Leopoldina-Debatte Corona-App: Wissenschaftler kritisieren Rolle von Google und Apple

Mitte Juni wurde die Corona-Warn-App in Deutschland präsentiert. Um sie zu bewerten, hat die Deutsche Wissenschaftsakademie Leopoldina in Halle jetzt internationale Experten zur Diskussion geladen. Dabei wurde auch wieder Kritik laut: Vor allem an den großen Tech-Giganten Google und Apple.

Corona-Warn-App, Das Logo der Corona-Warn-App auf einem Smartphone. Mithilfe der App werden Bürger benachrichtigt, sollten Sie sich in der Nähe eines am Coronavirus Erkrankten aufgehalten haben, wenn dieser die App ebenso installiert hatte und seine Erkrankung meldet. 1 min
Bildrechte: imago images/onw-images

Google und Apple sind mächtig. Das ist klar. Wie mächtig, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass sie mit Android und IOs eigentlich alle Betriebssysteme in Europa stellen. Sie entscheiden, welche Apps auf ihren Smartphones funktionieren und welche nicht. Sie stellen eine Schnittstelle zwischen App und Handy bereit. Das findet Douglas Leith problematisch. Er ist Professor für Computersysteme am Trinity College Dublin: Einige Bestandteile der Apps würden so wenig Kontrolle unterliegen, auch bei den Corona-Apps.

Diese Apps bestehen aus zwei Teilen: Der eine Teil wird von den Gesundheitsbehörden geschrieben und der zweite Teil liegt in den Händen von Google und Apple. Der Teil der Gesundheitbehörden sind sehr genau und sauber und werden gut überwacht, aber der Google/Apple-Teil, da gibt es überhaupt keine Überprüfung der Datensicherheit. Es gibt keine Dokumentation. Da gibt es eine echte Lücke an einem sehr wichtigen Teil der Apps.

Douglas Leith

Google und Apple hätten ihren Teil der App im Juni noch geupdatet, was nur auffiel, weil Leith und sein Team die App vorher und nachher überprüft hatten:

Fakt ist: Da ist keine Kontrolle. Diese Firmen können Änderungen vornehmen, die die öffentliche Gesundheit angehen. Da gibt es keine Aufsicht. Das beunruhigt mich.

Douglas Leith

Judith Simon, Professorin für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg ergänzt:

Das sind so mächtige Player, an denen kommt man nicht vorbei. Sie haben große Macht. Sie können Standards setzen. Sie können entweder Normen unterstützen oder sie untergraben.

Judith Simon

Die Ethikprofessorin für Informationstechnologie hält allerdings dagegen, dass sie die Corona-Warn-App dennoch für sicher hält.

Wenigstens bei der Deutschen Corona Tracing App hat man sehr viel Kontrolle über seine Daten. Die Daten sind sicher auf dem Handy. Nur im Falle einer Infektion werden die Daten übermittelt. Das sind sehr wenige Daten. Über alle anderen Apps auf dem Smartphone hat man gar keine Kontrolle, was mit den Daten passiert.

Judith Simon

Über was muss man diskutieren: Die Wirkung der App oder über Privatsphäre?

Sir Jonathan Montgomery, Professor für Gesundheitsrecht am University College London hält dagegen die ganze Diskussion um Datensicherheit und Privatsphäre für zweitranging.

Wir haben uns erlaubt, in einer Diskussion steckenzubleiben, die sich nur noch um die Privatsphärenfrage dreht. Wir diskutieren so wenig darüber, ob die App überhaupt wirkt. Die Zahl der Downloads ist dann immer der Indikator. Ob die Leute sie auch benutzen, behalten und ob es tatsächlich einen positiven Effekt hat, spielt dann keine Rolle. Das sollten wir mehr diskutieren.

Jonathan Montgomery

Tatsächlich können diese Fragen, ob die App genutzt wird und wenn ja, wie lange, auch nicht beantwortet werden, aufgrund der hohen Datensicherheit, heißt es. Nur so viel weiß man: Knapp 16 Millionen Mal wurde die Deutsche Corona-Warn-App bisher runtergeladen. Ein erfolgreicher Start. Allerdings können nicht alle Handys die App nutzen. Ältere Geräte sind meist ausgeschlossen, auch hier der Grund: Datensicherheit. Dennoch steht das in der Kritik. Ethikprofessorin Judith Simon erklärt.

Das führt zu Problemen, wenn es um Gerechtigkeit geht. Inwieweit kann jeder diese App benutzen, weil die App nicht auf alten Handys funktioniert? Müssen wir also dafür sorgen, dass jeder ein neues Handy bekommt? Oder Armbänder oder so was ähnliches?

Judith Simon

Es gibt also noch Nachbesserungsbedarf. Und dann muss sie sich beweisen und zeigen, ob sie wirkt, die Corona-Warn-App.

Zwei Frauen und ein Mann gucken auf ein Handy
Im Juni ging die App an den Start. Barbara Klepsch (CDU), Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Krankenschwester Sarah Bergert (v.l.n.r.) schauen in der Paracelsus-Klinik Sachsen auf ein Handy, auf dem eine Klinik-App gezeigt wird. Bildrechte: dpa

1 Kommentar

Grooveman vor 13 Wochen

Am meisten ärgert mich, daß ich die App gar nicht installieren kann, obwohl ich das sofort tun würde. Mein Iphone 6 bekommt die dazu nötige IOS12.5 nicht mehr zur Verfügung gestellt. Ich kaufe mir doch aber deshalb nicht gleich wieder ein neues Handy, himmel ...