Verkündigungssendung Das Wort zum Tag

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Armin Luhmer, am Buß- und Bettag Pastor Michael Schubach.

Mittwoch, 21.11.2018: Wort am Feiertag

Männer fragen nicht nach dem Weg! Oder doch?

Baustelle! Die gesamte Straße ist aufgerissen, Gullys ragen wie kleine Türme aus der Holperpiste. Bauzäune und abgestellte Bagger versperren den Weg. Ich komme hier nicht durch. Keine Chance.

Ich weiß, die Baustelle war ausgeschildert, und eine Umleitung ausgewiesen. Aber ich wollte es wenigstens probieren. Immerhin wohnen hier Menschen, und die müssen ja auch irgendwie rein- und rausfahren. Außerdem trennen uns nur wenige Kilometer vom Ziel. Aber was hilfts. Ich fahre zurück, und nehme die Umleitung. Der Pegel meiner bis dahin guten Laune sinkt beträchtlich.

Kaum ein paar Kilometer auf der ausgewiesenen Strecke gefahren, kommt die nächste Sperrung. Wieder eine Umleitung. Die Umleitung der Umleitung folgere ich. Es wurmt mich, aber diesmal will ich klüger sein und folge tatsächlich der Beschilderung.

Auch ohne Navi im Auto lässt mich das Gefühl nicht los, dass wir immer weiter vom eigentlichen Ziel wegkommen. Der Blick in die Karte bestätigt die Vermutung. Verrät aber auch, dass es kleine Straßen gibt (um nicht Schleichwege zu sagen), die uns wieder auf Kurs bringen würden. Also biege ich ab und steure wieder in Richtung Ziel. Mein Laune-Pegel erholt sich langsam.

Aber das gute Gefühl, wieder Herr der Lage zu sein, hält nicht lange an. Wieder eine Baustelle, wieder eine Umleitung. „Sag mal, pflügen die den ganzen Thüringer Wald um!? Ich fasse es nicht!“ Meine innere Betriebstemperatur steigt in den roten Bereich, als ich ungehalten der gelben Ausschilderung folge.

Wollen wir nicht mal jemanden nach dem Weg fragen? Wir sind ja eigentlich gar nicht weit weg vom Ziel.

schlägt meine Frau vor

Aber Männer fragen nicht nach dem Weg. Die kriegen das selber hin. Also weiterfahren. Nach wenigen Kilometern habe ich den Eindruck: Die Gegend kommt mir bekannt vor. Hier waren wir schon mal. Und ja, kurz darauf stehen wir vor jener Baustelle, bei der der ganze Ärger begann.

Das ist fast zwei Stunden her, und wir sind trotz vieler zurückgelegter Kilometer und eingebüßter Nerven keinen Meter vorangekommen. Ich bin am Ende meiner Geduld.

„Ich habe doch vorgeschlagen, jemanden nach dem Weg zu fragen, aber Du wusstest es ja besser!“ – tönt es von der Beifahrerseite. Ich weiß nur noch eines: Ich will nicht mehr. Ich habe die „Faxen dicke“. Den Thüringer Wald, den können sie komplett umpflügen oder zuschütten, ist mir völlig egal, ich will da gar nicht mehr hin. Aber ich bin mittendrin. Und muss irgendwie weiter. Und auf wundersame Weise kommen wir am Ende sogar an.

Warum fragen Männer eigentlich nie nach dem Weg?

Bußtag. In Sachsen sogar Feiertag. Buße feiern? Wie geht das denn? Buße ist ein uns fremd gewordenes Wort, und wo wir es noch gebrauchen, da hat es einen negativen Klang. Bußgeldbescheide z.B. geben kaum Grund zum Feiern. Und wenn ich jemandem sage: „Das wirst Du mir büßen!“, kommt das auch kaum aus einer Feierlaune. Buße hat mit Strafe zu tun. Mit Erniedrigung – der Bußgang Heinrichs des IV zum Papst nach Canossa ist ja sprichwörtlich geworden. Buße ist Abgeltung einer Schuld. Wenn ich das Bußgeld bezahle, dann bin ich dem Gesetz gegenüber wieder quitt. Immerhin. Aber ein Grund zum Ärgern bleibt es doch. Zum Feiern eher nicht.

Ganz ursprünglich kommt unser Wort „Buße“ aus der uralten Wortfamilie „baß“. Nicht der tiefe Ton ist gemeint, sondern im Wort „besser“ finden wir es noch. „Besser“ ist sozusagen die Steigerung von „baß“ und meint einen Nutzen oder Vorteil. Dann wäre Buße ja doch etwas Gutes. Oder heißt Buße etwa, dass ich mich bessern will oder soll? Vielleicht.

Die kirchliche Tradition hat das alte deutsche Wort Buße aufgegriffen und ein Sakrament daraus gemacht. Eine kirchliche Handlung, die ich als Gläubiger vollziehe und an mir geschehen lasse. Wenn ich es denn tue. Reue, Beichte, Genugtuung und Lossprechung sind die vier Schritte des Bußsakraments in der katholischen Kirche bis heute.

Zunächst muss mir erstmal bewusst werden, dass ich etwas falsch gemacht habe und schuldig geworden bin. Dann sollte darauf folgen, dass ich es bereue. Folgerichtig käme dann die Beichte, also mein Schuldbekenntnis. Ich gestehe meinen Fehler ein. Genugtuung kann bedeuten, dass ich den Geschädigten entschädige, oder eine Ersatzleistung erbringe. Nicht jeder Schaden lässt sich ja beheben. Den Abschluss bildet die Absolution, die Lossprechung. Mir wird Vergebung zugesprochen. Im Grunde ein Freispruch. Was ich getan habe, darf mich nicht mehr anklagen. Weder ich selbst muss mich länger damit quälen, noch ein anderer hat das Recht, es mir nachzutragen. Es ist erledigt. Wer das Gefühl eines quälenden Gewissens kennt, ahnt, wie befreiend Vergebung ist.

Luther hat die Buße nicht als Sakrament belassen. Aber er vertiefte den Begriff wieder im Sinn des griechischen, biblischen Wortes metánoia, Sinnesänderung. Die Grundausrichtung meines Lebens braucht einen Richtungswechsel. Buße verstanden als Umkehr von falschen Wegen auf den richtigen.

Naja, nach Feiern klingt das nicht gerade. Dabei könnte so ein Prozess von Einsehen, Reue, bis hin zur Vergebung ein Fest werden. Stellen wir uns nur mal vor, die Autokonzerne würden, statt irgendwelcher Deals mit der Bundesregierung ehrlich zu ihrem Dieselbetrug stehen. Würden sich endlich uneingeschränkt schuldig bekennen und wirklich Wiedergutmachung leisten. Würden nach Lösungen suchen, bei denen sie nicht so ungeschoren wie möglich davon kommen und der kleine Dieselfahrer die Zeche zahlt, während die Konzerne selbst noch bei der „Wiedergutmachung“ Kasse machen.

Vertrauen könnte wiedergewonnen werden und Schaden begrenzt. Das wäre doch ein Fest!

So bleibt Misstrauen und das Gefühl, der Betrogene zu bleiben. So funktioniert Buße nicht.

Es geht andererseits aber auch nicht darum, mit Häme beim Schuldigen nachzutreten. Es geht um etwas, was die Bibel hebräisch „Schalom“ nennt, Frieden. Als Bild hinter diesem Wort steht eine Waage. Schalom heißt, dass etwas aus der Schieflage ins Gleichgewicht kommt. Es wird richtig und gerecht.

Wenn wir unsere Welt anschauen, dann ist so vieles aus dem Gleichgewicht geraten. Vieles davon haben wir Menschen in Schieflage gebracht. Aber es fällt uns unglaublich schwer, das einzugestehen. Und noch schwerer, den eingeschlagenen Weg zu korrigieren. Nach dem richtigen Weg fragen, das wollen wir schon gar nicht. Selbst wenn wir in regelmäßigen Abständen immer wieder an derselben Baustelle stehen.

Der heutige Bußtag lädt ein, wirklich innezuhalten und grundsätzliche Fragen zuzulassen:

Wohin führt mein Lebensweg, wenn ich diese Richtung beibehalte? Wo wäre Korrektur nötig?

Und Gott lädt mich heute ein, ihn nach dem Weg zu fragen. Er hat nicht nur ein Ziel für mein Leben, er ist das Ziel meines Lebens.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Pastor Michael Schubach

Pastor Michael Schubach

1967 geboren in Zwickau | verheiratet, zwei Kinder | 1974-1984 Polytechnische Oberschule, danach Lehre und Beruf als Rahmenglaser (Fensterbau) und später Großhandelskaufmann | 1995-2000 Theologiestudium Hamburg und Elstal bei Berlin | 2000-2004 Pastor in Leichlingen (Rheinland) | 2004-2012 Pastor in Freiberg/Sachsen | 2008-2013 Leiter des Landesverbandes Sachsen im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden | seit 2013 Regionalreferent für Ostdeutschland im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R. | seit 2015 Senderbeauftragter der Evangelischen Freikirchen beim MDR

Kurzbiografie Armin Luhmer

Armin Luhmer

1966 geboren in Bonn | verheiratet, drei Kinder | Theologiestudium in Bonn und Innsbruck | Auslandsjahr in Paraguay | Pfarrer in Köln, Blumberg, Frankfurt/Main | seit 2015 Pfarrer in Dresden

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.