Verkündigungssendung Das Wort zum Tag

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht Thoralf Spiess, am Sonntag Holger Treutmann.

Sonntag, 20.05.2018: Gänsehaut

"Gänsehaut" – So stand es in großen Buchstaben über dem kleinen Laden. Manche haben wirklich gute Ideen bei der Suche nach einem geeigneten Namen für ihr Geschäft. Die sehr private Kleidung, die es dort zu kaufen gibt, ist knapp und wärmt eher nicht. Aber nicht die Kälte ist es, die die Gänsehaut bewirkt. Vielmehr eine charmante Umschreibung für den möglichen Höhepunkt der Lust. Gänsehaut. Eigentlich ein komisches Wort. Fast witzig. Gerupfte Gänse sehen so aus. Die Armen! Biologen würden sagen, es hat mit der Verringerung der Körperoberfläche zu tun. Die Haut zieht sich zusammen, um nicht unnötig Wärme zu verlieren. Die Haare stellen sich auf, damit das Fell oder Gefieder dicker wird und eine Luftschicht um den Körper bildet. Nur Reste noch haben wir nackte Menschen von den Tieren ererbt. Deshalb die Gänsehaut.

Sie ist aber auch ein Spiegel unserer Seele. Sie kommt in Momenten, in denen wir uns nicht mehr ganz unter Kontrolle haben. Wer heftig niest, bekommt eine Gänsehaut. Wenn wir außer uns sind vor Glück, geht ein Schauer über den Rücken. Aber auch in Momenten des Gruselns oder der Angst entsteht Gänsehaut. Sie ist dann da, wenn wir es mit der Unverfügbarkeit zu tun bekommen. Es kann die Musik sein. Es kann die Erotik sein. Die Wahrheit, die uns anrührt beim Lesen eines Buches. Es kann eine Stimme sein, eine Entdeckung des Forschers. Der Jubel in der Menge. Der Blick eines Tieres. Die Erinnerung an die Geste eines lieben Menschen, den wir schon so lange vermissen. Die Auslöser für die Gänsehaut sind vielfältig.

Pfingsten – auch religiöse Erfahrungen entziehen sich unserer Verfügbarkeit. Was muss da abgegangen sein in Jerusalem! Pfingsten ist das Gänsehautfest. Irgendetwas ist passiert mit den Menschen, die zum Fest gekommen waren. Das Evangelium erzählt von einem Brausen, wie ein heftiger Wind. Von Feuer auf den Köpfen der Menschen, so als könnte man Begeisterung sehen. Und von einem Einvernehmen, das über jeden Verstand geht. Denn es waren Hunderte, und sie kamen sonst woher. Sprechen eigentlich verschiedene Sprachen. Aber es gab ein Verstehen über alle Grenzen, Kulturen und Sprachbarrieren hinweg. Ein psychologisches Massenphänomen? Eine Seligkeit, die durch Trunkenheit durch Alkohol erklärbar ist? Schon damals hat man vermutet: Sie sind voll des süßen Weins.

Wie ist das mit den Großevents für unseren Glauben? Der Katholikentag in Münster liegt gerade ein paar Tage zurück. Das Reformationsjubiläum mit seinen Großveranstaltungen. Gospelworkshops oder Bläsertreffen, die immer mehr Begeisterte finden. Religiöse Stadionatmosphäre? Manchem treibt es schon beim Hören eine Gänsehaut auf den Körper – den einen, im Wunsch dabei zu sein, den anderen aus tiefer Abneigung. Vielen sind Großveranstaltungen von vorn herein suspekt. Sie suchen die Begeisterung im Kleinen, in der Stille, in der Natur, in der Begegnung und Gespräch mit dem Einzelnen. Wann und wo sich solche Begeisterung einstellt, lässt sich nicht planen.

Wie ist das mit dem Heiligen Geist, der zu Pfingsten gefeiert wird? Ist das Gänsehautfeeling ein sicheres Kriterium für die Wirkung Gottes bis heute auch unter uns? Gänsehaut lügt nie. Das stimmt. Der Apostel Paulus allerdings weiß darum, dass Begeisterung und Gänsehaut kein sicheres Zeichen für die Gegenwart des Heiligen Geistes sind. Wo Gott wirkt und wie, das bleibt uns Menschen entzogen. Es gibt einen unheiligen religiösen Enthusiasmus, der sich den Geist herbeischwärmen will. Und auf der anderen Seite eine Begeisterung, die rein weltlicher Natur ist und mit Gott nicht viel zu tun hat. Im 1. Korintherbrief der Bibel schreibt er:
"Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt,
sondern den Geist aus Gott,
damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

Und davon reden wir auch nicht mit Worten,
welche menschliche Weisheit lehren kann,
sondern mit Worten, die der Geist lehrt,
und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.
Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist,
es ist ihm eine Torheit.
..
Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen.
Wir aber haben Christi Sinn."

Das ist das Schwierige am Gänsehautfeeling. Es lässt sich nicht reproduzieren. Schon wer anderen von einem besonderen Erlebnis erzählen will, kommt schnell an seine Grenzen. "Da hättest du dabei gewesen sein müssen", bleibt dann meist nur am Ende, wenn der Funken beim Erzählen einfach nicht auf den Zuhörer überspringen will.

Einerseits sagt Paulus: "Nur wer geistliche Erfahrungen gemacht hat, wird verstehen, was andere meinen, die davon erzählen. Ob es uns gelingt, das nicht sofort abzutun als überspannte religiöse Spinnerei. Und damit zu rechnen, dass es Phänomene im Glauben gibt, die sich nicht allein mit dem Verstand erklären lassen?" Andererseits gibt es viele, die sagen: "Ich habe einfach keinen Draht zur Religion. Auch das ist zu respektieren. In einer Zeit aber in der Spiritualität und Esoterik boomen, lohnt es sich aber zu fragen, welche geistlichen Erfahrungen denn in der Religion gemacht werden können, die uns in unserer Kultur eigentlich am nächsten liegt. Sind wir offen für Erfahrungen, die uns aufhorchen lassen und die wir vielleicht noch gar nicht deuten können. Könnten sie eine Botschaft Gottes an uns sein? Solche Gänsehautmomente?"

Paulus auch, wo für ihn das Kriterium liegt, wie rein weltliche Begeisterung von wahren Wirkungen des Geistes Gottes zu unterscheiden sind. Für ihn macht sich der Unterschied daran fest, ob diese übersinnlichen oder enthusiastischen Phänomene in Christi Sinn sind. Gibt es also eine Entsprechung in dem, was Jesus getan und gesagt hat, mit dem, was ich erlebt habe. Letztlich entscheidet sich das am Kreuz. Empfinde ich das als Dummheit oder Nonsens, dass der Allmächtige sich ans Kreuz schlagen lässt, oder erkenne ich Gott darin, wie er im Menschen Jesus das Leid dieser Welt teilt und überwinden will. Die biblischen Berichte erzählen davon, wie es Menschen beim Anblick des Kreuzes geschüttelt hat. Wahrlich dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen, sagt der Soldat, der ihn zur Hinrichtung gebracht hat. Ein Gänsehautmoment noch beim Lesen der Passionsgeschichte heute.

In meinem Arbeitszimmer hängt deshalb auch ein Kreuz. Und ich verstehe Menschen, die sich in ihre Wohnung oder den Hauseingang ein Kreuz an die Wand hängen. Ich vertraue darauf, dass davon auch Wirkungen des Geistes Gottes in mein Denken und Tun einfließen. Nicht magisch, aber doch als Erinnerung, mich an Jesus Christus zu orientieren. Als Trost, dass ich nicht allein bin in Angst, Misslingen, Versagen oder Schuld. Als Bitte um Kraft und Wahrheit. Das kann auch für Amtsstuben hilfreich sein. Aber es lässt sich nicht verordnen. Weder von Kirchen noch vom Staat. Gottes Geist weht ohnehin, wo er will. Und wer von seinem Feuer entfacht oder von seinem Brausen begeistert wird, bleibt unserer Machbarkeit entzogen. Gänsehautmomente - die wünsche ich Ihnen. Und dass Sie dafür offen bleiben, was Sie Ihnen sagen wollen. Ein gesegnetes Pfingstfest. Möge Gottes guter Geist Sie erfüllen.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Thoralf Spiess

Thoralf Spiess

Geboren 1962 in Dresden | 1981 Abitur | 1984-1990 Theologiestudium an den Universitäten Leipzig und Zürich | 1990-1993 Vikar an der Ev.-reformierten Kirche zu Leipzig | seit 1993 Pfarrer der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Chemnitz-Zwickau | 2001-2004 Bachelor-Studium European Studies an der Technischen Universität Chemnitz | 2008-2011 Dozent in der Theologischen Ausbildung der Evangelisch-presbyterianischen Kirche in Togo, Westafrika | in Partnerschaft lebend

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.