Dreharbeiten in einem Kuhstall
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

03.07.2019 | 13:10 Alles Bio? Regionale Landwirtschaft in Sachsen

Viel wird derzeit über Klimawandel und Landwirtschaft diskutiert. Umweltverbände und Verbraucher werfen den Landwirten vor, Schuld am Klimawandel zu sein. Landwirte bemängeln die fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit und die zu geringen Preise für ihre Produkte. Kauft man regional und dann noch aus nachhaltiger ökologischer Landwirtschaft, ist vielen geholfen. Doch wie viel regionale Lebensmittel sind eigentlich im sächsischen Handel zu finden? Und wie viel sind biologisch und nachhaltig angebaut?

Dreharbeiten in einem Kuhstall
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Sachsens Bauern und kleine Betriebe brauchen eine Lobby in Regierungskreisen, um nachhaltiger arbeiten zu können. Diese Erkenntnis brachte den Landwirten und Produzenten ein Treffen am vergangenen Wochenende in Leipzig. Bei einer Podiumsdiskussion, organisiert vom "Slow Food Convivium Leipzig-Halle", tauschten sich regionale Produzenten und Erzeuger mit Verbrauchern und Vertretern aus Handel und Politik aus.

Ihr Fazit: Es gibt zu wenig regionale Produzenten und Erzeuger, Agrarbodenflächen sind, wenn überhaupt, nur für viel Geld zu pachten oder zu kaufen, nicht alles, was Bio ist, ist auch nachhaltig und wer von konventioneller Landwirtschaft auf biologische umstellt, braucht mindestens zwei bis drei Jahre, um wirklich Biolandwirtschaft betreiben zu können. Und noch etwas wurde bei dem Treffen klar: Die Nachfrage nach nachhaltig produzierten Lebensmitteln steigt analog zum wachsenden Bewusstsein in der Bevölkerung.

Landwirte: Wille da, Flächen nicht

Nach Angaben des sächsischen Landwirtschaftsministeriums hat 2018 fast jeder achte Landwirtschaftsbetrieb in Sachsen ökologisch gewirtschaftet. Waren es vor fünf Jahren 442 Betriebe die ökologische Landwirtschaft betrieben, stieg die Zahl 2018 auf 625. Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche lag an der Gesamt-Landesfläche damit im vergangenen Jahr bei 6,9 Prozent.
Einige Hektar davon bewirtschaftet auch Richard Hagedorn von Ernte-Mich im Stadtgebiet Leipzig. Gerne würde er seine Flächen und damit sein Angebot vergrößern. Allerdings gibt es kaum noch freie Agrarflächen. Wenn doch, habe man als Kleinbauer aus wettbewerbstechnischen Gründen so gut wie keine Chance, bei Ausschreibungen mitzumischen, sei es zur Pacht oder zum Kauf, erklärt Hagedorn MDR SACHSEN. Das Rennen machen da immer nur die großen Agrargesellschaften oder auch Investoren, so Hagedorn.

Bei der Pacht sind es oft Splitterflächen, die angeboten werden. Jetzt sind gerade 14 Hektar ausgeschrieben, die aber auf zwölf verschiedenen Flächen verteilt sind. Das ist für mich uninteressant und auch zu teuer.

Richard Hagedorn Ernte-Mich

Wenn man den ökologischen Gedanken verfolge und da ein bisschen hinterher sein wolle, könnte die Stadt Leipzig aber auch der Freistaat bestimmte Flächen frei machen. Diese könnten dann nicht öffentlich, sondern mit Vorrang auf Agrarnutzung ausgeschrieben werden, wünscht sich Hagedorn.

Ein Landwirt pflügt ein Feld in Brandenburg
Bildrechte: dpa

Auch Dirk Barthel, Biobauer aus Dommitzsch in Nordsachsen, sieht in den wenigen freien Flächen ein Problem. Wenn die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) oder der Freistaat Flächen ausschreiben, dann immer nur mit einem Pachtvertrag der maximal fünf Jahre läuft, beschwert sich der Landwirt. "Stelle ich meinen Betrieb aber von konventionellem auf biologischen Anbau um, brauche ich dafür zwei bis drei Jahre. In dieser Zeit ernte ich nur Umstellungsgetreide. Und das bekomme ich auf dem Markt nur zu geringen Preisen los," beschreibt er das Dilemma.

Ich würde mir wünschen, dass die Pachtverträge auf zehn, zwölf Jahre angelegt werden, damit wir auch als Biobauern die Möglichkeit haben, dort ordentlich zu wirtschaften. Um dem Boden wieder Leben, Struktur einzuhauchen, brauche ich bis zu sechs Jahre Zeit.

Dirk Barthel Biobauer

Beide Landwirte sehen auch die Politik in der Pflicht. Der Berufsstand, egal ob konventionelle oder biologische Landwirtschaft, würde zu wenig Wertschätzung von der Politik erfahren. Auch müsste mehr in die ökologische Forschung investiert und die Landwirte müssten besser zu Themen wie Natur-, Umwelt- und Klimaschutz geschult werden.

Ein weiteres Problem ist der Absatz ihrer Ware. Auf Frischemärkten, im eigenen Hofladen oder im Bioladen dürfen sie ihre Ware verkaufen. Wollen sie aber im großen Stil Supermärkte mit ihrem Gemüse oder Fleisch beliefern, brauchen die Landwirte ein Zertifikat namens "International Featured Standard Food (IFS Food)". Dieses Zertifikat ist für die Betriebe nicht kostenlos. Für seinen 200 Hektar großen Ackerbau-Betrieb und seine rund 100 Mutterkühe hätte er rund 5.000 Euro zahlen müssen, berichtet Dirk Barthel. Eine Summe, die sich nach Ansicht Barthels nur große Betriebe wirklich leisten können.

Produzent: Bio ist nicht immer nachhaltig und schon gar nicht billig

Aus den landwirtschaftlichen Rohstoffen werden in Sachsen natürlich auch nachhaltige Bio-Produkte hergestellt. Die Palette reicht dabei vom Bio-Bier über Bio-Backwaren und Bio-Säfte bis hin zum Biofleisch. Allerdings sind nicht alle dafür benötigten Rohstoffe in Sachsen zu erhalten. So muss zum Beispiel die Nerchauer Brauerei bei Grimma den biozertifizierten Hopfen aus der Hallertau in Bayern holen, da im nahegelegenen Elster-Saale-Hopfen-Gebiet selbiger nicht angebaut wird. Auch mit der benötigten Gerste geht es auf Reisen. Zwar wird diese in der Region angebaut, da es aber im Freistaat keine biozertifizierten Mälzereien gibt, werden die Körner zur Weiterverarbeitung nach Franken geschickt und dann wieder zurückgeholt. Ein Minusgeschäft für die CO2-Bilanz.



Ähnlich geht es der Bäckerei Eßrich aus Leipzig-Liebertwolkwitz. Manche Getreidesorten werden in der Region biozertifiziert angebaut, manche aber nicht und manche Sorten gibt es nur aus konventionellem Anbau. So zum Beispiel den Waldstaudenroggen oder den Emmer. Allerdings sei es dem Verbraucher nicht so wichtig, ob alle Getreidesorten biologisch angebaut werden, sagt Bäcker Tom Eßrich.

Dem Verbraucher ist es wichtig, dass das Brot sauber und ohne Gentechnik produziert wurde. Da haben wir Glück, dass bei den alten Sorten nicht viel experimentiert wurde, sondern wir sie so nehmen können, wie sie sind.

Tom Eßrich Bäckermeister

Richtig nachhaltig und regional arbeiten kann dagegen Kerstin Lieber. Sie besitzt eine Streuobstwiese bei Grimma und keltert in direkter Nachbarschaft in einer alten Scheune aus dem Obst sortenreine Säfte. Im Gegensatz zu den großen Obstplantagen arbeitet sie weder mit Pestiziden, noch mit anorganischem Dünger und darf ihren Produkten das Biosiegel anheften. Das sei auch Voraussetzung, um die Säfte in Bioläden abzusetzen, erklärt die diplomierte Gartenbauingenieurin. Viel Arbeit stecke in ihrer Streuobstwiese. Der Aufwand bei der Pflege und der Ernte sei größer, als in herkömmlichen Obstplantagen. Und das ist auch eines ihrer Probleme.

Dem Verbraucher zu vermitteln, warum drei Liter sortenreiner Apfelsaft drei Euro kosten, ist schwer, denn viele können mit dem Begriff Streuobstwiese nichts mehr anfangen.

Kerstin Lieber Saftmanufaktur

Und noch eine Schwierigkeit kommt hinzu, nämlich ihren Saft Restaurants oder dem Einzelhandel anzubieten. "Ich kann nicht garantieren, dass ich das ganze Jahr liefern kann. Auch kann ich nicht sagen, ob von einer Sorte genug da ist. Zudem schmeckt der Saft nicht immer gleich, sozusagen jedes Jahr anders." Handel und Gastronomie müssten da schon sehr flexibel sein und kein Problem damit haben, dass zu nehmen, was die Natur hergebe.

verschiedene Produkte aus nachhaltigem Anbau
Alte Apfelsorten Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Handel: Was ist Regionalität?

Nicht nur für die Produzenten und Erzeuger ist klar, dass eine hohe Lebensmittelqualität ihren Preis hat. Bio-Produkte werden immer teurer sein, als konventionell produzierte Ware wie Wurst & Co. Dirk Thärichen, Vorstand der Konsumgenossenschaft Leipzig, hat in den rund 60 Konsum-Filialen bis zu 30 Prozent regionale Produkte im Sortiment. Davon auch biologisch angebaute Ware. Die Supermarktkette versucht, jedes Jahr bis zu vier neue regionale Produkte in ihre Regale zu bekommen. Gerne würde er dieses Angebot noch ausweiten, doch leider gibt es nicht so viele Produzenten, die regional wirtschaften.

Regional ist für mich 50 Kilometer rund um Leipzig.

Dirk Thärichen Konsumgenossenschaft Leipzig

Für Malte Reupert, Geschäftsführer des Biosupermarktes Biomare, fängt da das Problem schon an. In seinen drei Filialen im Leipziger Stadtgebiet bietet er 100 Prozent Bioware an, rund 35 Prozent davon aus der Region. Doch wo hört Regionalität auf und wo fängt sie an? Der Begriff sei zu einfach und zu irreführend, findet Reupert. Seine Ware kommt aus einem Umkreis von 200 Kilometern.

Die Stadt Hof liegt näher an Leipzig als Görlitz. Trotzdem wird Görlitz hier regionaler wahrgenommen als Hof. Die Frage, die auch wir Händler uns stellen müssen, lautet doch: Was wollen wir erreichen?

Malte Reupert Biomare Leipzig

Die Antwort gibt er sich gleich selbst: "Wir wollen Klima und den Wasserhaushalt schützen sowie die Biodiversität erhalten." Und das geht in erster Linie mit ökologisch-biologischer Landwirtschaft und einer regionalen Verwertungskette.

Obwohl beide Händler ein völlig unterschiedliches Geschäftsmodell betreiben, ist für beide klar: In Sachsen fehlt es an Produzenten, die die regionalen Rohstoffe auch verarbeiten und es fehlt am Handel, der diese Ware auch vertreibt. Sowohl Reupert als auch Thärichen wünschen sich eine bessere Vermarktung regionaler Produkte vom Freistaat, ob nun bio oder nicht.

Gelder, die bislang in Marketingmaßnahmen für die Bewerbung sächsischer Lebensmittel im Ausland verwendet werden, sollte lieber dafür genutzt werden, um die Menschen vor Ort über regionale Lebensmittel und erzeugende Landwirtschaft zu informieren.

Dirk Thärichen Kosumgenossenschaft Leipzig

Supermarktregal mit verschiedenen Produkten
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Und der Verbraucher? Da wünschen sich alle ein Mehr an Aufklärung. Der Kunde, so Biobauer Barthel, entscheidet mit seinem Einkauf an der Ladentheke wohin die Reise geht. Daher müssten sie aufgeklärt werden. Biobauer Barthel bringt das Dilemma auf den Punkt.

Alle reden über Lebensmittel. Aber eigentlich weiß keiner, welche Produktionsschritte zum Endprodukt führen und was alles dahinter steckt.

Dirk Barthel

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 01.07.2019 | 19:00 Uhr

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5 Kommentare

04.07.2019 14:15 Eulenspiegel 5

Hallo Lohngriem 4
Da haben sie aber jetzt ihre Unwissenheit und ihre Vorurteile voll zur Schau gestellt. Sie sollten sich mal über die Möglichkeiten des geologischen Düngens informieren. Das ist eine Wissenschaft für sich.

03.07.2019 19:45 Lohngriem 4

Bioanbau ist und war auch schon vor 30 Jahren Augenwischerei.
Im echtem Bioanbau sind die Böden unterversorgt und die Qualitäten oft nicht zu halten. Dumm ist der Landwirt der sofort hinter dem grünem Geschwätz herrennt.
Die sind die ersten die sich beim Einkauf bei Aldi und Liedel tiefbückend an den Regalen herrangeln.

03.07.2019 19:41 Lohngriem 3

Bioanbau ist und war auch schon vor 30 Jahren Augenwischerei.
Im echtem Bioanbau sind die Böden unterversorgt und die Qualitäten oft nicht zu halten. Dumm ist der Landwirt der sofort hinter dem grünem Geschwätz herrennt.
Diebsind die ersten die sich beim Einkauf bei Aldi und Liedel tiefbückend an den Regalen herrangeln.

03.07.2019 16:50 J.Heder 2

Ich glaube schon das die Verbraucher in weiten Teilen einschätzen können, welcher Aufwand in der Erzeugung unserer natürlichen Lebensmittel drin steckt. Es ist aber ein wesentlicher Unterschied ob ich für 10 Hühnereier 1,59 € an den Erzeuger bezahle oder bei diesem Preis noch 3 oder 4 Händlerstufen dazwischen sind und an dem Produkt außer es von 1 Verpackung in eine andere zu tun nichts weiter leisten! Wenn der Supermarkt bei Rabattaktionen zwischen 20 und 30 %!!!! Preisnachlass gibt und dabei immer noch Gewinn erzielt, fühle ich mich beim Normalpreis schon betrogen! Ich bin gerne bereit diesen Preis beim Erzeuger zu bezahlen damit dieser auskömmlich arbeiten und leben kann. Auch der Händler muß für seine Arbeit angemessen bezahlt werden, aber nicht übermäßig aufgebläht! Wir haben zwischen dem Erzeuger und Verbraucher im Lebensmittelhandel eindeutig zu viele Zwischenstufen welche nur über den Preis "mitverdienen" wollen. Ich persönlich brauche kein Fleisch aus Argentinien.

03.07.2019 16:50 J.Heder 1

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