Die neuen Mafia-Bosse in Mitteldeutschland "Was keine Angst macht, ist keine Gefahr"

Der Einfluss italienscher Mafia-Familien in Erfurt ist seit Jahren gewachsen. Die kalabrische `Ndrangheta hat ihr Firmen- und Restaurantnetzwerk weiter ausgebaut. Auch mehr Mitglieder verschiedenster Mafia-Familien kommen seit mehr als zehn Jahren nach Erfurt, Leipzig, Dresden, Weimar, Jena oder Eisenach.

von Fabio Ghelli, Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Giovanni Tizian denkt nach. Ja, sagt er, diese Strategie habe die 'Nangheta schon immer angewandt. "Wenn es an einem bestimmten Ort schwierig wird, Geschäfte zu machen, zieht sie woanders hin." Diese Eigenschaft habe es dieser Mafia-Organisation aus Kalabrien ermöglicht, sich an historische Veränderungen gut anzupassen, so Tizian. Deshalb sei sie weltweit zu finden und dort, wo sie in Ruhe gelassen werde, da setzte sie sich fest, wie in Thüringen oder Sachsen.

Tizian ist der 'Ndrangheta-Experte beim italienischen Investigativ-Magazin L'Espresso, eine Art SPIEGEL in Italien. Er hat Bücher über die Mafia geschrieben. Er stammt selber aus Kalabrien. Er hat es als Kind mit seiner Familie verlassen, als die 'Ndrangheta die Fabrik seines Großvaters niederbrannte und seinen Vater ermordete. Tizian kennt Jungs aus seiner Schulzeit, die in die Fänge der 'Ndrangheta geraten sind. Er selber wurde mehrfach bedroht. In einem von den Carabinieri abgehörten Telefonat wurden Mordpläne gegen ihn erwähnt. Doch Tizian hat keine Leibwächter, wie der berühmte Journalist Roberto Saviano. Der nach seinem Bestseller "Gomorrha" keinen Schritt mehr ohne schwerbewaffnete Bodyguards machen kann. Davon ist Tizian weit entfernt, doch er lebt genauso gefährlich, weil er für die Mafia in Italien ein Feind ist.

Tizian weiß, dass die MDR-Journalisten aus Deutschland natürlich etwas über die Mafia in Erfurt, Leipzig, Dresden oder Weimar wissen wollen. Er hat die Berichte der letzten Jahre verfolgt, aber auch das Scheitern von deutschen und italienischen Ermittlern. Tizian und andere Experten schätzen, dass die 'Ndrangheta in Mitteldeutschland seit 15 Jahren rund 100 Millionen Euro in ein Firmen- und Restaurantnetzwerk gesteckt hat. Dabei besteht der Verdacht, das zwischen den verschiedenen Restaurants und den dahinterstehenden Gastro-Firmen enorme Summen verschoben werden.

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN besteht aktuell der Verdacht, dass beispielsweise Tarnkonten unter den Namen von Mitarbeitern, wie Kellnern oder Köchen angelegt werden, auf denen innerhalb einer Woche plötzlich mal 750.000 Euro zu finden sein sollen. Eine Masche, die das Bundeskriminalamt in einem vertraulichen Bericht bereits 2008 erwähnte. So sollen Pizzabäcker oder Kellner, die in mutmaßlichen 'Ndrangheta-Restaurants arbeiten, über ein Vermögen verfügen, das nicht ihren Verdiensten entspricht. Die Betroffenen erklären der Polizei den finanziellen Segen dann meist mit "Schenkungen" oder "Erbschaften" aus der kalabrischen Heimat - Ermittlung beendet. 

Ermittler sicher: Dort wird Drogengeld gewaschen

Die Ermittler verdächtigen die Restaurantbesitzer auch, getürkte Kassen zu verwenden, um doppelt Buch zu führen. Bisher ist das in Thüringen erst einmal aufgeflogen. Die Steuerfahndung und die Staatsanwaltschaft Erfurt hatten erfolgreich gegen eine Gruppe von italienischen und deutschen Staatsbürgern in Erfurt, Weimar und Leipzig ermittelt. Sie sollen mehrere Hunderttausend Euro Umsatz an der Steuer vorbeigeschleust haben. Allerdings wurden diese Ermittlungen nicht vor einem Mafia-Hintergrund geführt. Weder das Thüringer Landeskriminalamt, noch das Bundeskriminalamt waren darin eingebunden.

Die dubiosen Finanzgeschäfte dienen nach Einschätzung der Strafverfolgungsbehörden nur einem einzigen Zweck: dem mutmaßlichen Waschen von schmutzigem Drogengeld. Das sehen auch die Ermittler der Carabinieri und der Staatsanwaltschaft Rom so. Ihre Namen dürfen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Doch in aktuellen Gesprächen mit MDR THÜRINGEN bestätigen sie, dass die 'Ndrangheta in Ostdeutschland gewachsen sei.

Die deutschen Gesetze zum Geldwäscheverdacht und der Beweislastumkehr wirke wie ein Katalysator. Denn in Deutschland müssen die Behörden beweisen, dass Geld aus kriminellen Quellen stammt und gewaschen wurde. In Italien ist das umgekehrt, dort müssen verdächtige Mafiosi belegen, dass das Geld aus sauberen Einkünften stammt. Deshalb brauchen die Bosse aus Kalabrien ihre deutschen Stützpunkte umso mehr. Denn die 'Ndrangheta expandiere im Milliardenbereich in Rom, Mailand, Turin, Venedig oder Florenz, so Mafia-Experte Tizian. Für den Kauf von Immobilien und den Aufbau von Lebensmittelgroßhandeln in Italien brauche sie "sauberes" Geld. Das soll unter anderem in Thüringen oder Sachsen gewaschen werden. Seit 20 Jahren gehe das so, heißt es aus italienischen Ermittlerkreisen.

Strafregister der neuen Bosse sind lupenrein

MDR THÜRINGEN liegen Unterlagen der Carabinieri vor, die im Zuge von Finanzermittlungen bereits 2008 Geldtransfers zwischen Erfurt und Italien ausfindig machen konnten. An den Geschäften beteiligt waren Männer, die von der italienischen Anti-Mafia-Behörde DIA der "Erfurter Gruppe" zugerechnet werden. Ihr harter Kern soll aus etwa sieben Italienern bestehen, die seit Mitte der Neunziger Jahre in Erfurt aktiv sind und dem Umfeld der 'Ndrangheta zugerechnet werden. Inzwischen sollen junge smarte kalabrische Landsleute die Führungsrollen übernommen haben. "Die Strafregister dieser neuen Bosse sind fast lupenrein", sagte Giovanni Tizian. Während ihre Väter noch wegen Mordes vor Gericht standen, seien die Söhne so gut wie nicht auffällig. "Das hilft der 'Ndrangheta dabei, sich an Tische zu setzen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden", so der italienische Journalist.

An einem Berghang stehen mehrere Wohnhäuser über das Gelände verteilt.
San Luca Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Dabei sind auch die personellen Ressourcen der 'Ndrangheta nicht ausgeschöpft. Es besteht der Verdacht, dass in Erfurt neben dem mächtigen Pelle-Romeo-Vottari-Clan auch Mitglieder der Mammoliti-Familie an den Geschäften beteiligt sind. Das scheint, laut BKA-Unterlagen, schon seit mindestens zehn Jahren so zu sein. Der Clan Pelle-Romeo-Vottari hat seinen Hauptsitz in der Mafia-Hochburg San Luca, im italienischen Kalabrien. Die Mammolitis stammen aus der westlich davon gelegenen Ebene von Gioia Tauro. Der Containerhafen der gleichnamigen Stadt ist einer der weltweit größten Drogenumschlagsplätze für Kokain.

Neue Mafia-Eliten unterwandern die Gesellschaft

Die Clan-Zentralen stehen dabei im ständigen Kontakt mit den Außenposten in Thüringen und Sachsen. Das soll auch der inzwischen gefasste mächtige Clan-Boss Antonio "Mamma" Pelle genutzt haben. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN haben italienische Fahnder vor zwei Jahren in einem Erfurter Restaurant angeblich ein Handy geortet, mit dem der weltweit gesuchte Mafia-Boss in Verbindung stand. Einen Erfolg gab es damals nicht. Pelle wurde dann vor gut einem Monat im kalabrischen Bovalino in einem Versteck in seinem Haus geschnappt.

Trotz solcher Fahndungserfolge malt Giovanni Tizian für die Zukunft seines Landes im Bezug auf die Mafia ein düsteres Bild. Die neuen Mafia-Eliten haben aus seiner Sicht die Gesellschaft längst unterwandert. Vor allem der reiche Norden des Landes sei eine lohnende Beute für die kalabrischen Mafia. "Die neue Generation der 'Ndrangheta macht den Menschen keine Angst", so Tizian. Was keine Angst mache, sagt der Journalist, das werde nicht als Gefahr für die Gesellschaft gesehen. Auch in Deutschland.

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2016, 21:51 Uhr

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1 Kommentar

10.11.2016 17:37 Bingo 1

Beim Kampf gegen diese Art von Kriminalität wird dank unserer Gesetze leider der Staat und die Bevölkerung der Verlierer sein.Ist das die bunte Welt und die Bereicherung die uns Gutmenschen, Willkommensjubler und Verblendete versprochen haben????????????Wo ist der starke Staat???????????????