, hat rund 640.000 Einwohner und ist damit die viertgrößte Stadt des Landes. Bildrechte: imago/CHROMORANGE
Breslau aus der Vogelperspektive
Blick auf den Marktplatz, der im 13. Jahrhundert entstanden ist. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk
Eine Straße mit alten, gepflegten Häusern
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Gebäude saniert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Nationales Musikforum
Das Kulturhauptstadtjahr hat der Stadt einige neue kulturelle Einrichtungen gebracht, wie etwa das 2015 eröffnete Nationale Forum für Musik ... Bildrechte: MDR/Bernd Schekauski
Ein Museum
... oder auch dieses Zentrum, in dem man sich die bewegte Stadtgeschichte ansehen kann. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk
Ein Café
Zentraler Anlaufpunkt für Besucher während des Festjahres war das Café Barbara. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk
BarBara
Noch heute bekommt man hier Informationen zu allem, was in der Stadt los ist. Außerdem gibt es Workshops, einen Leseraum und vieles mehr. Bildrechte: MDR/Bernd Schekauski
Eine Gasse
An manchen Gebäuden verweisen Schilder darauf, dass Breslau Kulturhauptstadt war. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk
Verkehr auf der Kaiserbrücke in Breslau
Breslau hat insgesamt mehr als 200 Brücken. Einige davon waren Teil eines Kulturhauptstadt-Events: Einwohner haben dabei gezeigt, was sie mit den Brücken verbinden. Bildrechte: dpa
Plakate zeigen unterschiedliche Karikaturen
Bei einem Stadtrundgang findet man an vielen Ecken etwas Künstlerisches. Hier etwa Karikaturen ... Bildrechte: MDR/Kalina Bunk
Kleine Zwergenfiguren auf der Straße
... oder auch die Breslauer Zwerge. Hunderte verschiedene Figuren sind seit Anfang der 2000er Jahre in der ganzen Stadt aufgestellt worden. Sie erinnern an die Proteste in den 1980er Jahren gegen den Kommunismus.

Dieses Thema im Programm
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Juli 2019 | 12:30 Uhr

Quelle: MDR/kb
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Dass das so ist, liegt an der Entwicklung der letzten Jahre. Die Stadt hat beschlossen, Kultur auch nach dem Festjahr weiter verstärkt zu fördern. Einige Projekte, die um 2016 entstanden sind, gibt es deswegen noch immer. Als Beispiel nennt Kulturdirektor Maj die Aktion "Mikrogranty". Seit 2014 bekommen lokale Initiativen in Breslau Geld – und damit Verantwortung – um ihre eigenen kleinen Projekte umzusetzen. Pro Idee gibt es umgerechnet etwas mehr als 1.000 Euro. Herausgekommen sind schon die unterschiedlichsten Dinge: Kurse, bei denen man aus Plastik etwas Sinnvolles schafft, Workshops mit Hunden, Nachbarschaftsinitiativen.

Krzysztof Maj
Krzysztof Maj hat das Kulturhauptstadtjahr geleitet – und kümmert sich weiterhin um die Kulturangebote der Stadt. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Auch das Projekt "Sąsiadujemy" soll die Gemeinschaft in Wohnvierteln stärken. Denn in Breslau gibt es nicht nur die herausgeputzte Innenstadt. Es gibt auch viele vernachlässigte Hinterhöfe und – ähnlich wie in Magdeburg – hohe Wohnblocks. Nachbarschafts-Spaziergänge, kulinarische Treffen oder auch Kunstaktionen sollen die Einwohner vernetzen.

Die Breslauer, so ist Majs Eindruck, wollen auch nach dem Kulturhauptstadtjahr aktiv bleiben. Früher sei es häufig so gewesen, dass viele zwar Lust gehabt hätten, etwas zu unternehmen – sie hätten aber nicht viel gefunden, das sie interessiert habe. Heute dagegen sei Kultur zu einem ganz normalen Teil des Lebens geworden. Kultur – damit meint Maj übrigens nicht unbedingt Hochkultur. Es gehe oft auch einfach darum, Zeit miteinander zu verbringen, zu kochen, Traditionen zu leben, sich mit anderen auszutauschen.

Marder sorgt für Eklat

Die Breslauer haben das Kulturhauptstadtjahr aber nicht immer positiv gesehen, erzählt Maj. Besonders nach der Eröffnungszeremonie war die Skepsis ihm zufolge groß. Das lag nicht zuletzt an einem kleinen Marder. Er hatte mitten in der Eröffnung ein Kabel durchgeknabbert und für einen Kurzschluss gesorgt. Die komplette Innenstadt, und damit 120.000 Menschen, waren für 40 Minuten im Dunkeln, mitten im Januar. Nicht einmal die Mikrophone funktionierten, um die Situation zu erklären. Das Kulturhauptstadtteam bekam die Verärgerung der Menschen auch im Nachhinein noch zu spüren.

Mit dem Frühling habe sich die Stimmung aber gebessert. Viele Events unter freiem Himmel hätten dazu beigetragen, so Maj: "Die Menschen wurden stolz darauf, in der Kulturhauptstadt Europas zu leben."

Insgesamt wurden im Titeljahr 2016 mehr als 4.000 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ursprünglich geplant war nur etwa die Hälfte. Ein Reserve-Geldtopf hat sich als nützlich herausgestellt: Denn viele Menschen seien erst im Laufe des Kulturjahres auf die Idee gekommen, sich mit Projekten zu beteiligen. Sie konnten durch das noch nicht verplante Geld noch eingebunden werden.

Viele Menschen mit vielen Ideen – das brachte auch viele Enttäuschte. Diese Enttäuschungen zu managen, sei 2016 eine große Aufgabe gewesen, so Maj. Denn natürlich konnte nicht jedes Projekt umgesetzt werden. Auch alternative Künstler aus Breslau haben sich zum Teil nicht einbezogen gefühlt. Maj meint dazu, man könne nicht immer jeden glücklich machen. 2016 habe er versucht, die Balance zu halten zwischen Events mit großen, internationalen Stars und Veranstaltungen mit lokalen Künstlern.

Insgesamt war es für Maj und sein Team ein ziemlich intensives Jahr. Volle Terminkalender, hoher öffentlicher Druck. Seine Erfahrungen teilt er heute oft mit anderen Kulturhauptstädten, etwa mit Matera in Italien (das in diesem Jahr gemeinsam mit der bulgarischen Stadt Plowdiw den Titel trägt) oder dem ungarischen Veszprém (Kulturhauptstadt 2023). Auch mit dem Kulturhauptstadtbüro in Magdeburg steht er in Kontakt und unterstützt das Team bei der Bewerbung für das Titeljahr 2025.

Ratschlag für Magdeburg und Mitbewerber

Den Anwärtern rät Maj, genau auszuarbeiten, wie die von der europäischen Jury geforderten Kriterien erfüllt werden können. Dazu gehören zum Beispiel die Umsetzungsfähigkeit und langfristigen Ziele. In der jetzigen Bewerbungsphase sei es vor allem wichtig, die Jury zu überzeugen. Die Einwohner stünden erst danach verstärkt im Fokus.

Was nach einem Kulturhauptstadtjahr bleibt, sind im Fall von Breslau ein besseres Image und eine größere Bekanntheit der Stadt. Zu diesem Ergebnis kommen die Stadt, das Festivalbüro und die Universität Breslau in einer gemeinsamen Untersuchung. Nach Angaben der Stadt besuchten 2016 rund fünf Millionen Touristen Breslau, etwa ein Drittel davon kamen aus dem Ausland.

Die Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres wurden laut EU-Kommission von insgesamt gut 5,2 Millionen Menschen besucht. Ein weiteres Fazit: Das kulturelle Programm sei 2016 innovativer und europäischer gewesen als in den Vorjahren. Der Erfolg des Kulturhauptstadtjahres sei aber auch darauf zurückzuführen, dass Kultur auch zuvor schon einen hohen Stellenwert in der Stadtpolitik gehabt habe.

Entwicklung der Besucherzahlen von Breslau

Die Statistik zeigt: Die Anzahl der Touristen steigt seit Jahren an. Die meisten Besucher kommen aus anderen Städten Polens nach Breslau und nicht aus dem Ausland. Allerdings sind die kulturellen Veranstaltungen nur zum Teil der Grund für einen Breslau-Besuch. In einer Befragung für die Universität der Stadt gaben lediglich knapp 15 Prozent der Besucher an, im Titeljahr 2016 ein kulturelles Event bei ihrem Breslau-Trip besucht zu haben.

Die Bahn macht es schmackhaft, ins Nachbarland zu reisen – zumindest von Berlin aus. Für 19 Euro verkehrt seit 2016 ein Kulturzug zwischen Deutschlands Hauptstadt und Breslau. Die Direktverbindung sollte es eigentlich nur für ein paar Monate geben – weil das Angebot aber gut genutzt wird, besteht es noch immer. Wer von Dresden aus nach Breslau möchte, muss in jedem Fall mindestens ein Mal umsteigen.

Über Sinn und Unsinn des Kulturhauptstadttitels wird gern diskutiert. Das Ruhrgebiet zum Beispiel verbinden die meisten auch nach seinem Kulturhauptstadtjahr 2010 wohl eher mit Industrie als mit Kultur. Und wer im Urlaub vor allem auf Ruhe und Entspannung setzt, sollte angesichts der steigenden Tourismuszahlen wohl eher nicht nach Breslau fahren. Für Kulturdirektor Krzysztof Maj bleibt die Ausrichtung des Titeljahres in seiner Stadt dennoch als das "größte Kulturprojekt in der Geschichte Polens" in Erinnerung. Er zitiert gern einen Satz des Regisseurs Wim Wenders:

Breslau sollte für immer Kulturhauptstadt sein.

Wim Wenders

So ganz ist das natürlich nicht möglich – aber es bleibt eine Stadt reich an Kultur.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/ Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist die Redakteurin in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig.

In ihrer Freizeit reist sie gerne – unter anderem geht es jedes Jahr in ihre zweite Heimat Polen.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Juli 2019 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2019, 20:04 Uhr

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3 Kommentare

09.08.2019 12:37 FrustrierterHallenser 3

Zeugt wohl eher von eigener Frustration, sowas hier ohne Sinn und Zusammenhang loswerden wollen. :D

Ganz ehrlich, behaltet Euren Hauptstadttitel, er steht Euch aus geschichtlichen Gründen zu. Interessiert bei uns schon lange niemanden mehr. Und nehmt den Kulturhauptstadttitel am besten gleich mit, dann ist dieses fast schon peinliche Geltungsbedürfnis dieser Stadt vielleicht auch endlich mal getilgt.
Beste Grüße aus HALLE

08.08.2019 16:09 Dessau-Roßlau 2

Frustrierte Hallenser in 3,2,1....
Magdeburg war schon seit Jahrhunderten immer ein Hauptstadt. Halle nur kurz nach dem Krieg, weil MD so zerstört war. Also, trocknet eure Tränen, es interessiert niemanden mehr.
PS: MD hat pro Jahr fast 300 000 Touristen mehr als Halle.
Hat schon seinen Grund.

08.08.2019 03:40 Hannelore 1

Breslau's Innenstadt ist sehr schön. Die EM vorher tat ihr übriges in Bezug auf Infrastruktur. Toller Universitäts- und Wirtschaftsstandort Polens.

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